Auf zwei Rädern um die Welt

USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Eine unvergeßliche USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik durch den tiefen Süden trägt mehr zum Verstehen von Land und Leuten bei als eine ganze Bibliothek.

USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik: Warum?

Nach einer verlorenen Wette gegen meine Tochter Charlotte kam ich nicht umhin, meinen Einsatz einlösen: Ein Abendessen in Charlotte, North Carolina, der Stadt ihrer Namenspatronin. Ihre Frage nach der Flugbuchung überging ich mit beredtem Schweigen und ließ stattdessen meine Chevron-Tankkarte durch die Finger wandern wie der Pokerspieler seine Queen of Hearts im Wildwestfilm. Charlotte verstand mich auch ohne Worte und brachte mir den großen Straßenatlas der USA.

Was wollen wir in den USA sehen?

Auf unserer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik wollen wir das Land abseits der üblichen Touristenpfade erkunden: Wüsten, Steppen, Indianerreservate und Nebenstraßen, wo es nur geht. Durch den tiefen Süden, an der Sierra Nevada und den Rocky Mountains vorbei, wo auf absehbare Zeit der Winter noch das Regiment führt. Nachdem in den Südstaaten bis März mit Taifunen gerechnet werden muß und ab Mai die Sonne schon richtig einheizt, fällt unsere Zeitwahl auf Anfang April.

Die nächsten Wochen und Monate verbringen wir mit Reiseführern, landeskundlicher Literatur und Laptops auf dem Kaminsofa. Das Licht über unserem runden Esstisch, auf dem wir die Karten ausgebreitet haben, brennt abends oft noch lange. Aber dann „steht“ unsere Tour durch Kalifornien, Arizona, New Mexico, Texas, Oklahoma, Arkansas, Kentucky, Tennessee, Louisiana, Mississippi, Georgia, Alabama und die beiden Carolinas. Der logistische Vorbereitungsaufwand hält sich in Grenzen; Amerika ist ein ideales Reiseland, in dem man überall gut weiter- und unterkommen kann.

Motorradtour einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Durch den tiefen Süden der USA vom Pazifik zum Atlantik

Schön wäre es, wenn ich noch ein paar Tage für die Rückfahrt nach Kalifornien erübrigen könnte, aber das geht leider nicht. Also nehmen wir den Landweg nach Charlotte, NC und fliegen wieder zurück nach San Francisco. Das spart Zeit, außerdem ist der lange Weg durch den Mittelwesten nicht sooo prickelnd. Deshalb fragen wir schon mal bei Keybord Carriage in Elizabethtown an, einer Spedition in Kentucky, die sich auf den Transport von Klavieren (daher der Firmenname) und Motorrädern spezialisiert hat. Vor der Abfahrt gehen beide Maschinen noch in die Werkstatt – und das war’s dann schon.

Tiburon, CA – Tehacapi, CA

354 mi / 570 km

1. Etappe Tiburon, CA-Tehacapi, CA einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Nach einem gemütlichen Abschiedsfrühstück werfen wir die Motoren an und folgen zunächst vertrauten Pfaden: an den Marin Headlands entlang über die Golden Gate Bridge, dann ein Stück durch die Stadt und über die Bay Bridge.

Sonnenaufgang hinter der Golden Gate Bridge beim Start zu einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Über die Golden Gate Bridge bei Sonnenaufgang

Hinter Oakland geht es bergan über den Höhenzug, der den pazifischen Küstenstreifen vom Central Valley trennt. Bei Livermore biegen wir auf die I-5 ein, die uns südwärts Richtung Los Angeles führt.

Merke:
Interstates mit ungerader Ordnungszahl verlaufen in Nord-Süd-, solche mit gerader Ordnungszahl in Ost-West-Richtung.

In Fliegermarschtiefe rollen wir mit den vorgeschriebenen 65 mph, nicht gerade aufregend, aber immerhin besser als eine kostenpflichtige Begegnung mit der California Highway Patrol. Um nicht einzudösen, singe ich unter dem Helm vor mich hin. Quälend zieht sich der Weg durch das San Joaquin Valley hin, an breiten Bewässerungskanälen entlang durch meilenweite Obstplantagen. Sobald man hier die Interstate verlässt, versteht kaum jemand mehr Englisch. Aber Charlotte spricht ja ausgezeichnet Spanisch, das würde uns bestimmt helfen.

Alle 100 Meilen legen wir einen Tankstop ein. Die Gegend stinkt meilenweit nach Rindvieh. Wesley, Coalinga, Bakersfield. Beim Anfahren stelle ich fest, dass die GS ihrem Ruf als Lampenfresserin wieder alle Ehre gemacht hat. Bald findet sich jedoch ein Auto-Zubehörhandel, bei dem ich eine Osram H7-Birne erstehe. Weiter geht es durch Orangen- und Zitronenhaine, die mich an die sizilianische Ostküste erinnern. Langsam steigt die Straße südostwärts bergan bis auf eine Höhe von 1.150 m. Auf dieser Kammlinie zwischen dem Central Valley und der Mojave-Wüste liegt unser Etappenziel Tehacapi, ein nichtssagendes 4.700 Seelen-Kaff, das sich eigentlich nur durch seinen Superknast (2.700 Sträflinge) einen Namen gemacht hat.

