Auf zwei Rädern um die Welt

10 starke Argumente für eine Solo-Motorradtour

Ein Plädoyer für die Vorzüge einer Solo-Motorradtour aus langer Reiseerfahrung mit einer Themenliste zum Nachdenken.

Paradoxien des Motorradfahrens

Die Lust an einer Motorradtour steckt voller Paradoxien: Die Passion auf zwei Rädern ist immer von einem gewissen Risiko begleitet, das der Fahrer bewußt in Kauf nimmt. Sie zieht ihn in ihren Bann – trotz voraussehbarer Unbequemlichkeiten unterwegs. Schließlich soll sie ein Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit symbolisieren – dennoch trägt sie nach außen hin meist das Flair einer Gruppenveranstaltung.

Wie lassen sich diese Gegensätze für denjenigen auf einen Nenner bringen, der ganz auf sich allein gestellt unterwegs sein möchte? Wo bleibt da noch Platz für den lonsome rider, der mutterseelenallein durch die Lande zieht und sich durch alle Widrigkeiten einer Solo-Motorradtour durchschlägt?

The motorcycle is a charm against the Group Man.
Das Motorrad ist ein Zaubermittel gegen den Gruppenmenschen.
—  Robert Hughes, “The Myth of the Motorcycle Hog” in: Time Magazine, 1971

Gruppe – Sozia – Solo

Wenn etwas individuell ist an einer Motorradtour, dann wohl die Art und Weise, wie man sie angeht. Motorradfahren gilt als gemeinschaftsbildend. Deshalb ist durchaus nachvollziehbar, daß sich Leute mit gleicher Passion zu einer Tour zusammenschließen.

Daß sich aber Motorradfahren, Sinnbild des Individualismus, irgendwann zu einer sozial verbindenden Gemeinschaftsangelegenheit entwickeln könnte, erscheint vielen als absurde Idee. Denn sie haben ihre Zweifel, ob es beim Fahren in der Gruppe wirklich so etwas geben kann wie den gleichen Takt, die gleiche Harmonie oder die gleiche Tonlage.

Verständlich deshalb, daß Motorradfahren schon immer eine Sache für Leute war, die das Besondere ganz für sich alleine reklamierten. Und die deshalb eine Gruppentour als Unding erachtet hätten: der Schriftsteller George Bernhard Shaw z. B. oder T. E. Lawrence (Brough Superior SS 100), der Ozeanflieger Charles Lindbergh (Excelsior X), der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, Eduard VIII. (BMW), James Dean (Triumph, BSA), Elvis Presley (HD), Bob Dylan (Triumph Bonneville), die Könige Albert I. (Royal Nord) und Albert II. (BMW R 100 RT) von Belgien oder Prinz William (Ducati 1198). Um nur einige zu nennen.

Zwischen Gruppe und Solo-Motorradtour blüht allerdings noch ein Reiseerlebnis besonderer Art: das eingespielte Team von Fahrer und eng vertrauter Sozia. Ich genieße das Glück der Symbiose mit Christine, mit der ich über 40 Jahre verheiratet bin und mit der ich streckenmäßig dreimal die Erde umrundet habe. Planen, Denken und Touren sind Eins, da brauchen wir keine Worte. Wir fahren zu zweit allein. Unsere Solo-Motorradtouren absolvieren wir zu zweit.

Mindestens so oft ziehe ich alleine los, wirklich alleine, völlig solo auf weiter Flur. Das hat eine Reihe von guten Gründen, die seit Langem in meiner Innenlandschaft Gestalt angenommen haben. Laßt mich diese Gründe in chronologischer Reihenfolge schildern. So, wie sie Ablauf und Erlebnis meiner Touren bestimmen.

Meine 10 Gründe für eine Solo-Motorradtour

When you go with someone else, you are in for the ride of your life or a series of greater or lesser annoyances.
—  Melissa Holbrook Pierson, The Perfect Vehicle. What it is about Motorcycles

1. Unabhängigkeit

Eine Solo-Motorradtour schenkt dir Unabhängigkeit von allem, was dich im Alltagsleben eingrenzt: private und berufliche Verpflichtungen, Vorschriften und Konventionen, getakteter Tagesablauf, Fremdbestimmung. Damit ist nun Schluß. Niemand nimmt dich jetzt mehr in die Pflicht. Deine Zeit, dein Geld, dein Tourenplan – über alles bestimmst jetzt ausschließlich DU. Keiner sonst. Keiner redet dir rein.

