Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour im Etruskerland

Eine Motorradtour im Etruskerland führt über Hügel, durch mediterrane Wälder und am Meer entlang in eine rätselhafte Vergangenheit.

Späte Liebe zu einem vergessenen Land

Wer glaubt, das Etruskerland sei nur ein Tourenziel für Altsprachler und Archäologen, liegt ganz schön daneben. Sicher, es gibt sie dort, die Herren mit breitkrempigem Strohhut, Kurzarmhemd und Kamera vor dem Bauch, die zwischen Kavernen und Klamotten gelehrsame Vorträge halten. Aber es gibt im Etruskerland auch ein Kurvenrevier, das eine Motorradtour zu einem besonderen Erlebnis macht. Eines, das man nicht mit vielen anderen teilen muß.

Meine Liebe zu diesem rustikalen Landstrich zwischen Toskana, Tibertal, Tyrrhenischen Meer und Rom entdeckte ich erst recht spät. Denn eigentlich ich verdanke diese Entdeckung einem eher unerfreulichen Erlebnis: Ein Gesprächstermin in der Altstadt von Rom war mir geplatzt, alle Mühe der Vorbereitung war umsonst gewesen. Aber ein Blick in den azurblauen Himmel stimmte mich um, so daß ich beschloß, meine negative Energie ins Positive zu wenden.

Warum nicht bei meinem lieben Freund und Motorradkumpel Maurizio anklopfen, der ein paar verwinkelte Gassen weiter sein Büro hatte? Gesagt, getan. Herzliche Begrüßung. Umgehend wurden zwei Espressi in Auftrag gegeben. In Erkenntnis meiner Gemütslage griff Maurizio in die unterste Schreibtischschublade, zog eine verknitterte Landkarte hervor und fragte augenzwinkernd: „Habt ihr am Samstag schon was vor?“ Wenn es ein Musterbeispiel für eine rhetorische Frage geben könnte, dann wohl dieses.

Ritt ins Etruskerland

Sogleich wurde der Konferenztisch für unsere Tourenplanung zweckentfremdet, Akten und Unterlagen beiseitegeschoben, die Karte ausgebreitet. „Ich zeige euch meine Heimat, das Land der alten Etrusker. Wir starten in Viterbo, kurven auf kleinen Nebenstraßen über die Berge weg hinunter ans Meer, schnuppern dort ein bißchen Seeluft, gondeln auf der Via Aurelia an der Küste entlang und winden uns dann in großem Bogen wieder zurück.“

Mit einem solchen Vorschlag begannen meine schmerzlichen Erinnerungen an den drakonischen Lateinunterricht meiner frühen Jahre zu schwinden:

Durch die Anstrengung und Bewegung wird der Geist wunderbar angeregt. Dann – ringsum der Wald, die Einsamkeit und die Stille selbst, … all das fördert mächtig das Denken. Folge also … meinem Rat und nehme nicht nur Speisekorb und Flasche, sondern auch deine Schreibtafel mit!

—  Plinius d. J. in einem Brief an Cornelius Tacitus über die Jagd im Etruskerland (Buch I, Brief 6, 1. Jhd. n. Chr.)

Maremma heißt dieser vergessene Landstrich, ein marschiges Gebiet entlang der Küste zwischen Piombino in der südlichen Toscana bis Civitavecchia im nördlichen Latium. Je weiter man ins Landesinnere kommt, umso hügeliger – und damit motorradaffiner – wird es. Wie sieht unsere Tourenempfehlung aus?

Streckenplan

Die Maremma – eine Entdeckung

Zu früher Morgenstunde treffen wir uns vor dem Papstpalast in Viterbo. Man sollte besser nicht zu lange im Bett verweilen, denn  genau hier krachte im Jahre 1276 Papst Hadrian V. mit seinem Bett durch die Decke – und verstarb.

Raumfüllend betankt mit AGIP Super und Lavazza Qualità Rossa lassen wir per Knopfdruck mit dem rechten Daumen die Scheiben des ehrwürdigen Palazzos erklirren. Unsere Motorradtour durch das Etruskerland kann beginnen.

motorradtour im etruskerland: palazzo farnese in viterbo

Palazzo Farnese in Viterbo

Kaum liegen die Mauern der historischen Stadt hinter uns, kosten wir auf der Regionalstraße voll den fahrerischen Reiz des etruskischen Hügellandes aus: Hügel, Schirmpinien und kleine Dörfer, dann stapeln sich schon hinter mächtigen Mauern am Berg die massiven alten Steinhäuser des Städtchens Vetralla. Da wir beschlossen haben, unabweisbare Besichtigungen entlang unserer Strecke einer späteren Tour vorzubehalten, belassen wir es bei einem touch and go und halten auf die etruskische Totenstadt Norchia zu.