Wasserturm in Tehacapi, CA

Unser Etappenziel

Getränkeladen in Tehacapi, CA

Entertainment Center in Tehacapi, CA

Unser Hotel verströmt den Charme eines Atlantikwallbunkers. Dennoch: Alles ist sauber und in Ordnung und wir sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben. Abends schlendern wir im einsetzenden Nieselregen durch die Stadt und registrieren mit leichtem Amüsement die Andersartigkeit dieser Umgebung im Vergleich zur überzivilisierten San Francisco Bay Area.

Tehacapi, CA – Seligman, AZ

373 mi / 600 km

2. Etappe USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Unser Frühstück ist spartanisch wie in vielen amerikanischen Hotels dieser Preisklasse – unaufregender Kaffee aus Styroporbecherchen, eine kleine Auswahl von Trockenfutter (cereals) im Styropornapf, synthetisch schmeckende Säfte und fette Waffeln zum Selbermachen. Alles natürlich mit Plastikbesteck. Verständlich, daß wir uns alsbald auf den Weg machen und in schönen Schwüngen ostwärts durch die Berge rollen. Nach einer halben Stunde öffnet sich 300 m höher der weite Blick in die Mojave-Wüste, die wir heute durchqueren wollen. Beständiger Seitenwind zwingt uns zu aufmerksamer Kurskorrektur, feiner Sand weht durch das offene Visier herein, tumbleweeds rollen über den Highway wie Kugeln auf einer Kegelbahn. Wenig später biegen wir vom Highway auf eine Straße nach Nirgendwo ab, um die Knochen auszustrecken und reichlich Wasser nachzufüllen.

Blaues Motorrad Honda Hornet bei einer Trinkpause in der Mojave-Wüste bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Trinkpause in der Mojave-Wüste

Schräg hinter uns flimmert in der Hitze des Rogers Dry Lake die riesige Edwards AFB, ein 74 km² großer Stützpunkt, der das Dryden Flight Research Center der NASA sowie das Air Force Flight Test Center und die Test Pilot School beherbergt. An die 50 Space Shuttle-Missionen wurden von hier aus abgewickelt.

In der Wüstenstadt Barstow legen wir einen Tankstop ein. Neben uns befüllt ein dunkelbebrillter Sheriff endlos seinen Ford Crown, ein Fahrzeug, das wahrscheinlich kein Privatmensch je freiwillig kaufen würde. Über die Zapfhähne hinweg entwickelt sich ein zwangloses Gespräch, das noch netter wird, als wir uns als Deutsche zu erkennen geben. Meine Frage, ob seine Kollegen draußen auf Streife wären, beantwortet er mit einem breiten Grinsen und einem homöopathischen Kopfschütteln. „But be careful, it’s damn’ lonely out there“. Ich beruhige ihn mit dem Wahlspruch der California Highway Patrol: „All roads – all codes“. Wir schütteln uns herzhaft die Hand und beim Abfahren ich im sehe Spiegel, wie er uns lange hinterherschaut.

Tankstelle in Barstow, CA

Tankstelle in Barstow, CA

In steter Geradeausfahrt durch das Morongo-Bassin passieren wir Twentynine Palms, die größte USMC-Base weltweit. Die flirrende Hitze fordert uns einiges an Stehvermögen ab. Viel trinken ist absolut (über)lebenswichtig. Mit einer gewissen Erleichterung legen wir deshalb in Ludlow und dann in Needles an der Grenze zu Arizona eine Pause ein. Ein langgestrecktes Wüstenkaff mit Truckstops, Restaurants, Wohnwagenparks und Gebäuden undefinierbarer Zweckbestimmung.

Mojave Wüste in Arizona

Am Highway durch die Mojave Wüste

Tankstop in Ludlow, CA

Tankstop in Ludlow, CA

Weiter geht es durch die Wüste, nächster Stop Kingman, AZ – 3.333 ft hoch gelegen, ursprünglich Eisenbahnstation, dann Goldgräberkaff, später mal AFB und nicht zuletzt berühmt als Geburtsort von Miki Garcia, Playmate vom Januar 1973. Ein öder Ort.

Liquor Store in Kingman, AZ

Alles für den dringenden täglichen Bedarf

Erfrischend, dass die Straße dann aus der heißen Ebene ansteigt, bis wir auf 1.600 m Höhe unser Etappenziel Seligman, AZ erreichen. Mit 456 Einwohnern ist diese Perle des Apachenlandes zwar nicht gerade der große Reißer, unterhaltsam ist es dennoch: Unser Quartier ist von erheiternder Hässlichkeit (aber sauber und die Besitzer nett) und die Leute, an Zugvögel wie uns gewohnt, sind rauh, offen und herzlich. Nach einer ausufernden Dusche begeben wir uns in das Roadkill Café, das Charlotte als Futterkrippe ausersehen hat.

Roadkill Cafe in Seligman, AZ

Roadkill Cafe in Seligman, AZ

Chapeau: In all den Jahren in Amerika haben wir selten so gut gegessen wie hier. Die Stimmung ist bombig. Klasse Musik. Anders als die übersittlichen Geschöpfe in Kalifornien spielen die Mädels hier Snooker, rauchen dabei wie die Schlote und parken ihren Whisky auf dem Spieltisch. Wir sind in der realen Welt angekommen und fühlen uns auch nach anstrengender Tagesfahrt pudelwohl.

Seligman, AZ – Grants, NM

347 mi / 558 km

3. Etappe USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Lilo’s Café auf der anderen Straßenseite offeriert uns ein massives Frühstück, wie es amerikanischer kaum sein kann: Eier, Speck, Hash Browns mit Ketchup und Kaffee bis zum Abwinken. Die Besitzerin, einst mit einem GI aus Wiesbaden in diese Einsamkeit gekommen, setzt sich zu uns und erinnert sich mit einer gewissen Wehmut an vergangene Zeiten.

