Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch Provence und Camargue

Bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue in der Nebensaison hat man alles für sich: Einsame Kurvenstrecken. Wildlebende Pferde, Rinder und Flamingos im Naturschutzgebiet im Rhônedelta. Burgen, Klöster und Restaurants ohne Touristenrummel. Mit solchen Exklusiverlebnissen tritt man nach einer entspannenden Woche die Heimreise wieder an – mit der wärmenden Sonne im Rücken.

Auf zur Motorradtour durch Provence und Camargue

Vorfrühling in der Provence mit Schwertlinien

Vorfrühling in der Provence mit blühenden Schwertlilien, wie bei Vincent van Gogh auf dem Titelbild

Noch sind kaum Touristen unterwegs, aber die Sonne wagt sich schon länger hervor. Sobald sich die Wettervorhersage einigermaßen stabilisiert hat, wollen wir die lange geplante und längst überfällige Motorradtour durch Provence und Camargue unternehmen. Unsere Anfahrt ist einfach: Sie führt zum größten Teil über die Autobahn.

1. Etappe:
Lyon – Nîmes

Streckenführung der Anfahrt Lyon-Nîmes zu einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Anfahrt Lyon-Nîmes über Bollène – Bagnols-sur-Creze – Pont du Gard – Nîmes. 263 km

Wärmende Provence

Wie üblich erreichen wir bei Montélimar die Klima- und Temperaturgrenze. Fünf Grad wärmer ist es hier als in Lyon. Bei unser Tank- und Mittagsrast an der Autobahn haben wir schon die halbe Tagesstrecke absolviert und freuen uns auf die Provence. Kurz nach Verlassen der Autobahn bei Bollène fühlen wir uns schon in südlicheren Gefilden.

Bild von einer Allee in der Provence im Vorfrühling, aufgenommen bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Allee in der Provence im Vorfrühling

Bild vom Chateau La Castella in Frankreich auf einem hohen Felsen gelegen, gesehen bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Château La Castella

Auf dem Weg zu unserem Tagesziel steuern wir zunächst den Pont du Gard an. Dieser römische Aquädukt ist in stilisierter Form vom Fünf-Euro-Schein her bekannt.

Wir folgen den Schildern zum riesigen, aber keineswegs überfüllten Parkplatz. Zu unserer nicht geringen Überraschung dürfen wir ihn später erst wieder gegen eine saftige Löhnung von 18 Euro verlassen. Frankreich ist eben ein teures Pflaster. Wir hätten es ja wissen sollen. Dennoch: Wir sind tief beeindruckt von der klassischen Architektur mit ihren tonnenschweren Quadern und Keilsteinen. Wieder ein Stück UNESCO-Weltkulturerbe im Inventar.

Bild vom Pont-du-Gard bei Nîmes in Südfrankreich

Pont du Gard

Bild vom Schatten des Pont-du-Gard

Römerstadt Nîmes

Römischer Triumphbogen in Nîmes im Bild

Römischer Triumphbogen in Nîmes

Wenig später erreichen wir Nîmes, unser Basislager für die kommende Erkundungswoche. Einquartiert haben wir uns in einem sehr netten, als Hotel umgebauten Renaissance-Konvent in der Altstadt.

Blick über die Dächer von Nîmes

Blick über die Dächer von Nîmes

Angesichts nicht vorhandener sicherer Parkmöglichkeiten bietet es den unschlagbaren Vorteil eines baulich reizvollen Innenhofes, in dem unsere Maschine abzustellen uns der Hotelier freundlicherweise gestattet.

Er selber fährt eine Yamaha und hat volles Verständnis für unsere besonderen Bedürfnisse. Nun schauen wir erst einmal über die Dächer der Altstadt, die wir uns am Abend durchstreifen wollen.

Unabdingbares Ziel eines Besuches in Nîmes ist das am 1. Juni 2018 eröffnete futuristische Musée de la Romanité mit über 25.000 Exponaten aus der römischen Antike.

