Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour Toskana – Rom

Die Motorradtour Toskana – Rom folgt dem jahrhundertealten Zug von Kaisern, Kaufleuten und Kardinälen in die Ewige Stadt. Eine wunderschöne, abwechslungsreiche Strecke abseits der großen Straßen läßt Geschichte und Geschichten erleben, die diese Tagestour unvergeßlich machen.

Alle Wege führen nach Rom

Ich wolt nicht 1000 fl. nehmen, das ich Rom nicht gesehen hett, denn ich hett solch ding nicht kunnen gleuben, wenn mirs einer gesagt hett, wenn ichs nicht selbs gesehen hett.

—  Martin Luther, Tischrede (1542)

Von meiner Motorradtour durch Umbrien zur schwangeren Madonna von Monterchi einfach auf der Autobahn nach Rom zurückzubrettern wäre unverzeihlich gewesen. Denn die Ewige Stadt lebt nicht allein von Geschichte, Architektur und Urbanität. Sie lebt ebenso von den Wegen, die dorthin führen. Es mag ja sein, daß alle Wege nach Rom führen. Aber es gibt einige wenige ausnehmend schöne. Insbesondere für eine Motorradtour.

Eine Strasse – vier Seen – viel Spaß

Römische Konsularstrasse mit massiven Decksteinen in offener Landschaft in Latium

Die Römerstraße in offener Landschaft │ © Dcrjsr • Creative Commons Attribution 3.0 Unported

 

Auch wenn man „nur“ aus Monterchi in der südlichen Toskana kommt: Alle Wege führen nach Rom. Sagt man. Aber manche sind halt besonders reizvoll, so daß man die anderen links oder rechts liegen läßt. Warum?

Meine Lieblingsstraße ist die Via Cassia durch die klassische Landschaft des südlichen Etruriens. Über viele Kilometer verläuft sie deckungsgleich mit der Mille Miglia, der seit 1927 gefahrenen (Oldtimer-)Rennstrecke Brescia – Rom – Brescia. So einen fahrerischen Leckerbissen darf man sich keinesfalls entgehen lassen.

Um unterwegs meine Seele ein wenig baumeln zu lassen, umrunde ich auf dieser Route vier Kraterseen von besonderer Schönheit: den Lago di Trasimeno, den Lago di Bolsena, den Lago di Vico und meinen Haussee, den Lago di Bracciano vor den Toren Roms.

Daß dabei jede Menge (Fahr-)Spaß herumkommt, brauche ich wohl nicht eigens zu betonen: Die landschaftliche Schönheit der abgelegenen Kurvenstrecke ist Balsam für das Auge und an jedem See lädt eine kleine Bar dazu ein, die müde gewordenen Beine auszustrecken.

Streckenführung

Monterchi – Umbertide – San Vito – Tuoro – Montepulciano – Pienza – San Quirici d’Orcia – Montefiascone – Viterbo – Ronciglione – Bracciano – La Storta – Rom. 328 km

Hannibals Sieg am Trasimenischen See

Bild von einem Motorradfahrer in Lederkombi mit Helm auf dem Schoß bei einer Kaffeepause am Trasimenischen See

Verdiente Kaffeepause am Trasimenischen See

Zunächst fahre ich von Monterchi aus ein Stück tiberabwärts bis Umbertide zurück, wo ich nach Südwesten auf die tausendkurvige SP 142 einbiege. Diese quert auf waldigen Höhen des Apennins die umbrisch/toskanische Grenze. Hat man dann den Westhang des Bergzuges erreicht, gleitet der Blick schon von weitem auf das runde blaue Auge des Trasimenischen Sees.

Als ich am Ufer bei San Vito ankomme, bin ich von der Kurverei einigermaßen geschafft und lasse ich mich erst einmal auf dem Bootssteg einer Bar nieder. Die Welt scheint unendlich weit weg von hier.

