Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zur Straussenfarm Luckau

Sieben Straußenfarmen gibt es in Brandenburg. Heute unternehmen wir eine Motorradtour zur Straussenfarm Luckau im Spreewald, der südlichsten von ihnen. Hier kommt man den Riesenvögeln ganz nahe – und kann sie auch verzehren. Für den Hinweg nehmen wir die alte Fernstraße 96. Zurück geht es im Zickzack durch das Naturschutzgebiet Nuthe-Nieplitz-Niederung. 

Was mit Sonnenschein begann, endet mit der übelsten Unwetterfahrt der Saison.

Streckenplan der Motorradtour zur Straussenfarm Luckau

Berlin Zentrum – Zossen – Baruth (Mark) – Golßen – Straußenfarm Luckau-Rüdingsdorf – Kümmernitz – Krossen – Görsdorf – Damsdorf – Wahlsdorf – Petkus – Schönefeld – Schöneweide – Woltersdorf – Märtensmühle – Ahrensdorf – Schönhagen – Blankensee – Siethen – Ludwigsfelde – Berlin Zentrum. 211 km

Strecken-
charakteristik

Unsere Motorradtour führt auf der B 96 geradewegs in das südliche Brandenburg bis Luckau. Vom Spreewald ausführt sie im Zickzack zurück durch die wenig besiedelten Regionen des Dahmetals, des Urstromtals und des Naturparks Nuthe-Nieplitz. Von dort aus geht es in das Zentrum Berlins zurück.

Der erste Streckenabschnitt läßt sich auf der i. d. R. recht verkehrsarmen, gut ausgebauter Bundesstraße sehr flott fahren. Der Rückweg von Luckau hingegen erfordert wegen der zahlreichen kleinen Straßen und des dem Ortsfremden kaum ausreichend vertrauten Wegenetzes sorgsame navigatorische Vorbereitung. Es belohnt den Fahrer jedoch mit wunderschönen landschaftlichen Eindrücken, die er so gut wie exklusiv für sich genießen kann.

Die Magie einer
alten Fernstrasse

Die „Route 66“ der DDR

Die B 96, zu DDR-Zeiten F96, war mit 520 km die längste Fernstraße Ostdeutschlands. Für viele stand die „Route 66 der DDR“ zwischen Zittau in Sachsen und Sassnitz auf Rügen für Ferien, Freiheit und Sehnsucht, aber auch für Heimat und Abenteuer.

Die Zeiten haben die Menschen und ihre Umgebung entlang der Straße verändert. Einzige Konstante in ihrer 85jährigen Geschichte ist die Zahl 96: Die Planer der Weimarer Republik nummerierten 1932 erstmals alle deutschen Fernstraßen durch. So wurde die Fernverkehrsstraße „FVS96“ geboren. Nach 1933 wurde sie in „R96“ umbenannt, wobei das R für „Reich“ stand. Mit Kriegsende 1945 entfiel der Buchstabe wieder. Die DDR nannte ihre wichtigste Hauptverkehrsachse F96. Aus ihr wurde nach der Wiedervereinigung die B 96 – mit einer langen Vorgeschichte.

Der Postkurs Berlin – Dresden als Vorläufer der B 96

Im Jahre 1712 wurde ein Postkurs von Berlin nach Dresden eingerichtet. Die Postkutsche fuhr in Berlin dienstags um 11.00 Uhr ab und kam donnerstags um 05.00 Uhr in Dresden an. Die Reise ging von Berlin über Großziethen, Brusendorf, Mittenwalde, Motzen und Töpchin weiter ins Sächsische nach Baruth und Dresden.Auf dem in Sachsen liegenden Abschnitt des Postkurses wurden kursächsische Postmeilensäulen aufgestellt. Eine sehr schön restaurierte Säule an der Hauptstraße in Baruth bewundern wir vom gegenüberliegenden Ristorante „Belvedere“ bei einer Tasse Kaffee.

