Auf zwei Rädern um die Welt

Kurvenstrecken nach Ferney-Voltaire

Ein Besuch bei Voltaire

Ein Besuch von Schloss Ferney-Voltaire zeigt: Der französische Jura im Genfer Hinterland liegt zu Unrecht im Windschatten des motorradtouristischen Interesses. Kurvenstrecken, ländlich-feine Küche und vor allem der Alterssitz des Philosophen Voltaire füllen ein sattes Tourenprogramm.

Streckenführung

Lyon – Ambérieu – Saint-Rambert – Hauteville-Lompnes – Saint-Germain-de-Joux – Saint-Claude – Fernay-Voltaire – Semine – Nantua – Pont d’Ain – Lyon. 370 km

Streckenplanung

Eine Motorradtour nach Ferney-Voltaire enthüllt das Geheimis guter Reiseplanung. Die Überlegung nämlich: Wie verbinde ich eine fahrerisch ambitionierte Strecke mit einem anspruchsvollen Tourenziel? Oder auch umgekehrt. Je nach persönlicher Priorität.

Unser Tourenziel ist das reizvoll gelegene gelegene Schlößchen Ferney am westlichen Stadtrand von Genf, Alterssitz des französischen Philosophen Voltaire. Hier erreichte er den Höhepunkt seines Schaffens. Von hier aus führte er eine umfangreiche Korrespondenz mit seinem königlichen Gönner Friedrich dem Großen. — Schloß Sanssouci in Potsdam kennen wir schon. Umso interessanter ist es, das Verhältnis beider Zeitgenossen zueinander einmal vom anderen Ende der Alpen her zu betrachten.

Wer flott ans Ziel gelangen will, kann die rechnerischen 140 km zwischen Rhône und Genfer See auf der Autobahn locker in 1 1/2 Stunden bewältigen. Zumal die landschaftliche Streckenführung recht reizvoll ist. Aber wer will sich schon auf der belebten Strecke die Reifen eckig fahren, wenn es viel attraktivere Routenoptionen gibt? Ein richtiges Fahrerlebnis sieht doch ganz anders aus!

Kurvenstrecken nach Ferney-Voltaire

Bild vom Wasserfall der Albarine im Département Ain

Wasserfall der Albarine im Département Ain

Unsere Traumstrecke führt quer durch das Hinterland des Französischen Jura zwischen Rhône und Genfer See. Zunächst nehmen wir – mangels besserer Alternativen und zum “Strecke machen” – unvermeidbar die A 42 bis Ambérieux. Das ist genau die Ausfallstraße, auf der man auch die malerischen Gorges de l’Ain erreicht.

Dem schmalen Tal der Albarine folgen wir der D 1504 bis Tenay. Dort biegen wir links in die Berge ab – und ab hier wird es richtig knackig. Die D 21 führt eine kurvenintensive Schlucht hinauf. Auf halber Strecke bis Hauteville-Lompnes laden die Wasserfälle bei Charabotte zu einer kurzen Pause ein. Wem die Kurven auf der bisherigen Strecke nicht reichen, findet sich auf dem folgenden Streckenabschnnitt bis Saint-Germain-de-Joux bestens bedient.
Bild vom Schild Naturpark Hoher Jura im Département Ain
Echtes Herzflimmern kommt jetzt auf beim der Wechsel auf die D 33. Diese führt abermals durch kurvige Schluchten auf die Höhen des Jura hinauf. Im gleichnamigen Nachbardépartement geht es weiter auf der D 124 bis Saint-Claude und von dort durch den herrlichen Naturpark Hoher Jura hinüber (D 436) und hinunter (D 1005) nach Ferney-Voltaire.

Zurück, also den Jura wieder nach Süden hinunter, geht es dann auf der D 991: Im Tal der Semine geht es über Pont d’Ain und von dort auf der Autobahn in der eigenen Spur zurück nach Lyon.

Diese beiden Teilstrecken – den Jura hinauf und dann wieder hinunter – sind das fahrerische Herzstück der Tour. Dort ist in aller Regel nur wenig los. Ein paar Rennradler aus der Umgebung. Oder ein paar Bauern auf dem Weg in den Nachbarort. Trotzdem ist bei aller aufkommenden Versuchung, auf der letzten Rille zu fahren, stets Vorsicht geboten. Außerdem hat man dann mehr von der landschaftlichen Schönheit. Früh in die Pötte kommen sollte man allerdings schon, denn eine längere Landstraßen-Kurventour erfordert Kondition, Konzentration und Pausen zwischendurch. Dem allen sollte man die gebührende Zeit widmen.

