Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Der eigentliche Reiz einer Motorradtour zum Kleinen St Bernhard liegt weniger im Pass selbst als in den kleineren Bergstraßen, die durch seine Region führen. Und in einem bedeutsamen historischen Ereignis. Das macht die Strecke zur guten Einführung für alle diejenigen, die noch am Anfang ihrer Tourenkarriere im Gebirge stehen. Eine schöne, interessante Landschaft wird ihre Anfahrt belohnen.

Streckenführung der Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

  • von Lyon A 43 / A 430 über Chambéry nach Albertville
  • N 90 über Moûtiers nach Seez
  • D 1090 auf den Kleinen St.Bernhard und zurück bis Bourg-St-Maurice
  • D 902 über den Cormet de Roselend nach Beaufort
  • D 218b nach Flumet und von dort via
  • D 909 über den Col d’Aravis nach La Clusaz und Annecy und die
  • A41 / 43 wieder nach Hause.
  • Gesamtstrecke: 551 km
Karte der Strecke Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Streckenführung zum Kleinen St Bernhard

Windiger Beginn der Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Ich starte am Nachmittag des heißesten Tages in diesem Jahr. 35°, flimmernde Hitze auf der Autobahn. Die Alpenkette hat sich in einen opaken bräunlichen Dunstschleier gehüllt. Kaum habe ich den Stadtbereich verlassen, packt mich ein hässlicher Seitenwind, der nicht von mir lassen will. Scirocco. Ich fahre wie vor einem Föhn und habe gut zu tun, damit sein Rütteln mich nicht zu weit aus der Spur bringt.

Da hilft nur ein Mittel: Intuitiv die richtige Geschwindigkeit finden und die Hände ganz locker auf die Griffe legen, damit sich die Unruhe der Verkrampfung nicht auf das Fahrwerk überträgt. Alle 50 km mache ich kurz Halt und schütte hekatombenweise Wasser in mich hinein, das mich aber nur auf dem Wege der Transpiration wieder verlässt. Je weiter ich in die Berge hineinfahre, desto mehr lassen Wind und Hitze nach.

Chambéry, Albertville und Moutiers liegen bald hinter mir und ich rolle zügig auf Bourg-Saint-Maurice zu, um kurz danach in meiner Gebirgstouren-Stammunterkunft in Seez Quartier zu machen.

Bild eines Hotels in Seez in den franzoesischen Westalpen anlaesslich einer Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Hotel in Seez

Auf der Spur von Hannibals Elefanten

Bild der Alpenueberquerung Hannibals mit seinem karthagischen Heer

Hannibal überquert mit seinen Elefanten die Alpen

Alpenstraßenkenner werden zurecht fragen, warum ich ein ganzes Wochenende dazu verwende, um einen im Grunde belanglosen Pass zu fahren – und ihn auch nur zur Hälfte. Meine Motivation für eine Motorradtour zum Kleinen St Bernhard liegt fast genau 2.200 Jahre zurück: Im Jahre 218 v. Chr. zog der karthagische Feldherr Hannibal mit 37 Elefanten, um die 10.00 Pferden und 20 – 40.00 Soldaten von Spanien in das Rhônetal und überschritt von dort aus die Alpen.

Wo genau dieser Zug den Alpenhauptkamm überschritt, darüber streiten sich noch immer die Gelehrten. Aber ich fahre ungefähr diese Trasse mit dem Motorrad nach. Im Geiste sehe ich die lange Heerschar durch das Flußtal ziehen und dann weiter hinauf in die Berge. Mit tun die armen Elefanten leid, von denen der Schriftsteller Polybius schreibt, sie seien ganz verhungert und in erbärmlichem Zustand auf der Alpensüdseite angekommen.

Wenig erbauliche Ouverture der Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Nach einer erfrischenden Dusche und Klamottenwechsel lasse ich mich mit meinem Buch auf der Hotelterrasse nieder und genieße bei einem erträglichen Kaffee meine Lektüre: Vincent Borel, Richard W.. Einer der einfühlsamsten Romane über den deutschen Komponisten Richard Wagner. Elegant geschrieben, voller Aperçus. Erstaunlich, dass ausgerechnet die Franzosen sich derart gut auf dieses Sujet verstehen.

