Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch den Thüringer Wald

Eine Motorradtour durch den Thüringer Wald abseits der Autobahn München – Berlin lockert die langweilige Langstrecke mit wunderbaren Fahrerlebnissen auf.

Horrorvision Autobahn

Auf meiner fahrerischen Horrorliste rangiert die Autobahn A9 München – Berlin ganz weit oben. Auch wenn in den letzten Jahren wichtige Teilstücke toll ausgebaut worden sind, finde ich die 566 km von Schwabing nach Charlottenburg scheußlich: Tückische Staus, besonders zu Ferienzeiten, dichter LKW-Verkehr und endlose Elefantenrennen von Lastern mit exotischen Kennzeichen machen die Langstrecke zur Qual. Erst recht die Fahrt durch die mitteldeutsche Tiefebene, wo die Parkplätze genauso einladend wirken wie in der Kalmückensteppe.

Grüne Welle Thüringen

Auf der Heimreise von einer wunderschönen Langstreckentour durch Süditalien blieb uns die Autobahnfahrt von der heimlichen in die echte Hauptstadt leider nicht erspart. Um dieses Schicksal abzumildern, haben wir radikal umgeplant und die öde Autobahnstrecke einfach geteilt. Zu Gunsten einer tollen Motorradtour durch den Thüringer Wald auf halber Strecke. Scenic by-way nennen das die Amerikaner, eine malerische Nebenstraße abseits der Highways.

Dieses herrliche Kurvenrevier liegt westlich der A9 inmitten der Abschnitte München – Berg/Bad Steben (277 km) und Hermsdorfer Kreuz – Berlin (225 km). Was wir dort erlebt haben, war ein fahrerisches und touristisches Schmankerl, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Motorradtour durch den Thüringer Wald

Straßenach
A9 Abfahrt Naila SelbitzBad Steben
St 2196Lichtenberg
K 563Lichtenbrunn
K 563Bad Lobenstein
K 564Ebersdorf
L 1095Saalburg
K 550Bleilochtalsperre
K 558Remptendorf
L 1102Liebschütz
WaldwegZiemestalbrücke
L 2366Drognitz
L 2385 / K 181Kaulsdorf
L 1106 / L 1105Unterwellenborn
B 281Pössneck
L 1108Orlamünde
B 88Kahla
L 1062Eineborn
L 1073A9 Hermsdorf-Süd

Wellness-Stop in Bad Steben

Mit leichtem Sausen in den Ohren von der Geschwindigkeitsfahrt auf der Autobahn biegen wir an der Ausfahrt Berg/Bad Steben ab in die grüne Stille des nördlichen Frankenwaldes. Ein gewundenes Talsträßchen führt uns in das Bayerische Staatsbad Bad Steben.

Der freundliche Portier unseres Hotels weist unserer Maschine ein verborgenes Plätzchen hinter dem Haus zu. Wir satteln ab, wechseln die Klamotten und machen uns auf in die Stebener Therme. Ein wahrer Hochgenuß nach der Autobahnfahrt: Warmes Quellwasser umschmeichelt uns, Sprudel und Strudel massieren sanft unsere beanspruchten Muskeln. Die Dampfgrotte schwitzt auch das letzte Körpergift aus uns heraus. Wir fühlen uns einfach nur wohl.

Kurmittelhaus Bad Steben

Auf in die Therme!

Zu diesem Wohlgefühl trägt nicht zuletzt ein oberfränkisches Gasthaus bei, in dem wir es uns bei regionaler Küche und Haustrunk gut gehen lassen. Kein Vergleich zu der Autobahnraststätte, die uns ansonsten erwartet hätte.

Thüringer Schiefergebirge

Am nächsten Morgen sind wir keineswegs so einsam wie gedacht, denn die Senioren-Gäste blasen schon in aller Herrgottsfrühe zur Attacke auf das Frühstücksbuffet. Doch wir kommen nicht zu kurz. Zeitig werfen wir den Motor an, um unser erweitertes Streckenpensum bewältigen zu können. Unsere Motorradtour durch den Thüringer Wald kann beginnen.

