Motorrad Reiseblog mit Touren, Tipps & Tricks

Feierabendrunde zur Werkstatt

Eine Feierabendrunde zur Werkstatt ist ein angenehmer Einstieg in den anstehenden Service. Was kann man dabei unternehmen? 

Geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Feierabendrunde zur Werkstatt

„Ihr Motorrad können Sie schon am Dienstag reinbringen, dann machen wir gleich am Mittwoch die 70.000er“, riet mir die Werkstatt meines Vertrauens. Schön und gut. Aber lohnt es sich wirklich, wegen der paar Kilometer den Motor anzuwerfen, um die Maschine dann halbwarm vor der Niederlassung abzustellen? Dazu noch bei angesagter Herbstsonne? Nein, das geht wirklich nicht, da muß noch mehr dabei herumkommen. Eine nette Feierabendtour zur Werkstatt, zum Beispiel.

An passenden Ideen dazu fehlt es mir keineswegs: Eine Halbtagestour durch das südliche Berliner Umland mit ungefähr 150 Kilometern, garniert mit reizvollen Streckenabschnitten, ein paar Entdeckungen hier und ein paar Besorgungen dort. Eine hop-on-hop-off-Tour, quasi, und zu Ende Büchsenlicht noch das Briefing in der Werkstatt.

Stadtverkehr und Flugzeugtrümmer

Schön geplant, aber holprig beginnend: Klimakleber haben die Ausfallstraßen in meine Richtung hermetisch abgedichtet. Staus ohne Ende mit Polizei-Großeinsatz open end. Bleiben also nur Schleichwege entlang der Backroads, auf denen ein Song von Iggy Pop durch meinen Kopf hämmert:

And I ride, and I ride
I ride through the city’s backsides
—  Iggy Pop, The Passenger (Berlin, 1977)

 

Die Autobahn jenseits der Stausperre ist wie leergefegt – eine kleine Wiedergutmachung vielleicht für den Baustellen-Parcours durch die Stadt. Und Iggy Pop hämmert jetzt erst recht. Als drei Eilbedürftige an mir vorbeiziehen, nutze ich die Gelegenheit, mich diskret hinter sie einzuklinken. Sollen sie doch vor mir in die Geschwindigkeitskontrolle rauschen. Wenig später entspannt sich das rechte Handgelenk wieder, der Winddruck flaut ab, die Landstraße nimmt mich auf, der grüne Blinkerpfeil auf dem Display weist den Weg in die märkischen Wälder. Ab jetzt Ruhe, nichts als Ruhe.

Kurz vor Märkisch Buchholz biege ich auf einen schmalen Waldweg ein. Durch die nur noch spärlich belaubten Buchen fällt mein Blick auf eine Flußaue mit ihren Buschreihen am Ufer der Dahme, die sich hier entlang windet. Ich halte an, stelle die Maschine auf den Seitenständer und tapere durch das raschelnde Laub auf die Wiese.

feierabendrunde in die maerkischen waelder

An den Flußauen der Dahme

Dort, wo sonst wohlgenährte Rinder grasen, stoße ich auf die Wrackteile eines britischen Bombers, der 1944 abgeschossen wurde und sich hier in den Boden grub. Teile einer Tragfläche mit Aluminiumträgern und Stellmechanismen. Aluschrott als Zeitzeuge. Auch dies gehört zum Armageddon der insgesamt 310 Luftangriffe, die Berlin in Schutt und Asche legten.

wrackteile avro lancaster

Wrackteile einer abgeschossenen britischen Avro Lancaster

Das ist nichts, was einen unberührt läßt. In mich gekehrt steige ich wieder auf und setze meinen Weg auf der B 179 in nördlicher Richtung fort.

Stillgelegter Flugplatz

Doch mein nächstes Ziel ist nicht weniger friedlich: Zwischen der Bundesstraße und dem Örtchen Löpten erstreckt sich mitten im Wald die 2.350 m lange Landebahn des ehemaligen NVA-Fliegerhorstes Klein Köris. Die Anlage ist frei zugänglich, die unbefestigte Waldstraße gut befahrbar. Der Tarmac hingegen ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Wo früher Alarmrotten in den Himmel stiegen, liegen jetzt Baumstämme quer über der Betonpiste, wohl um eine mißbräuchliche Nutzung als Rennbahn zu verhindern. Nachdem ich einen derartigen Flugbetrieb aus persönlichem Erleben kenne, mache ich mir dazu meine eigenen Gedanken.

feierabendrunde zum stillgelegten fliegerhorst klein koeris

Es war einmal eine Startbahn …

Fischkauf am See

Gewundene Straßen, die nur für mich selbst gebaut zu sein scheinen, führen mich weiter gen Norden, über Groß Köris und Teupitz, durch buntgefärbte Wälder und an Seen entlang. Zeit und Gelegenheit für eine Picknickpause auf einer einsamen Bank. Ruhe, Frieden, der Blick gleitet erholsam über den wellenlosen See.

feierabendrunde rast am see

Wie gut tut die Stille nach dem irren Stadtverkehr!