In das lichte Blau der Seelandschaft blinzelnd versuche ich mir vorzustellen, was vor 2.200 Jahren genau hier in der Schlacht am Trasimenischen See abging:

Mit einer raffinierten Täuschungsaktion hatte 217 v. Chr. der karthagische Feldherr Hannibal das Heer des römischen Konsuls Gaius Flaminius in die Falle gelockt. Der größte Hinterhalt aller Zeiten. Von den Hügeln her trieb er die Römer buchstäblich ins Wasser und rieb drei römische Legionen auf. Die horrenden Verluste von 30.000 Toten und Gefangenen lösten in Rom Panik aus.

In das Land der Etrusker

Nach diesem gedanklichen Ausflug in die Geschichte schwinge ich mich wieder auf meine ozeanblaue Maschine. Um den öden Autobahnzubringer nach Westen zu vermeiden, umrunde ich den Nordteil des Sees auf der SR 71. Dann biege in Castiglione del Lago auf der winzigen SR 454 Richtung Montepulciano ein. Vielen ist die Stadt vielleicht vom Weinetikett her bekannt. Keine schlechte Wahl als Begleiter einer üppigen Pasta.

Ideale Stadt der Renaissance in bildlicher Vorstellung

Ideale Stadt der Renaissance in bildlicher Vorstellung um 1490/1500, von Francesco di Giorgio Martini (1439 – 1502) oder Luciano Laurana (1420 – 1479) │ © Staatliche Museen zu Berlin. Preußischer Kulturbesitz. Gemäldegalerie

In einem nordwestlichen Schlenker geht es dann auf die SP 326, die mich in Torrita di Siena auf die SP 75 führt. Hätte ich mehr Zeit, würde ich gerne noch einmal nach Pienza hineinschauen: Dieses Städtchen ist die Heimat des Humanisten Aeneas Silvius Piccolomini, des späteren Papstes Pius II. Hier verwirklichte er sein Ideal der humanistischen Stadtplanung, die später in ganz Europa Schule machte.

Via Cassia
Die Konsularstrasse

Bild der der alten Konsularstraße Via Cassia zwischen Viterbo und Orvieto mit Strassenschildern und Häusern im Hintergrund

Die römische Konsularstraße Via Cassia firmiert jetzt als Strada Statale 2 │© LigaDue • CC BY-SA 4.0

Die Welt gehört dem, der sie genießt.
—  Giacomo Leopardi (1798 – 1837), Pensieri

Auf der SP 146 erreiche ich wenig später in San Quirico d’Orcia die SR 2, die antike Via Cassia. Im 2. Jahrhundert v. Chr. gebaut, band diese Konsularstraße das immer mächtiger werdende Rom an das südliche Etrurien an.

Auf freundliche Hinweise des Deutschen Historischen Instituts Rom hin spüre ich dem Verlauf der antiken Via Cassia nach. An etlichen Stellen, meist abseits der nachantiken Überbauung, ist noch die massive römische Pflasterung erkennbar. Ursprünglich verlief die Via Cassia von Rom nach Florenz, wo sie auf die Via Aurelia traf. Von dort aus führte sie Richtung Genua weiter.

Die steinerne Fernstraße in dieser milden Landschaft hat seit jeher die Menschen in ihren Bann gezogen: Noch im fernen Exil am Schwarzen Meer erinnert sich Ovid an Gärten und pinienbestandene Hügel entlang der Via Cassia.

Als sich im Mittelalter der politische Schwerpunkt sich nach Norden verlagerte, wurde die Verbindung mit Rom umso wichtiger. Die Via Cassia wurde zur Magistrale für Könige, Prälaten und Pilger.

Auf der Mille Miglia nach Rom

Der deutsche Rennfahrer Huschke von Hanstein auf der Millemiglia bei Radiocofani 1932 im Schwarzweißbild

Der deutsche Rennfahrer Rudolf Caracciola (mit seinem Mechaniker Bonini) auf der Millemiglia bei Radiocofani 1932 am Steuer eines  Alfa Romeo 8C 2300 Spider Touring │ ©Bruno Guerrini (Own collection)

Ab San Quirico d’Orcia wird meine Strecke für den Motorradtouristen besonders interessant. Es hat schon seinen guten Grund, daß eines der großen klassischen Straßenrennen seit seinem Start im Jahre 1927 über die Strecke führt, die ich mir jetzt vorgenommen habe:

Denn in dieser Region hat die Mille Miglia “Classica” eine besonders reizvolle Streckenführung: San Quirico d’Orcia — Radicofani — Bolsena — Viterbo — Monterosi — Madonna di Bracciano — Rom.

