Motorrad Reiseblog mit Touren, Tipps & Tricks

Einstieg in die Motorrad-Herbstsaison

Die Motorrad-Herbstsaison öffnet ihre eigenen Reize denjenigen, die ihnen ohne Rücksicht auf Wind und Wetter zu erliegen bereit sind. Wie bei dieser Tour.

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Raus aus der Komfortzone

Wie leergefegt erscheinen jetzt die herbstlichen Straßen– nicht nur im wörtlichen Sinne nach den ersten Oktoberstürmen. Zumindest werktags sind nur noch diejenigen Kollegen unterwegs, die unermüdlich und mit geschultertem Rucksack zum Arbeitsplatz pendeln. Das nährt den Eindruck, als seien in der Motorrad-Herbstsaison die meisten Motorräder bis auf weiteres in der Garage angedockt.

Nicht so unsere dicke Graue. Befüllt bis Oberkante Unterlippe harrt sie geduldig auf einen Ausritt durch herbstbunte Alleen. Und wir, Christine und ich, saugen mit unseren Augen buchstäblich die Wetterbesserung aus allen Wetter-Apps heraus, die wir auf unseren Smartphones gespeichert haben. Bis ich auf dem Wetter-Radar das entdecke, was mein Vater immer „Rückseiten-Wetter“ nannte: die Aufklarung hinter einer Regenfront.

Diese Prognose läßt mich mit Gelassenheit den letzten Regenschauern lauschen, die zu früher Stunde auf unser Dachfenster niederprasseln. Bis der Frühstückstisch abgeräumt ist, werden die prall gefüllten Wolken weitergezogen sein. Und so kommt es dann auch. Alles ist für die Tour vorbereitet; der Einstieg in die Motorrad-Herbstsaison kann beginnen.

Im Herbst aufs flache Land

So verlockend eine Tour durch herbstbunte Wälder gewesen wäre – nach Sturm und Regen lauert mir dort zu viel nasses Laub auf der Straße. Schließlich will ich mit meiner lieben Sozia keine Rutschpartie veranstalten. Deshalb führt uns Plan B hinaus aufs flache Land, auf einsame Sträßchen, die wir uns allenfalls mit verlorenen Reitern oder Traktoren teilen müssen. Straßen, die der frische Herbstwind frei und trocken geblasen hat. Und damit es ja nicht eintönig wird, wollen wir am Wegesrand manches entdecken, was vielleicht sogar manchem Einheimischen entgangen ist.

Damit führt unsere Montagsroute hinaus aus Berlin südostwärts Richtung Naturpark Nuthe-Nieplitz. Nicht gerade ein geniales Kurvenrevier, dafür aber mit der Anmutung eines riesigen englischen Landschaftsparks.

Zunächst passieren wir den ehemaligen Regierungsflughafen Rangsdorf, wo Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 auf dem Rückflug von der Wolfsschanze gelandet ist; kurz darauf das Mercedes-Werk, in dem – nomen est omen – die Sprinter gebaut werden. Dort haben wir schon die Peripherie der Hauptstadt erreicht und schlagen uns im Zickzack auf kleinere Sträßchen und Betonplattenwege, die eigentlich nur Ortsansässigen und dem landwirtschaftlichen Verkehr vorbehalten sind.

Schräg durch den Landkreis PM („Posemuckel“) verläuft unsere Piste an einem „Weinberg“ (76 m) vorbei, der uns wehmütig an die weiten Hänge des Frankenweins erinnert. Hier aber müssen wir uns mit dem bloßen Namen zufrieden geben.

motorrad auf freiem feld

Kaffeepause in der Sonne auf freiem Feld

Irgendwo habe ich mich anscheinend bei der Streckenplanung verdaddelt: Wir landen auf einer ruppeligen Teerstraße zwischen einem Maisfeld und einer Brachwiese. Kein Schild, kein Orientierungshinweis, das Navi spuckt nur imaginäre Fragezeichen aus. In der nächsten Waldsiedlung erkundigen wir uns nach dem Weg bei einer Frau, die gerade ihren Garten winterfest macht. Unsere Nachfrage löst einen sehr netten Plausch aus, der uns im Ergebnis auf das richtige Feldsträßchen gen Süden führt.

Heile Landschaft

Mit der Sonne steigt auch unser Wohlgefühl und wir bummeln völlig entspannt zwischen den Feldern dahin. Plötzlich rührt sich etwas im Straßengraben rechts voraus – drei Fasanen rennen vor uns davon. „Infanteristen“ nennt sie der Jäger. Die kulinarische Erinnerung an Fasanenbraten mit Wacholderrahmsoße und Champagnerkraut verdrängen wir aber und beobachten die kupferfarbenen Gesellen, wie sie mit ihren langen Stoßfedern auf die nächste Dickung zustreichen. Ein toller Anblick. Und zugleich ein beruhigender. Denn wo der Fasan zu Hause ist, ist die Natur im Gleichgewicht.

