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Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch überschätzen oft ihr Können und die Grenzen der Fahrphysik. Ein gefährlicher Mix aus Motivation und Psychologie. Was steckt dahinter?

Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Rasen ohne Sinn und Verstand

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch treiben die Unfallstatistiken in die Höhe. Häufigste Ursache ist dabei die Überschätzung der eigenen Fahrkünste bei gleichzeitiger Unterschätzung der Fahrphysik. Das Vertrackte dabei: Auf dem Motorrad ist Schnellfahren Herausforderung und Belohnung zugleich, leider oft mit fatalen Folgen.

Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit …
—  Filippo Tommaso Marinetti, Futuristisches Manifest (1909, Ziff. 4.)

Warum nur verfallen viele Motorradfahrer in einen Geschwindigkeitsrausch ohne Sinn und Verstand, egal ob die Straßen kerzengerade verlaufen oder sich eine unübersichtliche Kurve an die andere reiht?  Heizen jenseits der Grenzen von Recht und Vernunft? Geschwindigkeit ist Trumpf. Aber das wichtigste scheint vielen von ihnen zu fehlen …

Worauf kommt es beim Schnellfahren an?

Beim Schnellfahren fordert uns das Phänomen der Vorwärtsbewegung heraus – genauer gesagt: die Balance der Vorwärtsbewegung. Was ist damit gemeint?

Der Mensch mit seinen Sinnen und Fähigkeiten ist nun mal nur für eine bestimmte Geschwindigkeit konzipiert. Ohne Hilfsmittel ist er darauf eingestellt, sich nur so schnell zu bewegen, wie er dies physisch kann. Alles, was darüber hinausgeht, erfordert ein bestimmtes Talent, sonst wird es problematisch.

Damit es nicht gefährlich wird, muß der Fahrer seine natürliche Veranlagung mit dem Potential seiner Maschine sorgfältig ausbalancieren. Schließlich sitzt er nicht auf einem lahmen Maulesel, sondern (im Extremfall) auf einem Supersportler, dessen Beschleunigungs- und Geschwindigkeitspotential (wie auch die Geschwindigkeitsverzögerung) weit jenseits der Sinnesfähigkeiten liegt, die er von Natur aus mitbringt.

Die Kontrolle über die eigene Balance von menschlicher Sinnesfähigkeit und technischem Potential ist auch deshalb wichtig, weil es insbesondere beim Schnellfahren auch um die Beherrschung der Trägheit der Masse ankommt. Diese verläuft immer nur in eine Richtung – und sie gewinnt immer, wenn ich sie nicht richtig balanciere und kontrolliere. Die Masse will immer nur in eine Richtung. Ich als Fahrer will ich aber mal links, mal rechts, will mich mit der richtigen Technik in die Kurve legen und dazu fähig sein, in jeder Situation sicher und effektiv zu bremsen.

Diese Balance zu finden ist einerseits eine gewaltige Herausforderung an den Fahrer. Andererseits verschafft sie ihm auch Genugtuung. Die Genugtuung, die Maschine mit ihrer ganzen Dynamik bis die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu beherrschen.

Was bedeutet das? Nicht weniger als: auf dem Motorrad muß ich – vor allem bei höheren Geschwindigkeiten – klassisches Risikomanagement betreiben. Will sagen, ich brauche die volle Kontrolle über die physikalischen Möglichkeiten der Maschine. Aber auch damit ist irgendwann einmal Schluß. Dann übersteigen die technischen Anforderungen meine humanen Möglichkeiten und es kommt früher oder später unweigerlich zum Crash. Genau um diese Balance geht es, wenn ich die wichtigsten Faktoren des Schnellfahrens durchchecke:

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Geschwindigkeit aus Leidenschaft: Fortunato Depero, Motociclo fervore futurista

Warum wird (zu) schnell gefahren?