Sie ist einfach phantastisch zu fahren: Eine sanfte Hügellandschaft begleitet die Strecke. Malerische Dörfer wechseln einander ab. Weinberge säumen links und rechts die Straße.

Bild vom Städtchen Radicofani auf dem Berg liegend mit Festungsturm

Das Städtchen Radicofani auf dem Berg │ ©Stefano Viola • CC BY-SA 4.0

Ansicht von Radicofani im Süden der Toskana

Ansicht von Radicofani im Süden der Toskana, gezeichnet von dem jungen Baumeister Karl Friedrich Schinkel bei seiner Italienreise 1804 │© Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin • CC BY-NC-SA

Schon von weitem zeichnet sich am Horizont ein einzelner Berg mit einer Burg darauf ab: Radicofani. Seitdem im Jubiläumsjahr 1500 die Pilgerstrecke nach Rom durch diese Gegend führte, haben sich zahllose Romzügler an der Schönheit dieser Gegend erbaut. Auch ich kann nicht widerstehen und schwinge mich in reizvollen Kurven den Berg hoch. Auf dem Gipfel erwartet mich ein herrlicher Rundblick über das Land.

Die Strecke zieht sich weiter nach Süden, bis sie nördlich von Bolsena auf den gleichnamigen See stößt, den Lago di Bolsena. Ich genieße meine Fahrt am Ostufer des Sees im Patrouillentempo, immer wieder eine Blick über die sonnenbeschienene Wasserfläche werfend. Dann biegt die Cassia nach SO ab und führt durch Montefiascone.

Est Est Est.

Stadtansicht von Montepulciano mit Gärten und Weinbergen im Vordergrund

Stadtansicht von Montefiascone │©Mark de Man • CC BY-SA 3.0

Für Weinliebhaber ist Montefiascone ein Ort zweifelhafter Berühmtheit. In dem kleinen Anbaugebiet wird ein Weißwein produziert, der wegen seines eigentümlichen Namens einen erstaunlichen Bekanntheitsgrad besitzt. Est! Est!! Est!!!, ein blasser, leichter Wein mit Aromen von Apfel, Heu und Blütentee. Der größte Teil der Produktion besteht aus standardisierter Massenware, die zu Dumpingpreisen vermarktet wird.

Der Name des Weins wird auf eine mittelalterliche Begebenheit zurückgeführt. Dabei soll ein deutscher Monsignore auf dem Weg nach Rom zur Kaiserkrönung Karls V. seinen Diener vorausgeschickt haben, um Gasthäuser auszukundschaften, in denen guter Wein ausgeschenkt wird.

In Montefiascone soll dieser dreimal das Wort »Est« an die Tür einer Osteria geschrieben haben, weil ihm der Wein so gut mundete. Der wackere Monsignore hat sich der Legende nach übrigens an diesem Wein totgesoffen.

Besuch bei Freunden in Viterbo

Ich starte also lieber in das wenige Kilometer entfernte Viterbo durch, das über die Jahrhunderte sein mittelalterliches Erscheinungsbild bewahrt hat.

Bild vom mittelalterlichen Papstpalast von Viterbo in der Altstadt

Der Papstpalast von Viterbo

Mitte des 13. Jahrhunderts residierten hier insgesamt acht Päpste, weswegen Viterbo auch die „Stadt der Päpste“ genannt wird. 1268 beherbergte Viterbo mit insgesamt 1005 Tagen das längste Konklave der Kirchengeschichte. Während dieser Zeit starben reihenweise die Kardinäle weg. Ebenso der Nachfolger des Gewählten, der Portugiese Johannes XXI.: Die Decke seiner Privatbibliothek stürzte auf den Gelehrten herab und der Pontifex verschied.

Mit meinen Freunden, die ich nach der gestrigen Tour in der Stadt wiedersehe, treffe ich mich in der Bar an der Piazza della Rocca zu einem angeregten Plauderstündchen.