Motorradfahrer und blonde Motorradfahrerin bei der Abfahrt in Seligman, AZ auf der Route 66 bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Abfahrt in Seligman, AZ

Unter stahlblauem Himmel geht es in sanften Kurven bergan und als wir Williams, AZ auf 2.062 m Höhe erreichen, ist es recht schattig. Das Städtchen war die letzte Bastion des Protests gegen den Überbau der alten Route 66 durch die I-40, aber seit Oktober 1984 ist auch mit dieser Romantik Schluß.

Hier legen wir eine Pause ein und tun uns in DeBerge’s Western Wear and Leather Shop um. Aus der einmalig reichhaltigen Auswahl (aus Eigenproduktion) erstehen wir für Sohn/Bruder als zeitiges Weihnachtsgeschenk einen gepunzten Gürtel mit ziseliertem Koppelschloß. Vom Bahnhof aus hat man hier die Gelegenheit, mit einem Dampfzug zum Grand Canyon hochzufahren.

Bis wir in Flagstaff zum Tankstop einbiegen, sind wir mit unseren Sommerklamotten einigermaßen durchgefröstelt und freuen uns über eine halbe Gallone heißen Kaffee zu den schmachtvollen Klängen des Lokalsenders KAFF Country 92.9.

Die erhoffte Wärme stellt sich ein, als wir nach gut einer Stunde in die Weite der Prärie kommen. Immer mal wieder weichen wir auf die Nebenstraße aus, die einst die traditionelle Route 66 gebildet haben. Heutzutage ist sie aber furchtbar zu fahren und erhält von uns deshalb den Ehrennamen Walter Ulbricht Memorial Highway.

Motorrad BMW R 1200 GS mit Tankrucksack an einer Tankstelle in Arizona

An einer einsamen Tankstelle in Arizona

Bei Winslow, NM biegen wir rechts ab und fahren auf einen riesigen Krater zu, den ein Meteor vor 50.000 Jahren in den Boden geschlagen hat. Die auf 10 MT geschätzte Einschlagsenergie – soviel wie 77 Hiroshima-Bomben – hat einen 1.200 m weiten und 170 m tiefen Krater hinterlassen. Ein phänomenales Bild mit ebenso phänomenaler Aussicht über die Prärie.

Wüstenlandschaft bei Winslow, NM

Blick vom Kraterrand in die Weite der Prairie bei Winslow, NM

Meteorkrater bei Winslow, NM

Meteorkrater bei Winslow, NM

Nach dieser erholsamen Marschpause überqueren wir kurz vor unserem Etappenziel die Continental Divide, die Nord-Süd-Wasserscheide Nordamerikas. In der tiefstehenden Sonne leuchten warm die bizarren Sandsteinfelsen der Zuni-Mountains. Grants, NM war einst „Karottenhauptstadt“ der USA und nach dem 2. Weltkrieg Zentrum eines der wichtigsten Uranvorkommen. Da sich der Bedarf an Atombomben dankenswerterweise stark reduzierte, wurde die Förderung 1998 eingestellt und der 9.000-Seelen-Ort sich selbst überlassen. Das spürt man. Wir aber sind zufrieden mit unserem sehr ordentlichen Hotel und legen erst mal einen Waschtag ein.

Merke:
Waschmaschinen, Trockner und Waschmittelautomaten, die in sehr vielen amerikanischen Hotels zu finden sind, funktionieren mit Quarters (25¢-Münzen). Es ist deshalb ratsam, einen größeren Vorrat davon mitzunehmen und sie in einem Münzenspender aufzubewahren, den man in jedem besseren Haushaltsgeschäft oder hardware shop bekommt.

Charlotte erweist sich als prachtvolle Mitfahrerin. Bei allen Anstrengungen, die die langen Etappen uns abfordern, zeigt sie Ruhe, Geduld und Besonnenheit. Sie macht ihre Sache ganz prima. Gerne würde ich öfters mit ihr fahren können. Ihre Begleitung ist so etwas wie der Lohn der väterlichen Fahrausbildung.

Grants, NM –  Tucumcari, NM

249 mi / 401 km

4. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Strahlender Sonnenschein lockt uns auf die Strecke. Beim Tanken stelle ich einen Rekord-Niedrigverbrauch fest: 4,28 l /100 km mit Gepäck, so wenig hatte ich noch nie. Nun ja, wenn es immer gleichmäßig geradeaus geht, ist die Maschine nicht so begehrlich. Die Sonne steigt immer höher. Geduldig singen die Motoren das Lied der Landstraße.

Welche Stimmung muß da einst in den Pferdekutschen aufgekommen sein, wenn man zwanzig Meilen bergab rollt und Albuquerque in leichten Dunst gehüllt sieht. Links und rechts Felsformationen, ein sagenhafter Anblick. Mit einer gewissen Andacht überqueren wir den Rio Grande und legen in der Stadt erst einmal einen Tank- und Trinkstop ein.

Hinter Albuquerque geht es wieder die Berge hoch. Die immer drückendere Hitze lässt sich nur deshalb ertragen, weil die von Charlotte ausersehene Mittagsstation immer näher rückt: Clines Corners, eine Straßenkreuzung in der Wüste zwischen Santa Fe und El Paso. Im Grunde ein Ensemble aus Tankstelle, Werkstatt und Restaurant. Was wir dann nach dem Tanken sahen, war wirklich keine Fata Morgana: Ein Super Lokal mit Super Musik und Super Essen, serviert von Super Kellnerinnen. So etwas an Lokal ist mir noch auf keiner Tour untergekommen. Wir fühlen uns sauwohl, die Hitze bleibt draußen und das Gefühl, noch eine ziemliche Wüstenstrecke vor sich zu haben, wird irgendwie erträglicher.