Bild von einer Postmeilensaeule in Baruth (Mark), gesehen auf einer Motorradtour zur Straussenfarm Luckau

Postmeilensäule in Baruth (Mark)

Reisen war schon damals teuer

Postgebühren und der einheitliche Betrieb der Postdienste waren in einer Post- und Taxordnung geregelt. Das Fahrgeld der gewöhnlichen Post betrug 5 Groschen pro Meile und Person plus 1 Groschen Trinkgeld an den Postillion je Station und 2 Groschen Schmiergeld an den Wagenmeister für das Schmieren der Achsen an jeder Station. Daher also der Begriff „Schmiergeld“ für ein bequemeres Vorankommen.

Die Post von heute

„Die Christel von der Post“ personifiziert sich in meiner Vorstellung in einer manisch quirligen Mischung aus Lieselotte Pulver und Marika Rökk, üppig geschminkt und in Knatschfarben aus einem 50er Jahre Film. Kilometerlang quält mich die dödelnde Operettenmelodie, bis ich sie mir auf einer endlosen Geradeausstrecke mit lockerer Gashand aus dem Kopf treibe.

Doch schon im nächsten Ort holt mich die Wirklichkeit wieder ein: Einem gelben VW-Bus mit Bonner Kennzeichen entschlüpft ein Wesen in Gelb-Schwarz. In kurzen Hosen. Kann mir jemand von der Deutschen Post bitte erklären, warum gefühlt 90% aller Zusteller auf dem Lande weiblich sind? À la bonne heure, es sind wirklich nette dabei.

Im Reich der Strausse

Bild von zwei Straussen, gesehen auf einer Motorradtour zur Straussenfarm Luckau

Strausse in Luckau

Nach Verlassen der B 96 haben wir schon fast die Hoffnung aufgegeben, unseren Zielort zu finden, als sich hinter einem Maisfeld lange Hälse emporrecken. Wir haben die Jambo Straußenfarm doch noch erreicht, sitzen ab und steuern auf einen freien Tisch unter einer alten Linde zu. Mittagszeit. Wir halten unser Mahl eher bescheiden bei Straußenbratwurst und Straußenburger. Eine neue Erfahrung.

Die Straußenfarm ist eine Art Arche Noah im Spreewald: Hunde und Katzen stellen sich zum Streicheln ein. Drei bulämisch wirkende Laufenten tanzen Christine an, um die Überreste eines Toasts von ihrem Teller zu ergattern. Schwarze Schweinchen schmuddeln schmatzend im Schlamm. Alpakkas spähen scheu herüber.

Bild von der Entenfuetterung auf einer Motorradtour zur Straussenfarm in Luckau

Entenfütterung auf der Straussenfarm in Luckau

Bild von Schweinen auf der Straussenfarm in Luckau

Schweine auf der Straussenfarm in Luckau

Strauße haben ein merkwürdiges Persönlichkeitsbild: Mit ihren langen Wimpern wirken sie sanft, mit ihren Federn boudoirhaft. Ihre Knopfaugen blicken jedoch unverhohlen aggressiv. Kein Wunder, wenn sie in der Wildnis selbst von Raubkatzen gemieden werden. Ein Tritt und es ist aus. Trotzdem: Sie aus der Nähe zu erleben ist eine interessante Erfahrung.

Bild von zwei Straussen auf der Straussenfarm in Luckau

Strauss auf der Straussenfarm in Luckau

 Dialog
mit einer Linde

Wie schon bei der Mittagspause befürchtet, holt uns am Nachmittag das Unwetter ein. Platzregen durchnäßt uns mit Vehemenz. Geduckt preschen wir im strömenden Regen durch leere Landschaften und einsame Dörfer.

In Ließen aber verlangsame ich auf Schritttempo und bestaune eine imposante Winterlinde (Tilia cordata) vor der Dorfkirche. Wenn es einen Schönheitspreis für Bäume gäbe, hätte ihn dieses Exemplar verdient.

