Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch Umbrien

Eine Motorradtour durch Umbrien abseits der Touristenstrecken belohnt unternehmungslustige Menschen mit einsamen Kurvenstrecken ohne Ende, herrlichen Landschaften, interessanten Entdeckungen, hervorragendem Essen und netten Gesprächen am Wegesrand. Wo aber findet man das? 

Motorradtour durch Umbrien
zur schwangeren Madonna

Nicolas Poussin: ET IN ARCADIA EGO

Ein kunstsinniger Bekannter brachte mich auf die Idee, ein seltenes Kunstwerk zu besuchen: Das Fresko der Madonna del Parto (Maria der Geburt) in Monterchi, 30 km ostwärts von Arezzo an der umbrisch/toskanischen Grenze.

Geschaffen wurde die 2 ½ x 2 Meter große Darstellung einer schwangeren Madonna von Piero della Francesca (1420 – 1492) in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Aus ganz Italien pilgerten früher Frauen dorthin. Es hieß, jede Frau, die vor dem Marienbild bete, werde innerhalb eines Jahres schwanger.

Mit vier Kindern zu Hause ist das in meinem Falle wohl kein triftiger Grund mehr für eine Reise in den hintersten Apennin. Als mir aber mein Gewährsmann von den Schönheiten der kurvenreichen Strecke dorthin vorschwärmte, wurde eine Motorradtour zur schwangeren Madonna unerläßlich.

Streckenführung der Motorradtour
durch Umbrien nach Monterchi

 

Rom – Passo Corese – Fara in Sabina – Abtei Farfa – Poggio Mirteto – Cottanello – Configni – Terni – Spoleto – Foligno – Perugia – Assisi – Città di Castello – Monterchi. 264 km

Auf der Via Salaria durch das Tibertal

Bild einer Schallplattenkassette von Ottorino Respighi, I Pini di Roma mit einer Pinie und antiken Bautenals Sinnbild des Aufbruchs zu einer Motorradtour durch Umbrien

Pinienalleen führen durch antike Stätten hinaus aufs Land

Aus Rom hinaus führt die Strecke zunächst auf der Autobahn nach Norden. Im warmfarbigen Morgenlicht reihen sich die Schirme der hohen Pinien wie Perlenschnüre auf den auf den Bergkuppen vor der Ewigen Stadt. Ottorino Respighis sinfonische Dichtung „I Pini di Roma“ findet hier bildlich ihren Widerklang.

Die Autobahnabfahrt bei Fiano Romano mündet in die Via Salaria (SS 4) ein, die etruskische Salzstraße von Rom durch das Sabinerland an die Adria. Nach wenigen Kilometern verlasse ich die Staatsstraße in nördlicher Richtung. In den Ausläufern der Sabiner Berge bekomme ich bereits einen Vorgeschmack auf den Kurvenspaß, der mich auf den nächsten 250 Kilometern erwartet.

Zwischenstop an der Abtei Farfa

Bild der Mönche in der Benediktinerabtei Farfa mit einem FIAT Panda 4 x 4, gesehen auf dem Weg zu einer Motorradtour durch Umbrien

Mönche der Benediktinerabtei Farfa im Gespräch

Zunächst mache ich kurz Halt an der Benediktinerabtei Farfa, einer Gründung des 9. Jahrhunderts. In den Gäßchen des malerischen Klosterdorfes stelle ich meine Maschine ab und beobachte die Mönche im Gespräch.

Im würzigen Morgenduft des Sabinerlandes holen mich schöne Erinnerungen an meine Touren über die Pässe in den französischen Westalpen ein: Gründer des Klosters war Thomas von Maurienne, ein Mönch aus der Gegend zwischen Galibier, Glandon und Iséran.

Auf Kurvenstrecken durch die Sabina

Sebastiano Ricci: Der Raub der Sabinerinnen

Mit der Landschaftsbezeichnung „Sabina“ verbinden wohl die meisten von uns – noch von der Schule her – den gewitzt organisierten Raub junger Frauen aus dieser Gegend durch die alten Römer. Römer und junge Frauen gibt es immer noch. Ebensosehr locken aber unentdeckte Kurvenstrecken und herrliche Oliven.

Bild einer Olive in Keramik an einer Hausmauer als Wahrzeichen des Sabinerlandes

Die Olive – das Wahrzeichen der Sabina

Am Morgen geerntet, am Abend schon zu herrlichem Öl gepreßt

Wenn ich im Herbst durch diese Gegend fahre, nehme ich immer eine leere PET-Limoflasche mit. Dann steuere ich den nächsten frantoio (Ölmühle) an, bei dem ich mir einen Liter Olivenöl frisch vom Hahn abzapfe. Zwei Monate lang müssen sich dann noch die Schwebeteilchen setzen. Wenn dann der Duft aus der Pfanne die Küche füllt, holen mich all die schönen Erinnerungen meiner Touren durch die Sabina wieder ein.

