Auf zwei Rädern um die Welt

Schluß mit dem Motorradlärm

Was hat mich veranlaßt, Schluß mit dem Motorradlärm zu machen? Sinneswandel auf einer spannenden Motorradtour.

Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten

Durch die Wüste

Wann und wo ich endgültig Schluß mit dem Motorradlärm machte, weiß ich noch ganz genau: an meinem Geburtstag, gefeiert in Tonopah, einem heruntergekommenen Silbergräberkaff mitten in der Wüste von Nevada.

Über den Tioga-Pass in der Sierra Nevada waren wir in die Wüste hinuntergerollt, immer auf die ferne Silhouette der Rocky Mountains am Horizont zu. Die Wahl zwischen föhnheißem Fahrtwind und windfreien Kurzstop zum Knochen Ausstrecken glich der Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder fahren und schwitzen oder anhalten und noch mehr schwitzen.

Was uns dabei in Erinnerung blieb ist diese unglaubliche Stille der Wüste, in der man jede Bewegung und jeden Laut, so er sich vernehmen läßt, erst mit der ganzen Schärfe seiner Sinne erspüren muß.

schluss mit dem motorradlaerm: us hwy 6 in nevada mit einer bergkette im hintergrund

Einsam und allein durch die Wüste von Nevada

Beim Halt verstummte der brave Boxer mit seinem Staintune-Auspuff, einem australischen Produkt, das wahrscheinlich nur im Outback halbwegs legal zu betreiben ist. In bleibender Erinnerung ist mir sein gewaltiger Niederfrequenzpegel, der beim Druck auf den Anlasserknopf Autoalarmanlagen anspringen ließ und bei Tunneldurchfahrten die Eingeweide von Cabriofahrern zum Vibrieren brachte. Um die Investition lohnend zu machen, hatte ich auch noch den dB-Killer herausmontiert, für Leute wie mich ohnehin nur nutzloser Zierrat.

Loud pipes save lives, hieß mein Motto damals. Doch dann: Die betörende Stille der Wüste begann mich nachdenklich zu stimmen. Seit biblischen Zeiten war dies der Ort, um zu sich selbst zu finden.

Ein Signal vom Himmel

Nachdem wir an unserem Etappenziel Tonopah den Wüstenstaub aus der Kombi geklopft und unsere Astralleiber im Hotelpool erfrischt hatten, brachen wir zur Ortsbesichtigung auf. Gleich um die Ecke stieß ich auf einen Gedenkstein, der mein Interesse weckte:

schhluss mit dem motorradlaerm: stealth fighter denkmal in tonopah nevada

Der kleine Wüstenort Tonopah, NV schwelgt im Stolz auf Tarnkappenflugzeuge

In dieser gottverlassenen Gegend wurden also die Tarnkappenbomber der US Air Force erprobt, Hightech Monstergeräte. Interessant. Die Tonopah Test Range erstreckt sich von hier aus weit in die Wüste hinein.

Nach dem Abendessen bummelten wir zum Ortsrand, um von dort aus den unermeßlichen Horizont der Wüste zu erleben. Zu der fast schon schmerzenden Stille gesellte sich jetzt, in der hereinbrechenden Nacht, das Gefühl für die Endlosigkeit des Kosmos. Schweigend standen wir nebeneinander, meine liebe Sozia und ich, der Fahrer, der sich insgeheim für den Höllenlärm zu schämen begann, den er mit seiner Maschine veranstalten zu müssen glaubte.

Aus der undurchdringlichen Nacht näherte sich ein merkwürdiges mechanisches Surren, dessen Quelle wir zunächst nicht recht einordnen konnten. Bis ich gegen den Nachthimmel ein drachenförmiges Flugobjekt ausmachte – ein Tarnkappenflugzeug. Mit gedämpftem Rauschen, ohne Positionslichter oder erkennbares Leuchten der Nachbrenner am Triebwerksauslaß schoben ihn seine vier mächtigen Mantelstromtriebwerke steil in den sternklaren Wüstenhimmel, wo er schließlich irgendwo zwischen den leuchtenden Himmelskörpern verschwand.

Die Stimme der Erkenntnis

Abermals klickte es in meinem Hinterhirn. Ich versenkte den Rest meines Zigarillos in einem Erdloch und begann nachzusinnen: So ein Wahnsinnsgerät entfaltet seine martialische Wirkung mit äußerster Diskretion, fast ganz ohne Krach. Und ich mit meinem Motorrad? Wozu veranstalte ich eigentlich so einen infernalischen Lärm, der den Menschen am Rande meiner Strecke die Ruhe raubt und sie dadurch gegen mich aufbringt? Will ich damit jemanden beeindrucken? Wenn ja, wen? Etwa Leute, die auf so etwas stehen? Nein danke, das brauche ich nicht.

Macht der (für andere) unerträgliche Geräuschpegel das Motorradfahren etwa schöner oder interessanter? Bestimmt nicht. Auch die erhoffte Wirkung ist kein vernünftiger Grund, das Land mit einem Lärmteppich zu überziehen: Weder bringt ein Auspuff wie meiner spürbar mehr Leistung noch prägt er ein Bild von mir, das ich gerne nach außen hin vermitteln würde. Im Gegenteil! Damit war für mich die Grenze zur Peinlichkeit erreicht. Insgeheim.

Mein Sinneswandel

Niemals hätte ich geglaubt, daß ein durch die Nacht säuselndes Superflugzeug einen Sinneswandel bei mir bewirken könnte. HighTech, Dynamik und Eleganz müssen nicht mit ohrenbetäubendem Gedröhn einhergehen. Und Fahrspaß auch nicht. Schließlich sind wir Motorradfahrer mehr denn je auf Akzeptanz und Toleranz durch unsere Mitwelt angewiesen. Da muß ich deren Belastungsfähigkeit nicht auf noch auf die Probe stellen.

Diese Gedanken begleiteten mich auf den restlichen 7.000 Kilometern unserer Tour durch den Wilden Westen. Leicht machte es mir diese Erkenntnis nicht. Aber für mich stand fest: Ich mache jetzt Schluß mit dem Motorradlärm. Zu Hause wieder angekommen, als alles ausgepackt war, zog ich meine Krawalltüte ab und verhökerte sie gegen gutes Geld im Netz. Dann kam der OEM-Auspuff wieder drauf, mit dB-Killer, versteht sich.

Zu meiner Überraschung stellte sich bei den kommenden Fahrten ein wohltuend entspanntes Gefühl ein. Im Mittelpunkt stand jetzt das Erlebnis des Fahrens und der Genuß all dessen, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen konnte. Den Lärm brauchte ich nicht mehr, meine Mitmenschen sowieso nicht. Ich begann, die akustische Kulisse des Motorradfahrens ganz neu zu genießen. Bereut habe ich diesen Sinneswandel bis heute nicht.

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