Es macht Spaß, einfach so herumzuschlendern. Die Stadt ist bunt, vielfältig und belebt. Dazu trägt nicht zuletzt die Fremdenlegion bei, deren 2. Infanterieregiment hier stationiert ist. Die képis blancs sprechen untereinander Französisch mit einem sehr harten osteuropäischen Akzent. Was dann aber aus den Kneipen klingt, hört sich verdächtig deutsch an.

Bild ein einer Einheit der Fremdenlegion auf dem Marsch durch eine Stadt in Südfrankreich

Fremdenlegion auf dem Marsch


2. Etappe:
Rundtour durch die Camargue

Motorradtour durch Provence und Camargue 2. Etappe

Erkundungstour durch den Naturpark Camargue (2. Etappe)

Der morgendliche Blick aus dem Zimmerfenster auf die verwehten Cirruswolken am azurblauen Himmel weckt gemischte Gefühle: Mistral. Schon gestern auf der Autobahn hatten wir mit wechselnden Seitenwinden zu kämpfen. Aber jetzt scheint der Nordwind Ernst zu machen.

Durch das Naturschutzgebiet Camargue

Kanäle im Naturpark Camargue im Bild mit weiter Weidelandschaft für wilde Pferde und Rinder

Kanäle im Naturpark Camargue

Trotzdem fahren wir guten Mutes Richtung Saintes-Maries-de-la-Mer, der (heimlichen) Hauptstadt der Camargue. Dort machen wir es uns mit einem kleinen Picknick an der leeren Strandpromenade auf einer dieser unvergleichlich charmanten Betonbänke bequem, wie man sie in Frankreich so häufig findet.

Christine hat es vor allem auf die frei lebenden Pferde, Stiere und Flamingos abgesehen und voltigiert auf dem Rücksitz umher, um sie auf den Kamerachip zu bannen. In der Tat ist es ein Erlebnis besonderer Art, diese Tiere in freier Wildbahn beobachten zu können. Und Flamingos kennen wir eh’ nur aus dem Zoo. Nur kommt man leider nicht näher an sie ran, denn 1. sind sie Wasservögel und 2. ist ihr Revier (sinnvollerweise) durch Stacheldrahtzäune abgeschirmt.

Wilde Pferde im Naturpark Camargue auf der Weide

Wilde Pferde im Naturpark Camargue

Wilde Stiere im Naturpark Camargue auf der Weide

Wilde Stiere im Naturpark Camargue

Wilde Flamingos im Naturpark Camargue im Bild

Wilde Flamingos im Naturpark Camargue

Auf dem Rückweg biegen wir von der Hauptstraße ab und umrunden auf einer kleinen, holprigen Nebenstraße den Etang de Vaccarès, um noch mehr Getier zu Gesicht zu bekommen. Vom Wind gebeutelt machen wir in Salin de Giraud Halt, dringen jedoch (weil Sonntag) nicht bis zur Meersalzgewinnung vor.

Stattdessen strecken wir auf der Terrasse der ländlich-ungemütlichen „Bar du Sport“ unser Geläuf in die Sonne und lassen unseren Gedanken freien Lauf. Auch das kann Urlaub sein. Anschließend rangieren wir unsere Maschine aus dem mittlerweile eingetroffenen Geschwader ältlicher Supersportler, argwöhnisch beäugt von deren papageienhaft eingekleideten Fahrern.

Auf der weiteren Fahrt durch den brettebenen Naturpark Camargue Richtung Arles sinne ich darüber nach, ob ein Motorradhändler in dieser Gegend wohl nennenswerte Umsätze machen kann.

Fernblick von der Abbaye Montmajour über das weite Land bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Fernblick von der Abbaye Montmajour

Arles selbst ist mit Ausnahme der antiken Überreste weniger der Rede wert. Wir folgen den Spuren Vincent van Goghs. Ihn hat man einst aus der Stadt geekelt. Sein Haus haben die Alliierten im Kriege plattgemacht.

Klosterruine Montmajour

Am Westufer der Rhône nordwärts fahrend stoßen auf die massive Klosterruine Montmajour, die von einem Hügel aus das weite flache Land beherrscht. Leider ist auch sie ein Zeugnis des Abbruchwahns der Französischen Revolution. Aber selbst das, war erhalten geblieben ist, hinterläßt einen großartigen Eindruck.

