Bei einer Cruising-Tour durch das Havelland entdeckst du fernab des großstädtischen Getriebes ein Stück Schweizer Geschichte im einsamen Kolonistendorf Nattwerder.
Auf zwei Rädern in die Geschichte
Mich reizen Motorradtouren in entlegene, wenig befahrene Gegenden, wie es sie in Brandenburg reichlich gibt. Vor allem, wenn sie tief in die Geschichte führen. Passend zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August ist mein Ziel Nattwerder; ein kleines, unscheinbares Dorf nordwestlich von Potsdam mit der Besonderheit, daß es im 17. Jahrhundert von Schweizer Siedlern gegründet wurde, um das kriegszerstörte Preußen wieder mit aufzubauen.
Meine Tour beginnt in Berlin – laut, hektisch, großstädtisch – und führt hinein in die ruhigen, fast vergessenen Flußauen zwischen Potsdam und der Seenkette, welche die Havel hier bildet. Diese Tour ist keine reine Spritztour. Sie ist eine Spurensuche auf zwei Rädern – auf den Wegen jener Menschen, die aus ganz Europa kamen, um hier ein neues Leben zu beginnen.
Von Berlin in die Havellandschaft
Mit der Morgensonne im Rücken starte ich an der Siegessäule in Berlin. Umgeben vom Tiergarten markiert sie die Bundesstraße 2, mit 845 Kilometern die längste und zugleich eine der ältesten Bundesstraßen Deutschlands – von Garz (Oder) nach Mittenwald. Bis nach Spandau deckt sie sich in diesem Abschnitt mit der B5 nach Hamburg, dann biegt sie nach Süden ab. Für mich ist die B2 die schönste Ausfallstraße aus einer deutschen Großstadt: dichte Wälder beiderseits der alten Allee, vorbei am Naturschutzgebiet Döberitzer Heide. Eine Strecke zum Cruisen, wie auch die folgenden Abschnitte.
An der ehemaligen Heeres-Reitschule in Krampnitz biege ich rechts ab auf eine weitere wunderbare Alleenlandstraße. Über Fahrland und Ütz gondele ich zum Schloß Paretz, der ehemaligen Sommerresidenz der Preußenkönigin Luise, der „Queen of Hearts“ des Biedermeier. Jetzt ist erst mal Zeit für eine Kaffeepause auf einer der weißen Bänke vor dem Eingang.

Von hier aus, vorbei an der Windmühle am Ortsausgang, sind es nur wenige Kilometer nach Ketzin, wo schon die Kettenfähre „Charlotte“ darauf wartet, mich über die breite Havel zu setzen. In 7 Minuten bukolischer Ruhe lasse ich den Blick weit über Fluß und Auen schweifen, ehe mich meine Route durch die alten Obstgärten vor Werder auf die Bundesstraße 1 Richtung Potsdam führt.

Wer die staugeplagte Landeshauptstadt Potsdam meiden will, umrundet sie besser an ihrer Peripherie über Golm, Bornim und Grube. Ab hier wird die Straße schmaler, die Welt ruhiger, der Blick weiter. Auf buschgesäumten country lanes nimmt mich ein Landschaftsschutzgebiet auf mit Wiesen, Feldern und kleinen Wasserarmen. Auch dies ein perfektes Terrain für entspanntes Cruisen mit dem Motorrad – vor allem, wenn man eine gewisse innere Neigung zum ländlichen Tempo mitbringt.

Nach etwa 60 Kilometern liegt das Ziel vor mir: Nattwerder, ein kleines Straßendorf am Ostufer des Wublitzsees. Auf den ersten Blick wirkt es bescheiden. Ein paar Bauernhäuser, eine schlichte Dorfkirche, Felder, so weit das Auge reicht. Wer diese Gegend aufsucht, kommt nicht wegen touristischer Highlights, sondern wegen geschichtlicher Besonderheiten.
Nattwerder – Ein kleines Dorf mit großer Vergangenheit
Nattwerder ist kein gewöhnliches Dorf. Es ist das älteste Kolonistendorf in Brandenburg. 1685 landeten hier auf Einladung von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (der „Große Kurfürst“) 14 calvinistische Familien aus dem Kanton Bern, um zu helfen, das durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstete und entvölkerte Brandenburg wirtschaftlich und demografisch zu stärken. Im Gegenzug versprach er ihnen wirtschaftliche Unterstützung und Befreiung vom Militärdienst.
Mit vier Schiffen kamen sie auf dem Wasserweg, zunächst die Aare und den Rhein abwärts, durch die Nordsee, dann die Elbe hinauf bis Havelberg, von dort über die Havel nach Nattwerder. Der Überlieferung nach landeten sie da, wo jetzt die Fußgänger- und Fahrradbrücke bei Töplitz steht. Sie nahmen die beschwerliche Reise auf sich, weil die Aussicht auf ein besseres Leben, das ihnen der Große Kurfürst versprochen hatte, verlockender war als die damals bittere Not in der Schweiz.

