Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour durch den winterlichen Vercors

Wer meldet da seine Maschine im Winter ab und stigmatisiert sie mit einem Saisonkennzeichen? Der läßt die interessantesten Touren außerhalb der “Saison” sausen. Die Franzosen kennen keine Saisonkennzeichen. Als echte Genießer wissen sie auch, warum. Wie sonst käme man zur Weihnachtszeit bei einer Motorradtour durch den winterlichen Vercors zu einem außergewöhnlichen Erlebnis?

STRECKENFÜHRUNG DER MOTORRADTOUR DURCH DEN WINTERLICHEN VERCORS

Lyon – Voiron – Saint-Égrève – Vilard-de-Lans – La Chapelle-en-Vercors – Saint-Jean-en-Royans – Saint-Marcellin – Commelle – Lyon: 318 km

TOURENSPASS TROTZ SCHNEE UND KÄLTE

Vielleicht war es die Ungeduld, die mich heute auf die Straße getrieben hat. Sicher jedoch die betrübliche Aussicht, der hereinbrechende Winter könnte der diesjährigen Motorradsaison ein allzu frühes Ende bereiten. Mit Stereo-Blick auf Wetterbericht und Landkarte sortiere ich deshalb die in Frage kommenden Zielgebiete aus und komme zu dem Ergebnis: Ich fahre heute mal in den zerklüfteten Gebirgsstock des Vercors nordwestlich von Grenoble.

Brrrr, das wird schön frisch werden. 6° zeigt das Thermometer in der Stadt jetzt schon. Auf Autobahn und Bergeshöhen wird es bei Fahrtwind noch schattiger, gefühlt so um die -3°. Also rasch das Futter in die Montur eingezogen und warmes Unterzeug bereitgelegt. Ab geht’s auf die Autobahn. Schon nach einer Viertelstunde liegt die Alpenkette zum Greifen nah vor mir. Plastisch zeichnen ihre Details gegen den seidig blauen Himmel ab.

IM SCHOKOLADENPARADIES

Bild einer gelb eingepackten Tafel Chocolat Selva Maya der Firma Bonnat in Voiron (Isère)In einem knappen Stündchen bin ich bereits kurz vor Grenoble. An der Abfahrt 10 kann ich jedoch beim besten Willen nicht der Versuchung widerstehen, die Autobahn zu verlassen und nach Voiron hineinzufahren. Ziel meiner Begierde ist die Schokoladenmanufaktur Bonnat in der Ortsmitte.

Auch wer dem Hüftgold nur begrenzte Sympathie entgegenbringt, sollte sich das Erlebnis eines Besuches dort nicht entgehen lassen: Eine französische Chocolaterie im Stil der Belle Époque mit einem überbordenden Angebot an Leckereien, nett verpackt von kundigen Verkäuferinnen. Mit Blick auf meinen voraussichtlich erhöhten Kalorienbedarf in den winterlichen Bergen findet eine massive Tafel Chocolat Selva Maya ihren Weg in meinen Tankrucksack. Zu einem fast prohibitiven Preis zwar, aber das ist mir jetzt wurscht.

Motorradtour durch den winterlichen Vercors

Bild von einer Ortsdurchfahrt im winterlichen Vercors mit Schnee am Straßenrand und auf den nebelverhangenen Bergen

Menschenleere Ortsdurchfahrt im winterlichen Vercors

Über die Landstraße geht es jetzt weiter an den Ausläufern der Chartreuse entlang bis Saint-Égrève. Dann biege ich rechts ab in die Berge. Die kurvigen Gorges d’Engines führen hoch auf das Vercors-Plateau. Massive Schneewälle flankieren bereits den Straßenrand. Entsprechend wenig ist los auf meiner Strecke.

