Reiseblog (nicht nur) für Motorradfahrer mit Tipps & Tricks

Reset zur Normalität mit dem Motorrad

Eine Tagestour bringt den ersehnten Reset zur Normalität mit dem Motorrad: Fahren, Erleben und Genießen. Wie verläuft meine Strecke?

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Endlich geht’s wieder los

Temperatur deutlich über 20, Inzidenz deutlich unter 50 und von Firmament strahlt mich ein schmerzlich vermißter Himmelskörper an: die Sonne. Höchste Zeit also, sich endlich wieder in den Sattel zu schwingen und draußen nach dem Rechten zu sehen. Ein Reset des Lebens zur Normalität mit dem Motorrad, sozusagen.

Also sportlich anrauchen und ab in vertraute Gefilde. Die Landkarte steckt im Kopf, die Route im Navi. Jetzt unter der Woche erwarten mich freie Straßen zwischen Berlin und Anhalt-Zerbst, wo einst die Wiege der russischen Zarin Katharina II. stand. Mein zerknittertes Notizbuch mit gesammelten Tourenhinweisen steckt in der Brusttasche, wie immer. Wo soll’s hingehen?

Streckenplan

Am Schwielowsee entlang

Den Weg aus der Hauptstadt hinaus teile ich mit einer überschaubaren Zahl von Lieferwagen und Berufspendlern. Wenn der Verkehr erlahmt, erlöse ich 146 PS aus meinem Reihenvierzylinder und gut isses. Südlich von Potsdam klicke ich aber den Schalthebel zweimal abwärts und entspanne das rechte Handgelenk: die mäandernde Uferstrecke am Schwielowsee entlang möchte ich ganz ohne Hektik absolvieren.

Durch Schilf und Strauch blinzelt mir der ruhige See in der Morgensonne entgegen. An den Bushaltestellen warten nach langer Zwangspause wieder die Kinder mit geschultertem Schulranzen. Am Ufer machen die Segler ihre Boote klar und plaudern in kleinen Gruppen am Steg. Die Engelbert-Strauß-Combo sichert sich ihre Brotzeit beim Bäcker und entläßt bläulichen Zigarettenrauch in die klare Morgenluft. Eindrücke einer zaghaft zurückgekehrten Normalität, zu der auch ich meinen bescheidenen Teil beitrage.

Brück: Training, Türme und Titanen

Hinter Ferch biege ich links nach Süden ab und schlage einen weiten Bogen um den Truppenübungsplatz Lehnin. Einer der vielen in Brandenburg. Für den Abbiegepunkt brauche ich auch kein Navi, denn der Ortsname ist per se einprägsam:

ortsschild busendorf

Bevor ich die verkehrsreiche Autobahn A 9 erreiche, ziehe ich rechts weg nach Brück.

Titanen der Rennbahn

Wie schon die Plakate am Ortsrand ankündigen, ist man hier stolz auf die jährliche Kaltblutschau mit ihren schweren Zugpferden. Nach der vorjährigen Corona-Pause soll sie heuer Ende Juni wieder stattfinden.

titanen der rennbahn brueck

Titanen der Rennbahn in Brück

Auch das wäre wieder ein Stück wiedergewonnener Normalität. Wenn’s klappt, werde ich auf jeden Fall hinfahren. Schließlich ist das Brauereipferd mein erklärtes Lieblingstier.

ADAC-Fahrsicherheitszentrum Linthe

Gleich nebenan erstreckt sich das ADAC-Fahrsicherheitszentrum Linthe, vielen der hiesigen Motorradkollegen sicher gut bekannt. Auch hier ist die Normalität zurückgekehrt: Unter Einhaltung des Hygienekonzepts kann wieder eifrig trainiert werden.

motorrad vor dem adac fahrsicherheitszentrum linthe

Das Training hat schon wieder begonnen, aber erst nach und nach.

Antennenmeßplatz

Vor der Weiterfahrt unterziehe ich noch den Antennenmeßplatz am nördlichen Ortsrand von Brück einer näheren Inspektion: Weithin sichtbar ragen zwei 54 Meter hohe Holztürme empor. Sie wurden ohne Verwendung von Metallteilen errichtet und dienten früher der funktechnischen Ausmessung von Antennen, die darauf montiert wurden.

motorrad vor den hoelzernen antennenmasten in brueck brandenburg

Hölzerne Antennenmasten – Zeugen eines vergangenen Technikzeitalters

1939 wurde die Anlage mit ursprünglich drei Türmen von der Fa. Telefunken errichtet, später von der Post übernommen und nach der Wende stillgelegt. Für technisch Interessierte ist sie einen Besuch wert, denn immerhin handelt es sich um die einzige in Europa noch vorhandene Anlage dieser Art. Früher gab es noch einen hölzernen Antennenturm des Bayerischen Rundfunks in Ismaning, der aber 1983 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde.

