Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Eine Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien (kurz: Mt. Tam), den heiligen Berg der Miwok-Indianer, gehört zu den unvergeßlichen Motorraderlebnissen in den USA. Er ist der Zwillingsbruder des auf der Ostseite der San Francisco Bay gelegenen Mt. Diablo, der gleichfalls den Indianern heilig war. Eine kurvenreiche Straße umrundet den Berg in einer Szenerie einzigartiger Schönheit.

Zu krönen ist dieses Erlebnis nur dadurch, daß man die Strecke bei Tagesanbruch hochfährt und den Sonnenaufgang auf dem Gipfel erlebt. 

Der Heilige Berg
der Miwok-Indianer

Mit 784 m Höhe beherrscht Mt. Tam majestätisch die Pazifikküste um San Francisco. Er ist von einem dichten Netzwerk von Rad- und Wanderwegen sowie einer Bergstraße erschlossen. Der frühere Bahnbetrieb wurde schon 1929 eingestellt.

Das atemberaubende Panorama nach jeder Himmelsrichtung hin macht ihn zum beliebten Ausflugsziel, was eine sorgfältige Zeit- und Routenplanung erfordert.

Für die an der Küste lebenden Miwok-Indianer war Mt. Tam Sitz ihres Schöpfergottes Coyote und anderer Geister. Sie versuchten Fremde vom Besteigen des Berges durch die Legende abzuhalten, auf seinen Gipfel lebten böse Geister. Wer einmal eine einsame Tour dorthin unternommen hat, versteht sehr wohl, warum Störenfriede unten bleiben sollten.

Die Wiege des
Mountain Bikes

Bekannt geworden ist Mt. Tam als Entstehungsort der Mountain Bikes. Drei Fahrradenthusiasten bastelten 1978 an Vorkriegs-Fahrrädern mit Ballonreifen, um damit auf dem Berg auch abseits befestigter Wege herumzufahren. Das Mountain Bike war geboren. Steigende Nachfrage stimulierte ausgefeiltere Konstruktionen und löste über einen Modetrend einen Massenboom aus. Dem wollte ich aber bei meiner Bergtour jedoch unbedingt aus dem Wege gehen.

Start zur Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Streckenplan der Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Streckenplan der Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Jeden Morgen grüßt mich Mt. Tam durch das Badezimmerfenster. Mein Hausberg, Ziel allmonatlicher Sehnsuchtsfahrten und Teststrecke für Fahrwerksabstimmung und Kurventechnik. 27 km. Besser kann man’s eigentlich nicht haben wollen.

Einmal will ich den Berg aber ganz alleine für mich, was angesichts seiner touristischen Anziehungskraft nicht einfach ist. Zeitpunkt meiner Wahl ist deshalb ein Sonnenaufgang in der Woche zwischen Weihnachten und Silvester. Die Maschine ist vollgetankt, das Öl frisch gewechselt, Zug- und Druckstufe des Öhlins-Fahrwerks sind minutiös abgestimmt. Es kann losgehen.

Als der Wecker mitten in der Nacht lospiepst, frage ich mich: Wie kann jemand nur so durchgeknallt sein, eine Nachtfahrt zu unternehmen, wenn der überwiegende Rest der Welt sich noch schlaftrunken in den Pfühlen wälzt? Das erleuchtete San Francisco liegt noch ruhig unter sternklarem Himmel.

Bild einer Vollmondnacht ueber San Francisco, von Tiburon aus gesehen

Start vor Morgengrauen bei Vollmond

Willig springt die Maschine an. Dick eingepackt rolle ich die Serpentinen bergab zum Ufer der San Francisco Bay und gebe auf dem Weg über die CA 101 nach Mill Valley dem Motor ausreichend Zeit zum Aufwärmen. Wie ein Geisterfahrer pirsche ich durch das stockfinstere Marin County dem Berg entgegen.

Mit warm gewordenen Reifen schwinge ich mich die Sequoia Rd bergan. Mein Scheinwerfelkegel fängt zottelige Eukalyptusbäume und rissige Redwoods ein. Richtig interessant wird es, als die Strecke als Panoramic Hwy bergwärts in den Naturpark abbiegt. Die Dunkelheit ist gebrochen. Die Sicht wird von Passage zu Passage klarer.

