Auf zwei Rädern um die Welt

Frühlingserwachen auf dem Motorrad

Was hat das Frühlingserwachen auf dem Motorrad Besonderes?  Jedes Jahr neue Erlebnisse, die die ganze Saison vorhalten. 

Geschätzte Lesedauer: 5 Minuten

Endlich rollen die Räder wieder

Geht es euch genauso? Monatelang waren wir gefangen von trübem Wetter, trüber Stimmung und zermürbendem Lockdown. Doch dann, kaum zu glauben: Die Wetterkarte präsentiert für die nächsten Tage märchenhafte Temperaturanstiege und fette Sonnensymbole. Da beherrscht uns nur ein Gedanke: Maschine anlassen und rauf auf die Landstraße.

Frühlingserwachen auf dem Motorrad. So viel Spaß ich auch daran habe, meine Touren mit Karte und Navi vorzubereiten, jetzt fahre ich einfach nur los. Ohne Plan, ohne Ziel, aber mit vollem Tank. Kann das gut gehen?

Phase 1: Eingewöhnung

Enthusiasmus hin oder her – ein Vorsatz steht felsenfest: Gerade auf den ersten paar Hundert Kilometern ist es besonders wichtig, Vernunft walten zu lassen und nichts zu übertreiben. Dabei zur Kontrolle die Automatismen des Fahrens  abrufen. Immer und immer wieder. Jede Reaktion muß punktgenau kommen, jeder Reflex muß sitzen. Die mentale und körperliche Balance muß in jeder Fahrsituation verläßlich sein. Keine Ablenkung, kein Abschweifen der Gedanken. Konzentration. Ganz so, als würde mir mein Fahrprüfer hinter mir herfahren.

Nach längerer Zwangspause mißtraue ich meinem trügerischen Gefühl „Alles geht ja noch wunderbar.“ Mag ja sein, aber darauf verlassen will ich mich keinesfalls. Jetzt ist erst einmal jeder Fahrkilometer ein Übungskilometer.

Phase 2: Einswerden mit der Maschine

Wer monatelang seine Sitzbeinhöcker in den Bürostuhl gedrückt hat, muß sich erst wieder daran gewöhnen, daß er im Motorradsattel mit diesen edlen Teilen viel bewegen kann (und muß). Gedanklich mit aller Ruhe tief hineinsinken in die Maschine, Kontrolle aus der Hüfte, Gewichtsverlagerung in der Kurvendynamik.

Wie froh bin ich jetzt darüber, während der grauen Zeit Gymnastik betrieben zu haben. Zwar nicht immer mit dem gebührenden Enthusiasmus. Aber stets mit dem Ziel vor Augen, bei erstbester Gelegenheit wieder fit auf die Maschine steigen zu können. Die Belohnung läßt nicht auf sich warten: beim unbeschwerten weiten Schulterblick, wenn ich auf die stark befahrene Autobahn einbiege; beim wohligen Gefühl einer geschmeidigen Wirbelsäule in den Wechselkurven; im entspannten Schultergürtel am Ende des Tages. Wie mit einer leichtfüßigen Tanzpartnerin paßt jede Bewegung, jeder Druck und im Voraus schon die nächste Figur.

Phase 3: Tourengenuß

Mein innerer Autopilot führt mich zielsicher dorthin, wo ich mich auf dem Motorrad wohlfühle. Ein wolkenloser Himmel wölbt sich über das weite Land, meine Lieblingsstrecken scheinen wie für mich reserviert, die Welt fliegt in Sekundenschnelle an mir vorbei. Dann Tempo- und Rhythmuswechsel, als mich eine uralte Allee aufnimmt. Wie Kolonnaden säumen Eichen meinen Weg, die sich am Ende der kilometerlangen Geraden in einem Punkt zu treffen scheinen.

fruehlingserwachen auf dem motorrad: allee auf dem lande

Alleine auf einsamen Alleen

Jetzt, noch bevor sie dichtes Laub tragen, öffnen sie den Blick auf struppige Wiesen und brache Felder. Überall stehen sie paarweise auf ihren langen Beinen, die Kraniche, die noch vor ein paar Jahren unglaublich scheu waren. Heute aber überwintern sogar viele von ihnen in unserer Gegend. Am Abend, auf dem Rückweg, ziehen sie dann mit kehligen Lauten in geordneter Keilformation über mich hinweg.

Erdgebunden sind dagegen die goldgelben Uckermärker Bullen mit ihren Stirnlocken, die auf den Weiden beiderseits der Landstraße ihre massigen Leiber in den Matsch drücken. Mit ihnen ist nicht zu spaßen. Nicht umsonst sind an den Zäunen vielsagende Warnschilder angebracht.

schild mit aufschrift vorsicht freilaufender bulle

Vorsicht vor dem Uckermärker!