Was heute noch zu sehen ist
Wer heute durch Nattwerder fährt, dem zeigt sich vor allem die klare Struktur des Ortes: ein typisches Straßendorf, in dem sich die einstigen Kolonistenhöfe entlang einer einzigen Achse reihen. Einige Höfe zeigen noch heute die typische Bauweise der calvinistischen Siedler: einfache, rechteckige Gebäude mit symmetrischen Fassaden und großem Nutzgarten.
Das Herzstück ist die Dorfkirche, errichtet 1739 – schlicht, reformiert, ohne großen Zierrat. Sie steht genau dort, wo sich das spirituelle Zentrum des Dorfes seit der Gründung befindet. Zahlreiche Grabsteine auf dem Friedhof verraten noch die Namen der Siedlerfamilien, die sich erst im 19. Jahrhundert in die umgebende Gesellschaft eingliederten. In den umliegenden Feldern findet man noch Spuren der einstigen Bewirtschaftung, auch wenn die Landwirtschaft heute kaum noch eine Rolle spielt.

Andere Kolonistendörfer in Brandenburg – ein ganzes Netz aus Geschichte
Nattwerder war die erste, aber nicht einzige Ansiedlung von Schweizer Kolonisten in Brandenburg. Als Friedrich der Große ab 1747 die Sumpflandschaft an der Oder (das Oderbruch) urbar machen wollte, waren die Schweizer wieder dabei. Welschschweizer Ortsnamen wie Croustillier oder Beauregard zeugen heute noch davon. Eine Motorradtour in das Oderbruch ist überaus reizvoll.


Motorradfahren im Zeichen der Geschichte
Diese Tour zeigt einmal mehr, wie sehr das Motorradfahren eine Entdeckungsreise sein kann – nicht nur durch Landschaften, sondern auch durch Epochen. Die Strecken rund um Potsdam, Caputh, Werder, Geltow und den Schwielowsee sind nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch kulturell und historisch aufgeladen. Ein kurzer Stopp an einer alten Dorfkirche, ein Blick in die alte Siedlungsstruktur – all das macht die Tour besonders.
Tipps für unterwegs
Früh starten: Besonders im Sommer lohnt sich ein früher Start, um vor dem Ausflugsverkehr durch Potsdam zu kommen. Oder aber eine sommerliche Abendrunde drehen und den Sonnenuntergang in idyllischer Landschaft genießen.
Picknick mitnehmen: In Nattwerder gibt es keine Gastronomie – wer einkehren will, muss nach Geltow oder Caputh weiterfahren. Oder man bringt sich ein kleines Picknick mit und genießt es am See.
Fazit
Kleine Orte, große Geschichten: Eine Motorradtour von Berlin nach Nattwerder ist mehr als nur eine schöne Fahrt durchs Grüne. Sie ist eine kleine Reise in die Vergangenheit, zu den Wurzeln Brandenburgs als Einwanderungsland. Das mag überraschen – denn wenn man an Migration denkt, denkt man selten an kleine märkische Dörfer. Und doch: Ohne die Hugenotten, Schweizer, Holländer, Pfälzer und Böhmen sähe Brandenburg heute anders aus.
Nattwerder, als erstes Kolonistendorf, ist ein perfekter Ausgangspunkt, um sich auf diese historische Spurensuche zu begeben. Es zeigt: Selbst die kleinsten Orte können Geschichten von Welt erzählen – wenn man nur hinsieht. Oder, in unserem Fall: hinfährt.
Tour-Info kompakt
- Start: Berlin-Mitte
- Ziel: Nattwerder, OT von Potsdam
- Länge: ca. 60–70 km (je nach Route)
- Fahrzeit: ca. 1,5–2 Stunden mit Pausen
- Sehenswürdigkeiten in Nattwerder: Dorfkirche, Siedlungsstruktur, historische Höfe
- Highlight unterwegs: Försterscher Staudengarten, Am Raubfang 6, 14469 Potsdam
- Beste Reisezeit: Mai bis September
- Straßenbeschaffenheit: Teils Landstraßen, teils schmale Dorfstraßen – gute Befahrbarkeit für alle Motorräder
Streckenplan
Die zugehörige .gpx-Datei findest du hier.