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Langstreckenkomfort auf dem Motorrad

Langstreckenkomfort auf dem Motorrad verlangt eine ganze Reihe von Optimierungsmaßnahmen an Mensch, Maschine und Material. Wie schaffe ich mir Bequemlichkeit für lange Etappen?

Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Endlich wieder auf Fernreise

Die Erlösung naht! Nach einem verzichtsreichen Pandemie-Jahr können wir endlich wieder mit dem Motorrad auf Langstrecke gehen. Ferne Ziele locken.

Bevor wir aber den Kurvenspaß auf südlichen Berg- und Uferstrecken genießen können, müssen die meisten von uns erst mal eine längere Anfahrt bewältigen. Schweißtreibende Ortsdurchfahrten und schier endlose Autobahnetappen sind jedoch meist genau das Gegenteil dessen, was wir uns von unserer Motorrad-Fernreise erträumt haben.

Warum? Lange Etappen gehen in die Knochen. Irgendwann streikt die Sitzfläche. Die Handgelenke fühlen sich an, als seien sie in einen Schraubstock eingespannt. Die Muskeln flehen um Entspannung. Je länger die Etappe dauert, desto schlimmer wird es.

Damit stellt sich die Kardinalfrage: Was kann ich tun, um einigermaßen komfortabel und entspannt am Etappenziel anzukommen?

Was macht Bequemlichkeit aus?

Die Standardantwort darauf ist ebenso banal wie halbrichtig: „Dann mußt du dir halt den richtigen Sattel draufbauen!“ Stimmt schon, aber das alleine reicht nicht. Die Sorge für den Allerwertesten ist beim Motorradfahren zwar sehr wichtig. Aber er ist keineswegs das alles entscheidende Zentralorgan auf der Langstrecke.

Ob ich entspannt am Etappenziel ankomme oder abends als Langstreckenkrüppel am Tresen lehne, hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab, die zusammengenommen erst den gewünschten Fahrkomfort ausmachen: Mensch – Maschine – Material. Was heißt das?

Mensch

Spätestens seit dem Lockdown hat es sich herumgesprochen, wie wichtig körperliche Fitness ist, auch und vor allem beim Motorradfahren. Sie ist zunächst ein Sicherheitsfaktor, ohne den es kaum möglich ist, Fahrbefehle in akkurat in Fahrverhalten umzusetzen – gerade in kritischen Situationen.

In gleicher Weise sichert ein gut konditionierter Körper Kraft und Geschmeidigkeit: Fitness beugt nicht nur vorzeitiger Ermüdung vor und stützt so das Konzentrationsniveau. Sie macht das Fahren auf langer Strecke auch entspannter und angenehmer.

Dazu müssen wir nicht auf Maximalkraft trainieren und dicke Muskelpakete aufbauen. Wichtig ist vielmehr die Geschmeidigkeit der Bein- und Rückenmuskeln und die Beweglichkeit der Gelenke von der Schulter bis zu den Füßen.
Um schmerzhafte Spannungsgefühle im Muskelapparat und Ziehen in den Gelenken zu verhindern, dazu ist ein passender Sattel zwar wichtig – aber nicht ausschließlich. Wer z. B. auf Dauer bei gespreizter Fahrhaltung Schmerzen in den Oberschenkeln verspürt, sollte sich um die Kräftigung der Adduktoren kümmern.

Auf jeden Fall sollte man auf Nummer sicher gehen, ob man sich im Laufe der Zeit nicht eine Fehlhaltung beim Motorradfahren angewöhnt hat, die auf Dauer Schmerzen verursacht. Ich habe dazu einem Termin mit meiner Physiotherapeutin vereinbart und mich vor ihrer Praxis in gewohnter Fahrhaltung auf die aufgebockte Maschine gesetzt. Dann hat sie mich von Kopf bis Fuß auf evtl. Verspannungen untersucht und sich sogar bereiterklärt, mich zwecks Sattelanpassung zum Motorradsattler um die Ecke zu begleiten.

Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung sind sehr überraschend. Wer Dauerprobleme mit seinem Bewegungsapparat hat, sollte einmal über fachliche Sitz- und Haltungsberatung nachdenken. Das ist der erste Schritt zum beschwerdefreien Fahren.