Blick auf die Vergangenheit

Als wir in Kummersdorf Alexandersdorf wieder bewohntes Gebiet erreichen, schlagen wir einen Bogen um den ehemaligen Militärflugplatz Sperenberg, der bis 1994 die wichtigste sowjetische/russische Luftwaffenbasis in Ostdeutschland war.

Auch auf der weiteren Strecke läßt uns die Vergangenheit nicht los. Schon nach wenigen Kilometern passieren wir das riesige Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Kummersdorf. Hier wurde früher alles erprobt, was kracht. Auch Kraftfahrzeuge und Panzer, eigene ebenso wie erbeutete. Heute liegt das ausgedehnte Waldgelände in tiefem Frieden.

Bild vom Bahnhof Schönfeld Rudi-Dutschke-Platz Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg

Die jüngere Vergangenheit holt uns in Schönefeld ein, einem einsamen Kaff zwischen Luckenwalde und Baruth (Mark). Rudi-Dutschke-Platz steht da auf dem Straßenschild. Zur Erinnerung an den Revolutionsführer der 68er, der von hier stammte und in Luckenwalde in die Schule ging.

Zeitmaschine: vor 200 Jahren

Von unbeschwertem Kurvenschwingen kann in dieser Gegend wirklich keine Rede sein. Deshalb lassen wir es auf einsamer Landstraße einfach laufen, ungestört von Trabis und Traktoren. Dann grüßen uns über die Baumwipfel hinweg die Flügel der Friedensmühle Petkus, einer 1835 errichteten Bockwindmühle. Hier drehen wir ein und gönnen uns zu ihren Füßen einen tiefen Schluck Kaffee aus der Thermosflasche.

motorrad-herbstsaison: fiedensmuehle in petkus brandenburg

Seit 200 Jahren im frischen Wind: die Friedensmühle in Petkus

Im Dorf biegen wir nach Westen ab Richtung Jüterbog, das wir in einer weiten Südschleife umfahren. Auch dies ist nicht gerade ein Sehnsuchtsrevier für Motorradfahrer, aber die abwechslungsreiche Landschaft und das stille Herbstblau des Himmels entschädigen uns beim genüßlichen Cruisen.

Aus dem weiten Land ragt in der Ferne der spitze Kirchturm von Dennewitz, umkränzt von mächtigen Bäumen und geduckten Häusern. Unser nächstes Ziel. Eine dichte Allee schleust uns zur einem Denkmal in der Ortsmitte. Es erinnert an die die Schlacht bei Dennewitz im September 1813, mit der die verbündeten Preußen, Russen und Schweden den Vormarsch Napoleons auf Berlin endgültig stoppten.

motorrad-herbstsaison: buelow denkmal in dennewitz brandenburg mit motorrad

Bülow-Denkmal in Dennewitz

So großformatig dieses Monument für das kleine Dorf auch scheinen mag, der Anlaß war für den weiteren Verlauf der Geschichte von erheblicher Bedeutung. Vielleicht sosehr, daß man im Nachbarort Niedergörsdorf ein zweites Denkmal aufstellte, aus Gußeisen geschaffen vom preußischen Oberbaurat Karl Friedrich Schinkel.

schinkel tabernakel in niedergoersdorf fuer schlacht bei dennewitz 1813

Aus der Königlichen Eisengießerein in Berlin in den märkischen Wald: das Schinkel-Tabernakel in Niedergörsdorf

An einem Wäldchen auf dem Denkmalsberg lasse ich die Maschine zu einer gepflegten Mittagspause ausrollen. Ein idyllischer Ort für ein klassizistisches Monument, umstanden von knorrigen Eichen und einem Bänkchen davor. Ideal für eine kleine Stärkung unter der wärmenden Herbstsonne, mit dem Lunch aus Christines Spezialitätenküche.

Danach unternehmen wir noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu dem etwas unterhalb gelegenen, gleichfalls von Schinkel entworfenen „Wächterhaus“, wie es früher standardmäßig zu solchen Denkmalanlagen gehörte. In Form und Proportion auch heute noch ein höchst gelungenes kleines Bauwerk, um das wir die Familie beneiden könnten, die es bewohnt.

schinkel waechterhaus in niedergoersdorf

Schinkel-Architektur in der Einsamkeit: das Wächterhaus bei Niedergörsdorf

Verwunschenes Schloß

Die nächsten 30 Kilometer bis Kropstädt unterscheiden nur wenig von der Strecke, die uns hierher geführt hat: zu beiden Seiten stoppelige Maisfelder nach der Ernte, im Wechsel mal mit Brachen, mal mit Feldern, über die ein Traktor seine Egge zieht. Hinter Schönefeld und Wergzahna überqueren wir die Grenze nach Sachsen-Anhalt und fahren an Schloß Kropstädt vor.