Bild von drei Motorrädern nebeneinander auf einem Parkplatz mit einem Bergdorf im Hintergrund bei einer Motorradtour durch Umbrien

Drei Freunde treffen sich bei einer Tour in der Einsamkeit Umbriens

Wie verabredet treffe ich unterwegs zwei liebe Motorradfreunde aus Viterbo, die auf einer anderen Tour unterwegs sind. In dem malerischen Örtchen Poggio Mirteto trinken wir einen Espresso und fahren dann noch ein Stück gemeinsam durch das Tal der Aia, bis sich unsere Wege wieder trennen.

Kaiser, Künstler, Kirchenleute – in Scharen sind sie sind all die Jahrhunderte durch diese wildromantische Gegend gezogen. Nicht immer sah es wohl so aufgeräumt aus wie heute. Der Fernwanderer Johann Gottfried Seume (1763 – 1810) bemerkt dazu:

Es ist ein großes, altes, dunkles, häßliches, jämmerliches Loch, das Spoleto; ich möchte lieber Küster Klimm zu Bergen in Norwegen sein als Erzbischof zu Spoleto.

—  Spaziergang nach Syrakus, 2. März 1801

La Benemerita

Bild von Carabinieri bei der Verkehrskontrolle mit einem Dienstwagen und einem Beamten mit der Winkerkelle im Stiefelschaft bei einer Motorradtour durch Umbrien

Carabinieri bei der Verkehrskontrolle │© Arma dei Carabinieri

Ein Teilstück der Strecke auf der Via Flaminia (SS 3) zurückzulegen, um Zeit gutzumachen, war vielleicht doch keine so tolle Idee: Denn am Ende einer langen Geraden erwarten mich schon die Ordnungshüter in Schwarz-Rot.

Im Grunde habe ich Respekt vor den Carabinieri, denn sie sind gut ausgebildet, arbeiten sehr professionell und haben einen ehrenwerten Corpsgeist. Aber Objekt ihrer Berufsausübung zu werden ist nicht so meine Sache.

Also fahre ich rechts ran, nehme den Helm ab, überhöre geflissentlich die Aufforderung „Documenti, prego“ und eröffne stattdessen das Gespräch mit meiner Standardfrage „Che cosa mi da l’onore di un incontro con la benemerita?“ – Was verschafft mir die Ehre einer Begegnung mit der Benemerita – der „Verdienstvollen“, eine respektvolle Bezeichnung für die Carabinieri aus dem 19. Jahrhundert.

Nach Abgleich meines deutschen Führerscheins mit meinem Gesicht hellt sich die Stimmung des Brigadiere zusehends auf. Meine auch, denn es handelt sich um eine reine Routinekontrolle. Wie könnte ich auch so blöd sein und zu schnell fahren, wo doch die Arma [dei Carabinieri] gerade auf dieser Rennstrecke ihr wachsames Auge offen hält?

Der Brigadiere steckt seine Winkerkelle in den Stiefelschaft zurück. Wir wechseln zum Schluß noch einige nette Worte. Dann setze ich meine Fahrt Richtung Foligno fort.

Der Weg nach Foligno war einer der schönsten und anmutigsten Spaziergänge, die ich jemals zurückgelegt.

—  Goethe, Italienische Reise, 25. Oktober 1786

Beim Barbiere von Foligno

Ah, bravo Figaro, bravo, bravissimo, bravo!
—  Gioacchino Rossini, Il Barbiere di Siviglia, 1. Akt

Nach stundenlanger Kurvenfahrt brauche ich jetzt wirklich eine Pause. In Foligno suche ich deshalb einen Barbiere auf. Nicht allein, weil auf dem Land der Haarschnitt billiger ist als in Rom. Ein Friseursalon ist auch immer ein toller Ort zur Unterhaltung.

Beim Betreten des schon reichlich in die Jahre gekommenen Salons begrüßt mich der Barbiere froh gestimmt und dabei mechanisch an seinem Kunden weiterschnippelnd: „Benvenuto, signor Agostino ò pazzo!“  Nein, für pazzo – verrückt – hält er mich sicher nicht. Er vergleicht mich nur mit dem Rennfahrer Giacomo Agostini, der in den 60er/70er Jahren mit seiner MV Agusta in der Altstadt von Neapel halsbrecherische Kunststücke vollführte.

Ich nehme neben einem zahnlosen Alten Platz und greife nach einem zerfledderten Exemplar der Famiglia Cristiana, einer der meist gelesenen Zeitschriften Italiens. Sie gehört zur Standardausstattung eines jeden Friseursalons. Was mich interessiert, sind auf den letzten Seiten die Kochrezepte der Klosterschwester Suor Germana. Einfach himmlisch, was sie da immer schreibt.