Durch den Hohen Fläming

Aus der märkischen Kiefernebene zieht sich die B 246 sanft bergan, bis ich in Bad Belzig an der kursächsischen Postmeilensäule nach Südwesten abbiege. „Hoher Fläming“ ist vielleicht eine etwas ambitiöse Bezeichnung für einen kaum wahrnehmbaren Höhenzug, der im Mittelalter von flämischen Siedlern kultiviert wurde. Daher der Name.

Zwischen Bergholz und Grubow stelle ich meine Maschine auf einem Parkplatz an der Straße ab und pilgere die „Brautrummel“ entlang, ein periglaziales Trockental, das mich zum Riesenstein führt. Die sonnenwarme Eiszeitklamotte lädt mich zu einer Kaffeepause ein.

riesenstein grabo

Heißer Kaffe auf riesigem Eiszeitstein, den ein Gletscher aus Skandinavien mitgebracht hat

Danach führen mich einsame Landstraßen im Zickzack durch die sonnendurchschienenen Buchenwälder des Hohen Flämings. Eine herrliche Tourenstrecke, ich fühle mich wie in den Pfälzer oder Thüringer Wald versetzt. Hinter Stackelitz senkt sich dann der Höhenzug hin zur flachen Tiefebene Sachsen-Anhalts. Nach einer Ortschaft mit dem schönen Namen Hundeluft erreiche ich nach endlosen Kilometern durch frisch sprießende Alleen das Dorf Thießen (Lkr. Wittenberg).

Kupferhammer Thießen

Ziel- und Wendepunkt meiner heutigen Reset-Tour auf dem Motorrad ist die dortige Kupferkesselschmiede aus dem Jahre 1600. Bis 1974 wurden hier mit einem vom Flüßchen Rossel getriebenen Hammerwerk Kupferkessel für die verschiedensten Verwendungszwecke hergestellt, Kochkessel, Waschkessel, aber auch Paukenkessel für den Orchesterbetrieb. Wer solch einen Kupferhammer in Betrieb sehen will, kann auch eine tolle Motorradtour zum Tobiashammer in Ohrdruf in Thüringen planen.

kupferhammer thiessen bei coswig sachsen anhalt

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach: Kupferhammer Thiessen bei Coswig (Sachsen-Anhalt)

denkmalschild kupferhammer thiessen

Heute steht die Anlage unter Denkmalschutz. Das sehr nette Restaurant im Innenhof ist auch wieder geöffnet, allerdings nur von Freitag bis Sonntag. Das hat man nun davon, wenn man unbedingt an Werktagen in der Gegend herumfahren muß. So packe ich unter der alten Linde nebenan meine Thermosflasche aus und genieße die trauliche Atmosphäre am Wasserlauf.

Durch die märkischen Wälder

Weil brauchbare West-Ost-Verbindungen sind in dieser Gegend weder zahlreich noch verlockend sind, schlage ich mich bei Köselitz auf die Autobahn A 9. An der übernächsten Ausfahrt tauche ich dann wieder Richtung Treuenbrietzen in die märkischen Kiefernwälder ein. Den beliebten Biker-Treff an der Scheune in Dobbrikow passiere ich und mache stattdessen lieber Halt am Schloßpark von Blankensee. Ein toskanisches Idyll mitten in Brandenburg. Im klassizistischen Pavillon sammle ich Kraft und Ruhe für meine Schlußetappe.

pavillon schlosspark blankensee

Ein hübsches Plätzchen, um vor der Schlußetappe nochmal die Knochen auszustrecken und einen kräftigen Schluck Kaffee zu nehmen

Heimwärts durch den Naturpark Nuthe-Nieplitz

Abseits des großen Verkehrs patrouilliere ich heimwärts durch die herrliche Naturlandschaft Urstromtales südlich von Berlin. Hier zieht der Rote Milan suchend seine Kreise, das Wappentier Brandenburgs. Störche staksen durch die Auen aus Suche nach Futter für ihre Jungen. Ein herrlicher Abschluß meiner Reset-Motorradtour, ehe mich dann doch unweigerlich die Autobahn Richtung heimatliche Garage wieder aufnimmt.

Fazit

Mein Reset zur Normalität mit dem Motorrad ist eine Tagestour nicht nur zum Fahren, sondern auch zum Erleben und Genießen. Als ich am Ende des Tages nach 275 Kilometern den Helm abnehme, atme ich tief durch. Mit dem sicheren Gefühl, daß nach langen, verregneten Monaten der Entbehrung die Normalität zurückkehrt. Wie sagte „Stepi“ Stepanović, der große Denker des deutschen Fußballs: „Lebbe geht weider.“

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