Auf zwei Rädern um die Welt

Wie beherrsche ich das Risiko eines Wildunfalls?

Wer einen Wildunfall mit dem Motorrad vermeiden will, muß das Risiko kühl beherrschen. Worauf muß ich mich bei Wildwechsel einstellen? Wie muß ich angepaßt fahren?

Ein Wildunfall mit dem Motorrad ist ein unterschätzes Risiko

Beschwingtes Cruisen durch Wälder und Felder: Was dem Motorradfahrer ein herrliches Erlebnis beschert, läßt beim passionierten Jäger oft ein mulmiges Gefühl aufkommen. Warum? Seit vielen Jahren bin ich auf lauernde Beobachtung geeicht: Wo könnte hier Wild stehen? Wie wird es sich bei meiner Annäherung verhalten? Wo verlaufen Wildwechsel? Dieses Lauern überträgt sich automatisch auf das Motorradfahren, wo das Risiko eines Wildunfalls in entsprechender Umgebung allgegenwärtig ist.

Die Warnschilder am Straßenrand flößen mir nicht ohne Grund gehörigen Respekt ein, denn Wildwechsel gehört nun mal zu den wichtigsten Ursachen für – oft tödliche – Motorradunfälle. Deshalb muß das Risiko eines Wildunfalls kühl und vorausschauend beherrscht werden.

Leider sind auch im vergangenen Jahr die Wildunfallzahlen wieder drastisch gestiegen. Die Berichte der Polizeiinspektionen in attraktiven Tourengebieten sprechen eine deutliche Sprache. Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen mit seinen attraktiven Strecken durch Wispertal und Aartal: + 18 % Wildunfälle in 2019. Bayerischer Wald: + 22 %. Erzgebirge und Sächsische Schweiz: gleiche Größenordnung. Brandenburg: Jeder 5. Verkehrsunfall ist ein Wildunfall.

Wenn Anfang Juli die Paarungszeit des Rehwildes beginnt, heißt es: zu jeder Tageszeit ganz besonders aufpassen. Dann herrscht rege Bewegung im Revier. Liebesblind ziehen die Rehe im Juli/August auch über viel befahrene Straßen. Leider haben allzu viele Motorradfahrer keine konkrete Vorstellung davon, welche Gefahren hinter Büschen und Bäumen lauern. Hauptsächlich, wenn (zu) schnell gefahren wird. Merke: Bambi kann tödlich sein.

Auch wenn man sich gegen das Risiko des Wildwechsels nie hundertprozentig schützen kann – aber es ist überlebenswichtig, die Zusammenhänge, Gefahren und Wirkungen zu begreifen. Was muß ich als Motorradfahrer wissen, um das Risiko von Wildunfällen richtig einzuschätzen und mich so zu verhalten, damit mir möglichst nichts passiert?

Wildunfallrisiko Nr. 1: Wildreichtum

Deutschland ist das wildreichste Land Westeuropas zwischen dem Ärmelkanal und Polen. Rehwild, Rot- und Schwarzwild stellen bei uns nicht nur den größten Anteil an der jährlichen Jagdstrecke, sondern auch der „Unfallgegner“ bei Wildunfällen.

wildunfall mit dem motorrad ist ein grosses risiko: statistik der bei wildunfaellen getoeteten tiere in deutschland 2018/2019

Quelle: Statista 2020. Veröffentlicht von Statista Research Department am 14.11.2019

Ein Wildunfall mit dem Motorrad stellt ein erhebliches Risiko dar, wie aus den neuesten Statistiken der Kfz-Versicherer hervorgeht. Demnach rangieren Wildunfälle sowohl der Anzahl der Schadensereignisse als auch der Schadenssumme nach an zweiter Stelle (hinter den Glasbruchschäden):

wildunfall mit dem motorrad ist ein grosses risiko: statistik der teilkaskoschaeden fuer pkw in deutschland 2018

Quelle: Statista 2020. Veröffentlicht von Statista Research Department am 14.11.2019

wildunfall mit dem motorrad ist ein grosses risiko: statistik der versicherungsleistungen fuer teilkaskoschaeden in deutschland 2018

Quelle: Statista 2020. Veröffentlicht von Statista Research Department am 14.11.2019

Der Reichtum an Wildtieren ist ein großes Geschenk der Natur. Ebenso wie der Reichtum an Wäldern und vielfältig gegliederter Landschaft. Dies alles macht unser Land zu einem herrlichen Motorradrevier. Aber dieser natürliche Reichtum birgt auch besondere Gefahren für uns Motorradfahrer. Deshalb ist vor allem in Waldgebieten und zu bestimmten Jahreszeiten äußerste Vorsicht geboten.