Mit einer Höhe von nur 1.600 m ist das Massif du Vercors in den französischen Kalkvoralpen kein Hochgebirge. Aber die Unwegsamkeit seiner tiefen Schluchten und Kalkblöcke macht es zum idealen Tourenrevier. Genau wie die Chartreuse auf der anderen Seite der Isère.
Von zahlreichen Touren kenne ich diesen Gebirgsstock sehr gut. Bislang aber nur im Sommer, bei angenehmen Temperaturen, wenn alles blüht und sich die Straßen mit Motorrädern füllen.

Wie anders zeigt der Vercors doch sein winterliches Gesicht: Das Grün der Bergwiesen ist einem dumpfen Grau-Braun gewichen. Die bunten Bauerngärten sind welk erschlafft. Mollige Öfen in steinernen Landhäusern füllen die klare Winterluft mit dem anheimelnden Geruch verfeuerten Eichenholzes. Noch behauptet der Schnee nicht seine winterliche Dauerpräsenz. Aber er ist unübersehbar da: Zur Seite geräumt am Straßenrand. Auf Wiesen und Feldern in mehr oder weniger großen Flecken. An den Felshängen schimmernd wie eine Zuckerkruste. Temperaturen um den Nullpunkt sichern ihm die kommenden Monate.

DIE VERGANGENHEIT HOLT MICH EIN

Bild vom Café de la Resistance im Vercors, benannt im Andenken an die Partisanenkämpfe in diesem Gebiet während des Zweiten Weltkrieges

Auf meiner Motorradtour durch den winterlichen Vercors erinnert mich ein Café am Straßenrand unvermittelt daran, welch bewegte Vergangenheit dieses wilde, abgelegene Berggebiet hat: Im Frühmittelalter versteckten sich hier plündernde Langobardenstämme. Später wurde der Vercors Rückzugsort für Schmuggler und Briganten.

Bild von einer Resistance-Gedenkstätte im winterlichen Vercors mit einer BMW R 1200 GS und einem hohen Kreuz im Vordergrund vor einer kahlen Bergkette

Résistance-Gedenkstätte im winterlichen Vercors

Während des Zweiten Weltkrieges operierte von hier aus der Maquis, die französische Partisanenbewegung. An die 4.000 Kämpfer kontrollierten die Verbindungswege nach Italien. Bis ihnen Wehrmacht und SD im Juli 1944 mit der gemeinsamen „Operation Frühling“  ein gewaltsames Ende bereiteten. 639 tote Widerstandskämpfer und 201 tote Zivilisten blieben zurück. Ein langer Kreuzweg von Gedenksteinen säumt meine Tourenstrecke.

Bild von einer schwarzen Resistance Gedenktafel im Vercors im Andenken an die während des Zweiten Weltkrieges getöteten Partisanen und Zivilisten

Résistance-Gedenktafel: “Hier weht die Freiheit”

MITTAGSPAUSE IM SCHNEE

Bild von einem Motorrad BMW R 1200 GS bei einer Winterfahrt im Gebirge mit Schnee vor einer Strassensperre

Mittagspause an winterlicher Straßensperre im Vercors

Schnee, nasses Laub und Rutschgefahr in den Kurven mahnen zu vorsichtiger Fahrweise. Am Ortseingang von Villard-de-Lans kündet ein Schild von der „Partnerstadt Mikołajki“. Wehmütig erinnere ich mich an einen warmen Spätsommertag 1983, als ich vom ostpreußischen Nikolaiken aus mit einem Dämpferchen über die Masurischen Seen gekreuzt bin. Idyllisch war’s, und die rotwangigen Fahrgäste ließen den Wodka in Strömen fließen.

Jetzt aber ist es kalt, ich habe Hunger und stelle deshalb meine Maschine erst mal vor einer Bäckerei ab. Sehr freundlich versorgt mich die gut ausgestattete Boulangère mit einem ebenso üppigen Sandwich. Dieses führe ich mir etwas später in der Mittagssonne zu Gemüte, als mir an den Gorges de la Bourne eine Straßensperre die Weiterfahrt verwehrt.