Bild von den Überbleibseln der zum Teil abgebrochenen Abbaye Montmajour im französischen Département Bouches-du-Rhône, einige Kilometer nordöstlich von Arles

Abbaye Montmajour

Bild von einem doppelten Kapitell in der Abbaye de Montmajour im französischen Département Bouches-du-Rhône, einige Kilometer nordöstlich von Arles

Kapitell in der Abbaye de Montmajour

Auf Nebenstraßen geht es zurück nach Nîmes. Der südliche Teil des Kleeblatts ist abgefahren. Mit einem brauchbaren Abendessen in einem unspektakulären Straßenrestaurant beschließen wir diesen Tag.


3. Etappe:
Historisches Montpellier

Bild einer Fahrkarte Nîmes - Montpellier

Frühstück in der Markthalle

Nimes Markthalle in einer alten Postkartenansicht

Markthalle von Nîmes in einer alten Ansicht | © Halles de Nîmes

Ein sicheres Gespür für das Besondere führt uns zu morgendlicher Stunde in die Markthalle von Nîmes, wo wir inmitten der Obst-, Fisch- und Fleischstände eine Bar entdecken. Diese wird vornehmlich von Händlern, Rentnern und anderen suspekten Menschen (incl. unsereiner) umlagert.

Dort erleben wir für 6 Euro in Form von Café au lait mit Croissants ein Frühstück von seltenem Unterhaltungswert: Frühschlucker am Zapfhahn, Knollennasen am Glas Rosé, einkaufende Hausfrauen mit knallbunten Lockenwicklern. Alle einträchtig plaudernd an der langen Theke versammelt. Der patron kennt jeden seiner Stammgäste. Das als etwas problematisch einzuordnende Ehepaar am Nebentisch füttert unablässig einen wuscheligen Kleinhund, den der Kellner gewohnheitsmäßig als „merdeuse“ („Göre“) tituliert.

Solchermaßen genährt begeben wir uns zum Bahnhof und fahren mit dem Zug nach Montpellier. Das Motorrad bleibt im Hotel, da wir uns eine ganztägige Stadtbesichtigung in dicken Motorradklamotten ersparen wollen.

Die Altstadt von Montpellier

Theater von Montpellier im Bild mit einem Straßencafé und spazieren gehenden Menschen davor

Theater von Montpellier

Vom Bahnhof Montpellier Saint-Roch ist es nicht weit bis in die Altstadt. Wir streifen durch die engen Gassen, legen hier und dort eine kleine Pause zum Gucken ein und lassen die Zeit einfach an uns vorüberziehen.

Das frühlingshafte Flair ist Balsam für die Seele: Palmen, blühende Blumen, Menschen vor Cafés und auf Parkbänken. Daß Montpellier seit 1289 eine blühende Universitätsstadt ist, zeigt sich allenthalben im sehr lockeren öffentlichen Leben.

Bild vom Bikinispaß in Montpellier mit jungen Frauen im Bikini und Gummistiefeln

Bikinispaß in Montpellier

Die verwinkelten Quartiers haben ihren eigenen Reiz mit ihren Geschäften, Restaurants und historischen Gebäuden. Besonders angetan haben es uns die gut sortierten Antiquitätengeschäfte. Wir verdrängen aber jegliche Kaufabsicht und betreten sie nur zum Schauen. Schließlich sind wir auf unserer Motorradtour durch Provence und Camargue mit unserer Maschine unterwegs und nicht mit einem Lieferwagen.

Bild einer Altstadtszene: Treppe Montpellier

Treppe in der Altstadt von Montpellier

Blaue Stunde in Montpellier als Überschrift über einem Toreingang

Blaue Stunde in Montpellier

Über die breite und von einem Triumphbogen dominierte Rue Foch erreichen wir die Parkanlage der Promenade de Peyrou mit ihrem herrlichen Panorama über die Stadt und den Botanischen Garten. Überall sitzen – meist jüngere – Leute auf Bänken und Mäuerchen, mit Sonnenbrille und einem Buch auf den Knien.

