Auf zwei Rädern um die Welt

Kraftorte um den Grand Colombier

Kraftorte um den Grand Colombier in den französischen Westalpen: Warum nicht einmal eine Super-Passfahrt mit Zielen verbinden, die kaum jemand kennt? Die nicht dick auf der Karte verzeichnet oder auf dem Navi als POI gespeichert sind? Es locken ein magischer Wald, eine versteckte Kartause, eine Flugzeug-Absturzstelle und sogar einem Kernkraftwerk. Alle diese so unterschiedlichen Ziele sind verbunden durch herrliche Kurvenstrecken mit toller Aussicht.

Verlockende Kraftorte
um den Grand Colombier

Ein sonniges Wochenende zieht herauf. Bei einem ausgedehnten Frühstück reift unser Entschluß, einige Kraftorte um den Grand Colombier zu besuchen, die sonst kaum jemand kennt. Zuerst den Forêt de Vallin, einen Druidenwald: Ein magischer Ort mit Kraftfeldern, einem Wasserfall und einem heilbringenden steinernen Druidenthron. Danach, ganz einsam in den Bergen, die Chartreuse de Portes: eine versteckte Kartause, deren Lage uns erst Google Earth erschlossen hat. Unweit davon, an einer Serpentine, die Absturzstelle, an der 1963 eine Mirage 3E zerschellt ist. Und schließlich, weil es so schön an unserer Strecke liegt, das Kernkraftwerk Bugey an der Isère.

STRECKENFÜHRUNG

Der Magische Wald

Es hätte uns ruhig früher einfallen können, daß am ersten Ferienwochenende alle Hauptstraßen voll sind. Kraftorte um den Grand Colombier besuchen – da hätten wir besser die Landstraße nehmen sollen. So geht es halt kilometerweit zwischen den stehenden Autoschlangen durch auf der Autobahn Richtung Chambéry.

Nach einer guten Fahrtstunde verlassen wir mit einem Seufzer der Erleichterung die Autobahn an der Gabelung der A 43 und A 48. Über Land schlängeln wir uns dorthin, wo der Forêt de Vallin sein soll. Jedenfalls hat es unser Gewährsmann vage so beschrieben.

Zunächst lädt uns erst einmal ein schattiger Waldrand zur Ruhepause ein:

Bild von einem Baum im Forêt de Vallin, dem magischen Druidenwald zwischen Lyon und Chambéry im französischen Département Isère

Rast unter einem Baum im Forêt de Vallin

Dann stellen wir die Maschine in sicherer Entfernung vom Druiden ab und machen uns zu Fuß auf den Weg. Es ist dies nun schon unser dritter Anlauf, um diesen magischen Ort zu finden. Das Internet gibt nicht viel dazu her. Google Earth zeigt nur Wald. Und die Bauern, die wir am Feldrand befragten, drucksten merkwürdig herum.

Einen ersten Hinweis, daß wir doch auf dem richtigen Weg sind, liefert das Erscheinen zweier etwas seltsam daherkommender Frauen. Vielleicht haben sie unsere gesuchten Kraftorte gefunden? Verraten wollen aber auch sie uns nichts. Auch nicht das wandernde Ehepaar mit einer selbst gezeichneten Karte in der Hand.

Der Druidenthron

Bild von einem der Kraftorte um den Grand Colombier: Druidenthron im Forêt de Vallin, dem magischen Wald zwischen Lyon und Chambéry im französischen Département Isère

Druidenthron im Forêt de Vallin

So pirschen wir auf gut Glück waldeinwärts dem Druidenthron zu. Er soll Kraft und Gesundheit bringen, wenn man auf ihm sitzt. Nur nicht länger als 9 Minuten, wie die Esoteriker im Internet mahnen. Und dann, plötzlich, hinter einer Kurve des schmalen Waldweges, zeigt er sich uns.

Vorsichtig um uns blickend nehmen wir Platz. Den vielgerühmten Kraftfluß spüren wir zwar nicht. Wohl aber den Unwillen des Druiden: Christine holte sich beim Anmarsch prompt häßliche Blasen mit ihren Stiefeln. Obwohl sie schon mehr als zehn Jahre klaglos mit ihnen unterwegs ist und nie Beschwerden dabei hatte. Wir haben uns dem Kraftort wohl aus der falschen Richtung genähert.

Bei unserem heutigen Besuch weigert sich der Druide auch, sich fotografieren zu lassen. Die erprobtermaßen gestochen scharfen Bilder meines neuen Mobiltelefons verwischt er nullkommanix bis zur Unkenntlichkeit. Christines Konterfei auf dem Druidenthron bleibt damit für die Nachwelt unbrauchbar.