2. Planungsautonomie

Der Tourenspaß beginnt schon bei der Planung: Wo möchte ich hinfahren? Welche Strecken reizen mich? Wo will ich Halt machen? Was könnte ich mir unterwegs anschauen? Als Alleinfahrer hast du nicht die ganze Gruppe am Hals, in der jeder seine eigenen Vorstellungen von der idealen Tour verwirklicht sehen möchte. Keine endlosen Diskussionen, keine faulen Kompromisse, keine ärgerlichen Zugeständnisse. Dir Straße gehört ganz allein DIR.

Vor der Solo-Motorradtour: Kartenstudium Sizilien mit einer Landkarte der Provinz Palermo, einem Teiseführer, einem Notizbuch mit Füller und einer Tasse Espresso

Auf der Suche nach der schönsten Strecke

3. Deine Tour – Dein Rhythmus

Dein Tourenbudget besteht nicht nur aus deinem hart verdienten Geld, sondern auch aus deinem durch lange Arbeit gefüllten Urlaubszeitkonto. Niemand wird dir verdenken, daß du daraus das meiste für dich machen möchtest: starten, pausieren und ankommen, wann immer es Dir paßt. Oder einen Extra-Ruhetag am Strand einlegen. Keine umstrittenen Exkurse, keine zeitraubenden Extratouren. Wenn du gerne fotografierst, hast du alle Zeit der Welt für die ideale Einstellung. Und wenn dich die letzten 20 Kurvenkilometer begeistert haben – wer hindert dich daran, umzukehren und die Strecke nochmal abzufahren? Deine Zeit – dein Geld – deine Tour – dein Rhythmus.

4. Gruppendynamik

Gemeinschaftserlebnisse können etwas Erhebendes sein, auch im Rahmen einer Motorradtour. Wie schnell sich droht sich aber eine Gruppendynamik entwickeln, die das rollende Zusammensein trübt: Der eine will dies, der andere das. Der eine will was essen, der andere Wasser abschlagen oder eine Rauchpause einlegen. Einer möchte gerne heizen, der andere lieber einen Fotostopp einlegen.

Je näher die – bei jeder längeren Tour unvermeidliche – Frustgrenze rückt, desto stärker treten solche persönlichen Eigenheiten hervor. Der Solofahrer hingegen braucht sich mit diesen Mißhelligkeiten nicht herumzuschlagen. Und wer mit Sozia unterwegs ist, verfügt in aller Regel über ein erprobtes Instrumentarium, um aufkommendes Kriseln zu rechtzeitig zu unterbinden.

5. Wahrnehmung

Wenn ich alleine auf Tour gehe, vertrage ich weder Störung noch Ablenkung. Kein Intercom, kein Bluetooth. Das Navi ist stumm geschaltet, das Mobiltelefon ruht im Kartenfach des Tankrucksacks. Kopf und Sinne bleiben damit frei für das, worum es mir auf der Tour eigentlich geht: ein kristallklares Fahrerlebnis, das die Sensibilität für Strecke und Ziele miteinander verknüpft. Ein Fahrerlebnis, das keine Rücksicht zu nehmen braucht auf Vorder- oder Hintermann, auf abrupte Tempo- oder Richtungswechsel einer Gruppe. Pisten, Panoramen und die Aromen einer blühenden Landschaft gehören dann ganz mir. Ungestört und intensiv.

6. Begegnungen

Die menschliche Entwicklungsgeschichte kennt das sozialpsychologische Phänomen, daß einzelne Ankömmlinge mehr Vertrauen, Offenheit und Ansprache erfahren als eine Gruppe – zumal, wenn diese in zahlenmäßiger Überlegenheit auftritt. Auf der Solo-Motorradtour machen wir uns diese Chance zwanglos zunutze – ob an der Tankstelle, über den Kaffeetisch hinweg oder beim Orientierungshalt im Dorf. Es ist auch nicht abwegig, dabei eine Visitenkarte zu hinterlassen. Für solche Zwecke ist sie ja gedacht. Manch netter Gruß hat mich später auf der weiteren Tour erreicht. Das zeigt: Auch wer ganz allein unterwegs ist, kann regelmäßig Gesellschaft erleben und mit netten zwischenmenschlichen Begegnungen am Tagesziel ankommen.

