Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch die Uckermark

Eine Motorradtour durch die Uckermark ist ideal, wenn man den Lärm der Großstadt hinter sich lassen und die Einsamkeit der Natur genießen möchte. Wälder und Felder, Sonne und Seen, Hügel und super Tourenstraßen. Wo enthüllt dieser reizvolle Landstrich seine Geheimnisse?

Streckenverlauf der Motorradtour durch die Uckermark

Oranienburg –Teschendorf – Osterne – Mildenberg – Blumenow – Himmelpfort – Lychen – Feldberg – Fürstenwerder – Woldegk – Strasburg – Pasewalk – Trebenow – Ellingen – Hohengüstow – Bertikow – Seehausen – Berkenlatten – Johannisthal – Eichhorst – Groß Schönebeck – Neuholland – Oranienburg. 290 km

Zeitbedarf

5 Stunden + Zeit für Pausen

Streckenplan einer Motorradtour durch die Uckermark

Streckencharakteristik

Die Motorradtour durch die Uckermark und die mecklenburgische Seenlandschaft verläuft innerhalb des Dreiecks Oranienburg – Strasburg – Pasewalk. Wo immer möglich, werden Hauptstraßen gemieden zu Gunsten kleinerer Landstraßen und landwirtschaftlicher Wirtschaftswege. Die Strecke ist durchweg problemlos befahrbar und eröffnet zwischendurch gute Möglichkeiten,  Fahrzeit wieder aufzuholen. Sie orientiert sich an landschaftlich schönen Seen und vorzeitlichen Bodendenkmalen, aber auch an dem, was die neuere Geschichte unseres Landes geprägt hat.

Griff in den Himmel

Bild von einer sowjetischen Flugabwehrrakete vom Typ SS-200 / SA-5 GAMMON auf einer Abschusslafette

SS-200 in Feuerstellung

Froh, dem Gewimmel der B 96 entkommen zu sein, gondele ich auf einem Nebensträßchen Richtung Osterne. In der Ortsmitte empfängt mich ein mächtiger Megalith, an dem eine wuchtige Holzbank angekettet ist. Treiben sich hier Hünen herum, die so etwas wegschleppen wollen? „Willkommen in Osterne“, mahnen die geschweißten Buchstaben auf dem Stein. Ob das auch die NVA-Soldaten so empfunden haben, die hier einst eingerückt sind?

Bild von einem Megalith und angeketteter Holzbank in Osterne, gesehen auf einer Motorradtour durch die Uckermark

Megalith in Osterne

Am Ortsrand lag zu DDR-Zeiten die FRAG (Flugabwehr-Raketen-Abteilungs-Gruppe) 411. Als “Diensthabendes System” war es Teil des in den Warschauer Pakt integrierten Alarm- und Bereitschaftssystems von Einheiten und Verbänden der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung.

Die dort dislozierten Raketen vom Typ S-200 Wega (NATO: SA 5B GAMMON) sollten strategische Luftziele in großen Höhen vom Himmel holen, also fliegende Kommandozentralen, Aufklärungsflugzeuge oder Träger von luftgestützten Marschflugkörpern. Modernste Technik seinerzeit, im historischen Gesamtkontext jedoch eher eine Art „Star Wars für Arme“.

Dieses Objekt war bis kurz nach der Wiedervereinigung in Betrieb. Sensitive Technik wurde den „Freunden“ zurückgegeben. Den Rest griff Uncle Sam ab. Verständlich, denn eines muß man den Russen lassen: In der Radartechnik hatten sie wirklich etwas los.

Schematische Darstellung eines Radarschirms

Neugierig schlendere ich um die FlaRak-Stellung herum, die angesichts ihrer früheren Aufgabe und Bedeutung erstaunlich diskret angelegt ist. Dabei stelle ich mir das Objekt im Betrieb vor: Der Dauerstrichradar dreht sich Tag und Nacht, der Höhenfinder nickt das Seine dazu, der Feuerleitradar ist vorgewärmt, IFF trennt Freund von Feind, das Nachleuchten der Sweeps taucht die funktechnischen Bunker in moosgrünes Dämmerlicht, Generatoren brummen, armdicke Kabelstränge ziehen sich durch unterirdische Kanäle. Sechs Raketen lauern in permanenter Feuerbereitschaft. Tempi passati.

Da wende ich mich lieber dem üppig tragenden Mirabellenbaum am Wegesrand zu, der mir eine reiche Ernte beschert.

Mirabellenernte in Osterne bei einer Motorradtour durch die Uckermark

Mirabellenernte in Osterne

Nach dreistündiger Fahrt regt sich gepflegter Appetit. Die Pirsch nach einem schönen Picknickplatz auf der Uferstraße des Breiten Luzin führt mich zum erhofften Idyll. Ich lasse mich zur Rast nieder. Vor meinen Augen vollführen die Schwalben über dem See kunstvolle Flugmanöver, um anschließend ventre à terre an mir vorüberzudüsen.