Dieses Erlebnis steigert unsere Abenteuerlust. Wir biegen vom Highway ab und durchqueren ein Reservat der Komantschen. Die Öde dieser Wildnis ist bedrückend. Wir sind schon an Bombenübungsplätzen vorbeigefahren, die besser aussahen. In einer Siedlung erstehen wir an einer Verkaufsstelle ein Paar Ohrringe für Christine, als Glücksbringer. Leicht deprimiert, sind wir froh, als uns der Highway wieder hat.

Klohäuschen in Sanders, AZ

Das einsamste Klohäuschen in Arizona

Trading Post im Indianerreservat bei Sanders, AZ

Trading Post im Indianerreservat bei Sanders, AZ

In dem 2.000-Seelen-Kaff Santa Rosa am Pecos River legen wir eine Flüssigkeitspause ein. Filmenthusiasten sagt es vielleicht etwas, daß John Steinbecks Roman Früchte des Zorns zum Teil hier gedreht wurde. Der Regisseur John Ford wußte schon, wo er mit seinem Team hingehen sollte. Ab in den Sattel und weiter nach Osten.

Einsame Tankstelle in Arizona, bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Anheimelnder Tankstop in Santa Rosa, AZ

Zu unserem Etappenziel Tucumcari ist es noch ein ganzes Stück. Unsere Erwartungen, der Ort könnte unterhaltsamer sein als die hinter uns liegenden Siedlungen, liegen sehr niedrig. Daß das einstige Eisenbahnarbeitercamp einmal (bis 1908) Six Shooter Siding hieß, besagt schon viel. Tukamukaru heißt der Ort in der Komantschensprache, was soviel bedeutet wie „auf der Lauer liegen“.

Tucumari, NM

Tucumari, NM

Das tun wir nach Ankunft in unserem – im übrigen sehr ordentlichen – Hotel. Während die Waschmaschine rödelt, streifen wir durch die Stadt, die sich, wie etliche auf unserem Weg, durch eine stattliche Zahl von Pfandleihgeschäften auszeichnet, die von 8 bis 8 Uhr geöffnet sind.

Pawn Shop in Tucumari, NM

Pawn Shop in Tucumari, NM

Merke:
Pawn Shops in der Einsamkeit sind echte Fundgruben. Von der ausgestopften Hyäne bis zum .38er bekommt man dort so ziemlich alles. Und wenn man was gefunden, aber im Gepäck keinen Platz mehr dafür hat: einfach mit USPS nach Hause oder zum Zielort schicken. Kostet nicht die Welt und das scavengen macht noch mehr Freude.

Tucumcari, NM – Weatherford, OK

313 mi / 504 km

5. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Bei bedecktem Wetter und heftigem Seitenwind geht es ostwärts. Dabei versetzt die Maschine immer wieder ruckartig zur Seite, was wohl auch daran liegt, daß die Reifen schon sehr eckig gefahren sind. In einer von keinerlei markanten Geländepunkten gekennzeichneten Gegend überqueren wir die texanische Grenze und legen erst mal eine Pause ein.

Flachland in Texas

Flachland in Texas mit tagelangem Seitenwind

Müde Motorradfahrerin an Tankstelle in Texas bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Müde Charlotte an einer Tankstelle in Texas

Amarillo, TX ist eine von jenen Städten, bei denen man kaum etwas versäumt, wenn man die Hand unvermindert am Gasgriff lässt. Ich versuche, einen Satz neuer Reifen zu bekommen, aber mit der Zahlenkombination 120/70 R 19 – 170/60 R 17 kann hier keiner was anfangen. Versuchen wir also unser Glück ein paar Hundert Meilen weiter in OKC – Oklahoma City. Es geht immer stur geradeaus, Twohundred Miles and one Left Turn – und genau da, in Groom, TX, steht, schon eine halbe Tagesreise vorher deutlich sichtbar, ein riesiges, nachts beleuchtetes Kreuz. Und, nicht weit davon entfernt, ein schiefer Wasserturm.

Weißes Kreuz in Groom, TX

Gigantisches Kreuz in Groom, TX

Schiefer Wasserturm in Groom, TX

Schiefer Wasserturm in Groom, TX

Mit hängender Zunge überqueren wir die Grenze zum Sooner State Oklahoma und erholen uns vom Dauer-Seitenwind in den Great Plains. An einer ölverschmierten Shell-Tankstelle machen wir die Bekanntschaft eines untersetzten älteren Mannes mit Latzhose, der listig hinter den Gläsern seiner runden Nickelbrille hervorschaut. Ein richtiger Okie from Muskogee. Auf seinem Truck hinter uns steht sein Hund, der uns mit schräg gelegtem Kopf aufmerksam beobachtet. „Oklahoma Jim“, wie er sich vorstellt, ist eine Fundgrube heimatgeschichtlichen Wissens und lustiger Geschichten aus einer Gegend, wo sonst nicht viel los ist. Nach einem dreiviertel Stündchen fährt jeder in seine Richtung – wir auf die rau geteerte I-40 (ex-66) und er mit Staubfahne irgendwohin in die Prärie. Wir werden gerne an diesen sympathischen Menschen zurückdenken.