Woher kommt die Euphorie des Schnellfahrens? Internationale Studien filtern die wichtigsten Gründe heraus, warum viele Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch Glück und Erfüllung finden:

1. Die Persönlichkeit des Motorradfahrers

  • Spaßfaktor: Warum soll ich nicht machen, was mir gefällt und was geht? Da fahre ich halt so schnell, wie Situation und Fahrbedingungen es hergeben.
  • Nervenkitzel: Viele können dem Reiz nicht widerstehen, ihre Maschine einmal auszufahren, wenn es geht. Was aber nicht unbedingt bedeuten muß, daß sie bei jeder Fahrt knallhart ans Limit gehen.
  • Gewöhnungsfaktor: Hat man an sich leicht an dauerhaft hohe Geschwindigkeiten gewöhnt, möchte man sie immer wieder auskosten. Selbst wenn man Gas einmal zurücknimmt, ist man für die Anderen immer noch verdammt schnell.
  • Performance: Wenn die meisten Motorräder bei linearer Beschleunigung die 100 km/h-Grenze in weniger als 4 Sekunden knacken:  Warum dann mit einem Supersportler einfach mit 80 km/h vor sich hincruisen? Schließlich will man doch seinen Spaß haben!
  • Geschwindigkeitsrausch: Gerade weil Motorräder schneller beschleunigen als die meisten Autos, vermitteln ein rauschhaftes Gefühl.
  • Abreaktion: Wenn mich der Alltag mit so viel Einerlei langweilt: Da muß ich mich auch mal austoben dürfen.
  • Versuchung: Rasen, wenn die Umstände dazu verführen.
  • Ablenkung: Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Musik hören unter dem Helm führt zu totaler Fehleinschätzung der Geschwindigkeit.

2. Die Psychologie des Motorradfahrers

  • Unschuldsgefühl: „Ich werde schon nicht erwischt“
  • Überlegenheitsgefühl: „Ich bin stärker und schneller“.
  • Ungeduld von Natur aus
  • Neigung zur Selbstdarstellung
  • Selbstwerterhöhung dadurch, daß man Bewunderung einheimsen will.
  • Ausbrechen aus Zwängen
  • Natürliche Veranlagung: Sie können gar nicht anders
  • Straßenkampf und Rangkämpfe mit anderen Fahrern
  • Überschätzung des eigenen Könnens
  • Nachahmung: Das Bedürfnis, es anderen nachtun zu müssen.
  • Fehlende Perzeption: Sie kriegen einfach nicht mit, daß sie rasen.
  • Pole Position: Sie können es nicht ab, daß einer vor ihnen fährt.
  • Emotionen: Zorn, Ärger oder das Gefühl des Gehetzseins sind gefährliche Wegbegleiter. Leider auch die Euphorie.

3. „Sicherheitsgründe“

  • Überholvorgang: „Schnelles Überholen ist sicherer als langsames. Bei kurzen Spurts riskiert man oft weniger, wegen Geschwindigkeitsübertretung geschnappt zu werden“.
  • Sicherheitsabstand: „Niemand will ein Auto, das er als potentielle Gefährdung empfindet, nahe vor oder hinter sich haben.“ Damit ich auf der sicheren Seite bin, beschleunige ich aus der Gefahrenzone heraus. Insbesondere bei Spurwechsel oder aus dichten Verkehrssituationen.“
  • Sicherheitspuffer: „Ich fahre lieber ca. 10 – 15 km/h schneller als erlaubt oder die anderen, um die Pole Position zu halten. Hier kann ich auftauchende Gefahren früher erkennen und besser auf sie reagieren. Außerdem schaffen sie mir einen Sicherheitspuffer, den man nicht hat, wenn man im Verkehr nur so mitfließt. Ein wenig schneller fahren minimiert das Risiko. Bevor der Idiot hinten auf mich auffährt, kann ich ihm schnell entkommen“.
  • Bremsen: „Ich kann sehr viel knackiger bremsen kann als ein Auto. Da würde es ein Todesurteil für mich bedeuten, wenn der Idiot von hinten auf mich auffährt“.
  • Leistungsgewicht: „Ich kann sehr viel höher beschleunigen als die meisten Autos. Denn Motorräder sind ja klein und extrem agil. Auch ist ihr Leistungsgewicht erheblich höher als das von Autos.“

4. Soziologie: Promis im Geschwindigkeitsrausch

Bei alledem darf eines nicht übersehen werden: Oft gehören Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch bestimmten sozialen und psychologischen Mileus an. Zahlreiche Studien filtern verschiedene „Lebensstilcluster“ und Risikoprofile heraus, die insgesamt eine stärkere Risikoneigung bestimmter Probanden begünstigen. Aber wer schaut schon so genau in einen Menschen hinein? Wer hat nicht schon selbst erlebt, welche Reaktionen und Verhaltensweisen manche Menschen an den Tag legen, die man ihnen nie und nimmer zugetraut hätte?