Bild von Montpellier Park bei schönem Wetter mit spazieren gehenden Menschen

Promenade de Peyrou in Montpellier

Bild von Montpellier Botanischer Garten

Botanischer Garten von Montpellier

Erfüllt von Sonne, Licht und dem Flair der mittelalterlichen Stadt fahren wir mit dem Zug zurück nach Nîmes.


4. Etappe:
Nîmes — Avignon — Nîmes

Karte der Tourenstrecke Nîmes - Avignon im Rahmen einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Tourenstrecke Nîmes – Avignon

Der dritte Ausflug auf unserer Motorradtour durch Provence und Camargue führt uns nach Avignon. Nicht nur der notorischen Brücke wegen.

Blick auf Villeneuve von Avignon aus mit der imposenten Festung jenseits des Flusses

Blick auf Villeneuve von Avignon aus

Kartause und Burg mit Fernblick

Zunächst einmal besichtigen wir die am gegenüberliegenden Gard-Ufer liegende Rivalenstadt Villeneuve-lès-Avignon und stellen unsere Maschine vor der Kartause ab. So eine Kartause mit ihren Einsiedlerhäuschen samt hintenliegenden Kräutergärten würde sich nicht schlecht für eine moderne Single-Behausung eignen. Wir sind gespannt, wann mal jemand auf die Idee kommt, ein aufgelassenes Kloster zu Wohnzwecken umzuwidmen.

Bild vom Eingang Kartause Villeneuve mit lila blühenden Bäumen und einem barocken Eingangstor

Eingang zur Kartause in Villeneuve-lès-Avignon

Bild der Kartause in Villeneuve-l.-A. mit Zellengang, Innenhof und Blick auf Fort St-André auf dem dahinter liegenden Berg

Kartause in Villeneuve-l.-A. mit Blick auf Fort St-André

Vom Kloster aus sind wir in ein paar Minuten oben auf dem die Stadt beherrschenden Fort Saint-André. Von seinen Mauern aus bietet sich uns ein herrlicher Blick über den Fluß auf die gegenüber liegende Altstadt von Avignon. Wer hierher kommt, sollte unbedingt erst mal auf die hohen Festungsmauern steigen. Es lohnt sich.

Bild vom Fort St.-André in Villeneuve-lès-Avignon mit Festungsmauer, Eckturm und Fernblick auf Avignon

Fort St.-André in Villeneuve-lès-Avignon

Blick auf Avignon von Villeneuve aus mit Papstpalast und Bergkette im Hintergrund

Blick auf Avignon von Villeneuve aus

Brücke und Papstpalast

Avignon als Stadt ist, na ja, sagen wir es mal höflich, nicht uninteressant. Die meisten Touristen kommen natürlich wegen der aus dem Chanson bekannten halben Brücke hierher. Und wegen des Papstpalastes. Von 1377 bis 1309 residierten hier insgesamt 7 von der gesamten Kirche anerkannte Päpste, bevor Gregor XI. sich zur Rückkehr nach Rom überzeugen ließ.

Die Päpste und ihre Entourage hatten sich in Südfrankreich ein richtiges Klein-Rom eingerichtet, so wie man es aus der Erinnerung kannte. Vielleicht waren die hinter dem Palast gelegenen Gärten 200 Jahre später Vorbild dafür, hinter dem Petersdom die verwunschenen Giardini Vaticani anzulegen.

Bild von Avignon Brücke und Uferstraße mit Autos

Die Brücke von Avignon

Bild Avignon Papstpalast mit einem lila blühenden Busch im Vordergrundund einem weiten gepflasterten Vorplatz

Papstpalast in Avignon

Bild von Avignon Papstpalast Schmuckdetail

Schmuckdetail am Papstpalast von Avignon

Wie auch immer: Papstpalast, Altstadt und  Brücke reichen vollauf in Avignon. Der Rest läßt sich im Rahmen einer Fahrt um die Stadtmauer herum bequem umrunden.