Allenthalben herrscht jetzt Frühjahrsputz: Hinter einem dicken Leuchtpfeil an ihrem  LKW entasten die Arbeiter der Straßenmeisterei die Alleebäume. Auf schlammigen Waldwegen mahlen sich Langholzlaster zurück auf die Hauptstraße. In den Dörfern richten die Leute ihre Vorgärten. Ein regelrechtes Gardena-Festival. Bald wird die Frühlingssonne die letzten zerfransten Schneebänder wegschmelzen, die sich noch hartnäckig am Rande der Waldstraßen behaupten.

fruehlingserwachen auf dem motorrad: holzarbeiten an der strasse

Holazarbeiten an der Landstraße

Am verlockendsten sind jetzt die Uferstrecken an den einsamen Seen. Werktags kaum Verkehr, Kurvenspaß ist programmiert, zwischen Schilf und Sträuchern lädt ein sonniges Plätzchen zur Rast ein. Mit Blick auf die Wälder am anderen Ufer, über die Eisschicht hinweg, die jetzt noch die Gewässer bedeckt hält.

fruehlingserwachen auf dem motorrad: rast am seeufer

Rast am Werbellinsee, in der Nähe des ehemaligen kaiserlichen Jagdreviers

Sichtbare Coronafolgen

Nach soviel Idylle wird es Zeit, die Drosselklappen wieder auf Durchzug zu stellen. Auf und ab rausche ich über die Hügel der Uckermark, lasse mich von den Kurven überraschen, die sich mit jeder neuen Perspektive auftun. Eine Abkürzung suchend kehre ich der Landstraße den Rücken, um auf einer noch kleineren Landstraße zu landen. Sie ist, wie sich bald herausstellt, in lamentablem Zustand, der sich weiter verschlimmert, als eine bucklige, unregelmäßige Pflasterung beginnt. Grüße aus der Eiszeit. Zum Umkehren ist es zu spät, also hinein in die Dörfer und Waldsiedlungen.

Bei den Ortsdurchfahrten komme ich mir vor wie im Jahre 1347, als gerade die Pest begonnen hatte. Kein Mensch weit und breit, die geduckten Katen verschlossen, ohne einen Lichtschimmer. Keine Kneipe, kein Laden, nur eine Kirche, die allerdings sehr schmuck erhalten. Ein Bauwerk des preußischen Oberbaurats Karl Friedrich Schinkel. Für einen Glockenturm waren die Preußen zu sparsam. Deshalb muß die Glocke mit einem ebenerdigen Holzgebälk Vorlieb nehmen.

schinkelkirche in annenwalde

Ein architektonisches Schmuckstück in der Einsamkeit: die Schinkelkirche in Annenwalde (Uckermark)

Die vermooste Holzbank, auf der ich mich am Kirchenvorplatz mit meiner Thermosflasche niederlasse, scheint nur wenig besucht zu sein. Das einzige Lebenszeichen ringsum kommt von zwei stämmigen Rössern, die sich auf dem Nachbargrundstück heftig schnaubend balgen. Wohl aus Langeweile.

Diese Szenerie wiederholt sich in den meisten Ortschaften, die ich durchfahre: keine Leute, geschlossene Gasthäuser, leere Schaufenster mit grellbunten Aufklebern „Zu vermieten“. Hier haben die Pandemiefolgen voll zugeschlagen. Höhepunkt ist ein aufgegebener ALDI mit abgesperrtem Parkplatz. Wo selbst ALDI geht, geht bald überhaupt nichts mehr. Traurig.

Als die Sonne sich über den dunklen Kiefernwäldern zu senken beginnt, halte ich kurz an und tippe auf meinem Navi den Menüpunkt „Zur Heimatadresse fahren“. Nach wenigen Kilometern durchquere ich das Straßendorf Dannenwalde. Hier befand sich einst ein riesiges Raketenlager der Russen, das 1977 in die Luft flog. Mit Massenpanik und anschließender Vertuschung. Keine erhebende Erinnerung. Da lasse ich auf meinem Rückweg gen Süden lieber den Motor voll durchziehen.

Begegnungen auf der Heimfahrt

Am Straßenrand läßt die Abendsonne vor mir ein Warndreieck aufleuchten. Es gehört zu einem Tesla, dem in der märkischen Pampa der Saft ausgegangen ist. Daneben telefonierend ein entnervter Herr im feinen Zwirn, der wild gestikulierend seinem Unmut freien Lauf läßt. In dieser Gegend ist eben nichts mit „eben mal schnell eine Flasche Diesel vom nächsten Bauernhof besorgen“, um die Kiste wieder flott zu machen. Nicht mein erster Anblick dieser Art, so daß ich beschließe, eine Strichliste der gestrandeten Stromer anzulegen.

Auf den letzten Autobahnkilometern erspähe ich auf dem Seitenstreifen einen liegengebliebenen Motorradfahrer, der sich kniend an seiner Maschine zu schaffen macht. Ehrensache, hier Hilfe anzubieten. Also halte ich an und schaue, was Sache ist. Ein nagelneuer Supersportler mit plattgewalktem Hinterreifen vermittelt wirklich einen entwürdigenden Eindruck. Da der Kollege für solche Fälle nicht gerüstet ist, biete ich voller Stolz mein amerikanisches „Tyre Repair Kit“ an, wohlsortiert, mit allem drin. Aber weh und ach: der Adapter von der CO2-Kartusche zum Ventil paßt nicht. Amiland schraubt halt anders. Meine Lehre für heute: Lieber erst mal vorher nachschauen, ob alles paßt, was man mitschleppt.

Schlechten Gewissens und mit Entschuldigung überlasse ich den Kollegen den Gelben Engeln und schaue, daß ich mit leuchtender Reserveblinkleuchte selbst noch die rettende Tankstelle erreiche. „Was ist der Sprit teuer geworden!“ denke ich mir, als der goldgelbe Kraftsaft in meinen Tank schäumt. Aber was soll’s?  Nach 250 wunderschönen Tourenkilometern  verdränge ich diesen Gedanken und freue mich lieber auf die nächste Ausfahrt.

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Aktualisiert am 26/02/2021 von Christian

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