Doch wird meine Stimmung vermiest von einer Gruppe von Engländern am Nebentisch, die ein Bier nach dem anderen in sich hineingießen und lauter dummes Zeug reden. Deshalb mache ich Stellungswechsel und finde ein Gartenmäuerchen, auf dem ich, umgeben von Ruhe und Blütenduft, bis zum Abendessen weiterlesen kann.

Wer die Legende von der angeblich allgegenwärtigen haute cuisine endgültig zerstören will, suche nur ein beliebiges Mittelklasse-Restaurant auf. Viele Positionen auf der Speisekarte werden ihm von den Regalen der METRO her recht bekannt vorkommen. Der Wein, ein schlecht temperierter und viel zu junger Apremont, verursacht mir für den Rest der Nacht Sodbrennen.

Das alles wäre ja noch erträglich gewesen, hätte sich nicht am Nebentisch ein Sextett von Italienern installiert, die mir mit ihrem gutturalen, staccatoartigen milaneser Dialekt ebenso auf die Nerven gingen wie mit ihrer banalen Konversation. Ich spare mir die Hilfsbereitschaft der Sprachmittlung, als sie bei der Bedienung ein Käsefondue (bei 28°) bestellen, das kurz darauf als klebrige Masse erscheint, in der ausgehärtete Baguette-Brocken versinken. Aus diesem Ambiente ziehe ich mich lieber auf mein Zimmer zurück.

Passfahrt am frühen Morgen

 

Bild vom Denkmal des Heiligen Bernhard mit Passstrasse auf der Passhoehe des Kleinen St Bernhard

Denkmal des Heiligen Bernhard

Mein sehr frühes Sonntagsfrühstück nehme ich in Gesellschaft zweier griesgrämiger älterer Ehepaare ein. Auch aus diesem Grunde bin ich froh, alsbald den Motor anwerfen zu können. Kurz nach 7 Uhr schwinge ich mich Serpentine um Serpentine den Kleinen St Bernhard hinauf. Ganz alleine auf der Bergstrecke, folge ich mechanisch der imaginären Ideallinie. Alles läuft mit traumwandlerischer Automatik: optimierte Geschwindigkeit, Bremspunkt, zwei Klicks runterschalten, Einlenkpunkt, kontrolliert in die Kurve fallen lassen und dann mit Dampf wieder raus. Keine Chance für die knallrote Italienerin, die sich an mich anzuhängen versucht.

Der Pass stellt zwar keine allzu großen fahrerischen Anforderungen. Aber er bietet trotzdem viel Fahrspaß. Die Natur oberhalb der Baumgrenze ist rauh. Sicher, landschaftlich gibt es in den Westalpen schönere Bergstrecken. Aber der Kleine St Bernhard fehlte halt noch in meiner Sammlung. Bislang kannte ich ihn nur von der italienischen Seite her. Schneller als gedacht erreiche ich auf 2.188 m die Passhöhe und schaue mich um:

Bild vom Hospiz auf dem Kleinen St Bernhard

Hospiz auf dem Kleinen St Bernhard

Bild von einem holzgeschnitzten Bernhardiner auf dem Kleinen St Bernhard

Bernhardiner auf dem Kleinen St Bernhard

Bild von Panzersperren und Schneeresten bei einer Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Panzersperren und Schneereste auf dem Kleinen St Bernhard

Der erste Umfaller in einem halben Jahrhundert

Als ich auf der Talfahrt noch einmal kurz Halt mache, um das Hospiz zu fotografieren, habe ich ein Initiationserlebnis: Der Seitenständer drückt sich in den weichen Untergrund und meine Maschine legt sich auf die Seite. Kontrolliert zwar, aber ärgerlich. Da lag sie nun in einer herrlich bunt blühenden Bergwiese. Ein gefallenes Mädchen, nach knapp 100.000 km.

