Auf zwei Rädern um die Welt

Was ist der beste Gehörschutz auf dem Motorrad?

Der beste Gehörschutz auf dem Motorrad ist der, den man trägt. Aber welcher ist das?  Was muß ich dabei beachten?

Das Rauschen unter dem Helm

Romantisches „Rauschen im Walde“ mag ja herrlich entspannend sein. Aber das permanente Rauschen des Fahrwindes bei schnellen Autobahnfahrten mit dem Motorrad ist total nervig. Zudem verursacht es Stress und vermindert dadurch die Konzentrationsfähigkeit. Noch wichtiger: Die konstante Geräuschkulisse kann zu irreversiblen Hörschäden führen. Dagegen muß man sich schützen.

Wie halte ich die lästigen Windgeräusche draußen? Was bietet dabei den besten Gehörschutz auf dem Motorrad? Weil die optimale Lösung unter Umständen ganz schön ins Geld gehen kann, möchte ich in diesem Beitrag meine Erfahrungen mit den verschiedenen Schutzmöglichkeiten mit euch teilen.

Sündenbeichte beim HNO

Ein Hörtest beim HNO brachte die Sünden meiner Vergangenheit an den Tag: laute Musik unter dem Kopfhörer, Schießen ohne Gehörschutz, Motorradfahren ebenfalls ohne. Der Doc begann zu rebellieren – was ich ihm nicht weiter übel nahm, da wir sehr gut miteinander konnten und er ebenfalls passionierter Motorradfahrer ist.

Da sich der Absturz meiner Hörkurve im Hochfrequenzbereich nicht schönreden ließ, gelobte ich Besserung: „Nie mehr ohne (Gehörschutz)“. Und mein HNO legte eine erzieherische Maßnahme nach: „Kommen Sie am Sonntag ganz früh in meine Praxis. Dann drehen wir eine Runde und hinterher werden Sie merken, was dabei herauskommt, wenn Sie weiterhin ohne Gehörschutz fahren.“

Die Stunde der Wahrheit

Gesagt – getan. Bei sonntäglichem Morgenlicht starteten wir zu einer gepflegten Hatz auf dem Autobahnring von Rom (wo ich seinerzeit wohnte). 70 km, er mit Gehörschutz, und ich (mit meinem ausdrücklichen Einverständnis) ohne. Aerodynamik des Helms hin oder her – die Geräuschentwicklung war heftig, das Windrauschen bei höherer Geschwindigkeit unangenehm und bis an die Toleranzgrenze störend.

gehoerschutz motorrad: testfahrt auf dem gra autobahnring um rom

Eine Runde um die Ewige Stadt als erzieherische Maßnahme. │ Karte: Google Maps

Zurück in der Praxis wiederholten wir den Hörtest. Was ich befürchtet hatte, trat prompt ein: Meine Hörkurve war (jedenfalls für einen gewissen Zeitraum) noch schlechter als vorher.

Was beeinflusst den Gehörschutz auf dem Motorrad?

Als Merkpunkte nahm ich aus dem anschließenden Debriefing folgendes mit: Auch wenn ein Motorradhelm noch so ausgefeilt konstruiert ist – im individuellen Einsatz treten gravierende Unterschiede zu Tage. Körpergröße und Fahrhaltung des Fahrers, Motorradmodell, Gestaltung der Verkleidung, Frequenzband des Motorengeräusches, Abrollgeräusche der Reifen, umgebende Verkehrsgeräusche und noch mehr üben einen eigenen Einfluß auf das Lärmempfinden des Motorradfahrers aus. Selbst wenn jemand von seinem „Flüsterhelm“ noch so begeistert ist – dieses Empfinden ist meistens höchst individuell.

Anforderungen an Gehörschutz und Bauformen

Nach diesen Erfahrungen stand mein Entschluß fest: Ich fahre (zumindest außerhalb des Stadtbereiches) nie mehr ohne Gehörschutz Motorrad. Nach und nach probierte ich alle möglichen formbaren und formstabilen Ohrenstöpsel aus. Schon eine Stunde flotte Autobahnfahrt brachte i. d. R. Klarheit über die jeweilige Eignung. Bald reduzierte sich das Bewerberfeld auf eine überschaubare Zahl von Modellen.

Rundum zufrieden war ich allerdings mit keinem dieser Stöpsel, denn professioneller Gehörschutz bedarf – wie eine Brille – individueller Anpassung. Damit war mein weitergehendes Interesse an der Sache geweckt.