Bild von Avignon Stadtmauer mit einer Plastik bestehend aus 13 Kugeln als Kunst am Bau

Kunst am Bau an der Stadtmauer von Avignon

Abends wird es merklich kühler. Wolken ziehen auf und wir schauen, daß wir unsere Maschine rasch in den Innenhof unseres Hotels in Nîmes zurückbringen.


5. Etappe:
Abstecher in die Cevennen

Rundtour in den Cevennen

Finstere Wolken drohen

Drohende Wolken bei der Rückfahrt nach Nîmes bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Kein verlockender Auftakt zu einer Tagestour

Unseren Plan, auf unserer Motorradtour durch Provence und Camargue heute den geplanten Besuch von Arles nachzuholen, müssen ändern, denn aus unserer Fahrtrichtung ziehen finstere Regenwolken auf. Wir drehen deshalb zu einem kurzen Orientierungshalt bei und bemerken nebenher, daß es in Gegenrichtung wesentlich freundlicher aussieht.

Aber was liegt dort? Aha, die Cevennen. Klingt interessant nach Bergen, Schluchten, rauschenden Flüssen und Kurvenstrecken.

Das Navi ist rasch umprogrammiert und ab geht’s immer flach bergan nach Nordwesten. Als uns irgendwann gegen Mittag doch der Regen anzusprühen beginnt, suchen wir in Lezan ein vielversprechendes Landgasthaus auf. Dort folgen wir gutgläubig den Empfehlungen des patron. Doch schließlich bekommen wir nur ein recht mittelmäßiges Bœuf Bourguignon hingeschoben.

Am Nebentisch marodiert eine lautstarke Familie mit ungezogenem Kind, das noch lautstärker Sättigung einfordert: ein Dutzend Froschschenkel mit Fritten und Ketchup. Mahlzeit! Dann lieber schnellstmöglich hinaus zur Maschine und ab auf die Landstraße.

In die hintersten Winkel der Cevennen

Nach prüfendem Blick zum Himmel wischen wir die Nässe vom Sattel und schlagen wieder den Weg Richtung Berge ein. Ab Anduze wird es richtig malerisch, alte Häuser, Bach, Steinbrücke, Abgeschiedenheit. Sowas mögen wir. Christine hält die Eindrücke vom Rücksitz aus mit ihrer Kamera fest.

Bild des Städtchens Anduze in den Cevennen

Anduze in den Cevennen

Bild einer mittelalterlichen Steinbrücke in Anduze in den Cevennen

Mittelalterliche Steinbrücke in Anduze in den Cevennen

Bambus und Protestanten

Bei der Einfahrt in die Corniche des Cevennes stoßen wir zu unserer nicht geringen Überraschung auf die Bambouseraie de Prafrance, einen 1856 angelegten botanischen Garten mit mehr als 150 Bambus-Varietäten, jahrhundertealten Sequoias, Bananenstauden und anderem seltenen Gewächs. So etwas hätten wir hier nicht erwartet.

Bild der Bambouseraie de Prafrance Cevennen in Vorbeifahrt bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Bambouseraie de Prafrance in den Cevennen

Schluchten, Burgen hoch in den Felsen, Höhlen und undurchdringliche Wälder machen uns klar, warum die Cevennen während der Religionskriege eine Hochburg der verfolgten Protestanten gewesen sind. Viele evangelische Kirchen (temples) an unserer Fahrtroute erinnern daran, daß hier seit Anfang des 16. Jahrhunderts der Protestantismus calvinistischer Prägung Wurzeln schlug.

Aufnahme bei einer Motorradtour durch die Cevennen Chateau Chamborigaud

Château Chamborigaud

Der letzte Widerstand der Protestanten gegen die katholische Obrigkeit endete mit dem von Ludwig XIV befohlenen “Großen Niederbrennen der Cevennen” von 1702 bis 1704. 446 Dörfer wurden geplündert und verwüstet, bevor die Protestanten endgültig aufgaben.

