Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zur Maroniernte am Mont Pilat

Eine Motorradtour zur Maroniernte am Mont Pilat verbindet Fahrspaß mit kulinarischem Genuß. Man muß nur die verborgenen Ecken und Sträßchen kennen, wo sich dies erleben läßt.

Die Esskastanie – Baum des Jahres 2018

Die Esskastanie (Marone, Castanea sativa) wurde soeben in Deutschland zum Baum des Jahres 2018 erkoren. In Südfrankreich, wo sie weiter verbreitet ist, wurde sie bereits in der Bronzezeit kultiviert. Dieser kulinarisch, forstlich und ästhetisch vielseitige Baum macht uns neugierig.

Bereits im Jahr 812 legte die Reichsgüterverordnung Karls des Großen fest, daß in den königlichen Pfalzen neben anderen Baumarten auch die Esskastanie anzubauen sei:

LXX. De arboribus volumus quod habeant pomarios diversi generis, pirarios diversi generis, prunarios diversi generis, sorbarios, mespilarios, castanearios, …

Auch in der Naturheilkunde finden Esskastanien seit jeher Anwendung: Hildegard von Bingen empfahl die Esskastanien als Universalheilmittel, insbesondere aber gegen „Herzschmerz“, Gicht und Konzentrationsstörungen. Die heilsame Wirkung ist vermutlich auf den hohen Gehalt an Vitamin B und Phosphor zurückzuführen.

Die fettarmen, stärkereichen und süßlichen Maronen blieben nach Missernten oft das lebensrettende Nahrungsmittel. In Südeuropa galt die Edelkastanie im 17. Jahrhundert fast als Volksnahrungsmittel. Kastanien sind weniger fett als Wal- oder Haselnüsse, aber reich an Kohlenhydraten. Als Beilage ist das frühere „Brot der Armen“ heute eine Delikatesse in der gehobenen Küche.

Motorradtour zur Maroniernte am Mont Pilat

Wer weiß, wie lange das milde Herbstwetter noch hält? Da fällt die Entscheidung nicht schwer, am Sonntagmorgen alsbald das Weite zu suchen und die ruhige Herbstlandschaft zu genießen. Beim Kartenstudium mit der letzten Tasse Frühstückstee entscheiden wir uns für den Naturpark des Mont Pilat. Er ist von uns aus leicht zu erreichen und genau wie die Chartreuse, das Vercors und das Bugey von unzähligen kurvigen Sträßchen durchzogen.


An der Rhône entlang geht des dann südwärts, bis wir bei Vienne den Fluß queren und der Landstraße in die Berge folgen. Das Herbstlaub hat sich schon bunt gefärbt, die bergige Landschaft ruht sanft im milden Nachmittagslicht. Kein Auto auf der Straße, nur suchende Bussarde über uns, und auf der Weide mümmeln seelenruhig Kühe vor sich hin. Durch bunte Laubwälder geht es beschwingt aufwärts, bis mich Christine unvermittelt von hinten knufft: „Maroni“.

Da ich um den kulinarischen Hintergrund dieses Hinweises weiß, ziehe ich die Bremse und fahre rechts ran. In der Tat, der Straßenrand ist übersät mit heruntergefallenen Maronen, die sich in vielfältiger Weise verwenden lassen: als Beimischung zur herbstlichen Kürbissuppe, als Beilage zu Entenbrust und Rotkraut oder als Kontrast zu einem guten Rotwein … Ein dreiviertel Stündchen sammeln wir und verstauen unsere reiche Beute im Tankrucksack:

Bild einer rothaarigen Motorradfahrerin bei der Kastanienernte am Mont Pilat in Frankreich

Maroniernte am Straßenrand

Bild der Ausbeute der Kastanienernte in einer kleinen Ledertasche auf dem Tank einer BMW R 1200 GS

Die schnellsten Maroni weit und breit

Bild einer geernteten dreifachen Esskastanie in der Hand, die einen Motorradhandschuh traegt

Tripelmaroni in guter Hand

Bei einer Dose Limo und mitgebrachten Hausmacher-Müsliriegeln erörtern wir diverse Zubereitungs- und Verwendungsmöglichkeiten unserer Ernte, dann geht es weiter bergan. Auf dem Col de Pavezin wartet vor dem Restaurant an der Straßenkreuzung ein freies Tischchen in der Sonne auf uns. Der Café au lait wird hier obligatorisch in Katzennäpfen serviert. Wir strecken die Beine aus und lassen den Lieben Gott einen guten Mann sein. In engen Serpentinen schlendern wir wieder bergab.

Bild von einem Blechschild an einem Strassencafe in Frankreich, gesehen bei einer Motorradtour zur Maroniernte am Mont Pilat

Der beste Kaffee der Welt?

Bild vom Abschluss der Kastanienernte mir einer rothaarigen Motorradfahrerin beim Kaffee

Kaffeepause nach der Maroniernte

Dann, am Ende eines Stausees, folgen wir einer Umleitung und entdecken eine ganze Allee von Hagebutten, die Christine sogleich zu Hiffenmark zu verarbeiten gedenkt. Sieht schwer nach (Mit-) Arbeit aus. Die weitere Heimfahrt auf der Landstraße ist von schwereloser Automatik. Als ich in der Garage die Maschine auf den Ständer hebe, liegen fünf Stunden Natur hinter uns, die uns Ruhe und heiteren Sinn für den Rest des Tages beschert haben.

Nachtrag

Die Maroni zur Entenbrust waren formidabel. Dazu als Rotwein einen Saint Joseph genau aus der Gegend, durch die wir gefahren sind. Das alles zusammen: eine Motorradtour zur Maroniernte, glasierte Maroni und ein wunderbarer Rotwein aus unserem Tourenrevier – das ist der totale Bringer.

Den anderen Teil der Maronen haben wir zu einem tollen Maronenbrot mit Nuessen und Rotwein verarbeitet. Lesen Sie das Rezept hier!

 

 

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