Auf zwei Rädern um die Welt

Weihnachtliche Motorradtour

Daß eine weihnachtliche Motorradtour ohne Frösteln heute viel eher möglich ist als früher, verdanken wir sicher auch dem Klimawandel.  Österliches Wetter verkürzt die winterliche Sauere-Gurken-Zeit. Wir fahren von Lyon in das benachbarte Vorgebirge des Pilat, der mit Einsamkeit und herrlichen Kurvenstrecken aufwartet. Eine kürzere Tour, die es an landschaftlicher Schönheit in sich hat.

Streckenführung


Lyon – Condrieu – Châteauneuf – Saint-Maurice-sur-Dragoire – Saint-Symphorien-sur-Cause – Saint-Martin-en-Haut – Yzeron – Lyon. 134 km

Eine weihnachtliche Motorradtour – geht das?

Am 2. Weihnachtsfeiertag weckt mich strahlende Sonne. Stahlblauer Himmel, 15 Grad. Meine liebende Gattin erkennt meinen sinnierenden Blick durch das Fenster und macht den grandiosen Vorschlag, das Bilderbuchwetter zu einer kleinen Rundfahrt zu nutzen. Wer könnte da widersprechen?

Daraufhin Kartenstudium bei der letzten Tasse Frühstückstee. Welche Strecke könnte mich reizen? In welcher Ecke war ich schon länger nicht mehr? Wo gibt es etwas Interessantes zu sehen? Nach einigem Hin und Her komme ich zu dem Schluß: Die Mittelgebirgslandschaft zwischen Rhône und Loire wäre genau das Richtige für eine weihnachtliche Motorradtour. Berge, Kurven und Panoramablick über die weite Landschaft.

Irgendwie komme ich mir in der Winterkombi bei Sonnenschein schon recht komisch vor. Aber Vorsicht: Auf den Bergen ist es doch noch etwas frischer als im Tal.

Streckenbeschreibung

Panorama vom Naturpark Pilat mit dem romanischen Kirchlein St. Vincent aus dem 11. Jahrhundert, einem Motorrad und dem Rhônetal im Hintergrund, besucht bei einer winterliche Motorradtour

Panorama von den Monts Lyonnais auf das Rhônetal mit dem Kirchlein St-Vincent aus dem 11. Jahrhundert

Zunächst führt die feiertäglich leere Schnellstraße an der Rhône entlang hinaus aus der Stadt. Nachdem ich das Industriegebiet südlich von Lyon bei Givors verlassen habe, taucht der Gebirgsstock des Regionalen Naturparks Pilat auf. Meine Zielregion.

Noch bevor die Schnellstraße als Autobahn mautpflichtig wird, schere ich bei Vienne auf die D 1086 aus. Sie ist der erste Teil der Route des Vins du Côte du Rhône, die immer am Fluß entlang bis nach Avignon führt. Im Weinort Condrieu biege ich rechts ab und kurve mich die Bergstrecke in den Naturpark hinauf.

Auf einsamer Straße erreiche ich bei Châteauneuf die Autobahn A 47. Auf der anderen Seite tauche ich in das nächste Hügelland ein: die Monts Lyonnais. Dann folgt ein Labyrinth kleiner Straßen durch lauter Ortschaften, die Heiligennamen führen. Einsamkeit und Kurvenspaß prägen auch hier ein besonderes Fahrerlebnis. In einem weiten Nordost-Bogen geht es zurück in die Metropole Lyon.

Kurvenfahrt durch die Geschichte

Bild vom Schloss von Riverie (Département Rhône) bei schönem Wetter mit einem Motorrad im Hintergrund

Riverie: Rückseite des Schlosses

Da ich die Zielregion recht gut kenne, bleiben Karte und Navi auf der Fahrt eher schmückendes Beiwerk. Meine ganze Aufmerksamkeit gehört der Panorama-Bergstraße und allem, was sich links und rechts von ihr tut.

Pferde im struppigen Winterfell grasen langzähnig, satte Kühe fläzen auf sonnenbeschienenen Weiden, Bauern handwerken irgendwas vor der Scheune. Das Wetter erinnert eher an Ostern denn an Weihnachten. Man wartet nur, daß ein Sherpa-Hase mit eiergefüllter Kiepe um die Ecke biegt. Da ich mutterseelenallein unterwegs bin, kann ich die Strecke nach Herzenslust ausfahren.

Bild von Schloss und Kirche von Riverie (Département Rhône)

Riverie: Schloss und Kirche

Meinem Autopiloten folgend biege ich in einen als mittelalterlich ausgewiesenen Ort namens Riviere ein und folge als kundiger Tourist den Schildern “Schloß” und “Linde”. Über holperige Gassen gelange ich erst zur romanischen Kirche, dann zu dem danebenliegenden Schloß aus dem 13. Jahrhundert. Einfühlsam restauriert ist das Ganze. Nicht so touristisch aufgemacht, wie man das so oft erlebt. Wer schon mal in Carcassonne war, weiß was ich meine. Ein Schild an der Mauer weist aus: Hier liegt Guilleaume de Roussillon begraben, der Anführer des letzten (7.) Kreuzzuges. In dieser Einöde. Wer hätte das gedacht?

Bild einer Gedenktafel für Guilleaume de Roussillon, den Anführer des 7. Kreuzzuges

Die angekündigte Linde erweist sich als massiver, jahrhundertealter Baumstumpf. Ich finde den Überrest einer Gedenklinde. Eine von zahlreichen, die der Herzog von Sully als Freund und Berater König Heinrichs IV. von Frankreich 1595 zum Gedenken an die Beendigung des Bürgerkrieges hatte pflanzen lassen. Fast 400 Jahre stand sie da, bis sie im Jahre 1990 ein Orkan umwarf.

Bild vom Baumstumpf der Friedenslinde in Riverie im Département Rhône (Frankreich)

Überrest der (Religions-)Friedenslinde von 1595 in Riverie

Bild der Gedenktafel für die Friedenslinde in Riverie

Die “Große Linde” wurde 1595 auf Geheiß des Herzogs von Sully gepflanzt, um der Wiedergeburt Frankreichs durch den wiedergewonnenen inneren Frieden in zu gedenken.

Auch eine Kurztour hat ihren Reiz

Ich genieße den klaren Blick über das weite Land auf das Montblanc-Massiv und vertage wegen des kalten Windes mein Vorhaben, an diesem schönen Ort ein kleines Picknick einzulegen. Mit einem Kaffee auf der Weiterfahrt wird es leider auch nichts, da alle einschlägigen Etablissements heute geschlossen sind.

So genieße ich einfach die Weiterfahrt mit Blick auf die Westalpen und wärmender Sonne im Rücken. Ungewollt, aber einem familiären Versprechen folgend, trägt mich die Straße wieder dem trauten Heim entgegen. Ein letzter Tankstop noch – nicht so sehr wegen niedrigen Pegelstandes, sondern als Vorbereitung für die nächste Tour. 2:42 Stunden in Bewegung registriert die Fahrstatistik vor dem Garagentor. Ausreichend für eine kleine Abwechslung an den Feiertagen und Verlockung genug für neue Unternehmen.

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