Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradreisen nach Corona – Wie wird das sein?

Motorradreisen nach Corona kann durchaus anders aussehen als gewohnt. Das muß kein Nachteil sein. Wo liegen Chancen und Grenzen?

Neue Empfindungen nach Corona

„Anlaßlos“: Die Corona-Krise hat einen neuen Begriff in die Welt gesetzt. Abseits des allgemeinen Sprachgebrauchs bislang nur Behördenjargon, hat er für uns Motorradfahrer in Teilen unseres Landes schmerzliche Bedeutung erhalten: „Anlaßloses Motorradfahren ist untersagt“.

„Phantomschmerz“: Genau diesen haben viele von uns in den vergangenen Wochen und Monaten während der Corona-Krise empfunden. Als „Obere Hälfte des Motorrads“, aber ohne Motorrad oder Aussicht auf eine Tour bei Hochdruck-Wetter und Niedrig-Benzinpreisen. Mit großer Erleichterung haben wir aufgenommen, daß die Beschränkungen wieder gelockert worden sind. Die Räder rollen wieder.

Was haben wir aus dieser Situation gelernt? Wird Motorradreisen nach Corona anders oder sogar attraktiver sein?

Motorradreisen nach Corona: Schwarzes Motorrad in Tiefgarage

Ruhepause in der Corona-Krise

Der zeitweilige Verlust ist zu verschmerzen.

Motorradfahren ist im Kern reine Kopfsache. Fehlt es uns, dann antwortet unser Gehirn mit Phantomschmerz auf die Veränderungen. Aber freundlicherweise drückt unsere Steuerungszentrale derart unschöne Erinnerungen im Lauf der Zeit beiseite. Das hilft im Leben allgemein und nach erzwungenem Garagenaufenthalt allemal. Das Leben mit dem Motorrad geht weiter.

Die Normalität wird zurückkehren.

Vieles von dem, was wir auf dem Höhepunkt der Corona-Krise vermißt haben, wird auf Dauer zurückkehren: Sozialkontakte, Mobilität, Reisen. Vielleicht wird die Normalität eine andere sein. Nicht alles wird sich ändern, aber manches. Auch deshalb, weil wir die Veränderungen in der Krise erproben mußten und manche von ihnen zu schätzen gelernt haben.

Der Schock wird nachwirken.

Auch wenn wir ungeschoren durch die Corona-Krise gekommen sind und ihre unangenehmen Seiten verdrängt haben: Die Handelnden – Regierungen und Behörden – werden davon ausgehen, daß sich eine solche Lage wiederholt. Mit der Wissenschaft im Rücken hat die Politik gelernt, unpopuläre Beschränkungen durchzusetzen. Auch hier hat sie wieder einmal erkannt, wie sich aus öffentlich demonstrierter Handlungsfähigkeit strategisches Kapital schlagen läßt. Krisen sind Sternstunden der Exekutive.

Deshalb werden unter dem Aspekt der Sicherheit beherzte staatliche Eingriffe in die Lebensführung und auch in das Reiseverhalten der Bürger eher häufiger werden. Die Corona-Krise war ein Lehrstück dafür, wie das geht.

Als Folgewirkung werden wir damit leben müssen, daß es für Regierungen weit schwieriger sein wird, geltende Restriktionen zu lockern als sie zu verhängen. Dieses Dilemma bestimmt ihr Handeln – aber auch unser Leben als Bürger. Und unser Reiseverhalten.

Die Chance der Veränderung nutzen.

Qualitative Fortschritte werden wir in der eigenen Lebensführung nur dann machen, wenn wir uns nicht stur am Althergebrachten festkrallen. Das gilt auch für das Reisen mit dem Motorrad.

Jetzt kommt es darauf an, bestimmte Kaufkriterien, Lebens- und Verhaltensmuster zu unserem Vorteil kreativ zu nutzen. Liegt das fahrerische Glück alleine darin, bei der Kaufentscheidung vorrangig auf den technischen Fortschritt der Motorradtechnik zu fokussieren? Liegt es unbedingt darin, Wege und Ziele in exotischer Ferne zu suchen statt diesseits des Horizonts?

