Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour in die Neumark

Eine Motorradtour in die Neumark steckt voller Entdeckungen und Überraschungen. Nicht allzu viele können heute noch etwas mit dem Begriff „Neumark“ anfangen. Ein weißer Fleck auf der Landkarte. Kaum eine andere ehemals preußische Provinz hat so viele geographische, administrative und politische Umgliederungen erlebt wie die Neumark. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört sie zu Polen. Historisches Interesse und wunderschöne Landschaft finden hier zusammen. Die Freizügigkeit, die wir beiderseits der Oder als Bürger der Europäischen Union genießen, macht uns die Neumark als attraktives Tourenziel zugänglich.

Die direkte Anfahrt ist die beste

Für eine Tages-Motorradtour in die Neumark braucht man Zeit – wegen der Anfahrt, wegen der Infrastruktur und auch, weil man sich dort erst einmal zurechtfinden muß. Deshalb läßt man am besten in Brandenburg alles außen vor, was an Strecke und Zwischenziel interessant ist und fährt auf direktem Weg an die Grenze. Die schönen Gegenden auf dem Weg in die Neumark reservieren wir besser für gesonderte Touren: das Oderbruch, die Uckermark oder die Heideseen.

Streckenführung der Motorradtour in die Neumark:

Berlin – Hohenwutzen – Grenzübergang – Alt Rüdnitz (Stara Rudnica) – Güstebiese (Gozdowice) – Oderfähre (hin und zurück) – Bärwalde (Mieszkowice) –  Zorndorf (Sarbinowo) – Tamsel (Dąbrowice) – Küstrin – Sonnenburg (Słońsk) – Küstrin – Fort Gorgast – Berlin. ≈ 300 km

 Die Mutter aller Polenmärkte in Cedynia

Bild vom Polenmarkt Cedynia mit Textilien

Polenmarkt in Cedynia

 Neugier trieb uns auf den Polenmarkt in Zehden (Cedynia), von Berlin aus auf der B 158/A locker zu erreichen. Nur mal schauen, sonst nichts. Was wir da zu sehen bekommen, erinnert uns an Szuchy, Polna und Grochów, die präkapitalistischen shopping malls im Warschau der 70er/80er Jahre. Nur waren die interessanter. Kettenraucher und Alkoholiker werden hier bestens bedient. Die Masse des Angebots besteht aus Bekleidung, wie auf den Vietnamesenmarkt in Berlin.

Drei formschöne Steinpilze finden ihren Weg in unseren Heckkoffer. An einem der rauchenden Verpflegungsstände lassen wir uns zu einer Gulaschsuppe hinreißen – und hoffen, daß unserer Maschine das ebenfalls billigere Benzin an der gegenüberliegenden Tankstelle besser schmeckt.

Schinkel-Normalkirche in Alt Rüdnitz (Stara Rudnica)

Bild einer Schinkelschen Normalkirche in Alt Rüdnitz (Stara Rudnica)

Schinkelsche Normalkirche in Alt Rüdnitz (Stara Rudnica)

Wenige Kilometer weiter halten wir auf der Wojewodschaftsstraße 126 an einer Kirche, die mir sofort als Schinkelsche Normalkirche auffält. Sie ist liebevoll erhalten, ihre Ausschmückung aber polonisiert.

Die Landstraße ist zwar etwas holperig, läßt sich aber gut fahren. Immer wieder eröffnet sie herrliche Ausblicke in das Oderbruch. Auf halber Strecke zwischen Zehden und Küstrin erreichen wir die

Oderfähre in Güstebiese (Gozdowice)

Bild einer rothaarigen Motorradfahrerin auf einer Bank liegend mit einem Motorrad im Vordergrund bei einer Ruhepause an der Fähre Gozdowice an der Oder

Ruhepause an der Fähre Gozdowice

Die altertümliche Schaufelradfähre „Bez Granic“ (Ohne Grenzen) ist eine Attraktion an der mittleren Oder, die wir uns keinesfalls entgehen lassen wollen. Da sie nur jede Stunde verkehrt, nutzen wir die Wartezeit für eine Ruhepause.

Bild einer Yamaha FJR 1300 und einer rothaarigen Motorradfahrerin auf der Oderfaehre bei Gozdowice

Überfahrt über die Oder bei Gozdowice

Dann setzen wir zusammen mit einer Triumph Bonneville als einzige Fährnutzer ans deutsche Ufer über. Das Warten lohnt sich! Für eine Stunde drehen wir noch ein Ründchen in Brandenburg, dann führt uns unsere Motorradtour in die Neumark zurück.