Seidenraupen im Abseits

Seit dem Mittelalter gab es in dieser abgelegenen Gegend eine verbreitete Seidenraupenzucht. Dann bereitete zunächst der Frost (1709) und später im 19. Jahrhundert eine Pilzkrankheit den Seidenraupen-Kulturen ein Ende. Auch die Kastanienbestände gingen dahin. Seither ist dieser ärmlichen, wildromantischen Gegend nur wenig mehr geblieben als der „sanfte“ Tourismus. Wir fördern diesen mit klammen Fingern in Form eines Café au lait in der „Bar du Sport“ in Sardan.

Cevennen Schmale Ortsdurchfahrt, aufgenommen bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Schmale Ortsdurchfahrt in den Cevennen

Bild der Altstadt von St-Bonnet-de-Salendri (Cevennen) mit Stadtmauer, Wehrturm und Steinbrücke

St-Bonnet-de-Salendri (Cevennen)

Noch einige schmale Steinbrücken und enge Dorfdurchfahrten. Dann sind wir wieder auf der D 907, die uns recht unspektakulär nach Nîmes zurück führt. Dann beginnt es wie aus Kübeln zu schütten.

Im Hotel müssen wir uns für den Abend erst einmal landfein machen. Nach der Regenfahrt sind wir froh um unsere Tischreservierung in dem (etwas plüschigen Restaurant) „A la table de Claire“.

Dort machen wir ganz bewußt eine neue Erfahrung: molekulare Küche. Wir sind ebenso überrascht wie angetan von dem, was uns sehr stilvoll serviert wird. Dennoch sind wir nicht ganz sicher, ob wir das öfter haben müssen.


6. Etappe:
Nîmes – Tarascon – Arles – Nîmes

Streckenführung der Rundtour Nîmes Tarascon Arles Nîmes im Rahmen einer Motorradtour durch Provence und Camargue

Streckenführung der Rundtour von Nîmes über Tarascon und Arles

Historisches Tarascon

Bild vom südfranzösischen Tarascon von oben

Tarascon von oben. Unsere Maschine kauert an der Hauswand am Ende des Zebrastreifens.

Unser Optimismus in bezug auf Wetterbesserung ist auch heute unbesiegbar. So rollen wir südostwärts in das historische Städtchen Tarascon. Seine Geschichte mahnt zur Vorsicht: Es soll hier einen legendären Drachen gegeben haben, der an den Ufern der Rhône die Reisenden verschlang. Bon appétit.

Am Rhône-Ufer erhebt sich schon von weitem sichtbar die Burg Tarascon aus dem Jahre 1401. Sonderbar, ihre Architektur erinnert an den Flakturm IV auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg mit seinen vier Ecktürmen.

Bild vom Château Tarascon in Südfrankreich

Château Tarascon

Bild vom Flakbunker Heiligengeistfeld Hamburg, dem langjährigen Sitz des NDR

Und was entdecke ich bei näherer Besichtigung? Deutsche Aufschriften, die auf ebendiesen Verwendungszweck hinweisen. Der Blick von den Zinnen über das Land ist einfach genial; die Räume im Innern wirken hingegen – eine Folge verschiedenartigster Nutzungen im Laufe der Jahrhunderte – durch nichts als ihre Renaissancearchitektur. Dennoch: Der Ort ist eine Besichtigung wert, insbesondere der Burggarten und die Burgapotheke. Christine als passionierte Gärtnerin und „Kräuterhexe“ hat ihre helle Freude.

Bild vom Garten der Burg Tarascon an der Rhône

Garten der Burg Tarascon an der Rhône

Apotheke der Burg Tarascon an der Rhône in Südfrankreich

Apotheke der Burg Tarascon an der Rhône

Noch eine Besonderheit entdecken wir im ersten Innenhof: einen (Un)Glücksbrunnen unter einer alten Linde. Er ist eine Anspielung auf das “Buch des verlorenen verliebten Herzens” von König René d’Anjou. Wer an dem schwarzen Stein am Brunen Halt macht und das unheilbringende Wasser trinkt, “wird großen Schmerz erleiden”. Mit solcherlei Brunnen sind wir vorsichtig. Da haben wir in der Bretagne schon recht komische Sachen erlebt.

Bild vom Glücksbrunnen auf Burg Tarascon in Südfrankreich der jedem großen Schmerz androht, der sein Wasser trinkt. Besucht bei einer Motorradtour durch Provence und Camargue.

