Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zur Alpe d’Huez

Auf zu einer Motorradtour zur Alpe d’Huez! Die morgendlichen Nachrichtenmeldung elektrisiert mich: Drei Etappen der Tour de France verlaufen an diesem Wochenende durch mein Motorradrevier. Da hält mich an einem sonnigen Sonntag nichts zu Hause. Also zur Vorausbesichtigung in die Alpen. Meine Maschine wartet startbereit in der Garage. Wir sind bereit für Erlebnisse und Überraschungen!

Streckenführung

  • A 43 / A 53 nach Monestier–de-Clermont
  • D 34 / D 526 nach Le Bourg-d’Oisans
  • D 211 auf die Alpe d’Huez und dann weiter über die
  • D 254 an den Barrage du Chambon und von dort via
  • D 1091 durch die Gorges de Romanche und die
  • A 43 wieder nach Hause.
  • Insgesamt 433 km

Motorradtour zur Alpe d’Huez –
Hommage an Fausto Coppi

Bild der steinernen Gedenktafel Fausto Coppi mit Bronzebuchstaben in seinem Geburtsort Castellania (AL) in Piemont

Gedenktafel für Fausto Coppi in seinem Geburtsort Castellania (AL)

Meine heutige Ausfahrt gibt mir Gelegenheit, dem „Campionissimo“ Fausto Coppi zu huldigen. Er war der ewige Rivale seines Landsmannes Gino Bartali und kam 1960 unter mysteriösen Umständen ums Leben. Der legendäre italienische Radrennfahrer entschied 1952 diese Etappe für sich, als sie zum ersten Mal in das Tour-de-France-Programm aufgenommen wurde.

Bei einem Frühstart wie heute tippe ich mir an mein müdes Haupt und frage mich: Wie kann man nur so bescheuert sein, sich so etwas anzutun? Auf dem Weg zur Garage kreuzen spät heimkehrende Alkoholiker meinen Weg. Zerfledderte Tauben picken weggeworfene Pizzareste vom schmuddeligen Asphalt. Übler Geruch dringt aus Hauseingängen. Doch schon die ersten Takte des erwachten Motors hellen meinen Sinn auf angesichts der vielversprechenden Strecke, die vor mir liegt.

Eine langweilige, wenn auch nur einstündige Autobahnstrecke ist der Preis, den ich für meine Motorradtour zur Alpe d’Huez zahlen muß. Wie von einem Autopiloten gesteuert ziehe ich einsam meine Bahn, mit einer Endlosschleife im Kopf: „Waldesrauschen“. Wagner, Siegfried, 3. Akt.

Vorbereitung für die Tour-de-France-Etappe

Bild der Corniche du Drac in den französischen Westalpen bei einer Motorradtour zur Alpe d'Huez

La Corniche du Drac in den französischen Westalpen

Doch die anschließende landschaftlich überaus reizvolle Strecke zwischen Monestier und Le Bourg-d’Oisans belohnt mich reichlich mit schnellen Wechselkurven; eine gute Aufwärmübung für die Gebirgsetappe.

Bevor es dann bergan geht, lege ich an einer Tankstelle eine konzentrationsfördernde Rast ein. Während ich mich am mitgebrachten Tee und Christines Power-Müsliriegeln bei einem Picknick am Straßenrand labe, studiere das (auf zwei Rädern) fahrende Volk, das hier ebenfalls anlandet.

Bild der Corniche du Drac in den französischen Westalpen bei einer Motorradtour zur Alpe d'Huez

La Corniche du Drac in den französischen Westalpen

Die Elfen in der knappgeschnittenen Kombi, wie sie uns die Kataloge von Louis und Dainese vorgaukeln, scheinen doch eher fatae morganae zu sein. Jedenfalls angesichts dessen, was ich hier wieder mal als Phänotypen (mit)motorradfahrender  Weiblichkeit zu sehen bekomme: halbhoch, Konfektionsgröße 58 in eine 52er Lederhose gezwängt und strohiges Haar in allen Farben zwischen braungrau und flachsgelb. Hätte ich nicht als Gegenbeispiele gewisse Damen im Hinterkopf, könnte ich fast verzweifeln.