Bild von der Ueberfahrt ueber die Oder bei Gozdowice mit einer Faehre

Überfahrt über die Oder bei Gozdowice

Bärwalde (Mieszkowice)

Vom Fähranleger aus steuern wir auf dieses Landstädtchen an. Der Grund ist banal: Nachdem mich unser Geschichtslehrer vor Jahrzehnten mit dem „Subsidienvertrag von Bärwalde 1630“ traktiert hatte, wollte ich mir den Ort doch mal im Original ansehen.

Hier in der platten Neumark wurde tatsächlich Weltgeschichte geschrieben: Kardinal Richelieu, Erster Minister des „Allerchristlichsten“ (katholischen französischen) Königs Ludwig XIII., ging ein Bündnis mit dem protestantischen Schweden ein, um die (katholische) habsburgische Vormachtstellung in Europa zu brechen. Die einen Katholiken stopften also den Protestanten die Taschen mit Geld voll, damit diese andere Katholiken bekämpften. Soviel zur französischen Außenpolitik. Und zu Bärwalde in der Neumark.

Ein paar Kilometer weiter südlich erreichen wir das

 Schlachtfeld von Zorndorf (Sarbinowo)

Bild vom Gedenkstein fuer die Schlacht bei Zorndorf

Gedenkstein der Schlacht von Zorndorf

Kurz vor dem nördlichen Ortseingang befindet sich linker Hand ein Denkmal für die Schlacht bei Zorndorf im Sommer 1758. Im Jahre 2010 wieder errichtet, erinnert es an das blutige Aufeinandertreffen preußischer und russischer Truppen auf den weiten Feldern rings umher. Es markiert den Platz, wo einst Friedrich der Große auf dem Feldherrnhügel stand. Zuvor hatte er bei Güstebiese über die Oder gesetzt, also genau dort, wo wir dies mit unserer altertümlichen Fähre auch getan haben.

Ich frage mich: Warum haben unsere polnischen Nachbarn diesen Gedenkort so aufmerksam hergerichtet? Prussophilie oder Russophobie? Manchmal sind die Wege polnischen Denkens doch ein wenig zu verschlungen für uns.

Bild der Informationstafel am Denkmal der Schlacht bei Zorndorf mit einem preussischen Grenadier

Informationstafel am Denkmal der Schlacht bei Zorndorf

Die schon kühler gewordene Herbstsonne nutzen wir zu einem frugalen Picknick am Rande der Denkmalsanlage. Dabei beobachte ich ein Rotmilanpaar bei der Jagd. Echte Suchflugjäger mit riesiger Spannweite. Ich ahme den Klagelaut eines sterbenden Hasen nach – und siehe da, sie kommen und kreisen in geringer Höhe über mir. Ein imposanter Anblick.

Bild von einem Picknick auf dem Schlachtfeld von Zorndorf mit einer Thermosglasche und einem Picknickbeutel

Picknick auf dem Schlachtfeld von Zorndorf

Bild von einem Abfalleimer an einem Picknickplatz in Sarbinowice mit mehreren Wodkaflaschen

Impressionen von unserem Picknickplatz bei Zorndorf

Im Ort selbst biege ich auf eine Straße ab, die die Karte großspurig als Wojewodschaftsstraße 129 kennzeichnet. Vor ihr kann nur ausdrücklich gewarnt werden, denn sie entpuppt sich schon nach wenigen hundert Metern als Marterstrecke für Geländefahrzeuge. Seit Zeiten Friedrichs d. Gr. hat sich sie sich wahrscheinlich kaum geändert. Aber wildromantisch ist sie schon, genau wie der rolnik indiwidualny, der mir auf einem antiquarischen Traktor begegnet. Wir wechseln ein paar nette Worte und jeder macht sich wohl so seine Gedanken. Aber die Abkürzung lohnt sich, denn bald erreichen wir

Schloß Tamsel (Dąbroszyn)

Einst als wunderschönes Idyll gepriesen, ist von dem stattlichen Schloß nur noch eine Halbruine übriggeblieben. Der Park ist verwildert. Einige der erhaltenen alten Bäume, wie der mächtige Gingko an der Einfahrt, haben schon bessere Zeiten gesehen. Aber auch viel schlimmere.

