Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch die Gorges de l’Ain

Eine Gorges de l’Ain Motorradtour zum Beispiel erschließt die Départements Ain und Jura mit ihrem herbem Reiz, rustikaler Küche, erdigen Weinen, würzigem Käse – und natürlich mit versteckten Kurvenstrecken, die man mit kaum jemandem teilen muß. Suivez nous.

Die Qual der Streckenwahl

Wer eine Motorradtour nach Frankreich unternimmt, endet meist dort, wo alle anderen auch schon sind: in den Alpen, den Pyrenäen, der Ardèche oder sonstwo im Süden. Das ist ein Grund genug, auch in anderen Gegenden zu touren, die näher an heimischen Gefilden liegen. Die Schluchten des Ain und der Hohe Jura bieten sich für ein solches Unternahmen geradezu an.

Irgendwie muß ich raus und mir die Woche aus dem Kopf blasen lassen. Am besten dorthin, wo nicht allzu viel los ist. Die letzte Tasse Tee beim sehr frühen Frühstück läßt den Entschluß reifen: Ich mache eine Gorges de l’Ain Motorradtour, durch das Tal des Flüßchens, das dem Département rings um Bourg-en-Bresse seinen Namen gegeben hat.

Streckenführung

Lyon – Pont d’Ain – Poncin –  Bolzon – Chancia – Onoz – La Tour-du-Meix – Patornay – Coyron – Maisod – Villards d’Heria – Oyonnax – Thoirette – Romanèche – Poncin – Neuville-sur-Ain – Pont d’Ain – Lyon. 340 km

Gorges de l’Ain Motorradtour hoch zum Jura

Energie auf der Strasse

“Das ist ein grossartiger Tanz im Rhythmus des Verkehrs. Ich lasse meine Energie auf den endlosen Strassen heraus.”

Schon nach den ersten Kilometern erblicke ich am Stadtrand ein lyrisches Graffito, das mir ein Lächeln aufs Gesicht zeichnet.

Die Anfahrt auf der Autobahn ist zwar total reizlos, aber anders kommt man nicht zum Zielgebiet. In Pont d’Ain verlasse ich dann das graue Band und erreiche auf kleinen Nebenstraßen bei Neuville den Fluß, der dem Département seinen Namen gegeben hat. L’Ain.

Von da an schmiegt sich ein gewundenes rauhes Landsträßchen an den Fluß. Sein Verlauf läßt sich jetzt im November durch die entlaubten Büsche und Bäume aus dem Sattel gut verfolgen. Immer wieder unterbrechen Wasserwerke den Flußlauf und bilden idyllische Stauseen, auf denen allerlei Wassergeflügel ruhig seine Bahn zieht.

Bild von einer BMW R 1200 GS bei einer Gorges de l’Ain Motorradtour mit Seeblick in den Gorges de l'Ain

BMW R 1200 GS mit Seeblick in den Gorges de l’Ain

Kurz darauf wird der Viaduc de Cize-Bolzon sichtbar, eine 1875 erbaute 273 m lange Doppelstockbrücke über den Ain, die schon von weitem die gesamte Szenerie beherrscht. Ich mag Technikdenkmäler wie dieses und sehe mich ein bißchen an dem Bauwerk um.

Bild der Eisenbahnbruecke bei Bolzon in den Gorges de l'Ain mit TGV bei der Ueberfahrt, gesehen bei einer Gorges de l'Ain Motorradtour

Eisenbahnbruecke bei Bolzon in den Gorges de l’Ain mit TGV

Bild der Eisenbahnbruecke Viaduc de Bolzon, gesehen bei einer Gorges de l’Ain Motorradtour

Viaduc de Bolzon in den Gorges de l’Ain

Durch die Wälder des Jura

Bild von einer Gorges de l’Ain Motorradtour durch den Wald mit einem Motorrad BMW R 1200 GS

Fahrt durch den Wald in den Gorges de l’Ain

Nördlich von Chancia blockiert der Staudamm des Lac de Vouglans das Tal. Fährt man weiter hinauf auf die oberhalb verlaufende D 3 und blickt auf den See hinab, fühlt man sich an die Windungen von Darmschlingen erinnert. Dann geht es noch weiter den Jura hinauf. Die Gegend wird karger, weniger bewaldet. Die Straße ist gut und wunderbar zügig zu befahren. Und vor allem einsam.