Wie so vieles in Deutschland ist auch der Lärmschutz eingehend geregelt. Grundlage für den Lärmschutz sind die Technischen Regeln zur Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (TRLV Lärm, Teil 3: Lärmschutzmaßnahmen)Auf diesem Regelwerk beruhen die Gehörschutz-Empfehlungen der Berufsgenossenschaften Bau und Holz und Metall, in deren Zuständigkeitsbereich ein erheblicher Teil der lärmintensiven Tätigkeiten anfällt.

Die Empfehlungen dieser Berufsgenossenschaften enthalten im Grunde alles, was man (auch als interessierter Laie) über die praktische Anwendung von Gehörschutzmaßnahmen wissen muß. Insbesondere gehen sie ausführlich auf individuell angepaßten Gehörschutz (Otoplastik) ein, der sich über einen längeren Zeitraum benutzen läßt.

Erfahrungen mit Ohrstöpseln

Der wohl populärste Schutz gegen die infernalische Geräuschkulisse vor allem bei hohen Geschwindigkeiten auf unverkleideten Maschinen sind Ohrenstöpsel aus formbarem PU-Dehnschaumstoff. Sie werden zwischen Daumen und Zeigefinger fest zusammengerollt und tief in den Gehörgang eingeführt. Dabei sollte man aber nicht vergessen, sie anschließend noch ein Minütchen mit den Fingern zu fixieren, damit sie nicht wieder herausrutschen. Während dieser Zeit dehnen sie sich wieder aus und sorgen so für festen Sitz und ordentliche Abdichtung.

gehoerschutz auf dem motorrad: formbare und formstabile ohrenstoepsel

Ein buntes Sammelsurium von formbaren und formstabilen Ohrenstöpseln

Was in vielen Werkshallen und auf Baustellen gängiges Verbrauchsmaterial ist, muß aber nicht unbedingt die Ideallösung für das Motorrad darstellen. Denn Fahrtwind, Abrollgeräusche der Reifen und die Klangcharakteristik des Motorlaufes vollziehen sich in jeweils spezifischen Frequenzbereichen. Deshalb verlangen sie auch angepaßte Dämmwerte. Da hilft nur Ausprobieren (auch auf die passende Größe achten), was angesichts des moderaten Preises ein leistbares Unternehmen darstellt.

Formstabile Ohrenstöpsel erfüllen den gleichen Zweck. Sie können jedoch bauartbedingt ein permanentes Fremdkörpergefühl im Gehörgang bewirken, was den Tragekomfort spürbar mindert. Ist ihre Form nicht paßgenau für den individuellen Gehörgang, besteht die Gefahr des Herausrutschens mit der Folge, daß die Helminnenschale den Stöpsel unangenehm ins Ohr drückt. In puncto Form und Dämmwirkung bei verschiedenen Frequenzen hilft auch hier nur eines: ausprobieren. Vorsicht ist jedoch angesagt, wenn Material und/oder Bauart den Fahrer völlig von allen Umweltgeräuschen entkoppeln. Dann kann es im Straßenverkehr gefährlich werden.

Erfahrungen mit der Otoplastik

Nach längerem Rumprobieren mit verschiedenen Bauformen – und weil meine Familie nach einem Geburtstagsgeschenk für mich suchte – habe ich mir beim Hörgeräteakustiker eine Otoplastik anpassen lassen.

Mein Tipp zur Vorbereitung:
Am besten vor der Abformung die Gehörgänge von einem Hals-Nasen-Ohrenarzt professionell reinigen lassen. Hausmittel (z. B. Wattestäbchen) reichen dazu nicht.

Die Anpassung der Otoplastik dauert ca. eine halbe Stunde und geht ganz einfach: Der Akustiker platziert mit einer langen Pinzette einen Wattebausch am Trommelfell. Dann führt er vorsichtig eine Spritze mit Abformungsmaterial in den Gehörgang ein – ähnlich wie eine Silikonspritze beim Heimwerken. Das Material muß im Gehörgang einige Minuten aushärten, dann wird die Abformung entnommen und mit rechts/links gekennzeichnet.

Anschließend werden die Abformungen an ein spezialisiertes Labor eingeschickt, das unter Verwendung eines Spezialkunststoffs die Otoplastik herstellt. Dabei wird zusätzlich noch eine axiale Bohrung eingebracht, in die der Filter für den jeweiligen Verwendungszweck eingesetzt wird.

Darüber hinaus werden noch die seitenrichtigen Bezeichnungen auf die Otoplastiken aufgebracht, um später einen evtl. Fehleinsatz zu vermeiden.

gehoerschutz auf dem motorrad: dreve otoplastiken

Nach einigen Jahren brauchte ich neue Otoplastiken. Sie warten auf die kommende Tourensaison.