Wildunfallrisiko Nr. 2: Wildwechsel

Wann und wo muß ist das Risiko eines Wildunfalls mit dem Motorrad am größten? Wenn das Wild zieht, muß mit verstärktem Wildwechsel gerechnet werden. Unbedingte Achtsamkeit ist deshalb immer in folgenden Zeiten, Gegenden und Situationen geboten:

Abend- und Morgenstunden Wild wechselt zwischen seinen Einständen und der Feldflur aus- oder zurück.
GanztägigWildschweine sind unberechenbar, da mittlerweile häufig auch tagaktiv. Deshalb können sie auch am hellichten Tage auf der Straße auftauchen.
Wenn der Regen aufgehört hat Nach Durchzug eines Niederschlagsgebietes fängt das Wild gerne an zu ziehen.
Jagdsaison im Herbst/Winter Wild wechselt oft hochflüchtig über die Straße, wenn die Reviere durch Drückjagden großflächig beunruhigt sind.
Während der Paarungszeiten:
November - Ende Januar Schwarzwild (Wildschweine). In vielen Gegenden aber auch ganzjährig.
Juli – August Rehwild
September – Oktober Rotwild
Anfang Oktober - Mitte November Damwild
RudelGrößere Wildtiere sind Herdentiere: Wenn eines an der Straße steht, sind meist noch weitere Artgenossen in der Nähe. Nachdem ein Rudel im geschlossenen Sprung über die Straße gesetzt hat, besteht immer noch die Gefahr, von einem Nachzügler erwischt zu werden.
MaisfelderInfolge der Vermaisung der Landwirtschaft nutzen mittlerweile ganze Wildschwein-Familien die riesigen Maisfelder als Sommerresidenz. Dort fressen sie sich nach Herzenslust voll und ruhen sich aus. Sie brechen aus der Deckung hervor, sobald es ihnen ungemütlich wird.
Obstbäume an Chausseen Ihr Fallobst wird von Wildtieren gerne angenommen.
AusflugsgegendenWild wird dort oft durch Ausflügler aufgescheucht und flieht.

Wildunfallrisiko Nr. 3: Nicht angepaßte Geschwindigkeit

Über die Gefahr, sich von der Geschwindigkeit vereinnahmen zu lassen, haben wir schon hier gesprochen. Ganz werden sich Wildunfälle nie vermeiden lassen, aber angepaßte Geschwindigkeit schafft auf jeden Fall überlebenswichtige Reaktionsreserven und mindert so das Risiko eines Wildunfalls für den Motorradfahrer.

Das heißt: Man muß Wald- und Straßenränder sorgfältig im Auge behalten und bremsbereit fahren. Denn in etwa 80 Prozent aller Fälle taucht das Wild nur 20 Meter und kürzer vor dem Fahrzeug auf. Wer da zu schnell fährt, hat keine Chance mehr.

Wildunfallrisiko Nr. 4: Der Aufprall

Hat jemand wirklich eine konkrete Vorstellung davon, welcher Wirkung ein Motorradfahrer bei der Kollision mit einem Wildtier ausgesetzt ist?

Rechnen wir nach: Ein Motorradfahrer fährt mit (in vielen Fällen unzulässigen) 100 km/h durch den Wald. Auf einer schweren Maschine, mit der zusammen er 380 kg auf die Waage bringt. Aus einer Waldschneise rennt ein kapitaler Keiler (80 kg, 45 km/h) rechtwinklig auf die Straße zu und trifft voll das Motorrad.

Frage: Mit welcher Energie wird der Motorradfahrer ins Jenseits befördert?
Antwort: (einfache Physik, Lehrstoff Klasse 9): 37,11 kJ
Variante: Der Schwarzkittel kommt von schräg vorn (45°). Dann erhöht sich die Auftreffenergie auf satte 56,76 kJ.

Zum Vergleich: Ein Geschoß des NATO-Standardkalibers 7,62 x 51 mm hat eine Auftreffenergie von 3,5 kJ. Die Wucht eines Wildschweines beträgt also (die Querschnittsbelastung einmal beiseitegelassen) das 10- bzw. 16fache eines Infanteriegeschosses.

wildunfall mit dem motorrad ist ein grosses risiko: Gedenkkreuz am Straßenrand für ein Opfer des Strassenverkehrs

Das Wildunfallrisiko für Motorradfahrer bleibt eine stete Gefahr

Deshalb Überlebensregel Nr. 1:

Extremes Mißtrauen und Vorsicht schon bei vermutetem Wildwechsel !

 

Was tun nach einem Wildunfall?

Über Verhaltensregeln nach einem Wildunfall und bei Auffinden von im Straßenverkehr getötetem Wild informiert der Deutsche Jagdverband.

 

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