Nach einem Kilometer passieren wir dir Grenze zu Thüringen. Wer sich noch vergangener Zeiten erinnert, in denen hier für viele einmal das Ende der Welt war, wird verstehen, wie beschwingend eine Motorradtour durch den wunderbaren Thüringer Wald wirken kann.

Alles ist hier „grün“. Nicht nur der Wald, auch die Ortsnamen: Groschlattengrün, Zollgrün, Isabellengrün, Christusgrün, aber auch Marxgrün. Alles dabei. Die zweite dominierende Farbe ist das Schwarz des Schiefers, auf dem sich der Thüringer Wald erhebt. In engen Tälern drängen sich dicht an dicht Häuser mit Schieferdächern und -vertäfelungen. Aus dieser Gegend kamen die Schiefertafeln, auf denen wir schreiben gelernt haben (Marke „Teutonia“). Gleich nach der Wende besorgte ich mir aus einem kleinen Steinbruch bei Bad Lobenstein einen extra feinkörnigen Schiefer-Abziehstein für meine Rasiermesser. Thüringen begleitet mich ein Leben lang.

Für den Motorradfahrer sind die gewundenen einsamen Straßen durch ebendieses Schiefergebirge allererste Sahne. Sie durchziehen dichte Wälder, senken sich hinab in lauschige Täler, um dann in Serpentinen wieder auf freie Höhen anzusteigen, die einen weiten Blick über dieses schöne Land freigeben. Kurven und Abwechslung ohne Ende.

Landstraße im Thüringer Wald

Landstraße im Thüringer Wald

Bleilochtalsperre

Erstes Ziel unserer Motorradtour durch den Thüringer Wald ist die Bleilochtalsperre, in der das Wasser der Saale zum volumenmäßig größten Stausee Deutschlands aufgestaut wird. Zunächst umrunden wir seinen südlichen Zipfel. Bei der Überfahrt über die Brücke nach Saalburg und von der anschließenden Höhenstrecke aus eröffnet sich ein herrliches Panorama. Vieles möchte man sich ansehen, wie das Schloß Burgk hoch über der Saale-Schleife – aber dafür reicht diesmal leider die Zeit nicht. Man sollte da auch mal die Reußische Fürstenstraße fahren mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten.

Panorama der Bleilochtalsperre

Panorama der Bleilochtalsperre

Damm der Bleilochtalsperre in Thüringen mit einem scharzen Motorrad Yamaha FJR 1300 bei einer Motorradtour durch den Thüringer Wald

Am Damm der Bleilochtalsperre

Auf den verschlungenen Wegen unserer Motorradtour durch den Thüringer Wald erreichen wir kurz darauf die Talsperre, ein Werk der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der späten 20er Jahre, heute ein Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland. Wir nehmen uns viel Zeit, um das Bauwerk zu bewundern und die herrliche Landschaft zu genießen.

Alte Turbine der Bleilochtalsperre in Thüringen mit Motorrad und Fahrerin, besucht bei einer Motorradtour durch den Thüringer Wald

Drei Turbinen am Staudamm

Ziemestalbrücke

Im Schritttempo passieren wir, immer noch den Ausblick zu beiden Seiten genießend, den Staudamm. Über Remptendorf gelangen wir nach Liebschütz und biegen dort links in den Wald ab. Auf Serpentinen windet sich die Straße hinunter in das Tal des Kleinen Otterbachs. Auch hier zeigt der Thüringer Wald, was er an Fahrspezialitäten zu bieten hat.