Ansicht von Schloss Tamsel in der Neumark mit Park und Viktoria-Statue im 19. Jahrhundert

Schloss Tamsel im 19. Jahrhundert

Bild der Gartenansicht von Schloß Tamsel in der Neumark

Gartenansicht von Schloß Tamsel heute

Zu den besseren gehört sicherlich die Zeit, als Friedrich d. Gr. der Erbherrin Luise Eleonore von Wreech platonisch zugeneigt war und ihr von seiner Garnison Küstrin folgendes Sonett widmete:

Als mein Gesandter soll mein Bild dich grüßen,/ und des Gesandten Dolmetsch sei dies Lied,/ Was ich zu sagen Dir bisher vermied,/ Ich sag es nun: Ich liege Dir zu Füßen …

Die schlechteren begannen definitiv mit dem Einzug des Stabes von Marschall Schukow 1945, der von hier aus den Angriff der Roten Armee auf Berlin plante.

Von diesen Notzeiten kündet auch eine Nachbildung von Christian Daniel Rauchs “Victoria”, die 1840 zum 100. Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs aufgestellt wurde. Von Einschüssen durchlöchert steht sie im Park. Ihr jammervoller Zustand reflektiert jenen des ganzen Schlosses, das für 360.000 Euro zu Verkauf steht.

Bild der zerschossenen Viktoria im Park von Schloß Tamsel in der Neumark

Zerschossene Viktoria im Park von Schloß Tamsel

Bild vom Verkaufsschild für das Schloss Tamsel in der Neumark

Schloß Tamsel steht zum Verkauf

Was du ererbt von deinen Vätern hast,/ Erwirb es, um es zu besitzen./ Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,/ Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.  – Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Nacht

 Johanniter Ordensschloß Sonnenburg (Słońsk)

Ansicht der Ruine des Ordensschlosses Sonnenburg in der Neumark

Ruine des Schlosses Sonnenburg

Unsere Motorardtour in die Neumark führt uns über Küstrin südostwärts nach Sonnenburg (Słońsk). Die Strecke verläuft am Naturschutzgebiet Warthemündung, die einen ganz eigenen landschaftlichen Reiz hat.

Geschichte und Entwicklung der Neumark wurden wesentlich durch den Johanniterorden bestimmt, der hier seit dem frühen 14. Jahrhundert ansässig war. Unser Ziel, das 1667 (neu) erbaute Ordensschloss, bis 1945 im Eigentum des Johanniterordens, fiel 1975 leider einer Brandstiftung zum Opfer. Seine heute noch imposante Ruine kündet von vergangenem Glanz.

 Fort Gorgast

Bild vom Eingangstor von Fort Gorgast im Küstriner Vorland

Eingangstor von Fort Gorgast

Den Abschluß unserer Motorradtour in die Neumark bildet ein Abstecher nach Fort Gorgast – gut zu erreichen von der Ortsmitte des Dorfes Manschnow an der B 1 aus. Zusammen mit drei anderen Außenforts sollte es Ende des 19. Jhds. die Festung Küstrin verstärken. Eines davon ist die Festung Zorndorf, gelegen zwischen ebendiesem Ort und Küstrin im Wald an unserer Wegstrecke. Jedoch waren diese Festungen bereits bei Fertigstellung waffentechnisch überholt. Nach wechselnden Nutzungen diente Gorgast zuletzt der NVA als Munitionslager. Nunmehr ist es ein Museum.Gerne wären wir noch etwas an der Oder entlang gegondelt Richtung Neißemündung. Aber eine Motorradtour in die Niederlausitz ist eine eigene Unternehmung wert.

So wie wir sie an diesem Tag erlebt haben, ist die Neumark außerordentlich geschichtsträchtig – von Karl Friedrich Schinkel bis Christian Daniel Rauch, von Kardinal Richelieu über Friedrich dem Großen bis Marschall Schukow.

Wir gönnen uns einen letzten Schluck Kaffee aus der Thermoskanne, blinzeln in die tiefstehende Sonne und rollen dann westwärts zurück nach Berlin. Am Ende unserer Strecke grüßt uns eine weitere, weit bekanntere Viktoria auf der Siegessäule. Der Kreis schließt sich.

 

 

 

 

 

 

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