(Un-?)Glücksbrunnen auf Burg Tarascon

Schonen wir also unsere verliebten Herzen und rollen auf den südöstwärtigen Stadtausgang zu, wo sich in der Antike der größte gallorömische Straßenkotenpunkt befand. Hier traf die Via Domitia kurz vor ihrem Rhône-Übergang auf das Ende der Via Aurelia. Nach etlichen Jahren hat mich die Via Aurelia wieder, diesmal (aus römischer Sicht) jenseits der Alpen.

Für die Fortsetzung unserer Motorradtour durch Provence und Camargue stelle das Navi auf die Routenwahl „Öko“ ein. Von da an führen uns landwirtschaftliche Sträßchen durch Rapsfelder und Olivenhaine den Alpillen entgegen nach Les Baux-de-Provence.

Bild von den Alpilles Südfrankreich mit einem Weinberg und einem Olivenhain im Vordergrund und der Bergkette im Hintergrund

Les Alpilles

Baux in den Alpillen

Der Ortsname ruft in Erinnerung, daß hier das Bauxit herkommt: 1822 wurde die Bedeutung eines braun-violetten Minerals entdeckt, das eine Aluminiumverbindung enthält, aus der (natürlich erst späterhin) durch Elektrolyse reines metallisches Aluminium gewonnen werden kann. Zahlreiche Höhlen und Steinbrüche am Straßenrand zeugen von dem mittlerweile eingestellten Abbau.

Bild von Les-Baux-de-Provence in den Alpillen mit Blick über die Provence

Les-Baux-de-Provence in den Alpillen mit Blick über die Provence

Bild vom südfranzösischen Les-Baux-de-Provence Bauxitstollen

Aufgelassene Bauxitstollen bei Les-Baux-de-Provence

Bild vom südfranzösischen Les-Baux-de-Provence Felsbrocken

Große Felsbrocken rund um Les-Baux-de-Provence

Überall sieht man fast nur noch Stein. Warum sich das Landschaftsbild in den Alpillen so augenfällig von der übrigen Provence unterscheidet, erklärt die griechische Mythologie: Herakles soll auf der Rückkehr von seiner zehnten Arbeit aus Spanien, wo er die Rinderherde des Riesen Geryones zu rauben hatte, in Les Baux von den dort ansässigen Ligurern angegriffen worden sein. Als sie ihm seine Herde zocken wollten, konnte er sich nicht wehren, weil ihm die Pfeile ausgegangen waren. Da kam ihm Zeus zu Hilfe und ließ einen Steinhagel auf die Ligurer niedergehen. Aber auch Herakles beteiligte sich und bombardierte sie mit Steinen – die jetzt noch überall herumliegen.

Daß er mit seinem Wüten eine der reizvollsten Motorradstrecken in der Provence schaffen würde, konnte der antike Held natürlich nicht ahnen.

Römerstadt Glanum

In schönen Schwüngen geht es talwärts weiter zum antiken Glanum, einer Stadt aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. 1921 ausgegraben, zählt es seitdem zu den bedeutendsten römischen Ausgrabungen in Frankreich. Wir lassen uns auf einem Marmorblock nieder und bestaunen die majestätischen Bauten.

Bild der ausgegrabenen Römerstadt Glanum Bogen Mausoleum

Triumphbogen und Mausoleum in Glanum

Bild der ausgegrabenen Stadt Glanum römisches Relief

Relief auf dem Triumphbogen in Glanum mit gefangenen Galliern

Nüchternes Arles

Der weitere Weg unserer Motorradtour durch Provence und Camargue führt uns nach Arles, einem (unserer Meinung nach) von außergewöhnlichen touristischen Reizen weitgehend unbelasteten Städtchen an der Rhône. Trotzdem, es ist ganz nett und wir streifen durch die Gassen.

Außerhalb der Hauptessenszeiten (d. h. zwischen 14 und 19 Uhr) eine gastronomisch akzeptable Lokalität zu finden ist auch hier sehr schwer. So landen wir mit einem Mars-Riegel aus einem arabischen Kiosk bewaffnet auf einem versifften Mäuerchen neben einer belebten Bushaltestelle in der Innenstadt. We’re used to worse.