Wie vom Autopiloten gesteuert rollen wir ostwärts Richtung OKC, beenden unsere Etappe aber schon vorher in Weatherford, OK. Dort, mitten in der Prärie, überrascht uns ein ausgemacht hübsches, gepflegtes Hotel im traditionellen englischen Stil. Nach einer ausgedehnten Duschorgie streifen wir durch den Ort, der neben einer alten German Bank auch ein Family Restaurant zu bieten hat, in dem wir prima essen und ein ganz anderes Amerika kennenlernen.

German Bank in Weatherford, OK

German Bank in Weatherford, OK

Weatherford, OK  –  Ft. Smith, AR

260 mi / 418 km

Der starke Seitenwind bleibt uns auch heute treu und beutelt unsere Maschinen hin und her. In einem der amerikaweit immer gleichen Einkaufszentren am Wegrand decken wir uns mit Marschverpflegung ein. Neben uns ein schwarzlackierter Monster-Truck mit einem bumper sticker, auf dem der unbescheidene Spruch zu lesen ist: God, Guns and Guts made America.

God, Guns and Guts

Als ich das lese, kommt der Besitzer, ein Supersize-Typ mit zwei prall gefüllten braunen Papier-Einkaufstüten unter dem Arm, die er über die Ladekante auf das flatbed wuchtet. Als ich bemerke, wie er mich bei der Betrachtung des Aufklebers bemerkt, entfaltet sich folgender Dialog:

Ich (auf den Aufkleber zeigend): „Sorry, Sir, I’m afraid there is on ‚G’ missing“.
Er (verwundert): „Which one?“
Ich: „One ‚G’ for ‚Germans’“.

Als wir uns als Deutsche zu erkennen geben, lacht er herzlich, drückt mir seine beefsteakgroße Hand und stellt sich vor. Sein Name klingt sehr deutsch.

Gegen Mittag erreichen wir OKC und steuern die BMW-Vertretung in einem freudlosen Gewerbegebiet an, in der Hoffnung, hier passende Reifen zu finden. Ein Satz Michelin Anakees ist rasch ausgesucht und wir vertreiben uns die Zeit mit dem Akita, der zwar mit müdem Gesichtsausdruck den Laden bewacht, aber aufgrund seiner Rasseeigenschaften nicht ganz ohne ist:

Akita-Hündin zwischen zwei Motorrädern, gesehen bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Lissie, die Akita-Hündin, bewacht die BMW-Werkstatt während unseres Reifenwechsels

An einem T-Shirt im Verkaufsraum komme ich aber wegen meines Lebensmottos doch nicht vorbei:

Schwarzes T-Shirt von BMW mit der Aufschrift "Born to Ride, Forced to Work"

Ein Andenken an den Reifenwechsel in Oklahoma City

Das Fahrgefühl mit den neuen Reifen ist unvergleichlich besser und sicherer als mit den alten eckig gefahrenen Schlappen. Wir genießen den Reiz einer großflächigen Seenlandschaft. Indianerland. Eindrucksvoll der Arkansas River mit seinen träge dahinziehenden Lastschiffen, den wir kurz vor der Grenze überqueren. Kurz vor Ft. Smith erreichen wir den Natural State Arkansas, der uns von landschaftlicher Anmutung und Architektur sehr deutsch vorkommt. Die Klinkerkirche unseres Zielortes mutet an wie aus dem Wiesbadener Bauprogramm der Evangelischen Kirche Ende des 19. Jahrhunderts.

Backsteinkirche in Ft. Smith, AR

Backsteinkirche in Ft. Smith, AR

Im Hotel kommen wir sehr gut unter, legen einen Waschtag ein und durchstreifen die Stadt. Den Tag beenden wir mit einem vorzüglichen Fischessen im Hotel.

Ft. Smith, AR –  Memphis, TN

297 mi / 478 km

7. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Arkansas macht seinem Titels eines „Natural State“ alle Ehre: Eine wunderschöne, hügelige, vom Mischwald geprägte Landschaft, die an Mainfranken zwischen Steigerwald und den Spessart erinnert. Hinweisschilder wie „Wiederkehr Wine Cellar“ erinnern daran, dass hier einst unsere Landsleute den Weinbau eingeführt haben. Vor allem wartet der Norden des Staates mit herrlichen Motorradstrecken auf.

In gemessenem Marschtempo erreichen wir gegen Mittag die Staatshauptstadt Little Rock, die uns einen sehr sterilen, puritanischen Eindruck vermittelt. Wahrscheinlich muß man hier einmal Gouverneur und Zigarrenliebhaber gewesen sein, um sich von dieser etwas beklemmend wirkenden Atmosphäre lösen zu können. Dennoch: Wie auf unserer gesamten bisherigen Strecke sind auch hier die Menschen sehr nett und umgänglich, aber, unserem Gefühl nach, irgendwie anders. Nach einem fast food Mittagessen in einem Einkaufszentrum machen wir uns schweigend auf die ereignislose, nur von einem Tankstop unterbrochene Weiterfahrt.

Mit der tiefstehenden Nachmittagssonne im Rücken glänzt vor uns mit tausenden Fenstern die grandiose skyline von Memphis, TN. Vor der großen Brücke schalten wir einen Gang zurück und überqueren im Schrittempo den majestätischen Mississippi. Mit seinen Uferlandschaften ein Anblick der Sonderklasse, der sich unsere Erinnerung einprägen wird. Gleich rechts hinter der Brücke thront das Memphis Information Center, dessen Haupthalle beherrscht wird von der überlebensgroßen Bronzestatue von Elvis Presley. Alles Elvis hier.