Andererseits: Viele Männer sind auch nicht besser. Solche, die mit Fußsackbart unter dem Klapphelm und einem Pittermännchen unter der Kombi das metallgewordene Komplettangebot eines Wunderlich-Zubehörkataloges durch die Gegend bewegen. Lästermodus aus.

Eine Strecke der Sonderklasse

Bild der Alpe d'Huez mit wolkenverhangenem Gebirgspanorama

Alpe d’Huez mit wolkenverhangenem Gebirgspanorama

Hinter Le Bourg-d’Oisans beginnt der 13,8 km lange Anstieg auf die Alpe d’Huez. Den Höhenunterschied von 1090 m überwindet er mit 21 Kehren bei einer durchschnittlichen Steigung von 7,9 %. Für die Radler ist das eine echte Quälerei. Auch mit dem Motorrad fährt sich der Anstieg nicht einfach. Unversehens gerate ich in ein Test-Radrennen für die Tour de France hinein, deren 18. Etappe hier gefahren wird.

Mit Rücksicht auf die Radler in beiden Richtungen fahre ich verhalten. Das zwingt zwar häufiger zu spaßmindernden Manövern. Aber es öffnet dafür den Blick auf die atemberaubende Schönheit der Landschaft. Eine kräftezehrende kilometerlange Gerade führt hinauf zum Etappenziel.

Vado così forte in salita per abbreviare la mia agonia.
Ich strampele so kräftig bergauf, um meine Agonie abzukürzen.
— Marco Pantani, Italienischer Radrennfahrer

Da mir dieser sterile Retorten-Wintersportressort nicht behagt, lasse ich ihn mit einer beherzten Drehung am Gasgriff schnellstmöglich hinter mir.

Über allen Gipfeln ist Ruh’

Bild von der Mittagspause mit BMW R 1200 GS auf der Alpe d'Huez in den französischen Westalpen

Mittagspause auf der Alpe d’Huez in den französischen Westalpen

Konkurrenzloser fahrerischer und landschaftlicher Höhepunkt der Motorradtour zur Alpe d’Huez ist die holperige D 254. Hier sind zwar Myriaden von Radfahrern unterwegs, zu meiner Überraschung aber kaum Motorräder anzutreffen. Als hätte sie auf mich gewartet, lädt pünktlich zur Mittagsstunde eine Bank inmitten einer duftenden, bunten Blumenwiese zum Verweilen ein. Mit fasziniertem Blick auf die teilweise noch verschneite Bergwelt genieße ich mein mitgebrachtes Mittagsmahl.

Bild der Abfahrt von der Alpe d'Huez in den französischen Westalpen

Abfahrt von der Alpe d’Huez

Bild der Talfahrt bei einer Motorradtour zur Alpe d'Huez in den französischen Westalpen

Abfahrt von der Alpe d’Huez

Bild der Abfahrt von der Alpe d'Huez in den französischen Westalpen

Abfahrt von der Alpe d’Huez

Die Bergabfahrt verlangt höchste Konzentration: Schlaglöcher, Schotter, schwierig zu fahrende Kurven. Trotzdem sind die Radler kaum langsamer unterwegs als ich. Ohne Schutzkleidung brettern sie auf ihren dünnen Reifen zu Tal, als gäbe es kein Morgen. Was ihnen auf jeden Fall entgeht, sind die gleißenden Granitwände an der anderen Talseite, die Wasserfälle hoch oben und die rauschenden Bäche tief unten. Ein fahrerischer Genuß.

Durch Schluchten und Tunnels

Bild der Strecke durch die Gorges du Romanche bei einer Motorradtour zur Alpe d'Huez in den französischen Westalpen

Durch die Gorges du Romanche

Hinter dem Barrage du Chambon am Talausgang erwarten mich die wildromantischen Gorges de la Romanche mit ebener Straße, tief in den Fels geschnittenen Kurven und langen Tunnels.

Leichte Wehmut kommt auf, als ich mich wieder Grenoble nähere und damit der Autobahn, die mich nach Hause zurückbringt. Schneller als gedacht stehe ich dann am Nachmittag vor meiner Garage. Dann schiebe ich das klemmende Tor zurück und gönne meiner treuen Begleiterin die Ruhe, die sie nach 433 wunderbaren Kilometern verdient hat.

Wer hat seine Motorradtour zur Alpe d’Huez in eine andere Gebirgstour eingebunden?

Welche Vorschläge gibt es dazu?

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