Der magische Wasserfall

Bild von einem der Kraftorte um den Grand Colombier: Magischer Wasserfall im Forêt de Vallin zwischen Lyon und Chambéry im Département Isère

Magischer Wasserfall im Forêt de Vallin

Durch aufmerksames Lauschen im stillen Wald machen wir den magischen Wasserfall weiter unten aus. Da es uns doch recht warm geworden ist in unseren Motorradklamotten, ist der Herr Druide so gnädig, uns die erbetene Erfrischung zu gewähren.

Das magische Kraftfeld

Derart erfrischt suchen wir einen kleinen Kahlschlag mitten im Wald auf, in dem sich ein magisches Kraftfeld bündeln soll. Daß wir auf dem richtigen Weg sind, erschließt sich uns schon von weiten durch den Anblick eines entrückt dreinschauenden weiblichen Wesens, das einen dicken Baum umarmt hält. So diskret wir das tun können, umrunden wir den Kraftort dreimal und suchen dann das Weite. Auf gespeicherte Energie hoffend.

Esoterik ist appetitanregend

Nach so viel Esoterik auf einmal verlassen wir eilig den Zauberwald. Der bärtige Magier schickt uns knurrende Mägen mit auf den Weg. Auf der Strecke nach Osten in Richtung Chambéry furagieren wir in einem mäßig bestückten Supermarkt und überbrücken die Zeit bis zum Mittagessen mit amerikanischen Keksen.

Einer der Kraftorte um den Grand Colombier: Luftaufnahme vom Wasserkraftwerk Brens-Virginin im französischen Département Ain mit dem Vorgebirge Bugey im Hintergrund

Wasserkraftwerk Brens-Virginin │© Marie de Brens

Für ein verspätetes Picknick finden wir ein ruhiges Plätzchen auf dem Ufergelände des Wasserkraftwerks Brens-Virignin. Schon wieder ein Kraftort um den Grand Colombier. In herrlicher Ruhe genießen wir den Blick auf den träge dahinziehenden Fluß. Nur das regelmäßige Ticken des abkühlenden Boxermotors ist unsere Begleitmusik.

Höhepunkt der Tour:
Der Grand Colombier

Bild des Col du Grand Colombier vom Lac de Bourget aus gesehen im französischen Departement Ain

Der Grand Colombier vom Lac de Bourget aus

Un pays charmant où l’on trouve de hautes montagnes, des collines, des fleuves, des ruisseaux limpides, des cascades, des abîmes, vrai jardin anglais …

Ein bezauberndes Land mit hohen Bergen, Hügeln, Flüssen, klaren Bächen, Wasserfällen, Schluchten, ein wahrhafter englischer Garten …

— Jean Anthelme Brillat-Savarin, Physiologie du goût /Physiologie des Geschmacks

Brillat-Savarin, der Philosoph der gehobenen Lebensart, mußte es wohl wissen, denn er stammte von hier. Das zwischen Lyon und Genf gelegene Bugey ist eines jener drei Vorgebirge der Westalpen, das man sich wegen seiner brillanten Motorradstrecken keinesfalls entgehen lassen sollte. Geologisch ist es ein Ausläufer des Jura, der für sich schon ein eigenes Tourenziel ist.

Die beiden anderen benachbarten Gebirgszüge stehen ihm an Attraktivität kaum nach: Sowohl das Vercors mit seinen Schluchten und Tunnels als auch die Chartreuse mit ihren Serpentinen und dichten Wäldern bieten traumhafte Motorradstrecken.

Im Bugey wollen wir verborgene Serpentinenstraßen genießen. Als wir das Rhônetal verlassen, wird es richtig rustikal. Schmale, bucklige Départementstäßchen winden sich in steilen Serpentinen die karstigen Abhänge des Vorgebirges hoch. Erfrischende Kühle empfängt uns, als wir auf seiner Höhe angelangt sind. Dörfer gibt es hier nicht, höchstens einzelne versteckte Bauernhäuser. Man findet sich in einer anderen Welt wieder.

Panoramablick vom Col du Grand Colombier im Bugey aus auf den Lac de Bourget mit einem Motorradfahrer auf einer BMW R 1200 GS im Vordergrund

Panoramablick vom Col du Grand Colombier Bugey auf den Lac de Bourget

Unbestrittener Höhepunkt der Tour zu den Kraftorten um den Grand Colombier ist der Pass selbst mit 1.501 m Höhe. Er bietet nicht nur hinreißende Panoramen über eine einmalige Fluß- und Seenlandschaft. Mit Steigungen von bis zu 20 % gehört er auch zu den schwersten Pässen in Frankreich. Weil er so toll (und auch anspruchsvoll) zu fahren ist, nehmen wir seine Südrampe gleich zweimal: hinauf und wieder hinunter. Die Talfahrt ist jedoch optisch das weit schönere Erlebnis.