Bild eines Picknicks am See bei einer Motorradtour in der Uckermark

Picknick am See in der Uckermark

Steine

In kaum einer anderen Region Deutschlands sind so viele Steinmonumente der Megalithzeit erhalten wie in der Uckermark. Sie prägen den Charakter dieser Landschaft. Einige wenige habe ich auf meiner Tour besucht. Geowissenschaftler haben in dieser Gegend aber noch zahlreiche andere Findlinge kartiert. Es lohnt sich also auf jeden Fall ein weiterer Besuch dieser Urzeitzeugen.

Künstliches Megalithgrab in Woldegk

Bild eines kuenstlichen Huenengrabes in Woldegk, gesehen bei einer Motorradtour durch die Uckermark

Hünengrab in Woldegk Uckermark

Der prähistorische Teil meiner Tour beginnt mit einem Fake: Am Ortseingang von Woldegk grüßt ein Megalithgrab, nachgebaut, wie das Informationsschild erläutert. Was mag Leute nur bewegen, so etwas zu basteln? Möglicherweise gehört es zu den Gedenksteinen für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Das wäre sinnvoll und angemessen.

Urdolmen in Trebenow

Bild des Urdolmens in Trebenow, gesehen bei einer Motorradtour durch die Uckermark

Urdolmen in Trebenow in der Uckermark

Am südlichen Ortseingang liegt ein Urdolmen als Teil einer Megalithanlage der Trichterbecherkultur, entstanden zwischen 3500 und 2800 v. Chr. Ein großer Deckstein mit zahlreichen eingetieften Schälchen, drei Meter lang und bis zu einem Meter dick, ruht auf massiven Seitensteinen.

Megalith in Berkenlatten

Bild eines Dolmens in Berkenlatten Uckermark

Megalith in Berkenlatten Uckermark

Ein besonderer Megalith liegt am Straßenrand zwischen Gerswalde und Berkenlatten. Über 700 km haben ihn die Gletscher aus Mittelschweden hierher geschoben. Der keilförmige Riese aus hellgrauem Uppland-Granit hat ein Volumen von 8,36 m2 und ein Gewicht von 22,5 t.

Sühnekreuz von Ellingen

Bild eines steinernen Suehnekreuzes an der Strassenkreuzung in Ellingen, gesehen bei einer Motorradtour durch die Uckermark

Steinernes Sühnekreuz an Strassenkreuzung in Ellingen

Weiter ins Mittelalter: Nach einsamer Fahrt stoße ich bei Ellingen am Abzweig der L 258 von der B 198 auf ein in Granit gehauenes Sühnekreuz aus dem 14. Jahrhundert. Solche Flurkreuze wurden im Mittelalter zur Sühne für einen begangenen Mord oder Totschlag errichtet. Sie sollten Vorübergehende zum Gebet für den Verstorbenen mahnen, der unvermittelt und ohne die Sterbesakramente  zu Tode gekommen war.

500 Seen

500 Seen liegen eingebettet in die Endmoränenlandschaft der Uckermark. Sie prägen ein Landschaftsbild von majestätischer Ruhe und Schönheit, die wir über ca. 200 km auf kleinen Straßen genießen können. Alle die schönen Plätzchen entlang der Tourstrecke einzeln aufzuzählen ist wohl kaum möglich.

Eine Gegend aber bleibt in besonderer Erinnerung bei einer Motorradtour durch die Uckermark: Das Herz dieser Region mit der Potzlower Seenplatte im Norden des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Wollte man jemanden bespielhaft die Schönheit der Landschaft mit ihrem weiten Himmel, den blauen Seen und dem Relief der grünen Hügel zeigen, dann sollte man ihn zum Dreiseenblick führen:

Bild vom Picknick am Dreiseenblick bei einer Motorradtour durch die Uckermark

Picknick am Dreiseenblick in der Uckermark

Über Nebenstraßen ist der geographische Mittelpunkt der Uckermark von Prenzlau aus gut zu erreichen, selbst über das letzte Teilstück, einen ordentlich befahrbaren Plattenweg. Von hier eröffnet sich ein herrliches Panorama. Man wünscht sich, auf dem Belvedere abends sein Zelt aufzuschlagen und unendlichen klaren Sternenhimmel zu genießen.

Menschen am Wegesrand

Was wäre eine Motorradtour ohne menschliche Begegnungen? Diese Zeitgenossen werden mir in Erinnerung bleiben:

Der Aussteiger

Bei einer Pause am See nähert sich mir ein Mann mit schlabberiger Kleidung und fettigem Haarschopf, um am Wasser einen Blechnapf auszuwaschen. Typ Aussteiger. Sein Wohnmobil steht etwas abseits. „Alles voller Brombeeren hier“, antwortet er auf meine Frage nach seinem Küchendienstplan. Bei einer überraschend netten Konversation entdecken wir unsere gemeinsame Zuneigung zu kleinen, leeren Landstraßen und unsere Abneigung gegen hirnlose Raser auf der Bundesstraße. Jeder findet sein Idyll. Er auf seinem Standplatz und ich beim Fahren.