Als ich ihr durch das beschlagene Visier einen langen Blick zuwende, scheint sie mir sagen wollen: „Hab‘ Dich nicht so wegen dieses einen Unwetters. Ich stehe schon seit Jahrhunderten hier in Sturm und Regen, Hitze und Kälte. Den Alten Fritz habe ich überlebt, Napoleon auch, und sogar die Russen. Und die DDR hat mich als „Baumdenkmal“ geehrt.“

„Recht hast Du“, antworte ich ihr stumm durch den Helm. „Wenn das Wetter einmal besser ist, besuche ich Dich wieder mit einer Thermosflasche Tee und einem Sandwich. Dann setze ich mich auf Deine Bank, lehne mich an Deinen mächtigen Stamm, blinzele durch Deine Blätter in die Sonne und Du erzählst mir von alten Zeiten.“

Als ich weiterfahre, winkt sie mir rauschend mit ihren nassen Blättern hinterher. „Bis bald. Fahr vorsichtig!“

Schloss
ohne Träume

Wem die Gunst des schönen Wetters hold ist, der kann sich Schloß Blankensee mit seinem Lenné-Park ansehen. Das Schloß ist zwar nur Heirats- und Feierwütigen vorbehalten, aber eine freundliche Besuchsanfrage sollte dennoch zum Erfolg führen. Der Park jedenfalls ist ein Juwel. In einer Regenpause werfen wir einen kurzen Blick hinein und beschließen, unter günstigeren Umständen wiederzukommen.

Der Unwettergott läuft Amok

Ob’s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht …
— Deutsche Volksweise

Die Tropfen pieken durch die dünnen Sommerhandschuhe wie Nadelstiche. Die Hände umschmeicheln nur sanft die Lenkergriffe, um ja keine Bewegungen in das Fahrwerk einzuleiten.

Vielleicht gibt es so etwas wie eine vorprogrammierte optimale Eigengeschwindigkeit mit maximaler Fahrstabilität, so wie es in der Schwingungslehre eine Eigenfrequenz gibt. Jedenfalls ziehen wir stabil und zügig unsere Bahn durch den Platzregen.

Aufregen kann uns das aber nicht. Auf unserer Unwetterfahrt von Moskau nach Nowgorod Weliki haben wir schon weit Schlimmeres erlebt.

Ein dumpf dreinblickender märkischer Landmann rettet mit überdimensionalem Gerät sein angefeuchtetes Stroh vom Feld. Der Himmel über uns hat die Farbe der Schiefertafel angenommen, auf der ich in der Volksschule Schreiben gelernt habe. In weiter Landschaft rollen wir bei fahlem Zwielicht mutterseelenallein durch die Leere.

Martin Heideggers Begriff vom „Geworfensein des Menschen in sein Schicksal“ kommt mir in den Sinn. Faktizität des Geworfenseins als „die Seinsart eines Seienden“. My a**. So eine Begrifflichkeit kann auch nur die deutsche Existentialphilosophie hervorbringen. Uns schwemmt es hier fast weg. Aber vielleicht hat der Freiburger Denker bei seinen Schwarzwaldwanderungen auch so manche Dusche abgekriegt.

Wenn schon naß, dann auch richtig. Unverdrossen pflügen wir durch das Unwetter. Mit ihren neuen Metzeler Roadtec Z8 zieht die FJR stoisch und spursicher ihre Bahn auf der A 115. Die Autos verlieren sich in der Gischt unseres Hinterreifens.

Bis uns im Grunewald dann doch der unholde Wettergott mit einem heftigen Gewitter einholt und wir auf die Spinnerbrücke ausscheren müssen. In Gesellschaft einer kleinen Gruppe Unentwegter tauschen wir Wetterwitze aus. Christine staubt von einer volltätowierten Holländerin mit Nasenpiercing eine trockene Zigarette ab. Man ist lustig. Eigentlich ist die Welt in Ordnung. Trotz allem.

Wer kann noch mehr über Schloß und Park Blankensee sagen?

 

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