Schade um die schöne Strecke, die zu fahren mich sehr gereizt hätte. Aber eine sehr nette Autofahrerin aus dem Nachbardorf, die mich bei leicht ratlosem Kartenstudium antrifft, weist mir einen Schleichweg, der mich dann doch weiterbringt.

Die Ästhetik des winterlichen Gebirges

Bild von einer Felsenstrasse im winterlichen Vercors mit steil abstürzenden Felswänden und Bäumen, die sich in den Felswänden festkrallen, gefahren bei einer Motorradtour durch den winterlichen Vercors

In den Felsen gesprengte Straße im Vercors

Auf einer solchen Strecke ist vorsichtiges Fahren unabdingbar: Gefrorene Rinnsale auf der Straße und rutschiges Laub hinter einer Kurve können das schlagartige Aus für die Tour bedeuten. Im schlimmsten Falle auch für den Fahrer. Mehr noch: Die kurvenreiche Strecke ist übersät mit Steinschlägen aller Größenordnungen. Das mutet schon sehr faustisch an:

Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen, da liegt der Fels, man muss ihn liegen lassen.
— Mephistopheles in Goethes Faust II, IV. Akt “Im Hochgebirge”

Mein Patrouillentempo läßt mir Raum zu überlegen, warum ich es hier trotz Kälte und Gefahr so schön finde. Zunächst einmal ist meine Strecke toll zu fahren: Enge Kurvensträßchen, in den Fels gesprengt, hoch über einem tosenden Wildbach. Jäh abstürzende Bergwände. Schmale, durch Felsnasen getriebene Tunnels, die immer wieder neue Ausblicke eröffnen auf bizarre Felswände, verschneite Gipfel und knorrige Bäume, die wer weiß wo ihren Halt finden. Die Vielfalt der visuellen Eindrücke beim Fahren multipliziert sich. Man saugt sie beim Fahren buchstäblich in sich hinein und intensiviert damit sein Erleben.

Überraschung ist wahrscheinlich eines der tragenden Elemente hierbei. Schon Jürgen Habermas hatte sich in Die neue Unübersichtlichkeit auf eine Anhöhe gestellt und sich über den Nebel beklagt, der ihm die Sicht nehme. Wenn er sich doch endlich wieder lichtete. Vielleicht steckt auch etwas von dem dahinter, was Nietzsche (in Menschliches, Allzumenschliches) “die große Loslösung” nennt. Das “aufrührerische Verlangen, alles hinter sich zu lassen und der gefährlichen Neugierde nach einer unentdeckten Welt nach[zu]geben.” Das könnte schon ungefähr hinkommen.

Bild vom Blick über den winterlichen Vercors mit teilweise verschneiten Bergen im Hintergrund und dem Tal der Isère bei einer Motorradtour durch den winterlichen Vercors

Blick über den winterlichen Vercors

Bild vom Ausblick aus dem winterlichen Vercors mit einer BMW R 1200 GS im Vordergrund und dem Tal der Saône in der Ferne bei einer Motorradtour durch den winterlichen Vercors

Ausblick aus dem Vercors auf das ferne Saône-Tal

Bald erreiche ich wieder in bekanntere Gefilde, Pont-en-Royans und von dort aus das Tal der Saône. Um die Rückfahrt nicht zu banal werden zu lassen, schlage ich mich in die Büsche und kurve über kleine Landstraßen abseits des aufkommenden Wochenendverkehrs. Auf dem letzten Teilstück erfasst mich häßlicher Seitenwind und so bin ich letztlich nicht unfroh, als ich die Maschine am Nachmittag wieder in die heimische Garage schiebe.

Ich fühle mich, als hätte ich den Winter von den Bergen abgeholt. Nun soll er ruhig kommen, den einen oder anderen Tag auf schneefreier Straße wird er mir schon noch gönnen.

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