Auf zwei Rädern um die Welt

Winterliche Motorrad-Seentour in Brandenburg

Eine winterliche Motorrad-Seentour in Brandenburg bringt Abstand von den Corona-Beschränkungen und Tourenspaß selbst bei Kälte. Wo geht’s lang?

Spontanentschluß zu einer Motorrad-Seentour in Brandenburg

Wenn mich in der grauen Jahreszeit der unvermeidliche Streckenhunger heimsucht, dann gibt es nur eines: rein in die Kombi, raus aus der Garage, rauf auf die Straße. Doch das ist einfacher gesagt als getan – besonders in der Corona-Wintersaison, wenn unterwegs die meisten Stützpunkte geschlossen sind, die Wärme und Speise bieten könnten.

Also zunächst mal eine gute Strecke raussuchen und warme Klamotten anziehen. Bei einem solchen Spontanentschluß ist es immer gut, eine attraktive Tourenstrecke im Hinterkopf parat zu haben. Eine, die zu jeder Jahreszeit mit neuen Impressionen lockt und fahrerisch nie enttäuscht. Das Wetter muß dabei egal sein.

We still can find a way
‚Cause nothin‘ lasts forever
Even cold November rain.

Wir können immer noch einen Weg finden,
denn nichts währt ewig,
nicht einmal kalter Novemberregen.

—  Guns N’ Roses, November Rain

motorrad-seentour in brandenburg: motorrad im herbstwald

Auch einer winterlichen Motorradtour lassen sich eigene Reize abgewinnen.

Mein Tourenrevier Brandenburg ist zwar reich an Wald und Wasser, aber arm an Kurven. Wer reizvolle Abweichungen von der Geraden sucht, findet sie hier an über 7.000 stillen, verträumten, klaren Seen mit ihren geschwungenen Uferlinien, Buchten und Halbinseln. Mit ein wenig Glück verläuft die gewählte Tourenstrecke genau hier entlang. Dann bietet eine Motorrad-Seentour in Brandenburg jede Menge verheißungsvolle Zwischenziele mit begeisternden Ausblicken. Ein erhebendes Gegengewicht zur grauen Novemberstimmung. Eine winterliche Motorradtour von See zu See, das kommt jetzt gerade richtig.

 Meine Strecke

In einem Anfall von winterlichem Sturm und Drang habe ich letzthin eine meiner Lieblingsstrecken abgefahren. Reizvoll ist sie auch deswegen, weil sie zwei ganz praktische Anforderungen erfüllt:

  1. Sie ist abwechslungsreich, führt größtenteils auf entlegenen Nebenstraßen durch eine herrliche Landschaft und garantiert ungebremste Fahrfreude.
  2. Sie hat im zweiten Teil längere Abschnitte, auf denen man flott vorankommt und bald wieder den heimatlichen Stall erreichen kann, wenn es früh dunkel wird.

Runde 230 km netto in 4 Stunden, das paßt genau für diese Jahreszeit.

Meine Motorradtour führt vom nördlichen Berliner Autobahnring aus nordwärts in die Feldberger Seenlandschaft. Nein, nicht, daß unsere badischen Freunde jetzt gleich an den Hochschwarzwald denken: die Feldberger Seenlandschaft in der Nordwest-Uckermark ist eine herrliche Gegend im Grenzgebiet von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Da sie außerhalb der Touristensaison nur wenig besucht ist, bietet sie ideale Voraussetzungen für eine unbeschwerte Tour.

Wie verläuft die Tour?

Dank großzügig geöffneter Drosselklappen bringt mich meine Maschine vom Berliner Autobahnring flott in das Drei-Seen-Städtchen Lindow (Mark). Nachdem ich bis hierhin schon die ersten 70 Tourenkilometer absolviert habe, ist es Zeit für eine kleine Pause, um mich mit einem heißen Kaffee aufzuwärmen und die Beine etwas zu bewegen. Dazu lege ich an der Klosterruine Lindow an, spaziere ein paar Schritte zum Wutzsee und genieße das Naturpanorama.

motorrad-seentour in brandenburg: panoramablick ueber den wutzsee bei lindow mark

Über allen Wipfeln ist Ruh‘: der Wutzsee bei Lindow (Mark)