Wie wir befürchtet hatten, bietet es einen jammervollen Anblick. Nach mehrfachem Besitzerwechsel ist es zwar äußerlich restauriert, versteckt sich aber jetzt völlig verlassen hinter Bäumen und Gestrüpp. Wohnt Schneewittchen hier?

schloss kropstaedt in sachsen anhalt

Das verwunschene Schloß Kropstädt

Wir pirschen in dem einstmals großartig angelegten Landschaftspark um den Bau herum, treffen aber hinter jeder Ecke auf Vernachlässigung. Wer könnte es wohl schaffen, diesem stolzen Tudor-Schloß neues Leben einzuhauchen? Berechtigte Zweifel sind angesagt.

schloss kropstaedt in sachsen anhalt seitenansicht

Wohnt hier irgendwo Schneewittchen?

motorrad vor dem eingang zu schloss kropstaedt in sachsen anhalt

Der einstige Glanz ist dahin.

Das meinen auch die Dorfbewohner, mit denen wir neben unserem Motorrad sprechen. Ihre Verbitterung ist unüberhörbar. Ihre trüben Gedanken begleiten uns auf unserem weiteren Zickzackkurs durch das Naturschutzgebiet zwischen Treuenbrietzen und Luckenwalde. Die Straßen aller Ordnungen sind so herbstbunt und menschenleer, daß ich mich einfach zurücklehnen und freihändig fahren möchte. Aber erstens heiße ich nicht Valentino und zweitens wäre es eine arge Zumutung für meine Valentine dicht hinter mir.

motorradfahren im herbst: bunte allee

Leicht und locker durch die herbstliche Mark Brandenburg

Unabgesprochen ankern wir am Ufer des Seddiner Sees, lassen mit Blick über Schilf und See unsere Beine baumeln und dabei unseren Tourentag noch einmal Revue passieren, ehe ich für die verbleibenden 50 Kilometer den Motor letztmalig starte. Der Einstieg in die Motorrad-Herbstsaison ist höchst gelungen.

abendstimmung am seddiner see in brandenburg

Letzte Pause am Seddiner See vor der Rückfahrt

Streckenführung

Fazit

Sinkende Temperaturen, frischer Wind und dräuende Wolken sollten uns nicht davon abhalten, uns die Motorrad-Herbstsaison auf ganz persönliche Weise zu eigen zu machen. Die Touren werden dadurch nicht weniger attraktiv; sie sind nur anders als in der Hauptsaison gewohnt. Also raus aus der Komfortzone und rauf auf die Straße. Ihr werdet es nicht bereuen.

Aktualisiert am 24/10/2021 von Christian

Comments (3):

  1. Thomas Otto

    17/11/2021 at 23:35

    Daumen hoch kann ich nur sagen. Ich komme aus Brandenburg an der Havel und kenne die Gegend, die Du hier durchfahren hast sehr gut und kann mich deinen Kommentaren nur anschließen. Die brandenburger OldboyBiker & Bikerinnen fahren wenn es nicht regnet jeden Samstag oder Sonntag zwischen 100 und 300 Kilometer um genau das zu tun, den Weg genießen. Denn nicht das Ziel ist das Ziel, nein der Weg ist das Ziel, denn meiner Meinung nach kommt man nur so zu Ruhe und Ausgeglichenheit.
    Mach weiter so, mir gefallen deine Tourbeschreibungen ausgezeichnet.

    Antworten
  2. Christian

    18/11/2021 at 14:25

    Hallo Thomas,
    herzlichen Dank für Deine anerkennenden Worte. Ich freue mich, daß Dir meine Toureneindrücke aus Brandenburg gefallen, vielleicht auch meine allgemeineren Beiträge. zum Thema Motorradfahren. Schön wäre es, wenn Du auch die anderen Old Boys darauf aufmerksam machen könntest. Damit wünsche ich Dir/Euch eine möglichst kurze Winterpause und dann allezeit gute Fahrt!
    Christian

    Antworten
    • Thomas Otto

      18/11/2021 at 21:16

      Danke, werde ich gerne machen. Eine Winterpause gibt es für einen Teil unserer Gruppe nicht, allerdings fahren wir nicht gezielt in den Regen oder Schnee.
      DlHzG & AgF

      Antworten

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