Nach wenigen hundert Metern überqueren wir links eine kleine Brücke und folgen einem Waldweg am Großen Otterbach entlang. Durch Schlamm und Schotter wühlen wir uns mit dem schweren Gefährt bergan. Die 146 PS wollen sehr gefühlvoll auf die Achse gebracht werden. Schließlich ist die FJR ein Autobahnbrenner und keine Enduro. Aber mit den Pirelli Angel GT 2 geht es erstaunlich gut. Dann kündigt sich nach 2 km ein Schild eine technische Besonderheit an:

Schild mit den technischen Daten der Ziemestalbrücke in Thüringen

Technische Daten der Ziemestalbrücke

Rothaarige Motorradfahrerin mit Maschine auf dem Waldweg an der Ziemestalbrücke bei einer Motorradtour durch den Thüringer Wald

Auf dem Waldweg an der Ziemestalbrücke

Wir stellen die Maschine einsinksicher ab und stiefeln über den Bach zur Ziemestalbrücke. Was wir entdecken, ist eine Art Brücke am Kwai mitten im Thüringer Wald. Vom Talgrund aus ragen die genieteten Stahlgerüstpfeiler 32 m in die Höhe, auf denen ein Bahnkörper ruht, der längst außer Dienst gestellt ist. Die einbahnige Linie Triptis – Marxgrün ist Vergangenheit, die Brücke aber steht als technisches Denkmal tief im Wald und lohnt auf jeden Fall einen Abstecher.

Ziemestalbrücke im Thüringer Wald

Ziemestalbrücke im einsamen Thüringer Wald

Stahlträger der Ziemestalbrücke im Thüringer Wald

Stahlträger der Ziemestalbrücke

Hohenwarte Stausee

Hinter Drognitz geht es bergab zum Hohenwarte-Stausee, der auf der Karte aussieht wie ein Darmgeschlinge. An ihm führt unsere herrliche Panoramastraße entlang, die zu unserer Freude fast vollkommen verkehrsfrei ist. Die Strecke am See bis Kaulsdorf ist ohne Zweifel ein Highlight unserer Motorradtour durch den Thüringer Wald.

Die Weiße Frau von Orlamünde

Über Ranis und Pößneck erreichen wir das lauschige Tal der Orla, das uns nach Orlamünde führt. Erinnerungen an den Heimatkundeunterricht in der Volksschule werden wach: Die grausige Sage von der Gräfin von Orlamünde, die aus verschrobener Liebe zu einem Mann ihren Kindern die Augen aussticht, dann auf Knien eine Bußwallfahrt nach Himmelkron unternimmt und schließlich als Untote in Gestalt einer Weißen Frau durch das Schloß geistern muß. Hier war das also. Die Frau hinter mir auf dem Sattel ist jedenfalls schwarz gewandet und unsere Kinder haben noch alle Augen drin.

Weißes Gold in Kahla

Wenigen Kilometern auf der B 88 sind wir schon in Kahla. Seit 175 Jahren wird hier Porzellan produziert, „weißes Gold“, wie man im 18. Jahrhundert sagte. Wer sich dafür interessiert und entsprechend Zeit mitbringt, kann an einer Besichtigung der Porzellanfabrik teilnehmen.

Das ist für uns heute leider nicht drin, denn wir müssen noch weiter nach Berlin. Auch die Leuchtenburg hoch über der Stadt bleibt vorerst unbesichtigt. Dafür genießen wir noch die letzten Landstraßenkilometer bis zum Hermsdorfer Kreuz.

Leuchtenburg bei Kahla in Thüringen

An der Leuchtenburg bei Kahla biegt unsere Strecke nach Osten zur Autobahn ab.

Noch einen letzten Kaffee – dann hat uns das graue Band der A9 wieder. Im Kopf aber bleiben die Erinnerungen wach an eine wunderbare Motorradtour durch den Thüringer Wald. Wir kommen wieder, mit mehr Zeit zum Fahren, Schauen und Genießen.

Erster Teil dieser Tour:

Zweiter Teil dieser Tour:

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Comments (2):

  1. Axel Müller

    20/07/2019 at 14:04

    ! Erstaunlich! Die Region glaubte ich zu kennen … und dann die Ziemestal-Brücke. Ganz herzlichen Dank wieder einmal für diesen interessanten Tip und – allzeit gute Fahrt!

    Reply
  2. christianseebode

    15/08/2019 at 17:10

    Thüringen ist immer eine Tour wert: tolle Strecken, schöne Landschaft, interessante Ziele, gute Küche, nette Menschen. Wenn nur nicht die eintönige Anfahrt über die Autobahn wäre 😉

    Reply

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