Auf zwei Rädern um die Welt

Was macht eine schöne Motorradstrecke aus?

Eine schöne Motorradstrecke bedeutet weit mehr als Gas geben und Kurven fahren. Sie birgt Geheimnisse, die PR-Profis geschickt nutzen. Welche sind das?

Schöne Motorradstrecken erwarten uns

The journey is the reward.
—  Steve Jobs, Mitbegründer und langjähriger CEO von Apple Inc.

Mit dem neuen Jahr erwachen nicht nur längere Tage, sondern auch die Gedanken zur Tourenplanung der kommenden Saison. Wo soll es heuer hingehen? Welche neuen Strecken möchte ich fahren? Was hat mich schon immer gereizt? Und vor allem: Welche Motorradstrecken sind besonders schön?

Da werden jetzt Reiseführer gewälzt, Gedanken ausgetauscht, das Internet nach ultimativen Strecken durchforstet. Haufenweise fördert die Recherche Bilder, Beschreibungen und Hinweise zu Tage.

Aber leider bleibt die alles entscheidende Frage unbeantwortet: Was macht eigentlich eine schöne Motorradstrecke aus? „Schön“ nicht im Sinne von tollen Kurvenstrecken oder reizvollen Gebirgspanoramen. Sondern als erlebnisintensives fahrerisches Gesamtkunstwerk, das eine Strecke, eine Tour unvergeßlich macht.

Was macht eine schöne Motorradstrecke aus?

Stelle dir vor, du hättest genau eine Minute Zeit, um deinem besten Motorradkumpel die Reize deiner letzten Wochenendstrecke zu schildern: Ohne Handy, ohne Bilder. Aber voll umfassend, eingängig und bildhaft. Damit er eine genaue Vorstellung bekommt, als ob er sie selbst gefahren wäre.

Stelle dir weiterhin vor, du hättest genau fünf Minuten Zeit, um dieses Streckenerlebnis mit einem blinden Menschen zu teilen. Mit jemandem, dem der Anblick verschneiter Gebirgspanoramen, lauschiger Täler oder blühender Wiesen versagt ist. Der ein Fahrerlebnis allenfalls als Beifahrer im Auto vom Beschleunigen, Bremsen oder der Fliehkraft in der Kurve her kennt.

Wie würdest du ihnen schildern, was die Schönheit einer Motorradstrecke ausmacht?

Was heißt „schön“?

Keine einfache Frage. Denn Schönheit ist eine sehr sinnliche und vor allem eine sehr individuelle Empfindung. Dem griechischen Historiker Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.) wird die Aussage zugeschrieben, Schönheit liege im Auge des Betrachters. Demnach würde in unserem Fall also jeder für sich entscheiden, welche Motorradstrecke für ihn schön ist.

Aber so leicht kommen wir nicht davon, denn hinsichtlich der Ästhetik haben sich durchaus Vorstellungen mit einigem Anspruch auf Allgemeingültigkeit etabliert: in der Musik z. B., in der Architektur oder auf dem Götterberg Olymp mit Apoll und seinen neun Musen, von denen jede für die Schönheit einer bestimmten Kunstform zuständig war.

Die Beschreibung schöner Örtlichkeiten in der Literatur ist schon seit der Antike geradezu stereotyp. Und was die schönen Dinge des alltäglichen Gebrauchs anbelangt, hat uns gerade erst das Bauhausjahr 2019 den Blick geschärft.

Was macht aber die Schönheit einer Motorradstrecke aus? Mit ihrem Verlauf und ihrer Umgebung samt Farben und Düften? Gibt es eine Schönheit der Fahrdynamik, die sich in diese Vorstellungswelt einbetten läßt? Besteht ein Konsens über die Vorstellung von dynamischer Schönheit?

Geheimtipps von Werbeprofis

Den Schlüssel zu dieser Frage bekam ich „plötzlich und unerwartet“ in die Hand gedrückt. Nämlich von Werbeagenturen, mit denen ich in Amerika zu tun hatte und die, wie sich herausstellte, auch für Automobil- und Outdoorfirmen arbeiteten.

Damit saß ich Leuten gegenüber, deren Job es ist, den Endkunden mit tollen commercials von rassigen Fahrzeugen in hinreißender Landschaft den Kauf von Autos und Motorrädern schmackhaft zu machen. Das weckte endgültig meine Neugier. In den off topic-Gesprächen lernte ich dabei näheres über Strategien und Tricks, mit denen man ein Fahrzeug auf tollen Strecken in Szene setzt. Aber diese Strecken müssen erst einmal gefunden werden.

Natürlich haben hoch bezahlte Profis für so etwas ein Pflichtenheft, das sie ihren Scouts mit auf den Weg geben. Das ist kein Staatsgeheimnis und keine schwarze Kunst. Deswegen ließ man mich, soweit das möglich war, ein wenig in die Karten schauen.