Psychologie, Soziologie und Statistik sind das eine. Auf der anderen Seite steht aber das eigene Erfahrungswissen. Und hier beginnen die Überraschungen. Zumal wenn der Geschwindigkeitsrausch Menschen befällt, die vollkommen aus den herkömmlichen Erklärungsmustern herausfallen. Hierzu zwei prominente Beispiele:

T. E. Lawrence

T. E. Lawrence auf seiner Brough Superior, auf der er als Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch tödlich verunglückte

Motorrad- und Geschwindigkeitsfan T. E. Lawrence

2 Motorräder Brough SS 100 im National Motorcycle Museum in Birmingham

Auch mein absoluter Liebling: Die Brough Superior SS 100. Das seinerzeit teuerste und stärkste Luxusmotorrad wurde in der Grundversion bestellt und ganz nach Kundenwunsch aufgerüstet.

Der englische Schriftsteller und Abenteurer T. E. Lawrence („von Arabien“) war ein hard core-Motorradfahrer. Ein richtiger Meilenfresser, der es im Vergleichsrennen schon einmal mit einem startenden Flugzeug aufnahm. Deshalb fuhr er auch an Maschinen – sieben Stück davon verschliß er im Laufe seines Lebens – das Beste und schnellste, was man zwischen den beiden Weltkriegen bekommen konnte: Brough Superior SS 100, von ihm „Boanerges“ genannt – auf Aramäisch „Söhne des Donners“ (Matth. 3, 17). In seinem Buch The Mint verewigte er seine Liebe zur Geschwindigkeit:

Sie bummelt mit 45 Meilen vor sich hin, aber wenn sie voll aufröhrt, läuft sie über Hundert. Ein feinnerviges Motorrad mit einem Hauch von Blut in sich ist besser als alle Reittiere auf Erden wegen der logischen Erweiterung unserer Fähigkeiten und wegen des Fingerzeigs, der Provokation und des Überschwangs, den sie einem mit ihrer unermüdlichen honigsüßen Sanftheit zu Teil werden läßt.

In der Grafschaft Devon begann seine Fahrt in die Unsterblichkeit mit Vollgas, ohne Helm, bloß mit Schutzbrille. Dann tauchten plötzlich hinter einer Hügelkuppe zwei Buben auf Fahrrädern auf. Er versuchte zwar auszuweichen, geriet aber dabei ins Schleudern und machte einen Highsider. Nach einer Woche starb er im Krankenhaus. Winston Churchill rauchte für ihn auf dem Friedhof eine Abschiedszigarre.

Françoise Sagan

Françoise Sagan in einem Jaguar Cabriolet, mit dem sie über die französischen Landstrassen rast

Bonjour vitesse – Françoise Sagan in ihrem Jaguar

Daß dieses Verlangen nach Geschwindigkeit manische Ausprägungen annehmen kann, bewies die französische Schriftstellerin Françoise Sagan: Die beträchtlichen Tantiemen aus ihren Erfolgsromanen investierte sie in heiße Cabrios, mit denen sie über die einsamen Landstraßen der französischen Provinz jagte:

Die Geschwindigkeit ist weder ein Zeichen noch eine Probe, eine Provokation oder eine Herausforderung, sondern ein Überschwang des Glücks. Damit hat [sie] für mich nacheinander alle Feuer der modernen Welt entzündet, das Verlangen nach der Flucht aus dem Alltag, die Selbstbestätigung, den Geschmack an der Wirkkraft der Technik, die Emanzipation der Frau, die Freiheit der Körper …
—  Françoise Sagan,
Bonjour vitesse

Wrack des Aston Martin, mit dem Francoise Sagan schwer verunglückte

Adieu vitesse – Der Aston Martin von Françoise Sagan nach ihrem schweren Unfall

Schließlich baute sie mit ihrem Aston Martin DB2/4 Mk III auf einsamer Landstraße einen folgenschweren Unfall. Dabei erlitt sie multiple Schädel- und Knochenbrüche, von denen sie sich ihr Leben lang nicht mehr erholte. Aber in späteren Jahren gesteht sie:

Bis zu meinem Unfall habe ich mich für unverwundbar gehalten. Ich habe nie gedacht, daß mir das passieren könnte, nicht einmal, daß ich krank sein könnte. Und dann plötzlich: die Katastrophe.