Die Auskunftsfreudigen

Bei der Weiterfahrt stelle ich fest, daß mein verbleibender Tankvorrat für den geplanten Aktionsradius wohl nicht reichen wird. Ich beschließe, alsbald nachzufüllen und scanne die menschenleeren Gehsteige nach jemanden, der mir einen Hinweis auf eine Tankstelle geben könnte. Die erst(best)e Person, die ich anspreche, bescheidet mich wortreich, aber mit unverkennbar wirrem Blick. Ihre Auskünfte erweisen sich als nicht verwertbar.

Kaum ein Mensch auf der Straße. Ich fasse mir ein Herz und spreche ein Trio voll tätowierter Bandidos an. In zünftiger Kutte, jede Menge Leder, einschlägige Aufnäher, Boots, Ketten. Sie schauen mich fassungslos an. Kannitverstan. Da zeigt einer von ihnen auf die grün-weiß-rote Trikolore auf seiner Kutte. Italiener. Als ich meine Frage in ihrer Sprache wiederhole, beginnen ihre Kopftattoos freudig zu tanzen. Heitere Stimmung prägt das weitere Gespräch: „La stazione è lontanissima. Vada pure sempre in questa direzione“. Immer dort lang, und zeigt dabei in die Ferne. Unverhofft kommt oft, für beide Seiten.

An der endlich gefundenen Tankstelle nutze ich die Präsenz eines stämmigen Mannes, um mich nach dem kürzesten Weg in ein Hundert-Seelen-Dorf zu erkundigen. Getuntes Auto – fährt sicher viel rum. Kurzhaar, athletischer Körperbau, schwarzes muscle shirt – sicher ein praktisch orientierter Typ. Mit großer Hilfsbereitschaft erläutert er mir freundlich den besten Weg durch den Irrgarten der Uckermark.

Die Entseelte

Frohen Mutes und mit einem passenden Geldschein bewaffnet trete ich zur Tankkasse, an der ich ein klobig wirkendes weibliches Wesen antreffe. Ihre Gesichtszüge signalisieren mir Nachholbedarf an Aufmunterung, was meinen heiteren Empfindungen entgegenkommt. Mit einem kleinen, harmlosen Scherz lege ich den Orange-Braunen auf den Zahlteller – sie aber schaut mich an wie aus der Höhle des Trophonios gezogen. Immerhin, sie trägt ihren Teil zum Gelingen der Konversation bei: „Tschüs.“

Der Schweiger

Eier, Gemüse und vor allem Honig zu verkaufen: In einer Ortsdurchfahrt nötigt mich der private Verkaufsstand eines Dorfbewohners zu jähem Halt. Dieser steht interesselos im Hausflur und beäugt mich vorsichtig, reagiert dann aber auf meinen dritten Kontaktversuch und bejaht seinen Verkaufswillen. Mit aufreizender Wortkargkeit schiebt er mir ein Glas Honig herüber. Den falschen, wie sich beim Auspacken zu Hause herausstellt. Die uckermärkischen Immen haben aber gute Arbeit geleistet.

Der Hilfsbereite

Die Straße ist irgendwo wegen Bauarbeiten gesperrt. Weiträumige Umleitung. In meinem grundsätzlichen Mißtrauen gegenüber solchen Ankündigungen fahre ich die nächsten 10 Kilometer trotzdem weiter, mutterseelenallein. Irgendwie werde ich schon durchkommen. In der Baustelle holt mich ein verstaubter Opel Astra älteren Baujahrs ein, gesteuert von einem jungen Mann, der mir ebenso wild wie freundlich etwas signalisiert. Er kurbelt das Seitenfenster herunter: „Fahr nach der Kurve rechts weg, immer geradeaus, und dann links durch den Wald.“ Wir tauschen kameradschaftliche Gesten aus, ich biege auf einen wenig vertrauenerweckenden LPG-Wirtschaftsweg ein und lerne ein wunderschönes, unbekanntes Stück Uckermark kennen.

Die trotzdem Nette

Meine Tagesrunde beschließe ich mit Kaffee und Kuchen im Café am Weißen See in Böhmerheide. Wunderbarer Blick auf den See, Speisen stets verläßlich gut. Die Sonne hat zahlreiche Besucher hierher gelockt, die mit ihren vielen Sonderwünschen der Bedienung sichtbar zu schaffen machen. Trotzdem kümmert sie sich aufmerksam und mit großer Freundlichkeit um meine Belange. Die menschliche Begegnung zählt in ihrer russischen Heimat oft noch mehr als das Geschäft. большое спасибо.

Café Restaurant Am Weissen See in der Schorfheide

Am Weissen See in der Schorfheide

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