Ecco ridente in cielo / spunta la bella aurora / e tu non sorgi ancora / e puoi dormir così?
Sieh schon die Morgenröte / der Welt entgegenlachen, / und du willst nicht erwachen? / Dich umschwebet noch ein Traum?
— Gioacchino Rossini, Il Barbiere di Siviglia, 1. Akt

Die Residenz des Philosophen

Bild vom Schloss Ferney-Voltaire bei Genf

Schloss Ferney-Voltaire

Bonté de l’exil. – Voltaire est plus Voltaire à Ferney qu’à Paris.
— Victor Hugo

Bevor ich mich vom Jura gemütlich Richtung Genf hinabrollen lasse, genieße ich noch die weiten Kehren des Col de la Faucille (1.320 m), die mir einen wechselnden Ausblick auf den langgestreckten See eröffnen. Ehe ich mich versehe, bin ich am Schloß Ferney angelangt und schiebe am Zufahrtstor meine Maschine auf den Ständer.

Nicht schlecht, was der alte Herr Voltaire sich da an Residenz zugelegt hatte: Ein proper dimensionierter Landsitz mit Park. Ländereien ringsum, die den Unterhalt dieser reizvollen Immobilie sicherstellten. Außerhalb, aber doch in sicherer Sichtweite vom calvinistischen Genf.

Bild von der Schlosskirche Ferney-Voltaire bei Genf

Schlosskirche in Ferney-Voltaire

Gespannt, wie es wohl von innen aussehen mag, strecke ich erst einmal mein müdes Kreuz aus und laufe den Kiesweg hoch zum Eingang. Der sehr freundliche Kustode empfängt mich zu einer Tour durch das Haus. Das Interieur ist schlicht, aber sehr stilvoll. Teilweise mit Mobiliar aus der Zeit bestückt. Über einem Blick auf die Archivalien entwickelt sich ein sehr nettes Gespräch, das Wind- und Motorengeräusche der vergangenen Stunden vergessen macht.

Dann überläßt mich der Kustode im Salon des Philosophen meinen Eindrücken. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, Helm und Handschuhe auf dem Lehnstuhl Voltaires abzulegen. Soviel Stil muß sein. In diesem Raum schrieb er also seine wichtigsten Werke. Hier schrieb er seine Briefe an Friedrich den Großen.

Korrespondenz mit dem preussischen König

Unterschrift Friedrichs des Großen auf einem eigenhändigen Brief (Ausschnitt)

Dabei versuche ich mir vorzustellen, wie diese Korrespondenz wohl praktisch ablief: Eine Kutsche fährt auf dem knirschenden Kiesweg vor. Der Postillion reicht aus seiner ledernen Kuriertasche einen zusammengefalteten Brief mit königlichem Siegel heraus. Der Hausdiener bringt ihn auf einem Silbertablett in den Salon des Philosophen: „Monsieur, de la part du Roi de Prusse.“

Dabei war es oft schon ganz schön starker Tobak, was Friedrich da von sich gab:

Ihre Franzosen verlieren allesamt den Verstand, wenn es um den Vorrang ihres Königreiches geht; … Ich meinerseits verschone niemanden, der mich in Wut bringt, ich beiße zurück, so gut ich kann. … Werden Sie endlich Philosoph, das meint: vernünftig.
— Friedrich d. Gr. an Voltaire am 10. Juni 1759

Und das schreibt er aus dem Feldlager, inmitten von Exerzieren und Defilieren, von Tirilieren und Malträtieren. Dann nimmt er sich aber doch zu Herzen, was ihm Voltaire antwortet:

Wenn mich zuweilen die Lust überkommt, Ihnen zu grollen, sagen Sie mir zwei Worte, und jeder Vorwurf erstirbt in der Spitze meiner Feder.
— Friedrich d. Gr. an Voltaire am 18. Juli 1759

Glücklich ein Staat, dessen Herrscher sich von einem großen Geist etwas sagen läßt!


Wäre ich jetzt der Kurier mit dem Antwortbrief nach Potsdam, lägen satte 1.100 km vor mir. Ein harter Ritt. Bemerkenswert, dieser intensive Austausch über eine so große Entfernung zur damaligen Zeit.

Wieder über den Jura zurück

Bild von der Straße durch die Cluse des Hôpiteaux im Département Ain in Frankreich

Cluse des Hôpiteaux

Nach einem frugalen Imbiß schwinge ich mich wieder auf meine Maschine fahre wieder den Col de la Faucille wieder hoch. Dann biege aber gleich auf die D 991 Richtung Süden ein, auf der man etwas zügiger unterwegs sein kann. Bald erreiche ich wieder die Cluse des Hôpiteaux, auf denen ich ohne größere Verkehrsbelästigung die Autobahn erreiche. An ihr führt leider kein Weg vorbei, wenn man halbwegs zeitig wieder zu Hause sein möchte.

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