Sind die Filterelemente verstopft, etwa durch Ohrenschmalz (Cerumen), kann der Gehörgang nicht mehr richtig belüftet werden. Gleichzeitig nimmt die Schalldämmung zu, die Wahrnehmung z. B. von Warnsignalen jedoch ab und die Kommunikation wird erschwert. Aller Erfahrung nach kann sich die Durchlässigkeit der Filterelemente innerhalb eines halben Jahres auf bis zu 60 % verringern. Regelmäßige Reinigung der Filterelemente ist deshalb sehr wichtig, entweder mit Druckluft oder noch besser im Ultraschallbad.

Vor- und Nachteile einer Otoplastik

Wer die nicht unbeträchtliche Geldausgabe für die Anpassung einer Otoplastik erwägt, sollte die folgenden langjährigen Praxiserfahrungen mit diesem Gehörschutz berücksichtigen:

Vorteile

  • Die Otoplastik ist individuell auf den Träger angepaßt und sitzt – saubere Ausführung vorausgesetzt – buchstäblich „wie angegossen“.
  • Da sie mit dem Gehörgang abschließt, hat sie keinen Überstand, der ein Druckgefühl durch den Helm bewirken könnte.
  • Der Filter ermöglicht eine Durchlüftung des Gehörschutzes, was insbesondere bei Fahrten in der Hitze als angenehm empfunden wird.
  • Eine Otoplastik läßt sich ohne umständliches Rumknautschen und Drücken problemlos einsetzen: plopp links – plopp rechts – rastet hörbar ein und paßt.
  • Otoplastiken dichten den Gehörgang besser ab als andere Bauformen, denn sie reagieren weniger auf Verformungen des Ohres in Folge von Bewegungen (Kaubewegungen, Drehbewegungen oder Neigung des Kopfes). Dadurch verrutschen sie weniger und dichten den Gehörgang in der „Standardeinstellung“ ab.
  • Hieraus resultiert nicht nur ein hoher Tragekomfort, sondern auch eine hohe Trageakzeptanz gerade bei denjenigen, die sich anfangs noch nicht so recht mit einem Gehörschutz anfreunden können.
  • Der hochwertige Filter ist nicht nur das Herzstück der Otoplastik. Er ist auch für andere Gehörschutzzwecke einsetzbar, z. B. für Musiker (Bläser!), Heimwerker (Kreissäge, Flex) oder Schützen (bequemere Haltung beim Schießen mit Zielfernrohr). Für spezielle Zwecke gibt es wiederum abgestimmte Filter, die sich in der Otoplastik austauschen lassen.
  • Sicherheit und Kommunikation: Der Filter ermöglicht trotz seiner Dämmwirkung die Wahrnehmung wichtiger Signale, z. B. Warnhupen, Martinshorn etc.. Außerdem ist die Sprachverständigung klarer und unkomplizierter als mit Stöpselgehörschützern. Wichtig für Gespräche am Straßenrand oder mit der Rennleitung.

Nachteile

  • Wenn es einen gravierenden Nachteil der Otoplastiken gibt, dann ist es der hohe Preis. Mit um die 180 EUR pro Paar muß man dabei rechnen. Wie bei der Brille muß jeder selbst entscheiden, wieviel ihm Schutz und Brauchbarkeit seiner Sinnesorgane wert sind.
  • Der Dämmfilter, das Herz des Gehörschutzes, hält nicht ewig. Regelmäßige Pflege ist angesagt, am besten im Ultraschallbad. Wann ein Filtertausch notwendig sein wird, bekommt man – im wahrsten Sinne des Wortes – zu hören. Bei mir war das nach ca. 3 Jahren der Fall. Bei einem Tausch sollte man ca. 70 EUR pro Filterpaar einkalkulieren.
  • Nicht nur das Material ändert sich. Auch das menschliche Ohr wächst bis ins hohe Alter.
  • Folge: Die optimale Abdichtung des Gehörganges ist dann nicht mehr gegeben. Weitere Folge: Eine neue Otoplastik wird fällig. Bei einem guten Timing beträgt die geplante menschliche und materielle Obsoleszenz ca. 3 Jahre, so daß dann ein Kompletttausch von Otoplastik und Filter erfolgen kann. Vielleicht im Rahmen eines Geburtstagsgeschenkes?

Fazit

Nach vielen Jahren und Kilometern empfinde ich eine Otoplastik als die beste Lösung für den Gehörschutz beim Motorradfahren. Sie ist praktisch und bequem, aber insgesamt nicht billig. Früher oder später wird jedoch das Plädoyer des Hals-Nasen-Ohren-Arztes davon überzeugen, daß einem das eigene Hörvermögen eine höhere Ausgabe wert sein sollte – auch wenn Krankenkasse oder Berufsgenossenschaft nicht dafür aufkommen.

 

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