Die Hilfe vorbeifahrender Motorradfahrer zu erbitten, verbietet mir mein Stolz, auch wenn eine frisch betankte GS ganz schön schwer sein kann. Also drehe ich ihr meinen Allerwertesten zu und hebe sie aus dem Kreuz wieder hoch. Die linke Hand am Rahmen, die Rechte am Griff. Ohne Schaden genommen zu haben, springt sie willig an und trägt mich wieder brav bergab. Zum ersten Mal hat sie mit mir gemacht, was sie wollte. Das fordert mir Respekt ab und ist mir Mahnung zugleich.

Le Barrage de Roselend

Bild vom Barrage de Roselend mit einer BMW R 1200 GS im Vordergrund

Barrage de Roselend

In Bourg-St-Maurice lasse ich den Touristentrubel hinter mir und biege auf die traumhaft schöne Bergstrecke in Richtung Roselend ein. Eng und steil schlängelt sich das Sträßchen durch eine Schlucht hoch, um wenig später eine unspektakuläre Passhöhe zu erreichen und sich dann zum Stausee von Roselend abzusenken.

Bild der Kapelle von Roselend in den franzoesischen Westalpen bei einer Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Chapelle de Roselend

Auf der Strecke nach Beaufort (hervorragender Hartkäse, besonders aus der Sommerproduktion) glotzen mich unzählige Simmentaler Kühe von der Weide aus an, ebenso ihre Artverwandten, die Abondance, mit ihrem dunklen Fleck um die Augen. Hinter dem Ort biege ich rechts auf die Route des Grandes Alpes ein und genieße auf den folgenden 50 oder so Kilometern Gebirgslandschaft vom Feinsten.

Bild vom Col des Aravis in den franzoesischen Westalpen bei einer Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Col des Aravis

Unerwartete Begegnung

In La Clusaz versuche ich, meine TOTAL-Benzinkarte der Tanksäule anzuvertrauen, aber vergebens. Auch die Kreditkarte funktioniert nicht. Nach Abklingen meines leisen Fluchens höre ich, daß das Audi-fahrende Ehepaar auf der anderen Seite das gleiche Problem hat. Beide sprechen kein Französisch, nur russisch. Um einiges wieder gut zu machen, was mir in diesem Lande widerfahren ist, erkläre ich ihnen in ihrer Sprache, wie man eigentlich an Benzin kommen sollte.

Und siehe da, die russische Visa-Karte funktioniert! Auf Nachfrage geben sie sich als Baschkiren aus Ufa zu erkennen. Wir reden über ihre Heimatstadt und den schönen Ural, wo man viel leichter Benzin bekommt als hier. Mit einer nur in seinem Lande zu findenden Herzlichkeit drückt mir Rustem, der Baschkire, mit seinen beiden gewaltigen Pfoten zum Abschied die Hand und wir brauchen einige Zeit, um all das zu sagen, was wir einander an Gutem wünschen.

Nasser Ausklang der Motorradtour zum Kleinen St Bernhard

Einer plötzlichen Eingebung folgend beschließe ich, nicht weiter der Alpenroute zu folgen, sondern nach Annecy und dann auf der Autobahn nach Hause zu fahren. Wie gut dieser Entschluß war, zeigt sich, als mich 20 km vor der heimatlichen Garage eine Gewitterfront mit Starkregen erfasst. An einer Tankstelle stelle ich mich kurz unter und leere erst einmal die Taschen meiner wasserdurchlässigen Sommerkombi. Alsbald erlebe ich das Feuchtigkeitsgefühl einer Kanalratte. Aber anders geht es nicht, da muß man durch. Also fahre ich unverdrossen weiter.

Nach einer halben Stunde schiebe ich schließlich lachend die Maschine in die Garage, triefe nach Hause, hänge meine Klamotten zum Trocknen auf und gönne mir erst einmal eine heiße Dusche. Inzwischen regnet und blitzt es immer noch. Auf meiner ursprünglichen Strecke hätte ich noch zwei Stunden länger durch das Unwetter fahren müssen. Es lebe die Intuition!

 

 

 

 

 

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