Maschine

Ob und inwieweit sich die eigene Maschine für lange Etappen eignet, weiß und spürt natürlich jeder selbst am besten. Wer allerdings mit seinem Supersportler auf Fernreise gehen möchte, wird sich kaum großen Fahrkomfort und entspanntes Ankommen am Ziel erhoffen können.

Wo in Bezug auf den Komfort die Motorradgeometrie Probleme macht, läßt sich mit einem sehr interessanten Internet-Tool zur Motorradergonomie feststellen. Darin ist eine größere Zahl von Motorradmodellen mit ihren Maßen vorgespeichert. Nach Eingabe der individuellen Körpermaße (und auch derjenigen der Sozia) läßt sich darstellen, wie groß auf der jeweiligen Maschine die Vorbeugung, Knie- und Hüftwinkel ausfallen.

Diese Ergebnisse helfen nicht nur bei der Kaufentscheidung, sondern auch bei evtl. nötigen Umbauten an der Maschine, um durch Anpassung der Motorradgeometrie den Fahrkomfort zu verbessern.

1. Kniewinkel

Wichtigster Faktor ist dabei der Kniewinkel: Fällt er eher klein aus (viel kleiner als 90°), ermöglicht er zwar eine bessere Kontrolle der Maschine und unterstützt dadurch das sportliche Fahren. Dies aber um den Preis einer früheren Ermüdung der Beine und ziehender Schmerzen in den Muskeln. Mit einem größeren Kniewinkel (näher an 90°) fährt es sich auf längerer Strecke dagegen bequemer, dies jedoch mit reduziertem Kontrollgefühl, vor allem in Kurven.

Abhilfe schaffen läßt sich hier durch verstellbare Fußrasten, die für die meisten Motorradmodelle erhältlich sind bzw. sich mit mehr oder weniger Aufwand anpassen lassen. Gegebenenfalls ABE beachten.

2. Lenkerposition

Kernproblem bei der Lenkerposition ist die von ihr abhängige unterschiedliche Belastung der Handgelenke und der Rückenmuskeln. Lange Fahrten auf Motorrädern mit schmalen, sehr tief montierten Lenkern verursachen oft Schmerzen in den Handgelenken. Je höher dagegen der Lenker montiert ist, desto entspannter kann (in Abhängigkeit vom Körperbau) die Fahrposition sein.

Lenkererhöhungen lassen sich auf die meisten Maschinen montieren. Oft macht dies eine Verlängerung der Länge der Brems- und Gaszüge nötig. Das ist aber in aller Regel machbar.

langstreckenkomfort auf dem motorrad: lenkererhoehung

Eine Lenkererhöhung verhilft zu entspannter Fahrhaltung.

Auf allen meinen Tourern habe ich mir deshalb eine Lenkererhöhung (mit ABE) montiert und war mit dem Fahrkomfort auf Langstrecke stets sehr zufrieden. Außerdem habe ich das subjektive Gefühl, daß sich meine Maschinen dadurch viel agiler fahren ließen.

Ist der Lenker dagegen zu breit und/oder zu hoch montiert, geht das auf Dauer in Arme und Schultern. Bequemlichkeit und Handlichkeit erfordern also auch hier einen Kompromiß.

3. Fahrwerk und Reifen

langstreckenkomfort auf dem motorrad: oehlins fahrwerk an bmw r 1200 gs

Nicht gerade ein Schnäppchen, aber eine lohnende Investition für genußvolles sportliches Fahren: Öhlins-Fahrwerk

Die teuerste (aber auch fahrerisch lohnendste) Investition in den Fahrkomfort auf Langstrecke ist diejenige in Fahrwerk und Reifen. Bei den Pneus gibt es in jeder Größe Modelle, die eher komfortabler ausfallen als sportlich. Die passende Reifenwahl muß man halt sehr individuell entscheiden.

Verglichen damit ist die Investition in ein z. B. gelbes oder blaues Fahrwerk ein kleiner Luxus, aber ein überaus lohnender. Das zahlt sich nicht nur auf Serpentinenstrecken aus, sondern auch in der einzigartigen Fähigkeit der Nachrüstfahrwerke, Unebenheiten der Straße glatt wegzubügeln. Mit dem Sonderbonus eines sehr komfortablen Fahrens.

4. Sattel

langstreckenkomfort auf dem motorrad: corbin sattel auf bmw r 1200 gs

Ein gut angepaßter Corbin-Sattel garantiert komfortables Fahren auf langen Strecken.