Fazit

Unbestreitbar hat hohe Geschwindigkeit hat für viele einen eigenen Reiz. Doch wer unbedingt heizen will, sollte dies nicht auf der Landstraße tun, sondern sich lieber ein Rennstreckenwochenende auf den Ring gönnen. Ein Training unter kundiger Anleitung hat noch nie geschadet. Viele wird dann aber rasch eine gewisse Demut erfassen, wenn es bei der Dokumentation der eigenen Fahrkünste zum Schwur kommt. Hilfreich wird es auf jeden Fall sein, um die überlebenswichtige Balance von Können und Kraftschluß zu finden.

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Comments (4):

  1. Thomas

    14/07/2020 at 10:38

    Auf der 3-tägigen Überführungstour meiner neuen gebrauchten NC750X von Düsseldorf nach Berlin fahre ich vergangenen Sonntag durch den Harz. In den letzten Jahren bin ich ein „City-Bike“ gefahren – in der City – und so stellt dieses wundschöne Motorradrevier für mich nicht nur eine tolle Übung sondern auch eine psychologische Herausforderung dar. Nach den ersten beiden Etappen durchs Hochsauerland und die Ausläufer des Weser-Berglandes fühle ich mich sicher im neuen Sattel. Es beginnt ein Konflikt zwischen Abenteurer und Bewahrer. Zwischen jung (und dumm) gebliebenem Poser und 4-fachem Vater. Da geht noch was – geh mal steiler in die Kurven, stachele ich mich an. Die Reifen sind top und die anderen machen das doch auch. Bis ich gleich in der übernächsten Kurve einem tollkühnen Kollegen auf meiner Spur begegne, der im Scheitelpunkt einen Golf überholt. Er beherrscht sein Bike, ich beherrsche meinen Schrecken, zwei Schutzengelpunkte abgezogen – passt. Als mein Adrenalinspiegel langsam sinkt, beschließe ich, weiter das sanfte Cruisen zu genießen. Ich fahre mit viel Reserve und warte auf Kurven, in denen ich alles überblicken kann.

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  2. Christian

    16/07/2020 at 18:25

    Hallo,
    zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur NC, viel Spaß und gute Fahrt damit! Mit dieser Maschine kann man eigentlich nichts falsch machen. Im Blick auf Deine jüngste Erfahrung mit einem entgegenkommenden Raser kann ich nur sagen: Solche Leute nehmen sich, wenn sie nicht riesengroßes Glück haben, auf Dauer selbst aus dem Genpool. Was viele erst begreifen müssen: Die große Kunst des Motorradfahrens besteht darin, zügig voranzukommen, ohne zu brettern. Da habe ich aus dem Motorrad-Ausbildungshandbuch für die britische Polizei, das ich neulich hier rezensiert habe, etliches lernen können. Selbst nach vielen Jahren auf dem Motorrad.
    In diesem Sinne: Viele Grüße und gute Fahrt
    Christian

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  3. David Vogel

    16/03/2021 at 00:26

    Als junger Fahrer U30 ist das Thema Rasen etwas, welches mich in letzter Zeit sehr beschäftigt hat. Auf Youtube etc. wird dieses geradezu zelebriert vor allem unter Männern meines Alters. Ich würde mich selber als zügigen Fahrer bezeichnen der sich oft außerhalb der Grenzen der StVO bewegt, dennoch versucht ein Risikomanagement zu betreiben welches für mich vertretbar ist und, vorallem, unter welchem ich andere Menschen, so wenig wie das eben im Straßenverkehr möglich ist, gefärhde. Deswegen möchte ich dir danken, dass du mit diesem Text eine selbstkritische Analyse bei mir ausgelöst hast.
    Neigung zur Selbstdarstellung und Selbstwerterhöhung spielen meiner Meinung nach die größte Rolle bei denen unter uns, aufgrund jener wir in vielen Teilen der Gesellschaft ein negatives Image haben.

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    • Christian

      16/03/2021 at 18:36

      Mit Vernunft fahren verlängert den Spaß am Motorrad um ein Vielfaches! Das muß man sich immer wieder vor Augen halten. Ergänzend dazu empfehle ich meine Buchbesprechung des Ausbildungshandbuches für die britische Motorradpolizei. Das bringt echt etwas, auch noch nach vielen Jahren. Schau mal unter https://motorrad-reisejournal.de/buchempfehlungen-fuer-motorradfahrer/
      Viele Grüße und gute Fahrt,
      Christian

      Antworten

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