Es wäre verwunderlich gewesen, hätte man nicht auch aus der Frage nach der Schönheit einer Strecke eine Wissenschaft gemacht. Environmental psychology nennen das die Amerikaner. Also die Wissenschaft vom Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Nun ja, ich bin zwar immer etwas skeptisch, wenn Wissenschaften etwas ganz Offensichtliches aufgreifen und es dann wichtig klingen lassen. Aber die Werbeprofis haben hier Wissenschaft in eine klare Handlungsanweisung umgesetzt. Und hier wird es interessant.

Was wird als häßlich empfunden?

Vermüllte Landstraße in Süditalien

Vermüllte Küstenstraße am Ionischen Meer in Süditalien

Ein absolutes No Go für eine schöne Motorradstrecke wären demnach all jene Elemente, die irgendwie künstlich sind und eine städtische oder industrielle Umgebung prägen. Dazu gehören in erster Linie seelenlose Betonkonstruktionen am Rande der Strecke, Umzäunungen von Flughäfen, Stromleitungen oder Windparks. Und überhaupt alles, was gradlinig, rechtwinklig oder glatt ist. Oder vermüllte, schnurgerade Landstraßen. Auf unserer letzten Tour durch Süditalien haben wir sie zur Genüge angetroffen.

Welche Elemente prägen eine schöne Strecke?

Dagegen gibt es bestimmte Zutaten, die unabhängig von der heimatlich/regionalen Prägung des Betrachters als schön empfunden werden: Wir fahren eine Strecke umso lieber, je weiter sie in die freie Natur hinaus führt. Darum planen wir unsere Tour auch so, daß wir von der Straße aus einen möglichst freien Blick auf Flüsse, Seen oder Meer haben. Möglichst schön soll die Aussicht sein, ungestört von Lärm und Trubel. Je mehr Abwechslung der Blick über eine offene, reich gegliederte Landschaft bietet, desto besser. Orientierung und Einprägsamkeit werden dabei gefördert von klaren Grenzen und weichen Konturen: Waldränder, (Wein-)Berge, Hügel. Neue Eindrücke vermischen sich mit vertrauten Anblicken.

Gewässer

Schöne Motorradstrecke am See: Oberpfuhl bei Lychen

Schöne Motorradstrecke am See: Oberpfuhl bei Lychen, Brandenburg

Es ist schon eigenartig: Wir bewegen uns mit dem Motorrad auf der Straße. Bei der Streckenplanung fährt der Farbmarker aber immer genau dort entlang, wo Seen zu finden sind, Flüsse, Wasserfälle oder verträumte Kanäle. Schon seit dem Altertum gilt ein See als Inbegriff landschaftlicher Schönheit, garniert mit rauschenden Bäumen, grünen Wiesen oder wiegendem Schilf.

Panorama

Schöne Motorradstrecke: Panoramapause in den Gorges de l'Ardèche mit einem Motorrad BMW R 1200 GS im Vordergrund und einem weiten Blick in das tief eingeschnittene Flusstal

Panoramapause in den Gorges de l’Ardèche

Wenn es ein Traumziel für Motorradtouren gibt, dann sind es Pässe, Bergstrecken und besondere Aussichtspunkte. Denn sie bieten das, was das Motorradfahren prickelnd macht: Kurven ohne Ende, Fahrdynamik und schließlich in der oberen Etage einen Ausblick über die Bergkulisse und die Serpentinen, die man hochgefahren ist.

Mit ihrer 3D-Technik erzielen die Werbeleute genau den Wow-Effekt der dreidimensionalen Wahrnehmung, den auch das beste Fotoobjektiv für ein Reisemagazin nicht einfangen kann. Wohl aber das menschliche Auge und das menschliche Gehirn.

Abwechslungsreichtum

Schöne Motorradstrecke: Utah State Route12 mit roten Sandsteinfelsen und Kurven

Herrliche Kurvenstrecke auf der felsengesäumten Utah State Route12

Wenn Motorradfahren in erster Linie Abenteuer ist, vermischt mit Entdeckerlust, dann dominieren dabei zwei Empfindungen: das Unvorhergesehene und die Abwechslung. Das gerade macht jede Motorradtour zu einem einzigartigen, spannenden Erlebnis.

Schließen wir die Augen und erinnern uns an die schönste Tour der letzten Saison. Was hat sie zu einem besonderen Erlebnis gemacht? War es nicht gerade die rasch wechselnde Szenerie? Die überraschenden Perspektiven nach jeder Kurve? Die Neugier auf das, was uns hinter der nächsten Biegung erwartet?

Irgendwie ist es wie auf einem Weg in einem japanischen Zen-Garten: Er soll den Besucher voll einnehmen. Sein Ende darf jedoch nicht sichtbar sein. Das Ziel muß den Besucher überraschen.

Genauso empfinden wir es auf Strecken entlang der Küste oder im heimischen Mittelgebirge. Hier reizen uns besonders die Konturen und die Übergänge verschiedener Landschaftsformen: Straßen an Felsabhängen, zwischen Hügeln mit sanften Wellen, Waldränder, Uferböschungen, die filigrane Gliederung von Weinbergen und Obstterrassen.