Derr ländliche Barbiere richtet mich her, als wollte ich an einem provinziellen Schönheitswettbewerb teilnehmen. Sei’s drum. Es ist unterhaltsam und der Haarschopf paßt wieder unter den Helm.

Vorbei am Heiligen Franz von Assisi

Panoramabild der Basilica San Francesco in Assisi in Umbrien

Basilica San Francesco in Assisi

Mit frischem Kurzhaarschnitt und über und über mit Talkumpuder bestäubt mache ich mich auf den Weg nach Assisi zum Heiligen Franz. Doch schrecken mich schon von weitem unzählige Reisebusse auf den Parkplätzen ab. Ein Besuch der Kirche wäre ganz schön gewesen. Sicher sieht es heute dort besser aus als vor 200 Jahren:

Alle Gebäude sind im Verfall, und die 300 Geistlichen … mit der ganzen verworrenen Anlage … geben ein unheimliches Bild des dunkelsten Aberglaubens und des Mystizismus.

—  Karl Friedrich Schinkel, Reisetagebuch, 25. August 1824

Auf der Strasse des Tabaks

Während ich das obere Tibertal hochfahre, wird mir wieder klar, daß ich mich auf der “Straße des Tabaks” bewege. Sie führt von Umbertide über Montone, Pietralunga, Città di Castello, Monte Santa Maria Tiberina, San Giustino bis Citerna.

In dieser Gegend werden jährlich 15.000 Tonnen Virginia Bright und 130 Tonnen Kentucky-Tabak produziert. Dieser wird zum berüchtigten „Sigaro Toscano“ verarbeitet, einer sehr starken, würzigen Zigarre mit hohem Nikotingehalt. Deswegen wird sie traditionell sie nicht als Ganze geraucht, sondern in der Mitte gebrochen oder zerschnitten.

Von dieser Lieblingszigarre des Pfarrers Don Camillo heißt es, zum Rauchen eines Toscano brauche man drei Mann: einen, der rauche, und zwei, die ihn festhielten. Mir ist jedenfalls schon richtig schlecht davon geworden.

Die schwangere Madonna
von Piero della Francesca

Bild des Freskos La Madonna del Parto von Piero della Francesca in Monterchi (AR), Italien

Piero della Francesca: La Madonna del Parto

Als ich am späteren Nachmittag meinen Zielort Monterchi erreiche, hat das Museum natürlich schon geschlossen. Deswegen suche ich gleich meinen Agriturismo auf, in dem ich nicht nur hervorragend zu Abend esse, sondern auch wie ein Bär schlafe.

Am nächsten Morgen begebe ich mich zu der ehemaligen Mittelschule im Dorf, die das Fresko „La Madonna del Parto“ (1455/65) von Piero della Francesca beherbergt. Ich genieße es, als einziger Besucher das Kunstwerk in Ruhe betrachten zu können:

Die Darstellung einer hochschwangeren Madonna, in stolzer Haltung stehend, ohne alle sonst üblichen Attribute wie Strahlenkranz, Mondsichel oder Buch. Die beiden Engel zu ihrer Seite halten einen Brokatvorhang auf und lenken so das Auge des Betrachters geradewegs auf die Hauptfigur. Der Blick der Madonna ist schmerzhaft gesenkt. Wer selbst Schwangerschaften durchgemacht oder miterlebt hat, wird diese Haltung gut nachvollziehen können.

Zwar gab es im 14. Jahrhundert mehrere Madonnendarstellungen dieser Art. Doch wurden sie vom Konzil von Trient (1545 – 1563) als “ketzerisch” verboten. Deshalb muß man seither recht ausdauernd nach einer schwangeren Madonna suchen.

Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich von der Gottesmutter. Ihr Umstandskleid hat die gleiche Farbe wie meine Maschine. Ich hoffe, dies ist ein gutes Zeichen.

Eine halbe Stunde habe ich vor dem Madonnenbild verweilt. Meine Motorradtour dorthin hat sich aber mehr als gelohnt: einsame Kurvenstrecken ohne Ende, Treffen mit zwei guten Kumpels, herrliche Landschaften, interessante Bauwerke, hervorragendes Essen und nette Gespräche mit Barbiere und Carabinieri.

Über meine geschichtsträchtige Rückfahrt nach Rom berichte ich hier.

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Motorrad-Seitenständerunterlage selbst gemacht

Eine einfache Motorrad-Seitenständerunterlage gegen Umfaller bewährt sich auf weichem Untergrund.

Essen auf Rädern im Winter

Motorradtouren machen auch in der kalten Jahreszeit Spaß. Man muß sich nur darauf einrichten – mit warmer Bekleidung und warmer Verpflegung. Wie hält man sich mit einer guten Mahlzeit bei Laune? Hier sind die besten Tips aus kalten und einsamen Gegenden für Essen auf Rädern im Winter.