Elvis-Statue in Memphis, TN

Elvis-Statue in Memphis, TN

Wir nutzen diesen Besuch zur weiteren Orientierung und erreichen problemlos unsere vorausgebuchte Unterkunft, die sich trotz ihres guten Namens als veritables Sackrattenhotel erweist, an dem das Beste noch der unterirdische Stellplatz für unsere Maschinen ist. Mit guten Grund beschließen wir deshalb, möglichst wenig Zeit in diesem Etablissement zu verbringen und rüsten uns zum pub crawl.

Dieser entschädigt uns allerdings für alle Anstrengungen der Fahrt und den Zustand unseres Hotels: Bombenstimmung überall, Musik mit Tanz auf allen Tischen und gutes Essen.

Nächtliche Strassenszene in Memphis, TN bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Nächtliche Strassenszene in Memphis, TN

BB King-Club in Memphis, TN

BB King-Club in Memphis, TN

Rum Boogie Cafe in Memphis, TN

Rum Boogie Cafe in Memphis, TN

In einer der Musikkneipen reicht der Banjo-Spieler Charlotte ein Marmeladenglas mit der Aufforderung, das Trinkgeld für die Band einzukassieren. Neben einem dicken Bündel von Dollarscheinen erntet sie bei dem Südstaaten-Charme der anderen Gäste jede Menge Komplimente. Daß Charlotte meine Tochter ist und nicht meine jugendliche Freundin, verraten wir aber erst beim Verlassen der Kneipe. Wann das genau und wie unser Zustand dabei war, ist uns allerdings nicht mehr so klar erinnerlich.

Farbspiele in Memphis, TN

Letzte Erinnerung an Memphis

Memphis, TN – MS – AL – Nashville, TN

281 mi / 452 km

8. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Unsere Augen müssen bei der Abfahrt ausgesehen haben wie die Kirschtomaten auf unserer Salatplatte gestern Abend. Mit zugekniffenen Augen rollen wir der strahlenden Sonne entgegen auf der Suche nach einer passenden Kaffee-Tankstelle.

Bei einem Seitenblick denke ich, mich hat das delirium tremens: Ich sehe einen Menschen mit ALDI-Tüte am langen Arm und nach einer halben Meile noch einen. Das Rätsel löst sich kurz darauf: Bei der Vorbeifahrt an einem der ortsüblich riesigen Parkplätze erblicken wir eine wahrhaftige ALDI-Filiale. Sauber, sage ich, das hätte ich nicht erwartet. Die Kongruenz von optischer Wahrnehmung und Realität enthebt mich mit einem Male aller Besorgnisse um meinen mentalen Zustand.

Diesen wieder auf Vordermann zu bringen, ist Aufgabe einer fülligen Afroamerikanerin hinter dem Tresen eines coffee shops an einer Tankstelle, die uns unser Bedürfnis nach einem starken Gebräu sogleich von den Augen abliest.

Aufkleber an einer Tankstelle in Tennessee mit der Warnung: Wer nicht zahlt, verliert seinen Führerschein

Hier herrschen strenge Sitten

Von da an läuft es besser. Südostwärts durchqueren die sehr aufgeräumte, von gepflegten Villenvierteln geprägte Südstadt von Memphis. „Germantown“ lesen wir am Ortsschild. Da wir auf eine sehr ländliche Gegend zufahren, halten wir ein paar Meilen weiter an einem Autozubehör-Supermarkt und greifen aus einem deckenhohen Regal ein Quart Mobil 1, um die Kolben unserer Motoren bei Laune zu halten. An der nächsten großen Kreuzung biegen wir dann südwärts ab und befinden uns nicht nur in einem anderen Staat, sondern in einer anderen Welt – in Mississippi.

Schon seit Arkansas war uns klar, daß wir uns im Bible Belt befinden. Nun ja, dachten wir, die Leute sind halt hier sehr fromm und beten vielleicht auch etwas mehr als andere Amerikaner. Aber was wir zu sehen bekommen, erstaunt uns dann doch: jede Meile eine Kirche links oder rechts der Straße, teilweise zu Glaubensrichtungen gehörend, von denen noch niemals jemand etwas gehört hat, die Parkplätze davor rammelvoll wie bei IKEA im Ausverkauf. Scharen von Kirchgängern, dazu Hinweisschilder auf christliche Einrichtungen. Sogar die Trucks sind hier nicht mit den branchenüblichen pinups dekoriert, sondern mit christlichen Motiven:

Gelber Truck mit dem Schutzengel St. Michael auf der Beifahrerseite

Frommer Truck im Bible Belt

Es läßt sich gut und ruhig fahren hier unten. Gegen Mittag machen wir in einsamster Gegend Rast an einem Trading Post, Restaurant mit eigener Schlachtung, Einkaufsladen und Poststelle alles in einem. Ein Familienbetrieb, dessen Mitglieder einer uns unbekannten Sekte anzugehören scheinen. Bible Belt, alles sehr christlich. Wie Aliens werden wir zwar freundlich, aber doch mit einer gewissen Reserviertheit begrüßt. Als der Kellner aber Charlottes Halskreuzchen und auch das meinige entdeckt, taut der ganze Laden auf. Wir sind „eingemeindet“. Herzlichkeit und überbordende Portionen mit den genialsten Hamburgern, die wir je in Amerika bekommen haben, inklusive.