Bleibt die Schönheit der Strecke auf der Strecke?

Kurven und landschaftliche Abwechslung sind die Adrenalinspender beim Motorradfahren. Trotzdem habe ich meine Zweifel, ob wir letztlich nicht die Kurvenmanie überschätzen. Denn in der Motorradszene können wir nicht leugnen, von zwei Mantras gefangen zu sein: „Der Weg ist das Ziel“ und „Die Kurve ist die schönste Verbindung zwischen zwei Punkten“.

Aber mal ganz ehrlich: Sind das nicht schon etwas abgegriffene Klischees? Daran wird auch ihre ständige Wiederholung nicht viel ändern können. Das führt unweigerlich zu der Frage: Gibt es beim Motorradfahren nicht noch viel mehr, was Freude macht, als nur nach der Kurve zu suchen?

Reize auch ohne Kurven

Wie reizvoll es sein kann, auch Strecken ohne besondere motorraddynamische Herausforderungen unter die Räder zu nehmen, habe ich in meinen Jahren in Italien erleben dürfen. Mit freundlicher Beratung des Deutschen Historischen Instituts Rom habe ich sämtliche antiken römischen Militärstraßen abgefahren: Via Appia, Cassia, Flaminia und Salaria bis zur Via Valeria.

Natürlich ist es spannend, wenn sich in den Abruzzen die Straße bergan windet, sich hinter jeder Kurve neue Ausblicke öffnen oder das Panorama auf der Bergabfahrt erkennen läßt, wohin die Reise weiter gehen wird.

Prägend bleibt aber letztlich das Gesamtbild der Tour, das sich aus allen Aspekten einer schönen Motorradstrecke formt. Und dazu gehören auch Geradeauspassagen, die reizvolle Ausblicke eröffnen: wogende Felder, romantische Bauernhöfe, lauschige Pinienhaine, das silberglänzende Meer am Horizont. Fahrgenuß kommt auch dort auf, man muß ihn sich nur zu erschließen verstehen. Kurvenunabhängig.

Zum Heizen auf den Ring

„Weg als Ziel“ und „Schönste Verbindung“ bleiben dennoch starke Argumente mit unbestreitbaren Reizen. Wie gesagt: Sie machen mit das Besondere des Motorradfahrens aus. Nicht ausschließlich, aber auch.

Wer sich routinemäßig nur von A nach B bewegen will, könnte dazu ebenso gut das Auto benutzen. Und wer lediglich eine Kombination von Kurven und Bewegung sucht, sollte ein Rennstreckentraining absolvieren. Dabei kann er sich unter kundiger Anleitung an die Grenzen seiner Fahrkunst herantasten.

Deshalb ist es vielleicht besser, mental auszusortieren: Nicht ausschließlich die Kurve suchen. Aber auch nicht einfach planlos ins Blaue hinein fahren. Sondern beides genießen, wie es kommt. „Va‘ dove ti porta il cuore“ hat mir einmal ein italienischer Motorradkumpel geraten – „Fahre, wohin dein Herz dich trägt“. Und laß dabei die Umgebung in dich hinein wirken. Schließlich ist Motorradfahren weit mehr als andere Fortbewegungsarten die Kunst der bewußten, permanenten Wahrnehmung – Motorenlauf, Fahrwerksreaktionen, Straße – aber auch der Umgebung.

Vom Streckentraining genießen lernen

Ähnlich wie wir uns beim Rennstreckentraining Referenzpunkte zum Bremsen, Einlenken und Wiederbeschleunigen einprägen, bilden beim Erlebnisfahren Referenzpunkte ganz anderer Art das Streckengeschehen ab.

Versuchen wir doch einmal, am Ende eines Tages die gefahrene Tour vor unserem inneren Auge wie einen Film abzuspulen. Endlose Alleen, schmucke Ortsdurchfahrten, Menschen und Tiere am Wegesrand, Ausblicke über Felder und Wiesen, Wolkenbilder am blauen Himmel. Fahrtechnik und Erleben wollen aber sorgfältig austariert sein. Denn immer noch gilt der Merksatz von Keith Code: „Attention has its limits“.

Als Motorradfahrer sitzen wir gleichsam im Zentrum einer gläsernen Kuppel, die uns erlaubt, Eindrücke aus allen drei Dimensionen in uns aufzusaugen. Autofahren ist dagegen eher wie Fernsehen: Die Umgebung zeigt sich uns durch einen Rahmen, nicht aber als zusammenhängendes Ganzes.

Neugier, Spannung, Dynamik, Überraschung und Vielfalt der Landschaft sind die mentalen Magneten, die uns beim Motorradfahren erfassen und nie wieder loslassen. Selbst dann nicht, wenn die letzte aus einer langen Reihe von Maschinen, die unser Leben bereichert haben, einmal verkauft sein wird.

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