Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zum Hutmuseum

Eine Motorradtour zum Hutmuseum in Chazelles-s.-L. zwischen der oberen Loire und Lyon bietet alles zusammen: eine herrliche Kurvenstrecke durch die französische Provinz, ein interessantes Stück Industriegeschichte und nicht zuletzt Mode zum Anfassen und Mitmachen.

Die Idee:
Eine Motorradtour zum Hutmuseum

Bild vom Eingang zur Hutfabrik Fléchet in Chazelles-s.-L. in Frankreich

Endlich einmal eine Unternehmung so recht nach dem Geschmack meiner lieben Sozia: eine Motorradtour zum Hutmuseum in Chazelles-s.-L., mitten in der französischen Provinz. Da wir schon öfters einmal eine Motorradtour an die obere Loire unternommen haben, wissen wir, daß die Gegend landschaftlich wunderschön und das Kurvenrevier verlockend ist.

Ein Bekannter hatte uns beim Abendessen vom Musée du Chapeau bei Chazelles-s.-L. vorgeschwärmt. Ein Stück traditionelles Frankreich, in dem es viel zu entdecke gebe. Eine gemütliche Tagestour.

Kopfbedeckungen sind zwar mit Ausnahme von Jagd und Motorradfahren nicht so mein Metier. Aber sei’s drum, die Strecke nach Chazelles fährt sich klasse und bietet herrliche Ausblicke auf die Kette der Westalpen.

Blick auf die Westalpen aus dem Bergland zwischen Lyon und der oberen Loire

Blick auf die Westalpen von unserer Tour aus

Streckenführung der
Motorradtour zum Hutmuseum

Lyon – St-Pierre-le-Palud – Chazelles-s.L. – Yzeron – Vaugneray – Lyon. 110 km

Fahrt durch die einsame Provinz

Bild von einer Marschpause auf der Motorradtour zur Hutfabrik mit einer Motorradfahrerin mit roter Motorradjacke und schwarzer Hose sowie einer BMW R 1200 GS

Marschpause in der Einsamkeit der französischen Provinz

Die Planung steht. Als der Himmel endlich aufreißt, führt uns das Navigationsgerät durch verkehrsarme Gassen aus der Stadt. Wo noch vor einer Woche ärgerlicher Dauerregen meine Kombi durchnäßt hat, winden sich nun trockene Kurven durch den duftenden Mittelgebirgswald.

Später öffnet sich die Landschaft. Die Strecke wird noch einsamer als bisher. Hier fahren nur noch die Dorfbewohner von Ort zu Ort. Man hat die Straße also für sich. Bei einer Marschpause mit kleinem Picknick bleiben wir ungestört.

Das Provinzstädtchen Chazelles empfängt uns mit ferienzeitlicher Tristesse: Restaurants und Bars sind geschlossen, Geschäfte ohnehin. Jugendliche versuchen, ihrer Langeweile Herr zu werden. Umso erfreulicher der freundliche Empfang, den uns zwei junge Damen im Museum bereiten.

Das Hutmuseumuseum in Chazelles-s.-L.

Bild der Hutfabrik Chazelles Fabrikgebäude mit Fabrikschornstein

Ehemaliges Fabrikgebäude der Hutfabrik Chazelles

Handwerkliche Hutfabrikation gab es in dieser Gegend schon seit dem 16. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts begann dann die industrielle Fertigung. Bis zum 1. Weltkrieg hatte sich der Ort zum Zentrum der Hutfabrikation entwickelt. Im Jahr 1930 beschäftigten die insgesamt 28 Betriebe zusammen 2.500 Arbeiter. Der Niedergang der Hutindustrie begann nach dem 2. Weltkrieg mit dem Wandel der Mode. Für viele, gerade für die Jüngeren, gehörte dann der Hut nicht mehr zu den unabdingbaren modischen Accessoires.

Die Marke Fléchet existiert zwar noch – aber wer weiß, wo diese Hüte heute gefertigt werden.

Bild vom ehemaligen Verwaltungsgebäude der früheren Hutfabrik Fléchet in Chazelles-s.-L. in Frankreich

Verwaltungsgebäude der früheren Hutfabrik Fléchet in Chazelles-s.-L.

Wir haben eine günstige Ankunftszeit erwischt, denn gerade beginnt die Führung. An original nachgebildeten Arbeitsplätzen werden wir mit der Technik des Filzens vertraut gemacht. Mit Formen, Dämpfen, Garnieren des Naturmaterials, bis am Ende ein gut gebürsteter Hut entstanden ist.

Bild von einem Hutmacher bei der Arbeit mit verschiedenen Formen und einem Dämpftopf im Hintergrund

Ein Hutmacher erklärt sein früheres Handwerk

Die entscheidenden Phasen der Hutherstellung erläutert uns ein früherer Mitarbeiter der inzwischen aufgelösten Hutfabrik, die nunmehr das Museum beherbergt. Alte Handwerkskunst. 100 Kopfbedeckungen pro Tag sind früher unter seinen Händen entstanden. Jetzt formt und dämpft er nur noch Einzelstücke für die Besucher des sehr schön eingerichteten Museums.

Bild einer alten Presse zur Herstellung von Hüten mit der Aufschrift J. B. Brochier Lyons

Alte Maschinen funktionieren noch klaglos

Bemerkenswert ist auch, daß alle wichtigen Maschinen zur Hutherstellung aus Deutschland stammen, aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Sie laufen immer noch.

Bild von einem Herstellerschild auf einer Hutmaschine mit der Aufschrift Carl Heinze Maschinenfabrik A. G. Guben (Deutschland)

Das liebevoll gestaltete Museum bietet so ziemlich alles, was sich auf dem Kopf tragen läßt: Damenhüte, Herrenhüte, Pillboxes und verspielte Zaubereien. Den Zylinder von Eduard VII., den er wohl in einem zwielichtigen Pariser Etablissement hängen ließ. Den Hut des pferdezahnigen Fernandel oder eine ganze Galerie von Radrenn-Mützen, mit denen Raymond Poulidor, Jacques Anquetil und Bernard Hinault die Alpenpässe hinaufgekeucht und hinuntergebrettert sind.

Es bleibt der sentimentale Eindruck, daß mit dem Hut eine ganze Mode- und Höflichkeitskultur verloren gegangen ist. Es ist fast nur noch die ältere Generation, die sich noch aktiv daran erinnert. Baseball-Caps sind da kein stilvoller Ersatz. Wer im Herbstregen zwei freie Hände braucht für Tasche und Hausschlüssel, wird bald den breitrandigen Kopfputz zu schätzen wissen.

Einen Hut trägt man, um ihn bei Gelegenheiten abzunehmen, wo es sich schickt.
— Thomas Mann, Der Zauberberg

Im Museumsladen kaufen wir uns zwei Hüte: einen schicken Jugendstilhut für Christine und einen Panama für mich. Macht sich hervorragend auf der sonnigen Terrasse beim Zeitunglesen oder beim Kaffee auf dem sommerlichen Boulevard.

Gerade noch rechtzeitig, bevor auch die italienische Traditionsfirma Borsalino Insolvenz angemeldet hat, erstehe ich noch für den Herbst ein elegantes Teil. Vielleicht kaufe ich mir auf dem Flohmarkt auch noch einen alten Hut zum Üben. Damit ich ihn aus drei Metern an den Kleiderhaken segeln lassen kann wie Fred Astaire im Film.

Man wird ja noch ein wenig träumen dürfen. Vom Hut, aber mehr noch von einer herrlichen Tour durch die französische Provinz.

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