Zwei blaue Motorräder BMW R 1200 GS und Honda Hornet an einem Trading Post im Bible Belt auf einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Trading Post im Bible Belt

Unser Eindruck, daß sich hier in den Südstaaten die Zeit in einem anderen Rhythmus bewegt, setzt sich nach Überschreiten der Grenze zu Alabama fort.

Kurz vor Florence, AL biegen wir nordwärts auf den Natchez Trace Parkway ein, der uns als fahrerisches Erlebnisstück heute noch nach Nashville führen soll. Dieser insgesamt 444 Meilen lange historische Saumpfad verläuft von Natchez, MS durch eine traumhaft schöne bukolische Landschaft mit wenig Verkehr und nur sporadischen Ansiedlungen nach Nashville, TN. Also vorher volltanken und Verpflegung mitnehmen. Nach Überfahrt über den Tennessee River haben wir alles für uns und nehmen uns viel Zeit, die herrliche Frühlingslandschaft zu genießen.

Landschaft am Natchez Trace Parkway in Mississippi

Landschaft am Natchez Trace Parkway in Mississippi

Auf dem Natchez Trace Parkway in Mississippiues Motorrad Honda Hornet auf dem Natchez Trace Parkway in Mississippi

Auf dem Natchez Trace Parkway in Mississippi

Zwei blaue Motorräder BMW R 1200 GS und Honda Hornet auf dem Natchez Trace Parkway nach Nashville

Auf dem Natchez Trace Parkway nach Nashville

Nach einem solchen Naturerlebnis fällt es am Ende des Tages schwer, diese Traumroute zu verlassen und in die städtische Zivilisation zurückzukehren. Aber heute haben wir mehr Glück mit unserem Hotel. Trotzdem: Auch in Nashville ziehen wir abends durch die Musikkneipen und genießen die Superstimmung in vollen Zügen.

Nashville, TN –  Cartersville, GA

239 mi / 385 km

9. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Für unsere Weiterfahrt nach Süden nehmen wir kleinere Nebenstaßen über das Land. Wir sind begeistert von seiner landschaftlichen Schönheit, den gepflegten Südstaaten-Häusern, vor denen die Leute unter ihrer porch sitzen und den wunderbaren Pferden, die sich auf den blendendweiß eingezäunten Koppeln sichtlich wohlfühlen. Tennessee ist Pferdeland.

Hauptziel unserer heutigen Etappe ist das Örtchen Lynchburg, TN, bekannt durch die Jack Daniel’s Distillery, für deren Besuch wir uns ausgiebig Zeit nehmen. Wir besichtigen die Brennerei mit ihren gigantischen holzkohlegefüllten Filterfässern, das Holz- und ein Faßlager und die Abfüllanlage. Obwohl Jack Daniel’s eigentlich nicht meine Marke ist, werde ich mir in Zukunft gerne ein Glas davon gönnen und in der Erinnerung an diesen in jeder Hinsicht herrlichen Ort schwelgen. Ein sehr solider, handwerklich arbeitender Betrieb übrigens.

Jack Daniels Whisky Destillery in Lynchburg, TN, besichtigt bei einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Jack Daniels Whisky Destillery in Lynchburg, TN

Whiskyfässer in der Jack Daniels Whisky Destillery in Lynchburg, TN

Whiskyfässer in der Jack Daniels Destillery in Lynchburg, TN

Nach der Betriebsbesichtigung setzen wir uns in ein nettes Lokal am Stadtplatz von Lynchburg und gönnen uns einen starken Kaffee. Wir sind in der Tiefe des Landes gefangen und jeder Weg überall hin ist sehr sehr weit. Deshalb werden wir an unserem Zielort Charlotte, NC die Motorräder zum Rücktransport aufgeben und dann nach San Francisco zurückfliegen.

Aus zeitlichen Gründen müssen wir leider auf einen Abstecher nach Louisville, KY verzichten, wo wir die dortige Ford Truck Plant zu besichtigen. Der Gedanke an einen F 250 mit einem guten Hund auf der Ladefläche läßt mich halt nicht los.

Deshalb setzen wir unsere Fahrt durch die südlichen Appalachen mit ihren gewundenen Landstraßen fort, die wie für das Motorradfahren gebaut zu sein scheinen. Kurz vor Chattanooga, TN wird uns klar, daß Charlottes Maschine einen neuen Kettensatz braucht. Also legen wir erst mal einen technischen Halt an einer Tankstelle ein, deren gleichzeitiges Angebot an Benzin und Feuerwerkskörpern wir bestechend finden:

Tankstelle in Georgia mit Verkauf von Feuerwerkskörpern

Feuergefährliches Angebot an einer Tankstelle in Georgia

Ventre a terre patrouillieren wir auf Chattanooga zu, passieren dort die Tennessee Terminal Station, von der der Choo Choo mit seiner 2-6-0 Dampflok schon längst Abschied genommen hat. Glenn Miller (1941) erhält ihn uns in swingender Erinnerung.

Wenig später erreichen wir die Grenze von Georgia und dann rechtzeitig zu einem gepflegten Abendessen unser Etappenziel Cartersville, GA.

Cartersville, GA –  Charleston, SC

366 mi / 589 km

10. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

In aller Gemütsruhe machen wir uns bei herrlichem Wetter auf den Weg in die Honda-Werkstatt nach Roswell, GA. Die Tore der riesigen Werkshalle stehen weit offen. Als wir die Helme abnehmen, hören wir ohrenbetäubend laute Musik nach draußen dringen – RAMMSTEIN!!! Vieles, aber sicher nicht das hätten wir hier erwartet. Aber schließlich ist RAMMSTEIN die beliebteste deutsche Band in den USA. Und die Mechaniker aller Hautfarben singen aus voller Kehle mit. Auf Deutsch. Somit ist während der Montagezeit für kostenlose Unterhaltung gesorgt.