Die versteckte Kartause

Bild der Chartreuse de Portes in einsamer Waldlandschaft des Bugey als Beispiel geistlicher Kraftorte um den Grand Colombier

Die Chartreuse de Portes in einsamer Waldlandschaft | © classiccardinal • CC BY-SA 3.0

Kein Wunder, daß das Bugey während des Krieges Rückzugsgebiet des Maquis war, der französischen Widerstandsbewegung. Viele Jahrhunderte früher war er aber auch schon Rückzugsgebiet für einen kontemplativen Mönchsorden, der ganz bewußt die Einsamkeit suchte: die Kartäuser.

Hinter den sieben Bergen finden wir endlich, ganz versteckt, einen der geistlichen Kraftorte um den Grand Colombier: die Chartreuse de Portes. Im Jahre 1115 gegründet, ist sie nach der Grande Chartreuse bei Grenoble die zweitälteste Kartause in Frankreich. Viel jünger (1353) ist dagegen die in Villeneuve-lès-Avignon, die wir auf unserer Motorradtour durch Provence und Camargue besucht haben.

Wir mußten erst Google Earth bemühen, um ihre genaue Lage ausfindig zu machen. Die Brüder des Heiligen Bruno wollen ganz unter sich sein und dulden keine fremden Besucher auf ihrem Klostergelände. In allerhöflichstem Französisch bitten Sie: „Touristen, Freunde, die Mönche, die für Euch beten, danken euch dafür, daß ihr ihre Einsamkeit respektiert. Die Kartause kann nicht besichtigt werden“

Bild von einem Schild an der Chartreuse de Portes am Eingang

Das ist eine klare Ansage. Wir respektieren diesen Wunsch und begeben uns wieder auf die Straße. Der Col de Portes (1.010 m) eröffnet einen herrlichem Ausblick über das weite Land. In der blauen Ferne dampft eines der zahlreichen Kernkraftwerke, die unseren Kühlschrank zu Hause am Laufen halten.

Panorama auf das Kernkraftwerk Bugey mit Dampffahnen aus vier 128 m hohen Kühltürmen

Panoramablick auf das Kernkraftwerk Bugey

Gedenkstätte für einen Flugzeugabsturz

Unsere Paßstraße schlängelt sich am Westhang des Bugey dahin. An einer Serpentine leuchtet uns ein weißes Kreuz mit Trikolore und einer Gedenktafel entgegen. 1967 ist hier eine Mirage IIIE am Berg zerschellt. Ein taktischer Atomwaffenträger. Wir legen ein memento mori ein. Auch für den französischen Piloten. R. I. P.

Bild von einem weißen Gedenkkreuz im Bugey für den Piloten einer abgestürzten Mirage IIIE

Es ist schon die dritte Absturzstelle, die wir besuchen: früher schon die einer amerikanischen DC 3 am Mont Pilat (1945) und dann die einer deutschen Ju 88 in der Gegend des Galibier. Kraftorte der besonderen Art. Darüber an anderer Stelle mehr.

Kernkraftwerk Bugey

Kraftorte in der weiten Ebene: Blick auf das Kernkraftwerk Bugey bei Lyon mit vier 128 m hohen Kühltürmen und zwei Dampffahnen

KKW Bugey | © Spiritrespect • CC BY-SA 3.0

In der Hitze des wiedergewonnenen Tales gehen wir auf Westkurs und überqueren die Rhône bei Montagnieu. Vor uns, nach dem Druiden am Vormittag und unserem hydroelektrischen Picknick, weitere Kraftorte: die vier Kühltürme des Kernkraftwerks Bugey, jeder 128 m hoch. Vier Druckwasserreaktoren versorgen einen Großteil der Industrieregion von Lyon mit Strom.

Wer Lust hat, kann die Anlage gerne besichtigen. Anmeldung online.

Dann biegen wir auf die Autobahn ein, betanken in Dagneux die Maschine für den nächsten Einsatz und gönnen uns in der klimatisierten Raststätte einen Espresso aus dem Automaten.

Eine halbe Stunde später sind wir wieder zu Hause und bergen aus unserem KKW-betriebenen Kühlschrank eine Flasche Crémant. – Ein herrlicher Samstag: acht Stunden waren wir unterwegs, haben 278 km unter die Räder genommen und sind um viele interessante Eindrücke und schöne Erlebnisse reicher.

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