Hinter Lindow beginnt der romantische Anschnitt meiner Tour: Von Banzendorf führt mich die schmale Landstraße über Dollgow nach Zernikow in eine Maulbeerbaumallee, die schon zu Zeiten Friedrichs des Großen Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt wurde. Zwei Klicks runter, die Maschine ausrollen lassen, und schon präsentieren sich die knorrigen Gesellen am Straßenrand.

motorrad-seentour in brandenburg: zernikow maulbeerallee motorrad

Maulbeerallee bei Zernikow

zernikow maulbeerbaum motorrad

Dieser Maulbeerbaum hat fast 300 Jahre auf dem Buckel

Auf den nächsten 30 Kilometern wird der selbstgewählte Aufenthalt in der frischen Natur reichlich belohnt mit Kurven, wechselnden Panoramen und der Abwesenheit jeglichen Straßenverkehrs. Bunte Laubwälder verschlucken mich, mahnen aber mit ihren abgeworfenen Blättern zu vorsichtiger Fahrweise in den noch morgenfeuchten Kurven.

In Fürstenberg (Havel) spüre ich erstmalig, war es bedeutet, zur winterlichen Corona-Zeit in der freien Natur unterwegs zu sein: die üblichen Lokale und Cafés sind geschlossen. Der Motorradfahrer ist quasi obdachlos geworden. Meine einzige Rettung ist der örtliche NETTO-Markt: Im geheizten Verkaufsraum streune ich durch die Regalreihen und bleibe bei den lila Täfelchen hängen. An der Kasse lasse ich dann einem verzehrfreudigen Ehepaar mit überquellendem Einkaufswagen gerne den Vortritt – sieben Minuten Aufenthalt in der Wärme gewonnen.

Bevor ich den Helm wieder aufsetze noch ein herzhafter Biß in die Schokoladentafel, dann wellt sich die Landstraße hügelauf hügelab durch Wälder und Felder bis zur Flößerstadt Lychen. Dort ein Tankstop am Ortsrand. Die Fahrtdistanz habe ich wohl auskalkuliert bis zu dieser Aufwärmstation. Normalerweise lege ich im Stadtpark von Lychen eine kleine Kaffeepause ein, weil der Ausblick gar so schön ist. Heute aber mahnt mich das Verkehrsschild Richtung Boitzenburg zur Weiterfahrt.

motorrad-seentour in brandenburg: oberpfuhl bei lychen

Picknick mit idyllischem Ausblick: der Oberpfuhl bei Lychen

Feldberger Seenlandschaft

Wenn sich jemand in den Sattel schwingt, um Abstand zu gewinnen von der Unrast der Stadt mit ihren Corona-Beschwernissen, dann hat er hier in der Nordwest-Uckermark, an der Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, seine ultimative Zielregion erreicht. Die Tourenstrecke eröffnet ein variantenreiches Kaleidoskop von Wald und Feld, Hügeln und Senken, Buschwerk und Alleen. Im Frühjahr eine wahre Augenweide, wenn die Kastanienbäume blühen. Jetzt aber recken sich ihre entlaubten Äste aufeinander zu, von der einen Straßenseite zur anderen, wie ein Gitter, das sie schützend über dem einsamen Motorradfahrer ausbreiten. Vorne und hinten ist die Allee kilometerweit verkehrsfrei. Ich halte mich in ihrer Mitte, lässig zurückgelehnt, nur die Fingerspitzen auf die Griffe aufgelegt. Entspannung pur.

Wann immer ich auf das Navi linse (das im Grunde nur zur Unterhaltung mitläuft), zeigt es mir blaue Flächen links und rechts der Strecke, einen See nach dem anderen. Jetzt, wo die Blätter welk am Boden liegen, wird die Perspektive frei für den Reiz der Seenlandschaft. Feldberg ist mein Wendepunkt. Von hier aus schlängele ich mich durch die Seenkette. Dann folgt wieder tiefer Wald und nach einer Serpentine das ehemalige Residenzstädtchen Boitzenburg (mit „tz“, im Unterschied zur gleichnamigen Stadt an der Elbe). Normalerweise ist hier eine Kaffeepause in der örtlichen Rösterei (samt Konditorei und Chocolaterie) fällig. Aber Corona macht mir auch hier einen Strich durch die Rechnung. Bleibt mir nur ein kurzer Halt am Schloß und ein kleiner Spaziergang durch den Park, um die Lebensgeister wieder etwas in Wallung zu bringen und die Beinmuskeln zu durchwärmen.