Begegnung auf der Solo-Motorradtour: Baustelle an der Montpelier Canyon Road in Wyoming

Begegnung an einer Baustelle an der Montpelier Canyon Road, Idaho, mit lockerer Unterhaltung

7. Innenansicht

Motorradfahren ist eine tiefsitzende, intuitive Erfahrung. Idealerweise ist der Fahrer vollkommen auf eine einzige Aufgabe fixiert: von innen heraus die Maschine mit ihrer Technik und ihrer Fahrphysik zu beherrschen. Eine Solo-Motorradtour, frei von Ablenkung durch Mitfahrer, verschafft ihm die dazu nötige innere Ruhe, weckt die Sinne und führt bei dem, der dafür empfänglich ist, nicht selten zu einem zen-ähnlichen Geisteszustand.

8. Selbstentdeckung

In solitude, when we are least alone.
—  Lord Byron, Childe Harold’s Pilgrimage, Canto III, Stanza 90 (1816)

Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, am Ende einer langen Tour einen ganz anderen Blick auf sich selbst zu besitzen als am Start? Eine klarere Sicht auf die Dinge, die ein viel besseres Urteil darüber erlaubt, was Tourenspaß bereitet und was besser zu vermeiden ist. Eine ganz unmittelbare Erkenntnis, wie man sie nur alleine und für sich selbst gewinnen kann. Ohne die Mitwirkung anderer. Ohne Beeinflussung durch eine Gruppe. Wie stand an einer Säule am Apollo-Tempel in Delphi eingemeißelt: „Erkenne dich selbst.“

9. Selbstvertrauen

Ob auf der Solo-Motorradtour alles läuft wie geplant oder der Weg mit Hindernissen gepflastert ist – sie stellt den Fahrer täglich vor Entscheidungen. Keiner nimmt sie ihm ab, keiner hilft ihm dabei: Navigation auf der besten Strecke, Voraus- und Umbuchungen, technische und gesundheitliche Probleme, Klarkommen mit Polizei oder anderen Amtsträgern.

Besonders gilt dies für die lange Tour. Weit weg von zu Hause gibt’s nur eines: Kämpfen und Durchkommen, abseits der Gruppe. Vor allem, wenn man schrauberisch nur mäßig begabt ist oder keine Ahnung von der Landessprache hat. Was für ein tolles Gefühl ist es am Ende, all das alleine bewältigt zu haben, ohne die Unterstützung durch eine Gruppe zu benötigen! Das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist gewachsen und zu einem wertvollen Kapital für die nächste Tour geworden.

10. Wachsen mit den Anforderungen

Wer es nicht selbst ausprobiert hat, wird es nicht zu schätzen wissen: Eine Solo-Motorradtour zwingt dich dazu, unabhängig zu werden und deine Entscheidungen durchzuziehen. Sonst kommst du nicht ans Ziel. Vor allem zwingt sie dich dazu, jeden Tag bei jedem Wetter und unter allen Bedingungen deine Komfortzone zu verlassen. Ohne eine Unterstützergruppe dabei zu haben, die dir dabei hilft.

Fazit

Eine Solo-Motorradtour ist kein Schicksal auf zwei Rädern, dem man unbedingt durch den Anschluß an eine Gruppe entrinnen müßte. Sie ist vielmehr eine bewußte Entscheidung für eine selbstbestimmte Art des Motorradfahrens, die zwar Anstrengungen und Risiken birgt, diese aber mit einem vertieften Fahrerlebnis belohnt. Wer diese Erfahrung mitbringt, wird, wenn er das mal möchte, bei jeder Tourengruppe ein willkommener Mitfahrer sein. Und für die Sozia ein routinierter Fahrer, an den sie sich vertrauensvoll anschmiegen kann.

 

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Comments (2):

  1. Markus

    01/04/2020 at 20:02

    Danke für diesen Artikel. Hat Spass gemacht ihn zu lesen und mich darin bestärkt auch mal alleine auf Tour zu gehen. Beste Grüsse aus der Schweiz.

    Antworten
  2. christianseebode

    01/04/2020 at 20:43

    Hallo Markus, ich freue mich, daß ich Dir mit diesem Beitrag eine Anregung geben konnte. Wie Du schon anklingen läßt: Solo oder Gruppe – das eine schließt ja das andere nicht aus. Wichtig ist nur, daß wir in dieser schweren Zeit bald wieder fahren können. Viele Grüße und bleib gesund, Christian

    Antworten

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