Wenn jemand eine Schwäche für Indiana-Jones-Filme hat, ist hier bestens bedient. Denn er findet hier inmitten von mediterranem Buschwerk eine verlorene Totenstadt mit Ruinen, Grabhöhlen und Tempelresten. Zu schade für eine hektische Besichtigung; deshalb muß für heute ein Augenschein reichen. Tarquinia wartet auf uns, die nächste Etruskerstadt.

An der Küste entlang

Irgendwo auf der Via Aurelia biegen wir dann auf eine unbefestigte Straße ab, die sich durch ein krüppeliges Eichendickicht den Berg hochzieht. Oben angekommen stellen wir die Maschinen auf die Ständer, recken uns genüßlich in der südlichen Sonne und lassen den Blick über das glitzernde Meer gleiten. Im Dunst am Horizont zeichnet sich die bergige Silhouette der Insel Elba ab, links davon die ehemalige Sträflingsinsel Pianosa, daneben das durch den Roman-Grafen bekannte Montecristo, ganz vorne Giglio. Im Vordergrund zieht eine dickbauchige weiße Fähre still ihre Bahn nach Sardinien. Da werden wunderbare Tourenerinnerungen wach.

motorradfahrerin mit roter jacke auf der faehre von civitavecchia nach sardinien

Motorrad-Tourentraum meiner Sozia im frühen Frühjahr: auf der leeren Fähre von Civitavecchia nach Sardinien

Unser nächstes Zwischenziel Tarquinia mit seiner Nekropole muß heute leider unbesucht bleiben. Dafür halten wir auf den Hafen von Civitavecchia zu, Ausgangshafen für unsere Motorradouren nach Sardinien. Dort gönnen wir uns in einer Bar am Hafen erst einmal einen Espresso, blinzeln in die Sonne und strecken auf den verbogenen Stahlrohrsesselchen genüßlich die Beine aus. Was wollen wir eigentlich mehr?

In den Bergen der Maremma

Rhetorische Frage, auch hier, wo uns die Provinzialstraße in die Berge von Tolfa mit immer neuen Kurven und Panoramen einlädt. Mediterrane Gefühle erfüllen uns beim Kurventanz über die Hügel des Etruskerlandes – gepaart mit einem wachsenden Verlangen nach den Segnungen der regionalen Küche. Als hätte er das sanfte Knurren unserer Mägen vernommen, biegt unser Cicerone abermals auf ein unbefestigtes Sträßchen ein. Strada bianca heißt so etwas sehr anschaulich im Italienischen.

strada bianca in der maremma in italien

Strada bianca in der Maremma – Foto: Maurizio

Nach wenigen Kilometern erreichen wir einen abgelegenen Gutshof, der mit Stolz seine Ursprünge auf die Zeit der Renaissance zurückführt. Daß man hier regionale Küche mit exzellentem Ruf pflegt, steigert die Attraktivität dieses Anwesens ungemein. Der Padrone weist uns einen Tisch mit Ausblick zu und bald umwedelt uns ein massiger Maremmaner Hirtenhund – eine kampfstarke Rasse, die seit alten Zeiten hier gezüchtet wird, um die Herden vor Wölfen und Bären zu schützen. Christine weiß nicht nur, wie man mit dem Fahrer umgehen muß, sondern auch mit rauen Vierbeinern. Gleich hat sie einen Freund gefunden, der kaum von ihr lassen will.

rothaarige motorradfahrerin mit maremmaner hirtenhund

Là ci darem la mano: Bei Christine werden selbst starke Kerle schwach.