Die po-pulärste Investition in den Langstreckenkomfort auf dem Motorrad ist diejenige in einen angepaßten Sattel. Nicht alle OEM-Teile machen den Rutsch in die Ferne zur reinen Freude. Die Belastung der Sitzbeinhöcker oder auch der gesamten Sitzfläche können zur Qual werden und die Tour schon nach wenigen Hundert Kilometern vermiesen.

Mit einer Fülle von Materialien verschieden harter Schaumstoffen bis hin zum Gel bietet der Nachrüstmarkt reiche Auswahl und effektive Abhilfe. Bitte sich aber nicht zu einer allzu weichen Polsterung verführen lassen. Das führt unweigerlich zu Taubheitsgefühlen und Schmerzen im Gesäß.

Ich habe mir mal den Luxus erlaubt, mir bei Corbin im Werk in Hollister, CA einen Sattel anpassen zu lassen. In einem sehr netten Zwiegespräch mit der Sattlerin, die ihn mir gebaut hat. Kein billiger Spaß (der Sattel), aber ein überaus lohnender.

Sitzfleisch

Der einfachste Beitrag zum Komfort auf der Langstrecke kommt aus der Fahrradwelt: eine gut gepolsterte Radhose. Keine Sorge, sie ist überraschend bequem und trägt auch unter den meisten Kombis nicht auf. Und die Investition ist überschaubar.

Ich habe sie zu schätzen gelernt, vor allem weil die meinige besser gepolstert ist als die meisten anderen Radhosen. Zudem bedeckt sie nicht den gesamten Oberschenkel, sondern sie trägt sich eher wie Boxershorts mit Polsterung und das Material ist sehr luftig.

Für die übrigen Sitzprobleme gerade in der Sommerhitze gibt es probate Mittelchen von Ballistol bis Spezialcreme. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

langstreckenkomfort auf dem motorrad: anti monkey butt

Im Zweifel erleichtert das richtige Mittel zum Einreiben den langen Ritt.

Eine sehr angenehme Lösung ist auch ein Gelsitzkissen, das sich auf Langstrecken einfach auf dem Sitz verzurren läßt. Wir haben damit bei vielen Touren gute Erfahrungen gemacht.

Fahrkomfort auch für die Sozia

So sehr sich die Motorradkonstrukteure um die ergonomischen Bedürfnisse des Fahrers kümmern – die Sozia scheint eher im Schatten ihres Interesses zu stehen. Dabei spreche ich nicht von den Sitzbrötchen auf Supersportlern, die selbst einer leidensbereiten Mitfahrerin nach kurzer Strecke unerträglich werden. Ich wüßte nur allzu gerne, ob einer der werten Herren Ingenieure jemals seine Frau oder Tochter auf dem Ergebnis seiner segensreichen Entwicklung mit auf Langstrecke genommen hat. Ich wage die Aussage: Bestimmt nicht! Ansonsten hätte er mit Sicherheit Bequemeres abgeliefert.

langstreckenkomfort auf dem motorrad: ermuedete motorradfahrerin neben bmw r 1200 gs

Auf langen Strecken wird der kantige Heckkoffer für die Sozia zur Tortur.

Prototypisch für diese zweirädrigen Folterinstrumente sind Reiseenduros mit aufmontierten Heckkästen, die für eine – vor allem hochgewachsene – Reisebegleiterin eine längere Tour zur Tortur machen. Solange wir GS & Co. unterwegs waren, tat mir meine liebe Sozia aufrichtig leid. Aus nimmermüder Passion zum Motorradfahren (sie) und zur Maschine (ich) haben wir uns mit einem orthopädischen Keilkissen beholfen, das wir mit einem Gummispannband um den Heckkoffer geschnallt haben. Diese Lösung tat über 150.000 km ihren Dienst, bis wir die GS zu Gunsten eines komfortableren Tourers ausgemustert haben.

Fazit

Langstreckenkomfort auf dem Motorrad ist nicht nur eine Frage des passenden Sattels. Bequemlichkeit ist eine Gesamtkomposition, welche die Optimierungsmöglichkeiten an der Maschine ebenso umfaßt wie die die Sorge für den Fahrer selbst. Auf diese Weise können selbst längere Etappen zur schönen Erinnerung an eine ausgedehnte Tour werden.

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Aktualisiert am 01/07/2021 von Christian

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