Frisch gekettet und gespannt umrunden wir gegen Mittag den Grüngürtel von Atlanta, das wir mit seinen gleißenden Glasfassaden wahrnehmen und arbeiten uns in Richtung Augusta, GA vor. Hinter der Stadt beginnt schon South Carolina. Wir halten wir uns auf der herrlich zu fahrenden Strecke südostwärts, genießen die Einsamkeit der endlosen Wälder. Tankstop in einem leicht heruntergekommenen Städtchen namens Bamberg. Als Franke hebe ich die Hand zum Gruß.

Zum Atlantik hin wird das Klima deutlich frischer, bis zum leichten Nieseln bei Ankunft in Charleston. Wie zu einer Siegesparade rollen wir durch diese anmutige Stadt auf den Hafen zu. O talatatalata. Nach 3.085 Meilen haben wir Amerika vom Pazifik zum Atlantik durchquert.

Motorradfahrer und blonde Motorradfahrerin mit ihren Maschinen am Atlantik in Charleston, SC am Ende ihrer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Vom Pazifik zum Atlantik zu einem gemeinsamen Abendessen: Vater und Tochter in Charleston, SC

Charleston, SC  – Charlotte, NC

220 mi / 354 km

11. Etappe einer USA-Motorradtour vom Pazifik zum Atlantik

Charleston ist eine charmante, charaktervolle Stadt im Südstaaten-Kolonialstil. Prägend für das Altstadtbild sind vor allem die alten Villen entlang der Seepromenade. Als wir diese Szenerien entlang patrouillieren, erfüllt uns ein gewisser Stolz angesichts der zurückgelegten Strecke,. Niemand sieht uns an, welche Entfernung wir bis hierher zurückgelegt haben. Als wir von interessierten Passanten gefragt werden, ernten wir als Kommentar nur ein erstauntes Woouw. In mir macht sich Schwermut breit, daß alles schon bald wieder vorbei sein soll.

Mit genau diesem Gefühl rollen wir nordwärts einer Regenfront entgegen. Bevor sie uns auf halbem Wege zum Zielort voll erwischt, suchen wir ein Hamburger-Restaurant an der Kreuzung mit der I-20 auf und sind irgendwie schweigsam. Draußen ist es grau und es regnet. Die letzten Meilen unserer Tour absolvieren wir teilweise im strömenden Regen, aber Charlotte, NC begrüßt uns wie zum Trost mit Sonnenschein.

Ohne größere Schwierigkeiten erreichen wir unser Hotel und betreten, nach fast zwei Wochen Landstraße, Sonne, Wind, Staub und Regen wieder die Zivilisation. Im Aufzug wabern süßliche Parfümwolken des Jahrgangstreffens eines Frauencolleges, das den Rest des Hotels mit Beschlag belegt hat. Wir kommen aus einer anderen Welt und gehören auch dort hin.

Skyline von Charlotte, NC

Skyline von Charlotte, NC, von unserem Hotelzimmer aus gesehen

Um den traurigsten Teil unserer Tour kommen wir nicht herum. Im Hotelzimmer legen wir unser Gepäck ab, packen um und fahren zur örtlichen Honda-Handlung. Von dort sollen unsere Maschinen zurück nach San Francisco gehen.

Honda-Handlung in Charlotte, NC

Ich fühle mich wie ein Cowboy, der nach langem Ritt durch die Wüste sein treues Pferd gegen ein paar Dollar eintauschen mußte. Mir ist regelrecht elend. Ich würde gerne weiterfahren, könnte aber im Augenblick wirklich nicht sagen, wohin. Nur soviel: weiter, immer weiter, alles hinter sich lassen.

Da wir uns nun schon einmal der Zivilisation zurückgegeben haben, machen wir uns im Hotel landfein und erobern die Stadt. Der Eindruck ist insgesamt sehr positiv: modern, sauber, gut organisiert. Hier könnte man leben.

Als wir am Abend bei einem außergewöhnlich gepflegten Essen sitzen, können wir uns eigentlich nur mit einiger Mühe in Erinnerung rufen, daß dies der eigentliche Anlaß – oder besser gesagt: der Vorwand – war, hierher zu fahren. Morgen legen wir dann mit dem Flugzeug in 8 Stunden eine Strecke von 2.302 Meilen oder 3.705 km über einen Kontinent zurück, den wir in knapp zwei Wochen „erfahren“ haben.

Blonde junge Frau vor der Statue der Herzogin Charlotte in Charlotte, NC

Charlotte mit ihrer Namenspatronin, Herzogin Charlotte von Mecklenburg, nach der die Stadt benannt ist

Es waren Tage mit dichtgedrängten, lehrreichen Erlebnissen, wunderschön trotz mancher Anstrengung. Charlotte war eine wunderbare Mitfahrerin, die auf dieser Strecke viel gelernt hat. Ihr widme ich mit großer Dankbarkeit und Anerkennung diesen Beitrag. Bei der nächsten großen Tour ist Christine dran, das habe ich ihr versprechen müssen. Die Mutter darf keinesfalls zurückstehen. Aber erst einmal komme ich mir vor wie Odysseus, der zu seiner trauten Penelope heimkehrt.

 

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