seentour in brandenburg: schloss boitzenburg in der uckermark

Schloß Boitzenburg, aber im Sommer

Dann wieder Seen. Die Hinweisschilder „Zur Badestelle“ lassen mich zu dieser Jahreszeit so kalt wie nur was. Ein paar Kilometer später kippe ich nach rechts ein auf die B 109. Auf der schnurgeraden Strecke bleibt der Blick axial nach vorne gerichtet. Immer deutlicher spüre ich, wie der Horizont seine magnetische Wirkung entfaltet. Er zieht und zieht und zieht. Schon längst ist die Nadel des Drehzahlmessers aus den Niederungen des Bummelmodus in lichtere Höhen emporgeklettert. Die Pferdchen wittern wohl schon ihren heimatlichen Stall. Aber bis dort ist es noch einiges hin.

Werbellinsee

Was ich jetzt definitiv nicht brauchen könnte, wäre jegliche Art akustischer Störung durch Elektronik im Helm. Mir reichen die 450 Hertz, mit denen mein Motor durch den Gehörschutz singt wie eine Turbine unter Volllast. Mitten durch das Wäldermeer der Schorfheide rausche ich bis Joachimsthal.

werbellinsee mammut motorrad

Zwei Mammuts in der Schorfheide

Am Ortsausgang biege ich beim Mammut „Georg“ rechts ab. Dann folge ich der Uferlinie des Werbellinsees, wohl einer der schönsten Motorradstrecken, die in Ostdeutschland zu finden sind. Leider hat dies auch das Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg mitbekommen und diese attraktive, aber nicht ungefährliche Kurvenstrecke mit rauen Geräuschbarrieren vollgepflastert. Eine Schande, die wir ehrlicherweise auch jenen zu verdanken haben, die diese Uferstrecke jahrelang mit dem Lausitzring verwechselt haben. Ein Stück weiter gönne ich mir eine kleine Bewegungspause mit Kaffee: Von einem Durchschlupf am See aus genieße ich das Landschaftspanorama, während mir in der schilfumstandenen kleinen Bucht ein Schwanenpaar ratlose Blicke zuwirft.

seentour in brandenburg: werbellinsee rast thermosflasche

Rast am Werbellinsee

Ich kann jedem nur raten, diese Strecke in Nord-Süd-Richtung zu fahren, denn so hat man den schöneren Ausblick auf den See – hauptsächlich im Winter, wenn die Uferbüsche blickdurchlässig geworden sind.

Für den weiteren Rückweg nach Berlin gibt es sicher attraktivere Strecken als die, die mir die Kälte heute aufzwingt. Deshalb schlage ich mich bei Finowfurt auf die A 11 und biege am Dreieck Panketal auf den nördlichen Berliner Ring ein. Von dort aus leitet mich die Autobahnausfahrt meines Vertrauens am Ende meiner Motorrad-Seentour wieder nach Hause ins Zentrum der Hauptstadt.

 

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Comments (2):

  1. Max

    21/11/2020 at 12:41

    Hallo Christian,

    diese Route möchte ich mir am kommenden Wochenende vornehmen – ich hoffe auf einigermaßen schönes Wetter. Es ist meine erste Motorradsaison und ich bin wirklich froh auf deine Seite gestoßen zu sein. Hier kann man wirklich viel mitnehmen. Seien es die Routen oder die Tipps rund um das Motorradfahren. Nach der Fahrt lasse ich dir auf jeden Fall wieder ein Feedback da.

    Schöne Grüße und allzeit gute Fahrt
    Max

    Antworten
    • Christian

      22/11/2020 at 12:09

      Hallo Max,
      freut mich, daß Dir mein Tourenvorschlag gefällt und auch das, was ich sonst noch so schreibe. Das ist ja auch das Ziel, Gleichgesinnten etwas mitzugeben. Ich wünsche Dir eine frostfreie und erlebnisreiche Fahrt! Ich bin gespannt, was Du auf Deiner Tour erlebst.
      Viele Grüße
      Christian

      Antworten

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