Unser begehrlicher Blick auf den gigantischen Drehspieß bleibt nicht unbelohnt. Unseren Appetit richtig einschätzend, reicht man uns gebratenes Wildschwein (cinghiale allo spiedo), angerichtet auf Polenta und mit einem kurzen sughetto beträufelt. Will man uns hier etwa mit kulinarischer Gewalt am Weiterfahren hindern? Dem zutraulichen Maremmaner wäre es sicher nicht unrecht.

tolfa in der maremma kirche und burg

Wildes Gelände in der Maremma: Tolfa

Tolfa mit seiner massigen Burgruine ist ein reizendes Bergstädtchen, das wir nicht einfach links liegen lassen können. Also drehen wir eine kleine Runde durch den historischen Ortskern. Diese Gegend gehört zu den einsamsten in Latium und ist deshalb mit gutem Grund sicheres Revier der Tolfa-Wölfe. Unser Maremmaner von heute Mittag hat hier schon den richtigen Job.

Dann schlängeln wir uns über den Colle del Malpasso (was für ein Name!) und eine ganze Serie von Serpentinen wieder hinunter zum Meer nach Santa Marinella. Auch hier können wir einer Espresso-Transfusion an der örtlichen Hafenbar nicht widerstehen. Schließlich wollen wir ja fahren, schauen und genießen. Alles andere kommt später einmal.

Traumhafte Seen

Jetzt wartet die Via Aurelia auf uns, eine klassische römische Militärstraße, die von Rom nach Ventimiglia an der französischen Grenze führt. Immer an der Küste entlang. Früher war das mal eine tolle Trasse, hauptsächlich von La Spezia bis zur Grenze. Aber die Überbauungen der letzten Jahre haben diesem Juwel des Tiefbaus viel von seinem ursprünglichen Charme geraubt.

Dennoch: Sie bringt uns schnell nach Cerveteri, auch dies eine Etruskerstadt mit Nekropole, die wir aber für heute mal beiseitelassen. Schließlich wollen ja heute hauptsächlich unsere Tour durch das Etruskerland genießen. Dafür belohnt uns die Strecke nach Bracciano mit einer hügeligen Landstraße durch die Macchia. An der massiven Burg legen wir einen kurzen Halt ein und genießen den traumhaften Blick über den Lago die Bracciano.

motorradtour im etruskerland: castello di bracciano

Castello di Bracciano

Um das Maß des Fahrgenusses voll zu machen, umrunden wir den See gegen den Uhrzeigersinn, den Kopf immer halb links gedreht auf die glitzernde Wasserfläche. In Anguillara können wir aber unser Stammcafé nicht einfach links liegen lassen. Deshalb widmen uns dem nächsten Espresso an einem wackeligen Tischchen am See. Genauso, wie er sein muß: schwarz wie die Nacht, süß wie die Liebe und heiß wie die Hölle.

motorradtour im etruskerland: rothaarige motorradfahrerin mit bmw r 1150 r

Nach einem Espresso kann es erfrischt weitergehen.

An der Nordspitze des Sees, hinter Trevignano, tauchen wir wieder in die Wälder der Maremma ein und stoßen bei Sutri auf die Via Cassia. Hinter Ronciglione drehen wir eine halbe Runde um den Lago di Vico. Sobald wir die Hügelkette nördlich des Sees überwunden haben, zeichnet sich am Horizont wieder die Silhouette von Viterbo ab. Hier endet nach 230 Kilometern unsere Erlebnis-Motorradtour durch das Land der Etrusker.

Nachwort

In der Woche nach unserer Motorradtour im Etruskerland besuchten wir die Villa Giulia, das Etruskermuseum in Rom, um ein wenig von dem nachzuholen, was wir in der Maremma unserer Fahrfreude opfern mußten. Im Museumsladen erstehen wir zwei Mousepads, die ein etruskisches Trinkgefäß in Form eines Hundekopfes zeigen (siehe Beitragsbild). Der Hund könnte mit seiner langen Nase ein Zwillingsbruder unseres Dobermanns Titus sein, nur 2500 Jahre älter.

Stätten etruskischer Kultur:

  • Necropoli Etrusca di Norchia, Viterbo, Str. S. Vivenzio, 01100 Viterbo VT
  • Necropoli di Tarquinia, Via Ripagretta, 01016 Tarquinia VT
  • Necropoli della Banditaccia, Via della Necropoli, 43/45, 00052 Cerveteri RM
  • Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia, Piazzale di Villa Giulia 9, 00196 Roma

Hier findest du touristische Informationen über das Land der Etrusker.

Meine bevorzugte Straßenkarte:
Carta stradale e turistica Lazio (Blatt 10), 1 : 200.000 (Touring Editore)

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