Bis zum Gipfel werde ich der Einzige auf der Strecke sein. Die Klapperschlangen liegen im Winterquartier. Bleiben einzig die Pumas. Schlimmstenfalls würden sie wohl mit meinen Metzeler Z 6 Bekanntschaft machen.

Sonnenaufgang über der
San Francisco Bay

Am Ziel der Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Auf dem Gipfel des Mt. Tam vor Sonnenaufgang

Wie in einem Simulator laufen vor meinen Augen zwei Filme synchron ab: die eintrainierte Strecke, die ich in jeder Kurve auswendig kenne, und der reale Fahrtverlauf. Alles läuft mechanisch: kurz einbremsen, in die Kurve kippen, rausbeschleunigen und weiter den Berg hoch. Für den Panoramagenuß ist es noch zu dunkel. Ihn werde ich mir bei der Talfahrt gönnen.

Als ich nach rekordverdächtiger Zeit auf das Gipfelplateau einrolle, merke ich erst, daß es auf fast 800 m verdammt frisch sein muß. Fasziniert von dem Anblick, der sich mir bietet, hebe ich die Maschine wie in Trance auf den Hauptständer.

Ein erster rosa Streifen zeigt sich am Horizont. Unter mir liegt die Großstadtregion, die sich um die grausilber glänzende Bay ringt. Acht große Brücken ziehen sich von Ufer zu Ufer. Rechts von mir liegt der Pazifik, dessen Wellen tief unter mir anbranden. Das weite Nichts. Die nächste Stadt ist Tokio, 8.300 km weiter westlich.

Bild vom Gipfel des Mt. Tam in Kalifornien bei Sonnenaufgang

Auf dem Gipfel des Mt. Tam bei Sonnenaufgang

Langsam steigt die Sonne über den Horizont, läßt Stadt und Meer erglänzen. Fasziniert stehe ich an der Mauerbrüstung und nehme wahr, die sich der Anblick von Minute zu Minute ändert.

Bild vom Panorama auf den Pazifik vom Gipfel des Mt. Tam in Kalifornien aus

Blick auf den Pazifik vom Gipfel des Mt. Tam aus

Ich weiß nicht, wie lange ich alleine auf dem Gipfel der Indianergeister stand. Aber irgendwann wende ich mich um und sitze wieder im Sattel, ohne so recht wahrgenommen zu haben, wie ich dorthin gekommen bin. Bergab genieße ich aus wechselnden Blickwinkeln die volle Pracht des Panoramas, von der schon Sir Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes) schrieb:

There is Tamalpais, … which should be ascended only on a clear day … We never had a more glorious experience.
– Our Second American Adventure (1923)

Abfahrt über die Marin Headlands

Bild vom Sonnenaufgang über San Francisco, gesehen durch die Golden Gate Bridge

Sonnenaufgang über San Francisco durch die Golden Gate Bridge

Bild von einer BMW R 1200 GS auf den Marin Headlands am Ende einer Motorradtour auf den Mt. Tam in Kalifornien

Blick von den Marin Headlands auf San Francisco

Jetzt nach Hause zu fahren, wäre wirklich zu viel verlangt. Deshalb rolle ich zurück auf die CA 101, biege nach rechts in die Marin Headlands ab und umfahre die menschenleere Halbinsel am Pazifik entlang im ersten Tageslicht.

Bild vom Panorama auf den Pazifik von den Marin Headlands aus nach einer Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Blick auf den Pazifik von den Marin Headlands aus

Mittlerweile ist das Leben erwacht, der Berufsverkehr setzt ein – Zeit, nach Hause zurückzukehren. Ein üppiges, wärmendes Frühstück steht bereit.

Bild vom Blick auf San Francisco am Morgen vom Tunnel bei Sausalito aus nach einer Motorradtour auf den Mt. Tamalpais in Kalifornien

Tunnelblick auf San Francisco von Sausalito aus

Bild von der Bruecke der CA 101 in Marin County, Kalifornien

Rückfahrt nach Marin County auf der CA 101

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