Mein Wendepunkt ist Patornay, dort, wo der Stausee im Jura beginnt. Dann geht es auf der anderen Seite der Stauseenkette den Ain entlang wieder südwärts, teilweise auf obskuren Abkürzungen durch den Wald.

Der Appetit kommt mit dem Fahren

Bild vom Picknick bei einer Gorges de l’Ain Motorradtour mit Thermosflasche und Croissants auf einer Mauer im Vordergrund

Picknick in den Gorges de l’Ain

Eigentlich hätte ich wissen müssen, daß in der französischen Provinz während der Mittagszeit nichts zu beißen zu bekommen ist. So fahre ich halt weiter zum nächsten größeren und unspektakulären Ort mit dem schönen Namen Oyonnax und decke mich dort in einer zufällig geöffneten Bäckerei ein. Ansonsten gibt es hier nur jede Menge Döner-Läden, die ich aber weiträumig umgehe. In Chancia, an der Spitze des Stausees, finde ich dann ein lauschiges Plätzchen und lege eine gemütliche Mittagspause ein.

Schweren Herzens widerstehe ich der Verlockung, in einem der bekannt guten Restaurants Halt zu machen. Aber ein französisches Mittagessen von über zwei Stunden Dauer ist bei einer Motorradtour der reine Luxus. Zeitverschwendung, so ungern ich dies sage.

Genussreisen in der Bresse

Das Bresse-Huhn

Gerade weil mein Tourengebiet in der Nachbarschaft der Bresse eine Zielregion der Genußreisenden ist. Heimat des Bressehuhns: in Freiheit aufgewachsen, mit seinem festen, aber nie faserigen Fleisch der Höhepunkt eines feinen Essens. Appellation d’Origine Contrôlée, echt nur mit dem Blechsiegel um den Hals.

Man könnte ebensogut von Hechtklößchen träumen, deren Essenz der Fluß liefert, an dem ich gerade entlangfahre. Vielleicht mit Sauce Nantua, der ein Örtchen in der Nachbarschaft ihren Namen gegeben hat.  Basis ist eine ohnehin schon nicht gerade kalorienarme Béchamelsauce, angereichert mit Crème fraîche und Hummerbutter. Beliebt bei Fischgerichten, haut aber unheimlich rein.

Da müßte ich mir bei meiner Maschine glatt eine 180er Feder einbauen, um das Gefährt auf Kurvenstrecken in der Spur zu halten.

Bild vom Fromage Comté mit Vin Jaun als Erinnerung an eine Gorges de l’Ain Motorradtour

Eher ist schon an einen mild-würzigen Comté zu denken, der in dieser Gegend schon seit tausend Jahren in kleineren Käsereien hergestellt wird. Paßt ausgezeichnet zu den trockenen Weißweinen aus dem Jura. Oder zu einem Vin Jaune, einem strohgelben Sherry-ähnlichen Wein, der über sechs Jahre in Barrique-Fässern gereift ist.

Mir bleibt aber heute nur mein Picknick mit Croissants und Tee aus der Thermoskanne.

Landleben im Ain

Bild eines Warnschildes mit Jagdhund bei einer Treibjagd, gesehen bei einer Gorges de l’Ain Motorradtour

Warnschild bei einer Treibjagd in den Gorges de l’Ain

So einsam, wie ich diese Gorges de l’Ain Motorradtour bisher gefahren bin, fahre ich auch weiter. In endlosen Kurvenserien schwinge ich flott auf der sonnenbeschienenen Uferstraße dahin. Dabei überhole ich einen Pickup, unter dessen Heckklappe Blut herausläuft.

An der abgerissenen Truppe in der Doppelkabine erkenne ich, daß hier gerade eine Drückjagd ablaufen muß. Immerhin, man hätte sich schon die Mühe machen können, das erlegte Wild wenigstens anständig ausschweißen zu lassen. Ist halt doch nicht alles so wie bei uns. Prompt findet sich auch die Bestätigung durch aufgestellte Warnschilder und Gewehrschüsse am Berghang.

Noch ein paar Kilometer gondele ich durch die einsame Flußlandschaft, dann haben mich Nationalstraße und Autobahn wieder. Wie von einem inneren Autopiloten gesteuert fahre ich die erste Tankstelle vor der Stadt an und tanke bis zum Kragen voll. Als Optimist, der ich nun mal bin, freue ich mich schon jetzt auf die nächste Ausfahrt, wie auch immer das Wetter kommen mag.

 

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