Mein nächstes Ziel ist ein alteingesessener Fischereibetrieb in einem Ort mit dem putzigen Namen Kallinchen. Vor dem Verkaufshäuschen mache ich Halt. Die Fischer werfen in Sichtweite ihre Netze aus, die Räucheröfen stehen direkt am Ufer, der appetitanregende Verkauf findet gleich nebenan statt. Regionaler geht’s wohl kaum. Wer will, kann hier noch einen kleinen (und sehr guten) Happen essen. Ich begnüge mich mit einer Lachsforelle, über würzigem Holz geräuchert, die luftdicht verpackt in meinen Rucksack schlüpft. Das Freitagsessen ist damit gesichert.

feierabendtour fischerei kallinchen

Eine leckere Fischmahlzeit direkt aus dem See

Pyramide im märkischen Sand

Über Schöneiche bis Zossen rolle ich durch bunte Alleen. Danach geht es durch Felder und Waldstücke bis zur B 101 bei Ludwigsfelde. Abseits der Bundesstraße ragt am Ortsrand von Großbeeren eine graugrüne Pyramide aus dem Feld. Was soll nun das? Ist hier etwa ein Pharao im märkischen Sand gestrandet?

buelow pyramide grossbeeren

Eine Pyramide im märkischen Sand (aufgenommen bei einer früheren Tour dorthin)

Keineswegs. Es ist die Bülow-Pyramide, ein Denkmal in Erinnerung an die Schlacht bei Großbeeren gegen die napoleonischen Truppen am 23. August 1813. Mit ihren beiden Gedenktafeln erinnert sie an General von Bülow, der die siegreiche Schlacht gegen die napoleonischen Truppen in Großbeeren befehligte:  „Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen, nicht rückwärts !“. Hoffentlich ist das keine Ansage an die Rettungsdienste des Landkreises Teltow-Fläming.

gedenktafel buelow pyramide grossbeeren

Knochentrockene Worte

Teltower Rübchen

Nächster Stopp ist ein Bauernhof, keine 10 Kilometer weiter. Mein Interesse gilt der Brassica rapa L. subsp. Rapa f. teltowiensis, besser bekannt unter dem Namen Teltower Rübchen. Das winzige kegelförmige Edelgemüse ist eine fast vergessene Delikatesse, das wegen seiner besonderen Anforderungen an einen sandig-lehmigen Boden nur hier in der Umgebung von Teltow wächst. Goethe schwärmte für die Minirübchen, Immanuel Kant ließ sie sich per Sonderkurier nach Königsberg schicken.

Die industrialisierte Landwirtschaft hätte ihnen fast den Garaus gemacht, bis sich eine rührige Initiative zusammentat, um die Zukunft dieses seltenen Edelgemüses zu sichern. Die Abgabe ab Hof erfolgt nur auf Vorbestellung. Meine Kiloportion werde ich demnächst abholen. Für eine leckere Teltower Rübchenrahmsuppe auch Christines handgeschriebenem Familienkochbuch. Das Rezept findet ihr bald hier.

Tourenziel Werkstatt

Als ich den Motor zur letzten Etappe anwerfe, dämmert es schon. Dichtester Feierabendverkehr empfängt mich bei der Rückkehr in die Stadt. Und wieder beginnt Iggy Pop in meinem Kopf zu hämmern:

We’ll ride through the city tonightSee the city’s ripped backsidesWe’ll see the bright and hollow skyWe’ll see the stars that shine so bright

Wie gut, daß ich mir an einem der vergangenen Regentage einen Trainingsfilm reingezogen habe, der ganz toll erklärt, wie man sich elegant und vor allem sicher durch das Verkehrsgewühl schlängelt:

Schneller als eigentlich befürchtet lande ich vor meiner Werkstatt und schiebe die gute Graue in die Parkreihe zwischen ihre Artgenossen. Nach einer halbtägigen „Feierabendrunde“ durch das Umland vermittelt ein lockeres Gespräch am Tresen über den anstehenden Service das beruhigende Gefühl, für sich und die Maschine etwas Gutes getan zu haben. Selbst angesichts der Rechnung, die mir noch über die Theke geschoben werden wird.

motorraeder vor der werkstatt

Feierabendrunde zur Werkstatt

Streckenplanung

Die zugehörige .gpx-Datei zum Nachfahren findest du hier.

Landkarte

ADAC-Regionalkarte Berlin und Umgebung Blatt 5, 1:150.000

Aktualisiert am 13/11/2022 von Christian

Comments (2):

  1. Lukas Kiermeyr

    14. November 2022 at 17:37

    Gratulation Christian. Wie immer freue ich mich auf Deine Zeilen. Ein gute Zeit wünsche ich Euch.
    Ich selbst eintging haarscharf einem schweren Unfall. Ich glaube ja an Schutzengel.

    Antworten
    • Christian

      14. November 2022 at 21:45

      Lieber Lukas,
      herzlichen Dank für Deine Rückmeldung und die guten Wünsche. Ich hoffe, Dein Schutzengel steht Dir auch weiterhin aufmerksam bei. Das war sicher ein Riesenschreck, den Du da erlebt hast. Deswegen umso mehr: Gute und unfallfreie Fahrt!
      Viele Grüße
      Christian

      Antworten

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