Bild von Arles Janusbrunnen mit einem männlichen und einem weiblichen wasserspeienden Kopf

Janusköpfiger Brunnen in Arles

Explodierendes Auto auf einem Verkehrsschild in Arles, Südfrankreich

Vorsicht auf der Heimfahrt!

Deshalb sind wir nicht unfroh, bald wieder im Sattel zu sitzen und zu unserem Basislager nach Nîmes zurückzukehren.


7. Etappe:
Rückfahrt über Orange
und den Mont Ventoux

Karte der Rückreise Motorradtour Provence Camargue

Rückreise von der Motorradtour durch Provence und Camargue

Harmlos, wie wir nun mal sind, sollte der Mont Ventoux mit seinen 1.912 Höhenmetern den krönenden Abschluß unserer Tour bilden. Leider trägt der „Windumbrauste Berg“ seinen Namen nicht zu Unrecht: Wind und Wolken sind seine steten Begleiter. So auch heute.

Bild der Ortschaft Malaucene am Mont Ventoux

Malaucene am Mont Ventoux

Es wäre sicher ein besonderes Erlebnis gewesen, einen Berg zu befahren, den der Dichter Francesco Petrarca 1326 erstmalig bestiegen hatte:

“Altissimum regionis huius montem, quem non immerito Ventosum vocant, hodierno die, sola videndi insignem loci altitudinem cupiditate ductus, ascendi. … Cepit impetus tandem aliquando facere quod quotidie faciebam …“

Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen. … Nun aber packte es mich, endlich einmal auszuführen, was ich jeden Tag schon ausführen wollte …

Einfach auf den Berg rauf, nur so zum Spaß, weil er so schön hoch ist. War aber heute nichts damit, alles in Wolken. Nur die Fahrradverleihstationen im Basisort Malaucène machen gutes Geschäft mit den Unentwegten, die mit stramm sitzender bunter Pelle angetan dem Gipfel entgegenkeuchen wollen. Faut de mieux knabbern wir auf einer Café-Terrasse am Hauptplatz an einer zuckerbestreuten Waffel und beherzigen zum Trost die Warnung des Dichters (nach 2. Mos. 19, 21):

Cavete ne ascendatis in montem, nec tangatis fines illius: omnis qui tetigerit montem, morte morietur.

Hütet Euch, diesen Berg zu besteigen und berührt auch nicht seine Spitze: Jeder der den Berg berührt, wird sterben.

Also nur nicht hinaufsteigen auf den Berg. Schade.

Châteauneuf du Pape

Bild der Schlossruine Chateauneuf du Pape

Schlossruine Châteauneuf du Pape

Deshalb fahren wir gleich weiter in die Vaucluse und steuern das Örtchen mit dem klangvollen Namen Châteauneuf du Pape an. Nicht nur wegen des gleichnamigen Weins, sondern auch, um uns die ehemalige Sommerresidenz der avignonesischen Päpste anzusehen.

Bild von Chateauneuf du Pape inmitten der Weinberge

Châteauneuf du Pape inmitten der Weinberge

Von einem massiven Marmorblock aus lassen wir unsere Blicke über das weite Land streifen: Weinberge, Olivenhaine und Eichenwälder, soweit das Auge reicht. Es fällt uns schwer, Abschied von dem schon sonnigen Süden zu nehmen. Aber die Straße ruft uns.

Der Rest unserer Motorradtour durch Provence und Camargue ist Routine: Landstraße, Landstraße, Landstraße, Autobahn, Autobahn, Autobahn. Dazwischen zum Ausstrecken zwei Tankstops an der Raststätte mit schwarzer Brühe aus dem Automaten. Am Abend nimmt uns zu Hause der Sessel auf und wir sind einfach – happy.

Diese wunderbare Strecke wird uns unvergeßlich bleiben:

Streckenführung einer Motorradtour durch Provence und Camargue

 

Erstmals veröffentlicht am 03.06.2018
Aktualisiert am 30.08.2018

 

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