Die Mobilität wird sich ändern.

Damit werden sich auch unsere Mobilitätsmuster verschieben. Inwieweit diese elektrisch oder fossil bestimmt sein werden, ist eine Frage der Physik, der Infrastruktur und der Kaufkraft. So schnell wird jedoch die erregende Mechanik eines Kolbenmotors kaum ihre Faszination für uns Motorradfahrer verlieren.

Bleiben wird auf jeden Fall die Sehnsucht nach der Strecke, der Weite, dem Erleben auf zwei Rädern.

Auch die Motorradreise wird nach Corona ihre Faszination behalten. Wenn aber Landesgrenzen und Unterkunftsmöglichkeiten geschlossen oder gar „anlaßlose Fahrten“ verboten sind, wird uns die Selbstverständlichkeit erst richtig bewußt, mit der wir bisher auf Strecke gegangen sind. Nichts kann mehr selbstverständlich sein wie vorher, keine Reise, kein Naturerlebnis, keine Begegnung mit Menschen unterwegs. Auf jeden Fall wissen wir jetzt genau, wie es sich anfühlt, Zurückhaltung üben zu müssen.

Gut möglich, daß auch das social distancing länger nachwirken wird als uns lieb ist. Krisen müssen nicht ausschließlich gesundheitlicher Natur sein. Die politische Lage ist in vielen Weltgegenden nicht unbedingt stabiler oder ungefährlicher geworden. Meine geplanten Motorradreisen rund um das Mittelmeer und auf der Seidenstraße sind dem zum Opfer gefallen. Deshalb habe ich in anderen Gegenden Ersatz gesucht und zu meiner vollen Befriedigung auch gefunden.

Wir sehen: Krisen zwingen uns, unsere Prioritäten zu überdenken und das Wesentliche vom Verzichtbaren zu unterscheiden. Und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Die Reisegewohnheiten werden sich ändern.

Auch mit dem Motorrad. Da Reisen in fast allen Gesellschaften zur Normalität gehört, werden die Leute baldmöglichst wieder auf Tour gehen wollen. Inwieweit sie sich dies auch leisten können, hängt im Wesentlichen von der Wirtschaftsentwicklung nach der Krise ab.

Für das Reisen nach der Coronakrise stellt sich die Tourismusindustrie auf wesentliche Änderungen der Reisegewohnheiten ein:

  1. Man bleibt eher im eigenen Land, wo es meist billiger und die Situation übersichtlicher und leichter zu bewerten ist.
  2. Die Pandemie wird bei der Auswahl der Tourenroute bzw. des Urlaubsziels eine wesentliche Rolle spielen.
  3. Fernreisen werden zurückgehen. Stattdessen Tendenz, an einem Ort zu bleiben oder einen Road Trip zu unternehmen.
  4. Die Reisedauer wird umso mehr zurückgehen, je stärker sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert.

Fazit

Auch wenn wir das Motorradreisen nach Corona auskosten können. Auch wenn Grenzen offen und Herbergsbetten frei sein werden: Wir haben einen tiefsitzenden Eindruck davon erhalten, daß all dies keine Selbstverständlichkeit ist, die wir als gottgegeben hinnehmen können. Wie schnell kann die Lage kippen. Die Gründe können nicht nur, aber auch gesundheitlicher Natur sein.

In dieser Lage, die unsere Freizügigkeit in ihrem Kern trifft, werden wir einen Staat im Entscheidungsdilemma erleben: Wie lassen sich bürgerliche Freiheiten mit effektiver Infektionsprävention verbinden? Solange diese Frage nicht konsensfähig beantwortet ist, können wir nur hoffen, von materiellen oder administrativen Beschränkungen verschont auch nach Corona unbeschwert mit dem Motorrad reisen zu können.

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