Lago di Vico

Zwei Kraterseen auf meiner Tourstrecke, fotografiert von der Internationalen Raumstation ISS(-36): Rechts der Lago di Vico, links der Lago di Bracciano. Sie entstanden durch Vulkanausbrüche vor 800.000 bzw. 200.000 Jahren. │ Foto: NASA

Südlich von Viterbo begrüßt mich der dritte Kratersee am heutigen Tage, der Lago di Vico. Auf der antiken Route gondele ich am Kraterrand des Sees den waldigen Monte Fogliano entlang nach Ronciglione und erreiche wenig später den kleinen Ort Sutri.

Schicksalsort Sutri

Bild der Altstadt von Sutri in Latium mit Festung und Kirche

Die Altstadt von Sutri

Klein wie dieser Ort auch ist, hat er in der Vergangenheit doch allerhand Prominenz gesehen. Kaiser und Könige zogen hier durch, Ludwig der Bayer, Karl IV., Friedrich III. (“Des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze”).

Zudem wurde ein wichtiges Kapitel europäischer Geschichte geschrieben: König Heinrich III. setzte im Dezember 1046 auf dem Weg zur Kaiserkrönung auf der Synode von Sutri gleich drei Päpste ab.

Der Investiturstreit zwischen Papsttum und Kaisertum war damit ausgelöst. Die Epoche des Hochmittelalters nahm von hier aus ihren Lauf.

Im Winter 1510 machte in Sutri auch ein Augustinermönch namens Martin Luther Station. Auf Dienstreise. Geplagt von Kälte, Schneeregen und den Folgen einer Darmgrippe.

Amphitheater von Sutri mit angrenzendem Pinienwald und Parkplatz

Amphitheater von Sutri │ ©Croberto68 • CC BY 3.0

Nach dieser illustren Gesellschaft mache auch ich hier halt, allerdings auf Privatreise und in weit besserer Verfassung. Am Rande der Via Cassia schiebe ich meine Maschine am gut erhaltenen etruskischen Amphitheater auf den Ständer. Genau dort, wo im Altertum Gladiatorenkämpfe veranstaltet wurden. Diese jedoch – anders als bei den Römern – nicht allein zur Volksbelustigung. Sie waren auch Bestandteil eines religiösen Rituals.

Etruskergräber in Sutri in den Tufffelsen gehauen, nördlich von Rom

Etruskergräber in Sutri │ ©Gabriele Delhey • CC-BY-SA-3.0

Nebenan hatten die Etrusker zweckmäßigerweise eine  Nekropole in den Tufffelsen gehauen. Die Höhlen dieser Anlage sind noch gut sichtbar. Wo jetzt eine kleine Kirche steht, befand sich seit dem 2. Jh. ein Tempel der Mithras-Sekte. Ursprünglich aus Persien stammend und den Lichtgott Mithras verehrend, hing sie einem Geheimkult an, von dem uns aber nur wenig überliefert ist.

Lago di Bracciano

Bild des Castello Orsini-Odescalchi in Bracciano nördlich von Rom

Castello Orsini-Odescalchi in Bracciano

Hinter dem Ortsausgang von Sutri biege ich von der Via Cassia auf die kleine SP 3/C ab Richtung Trevignano Romano. Dort habe ich meinen Haussee erreicht, dem Lago di Bracciano. Wann immer mir der Sinn nach einer Nachmittagsrunde und einem Caffè am See steht, komme ich hierher.

Von Trevignano aus fahre ich am Westufer entlang, weil man von den höher liegenden Hügelstraßen aus den besseren Ausblick auf den See hat. In Bracciano fahre ich dann erst einmal zum mittelalterlichen Castello Orsini-Odescalchi hinauf uns genieße die Nachmittagsstimmung.

Über die SP 493 stoße ich dann bei La Storta wieder auf meine alte Via Cassia. Von der einstigen Konsularstraße ist jedoch durch spätere Überbauung wenig übrig geblieben. Durch eine moderne Vorstadt fällt die Straße ab nach Rom hinein. Der Trubel der Ewigen Stadt hat mich wieder. Die Erinnerung an eine herrliche Tour bleibt.

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