Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour in die Chartreuse

Eine Motorradtour in die Chartreuse lockt bei Sommerhitze in der Stadt mit verborgenen Kurvenstrecken, reizvoller Landschaft und kulturellen Entdeckungen.

Wo ist die Chartreuse?

Wenn sich im Sommer die Motorrad-Schickeria auf den populären Kurvenstrecken tummelt, weicht man besser in unbekanntere Gegenden aus. Deshalb führt unsere heutige Motorradtour in die Chartreuse. Damit ist nicht in erster Linie das Kloster gemeint, sondern (neben dem Vercors) eines der beiden nördlichen Vorgebirge, die die Stadt Grenoble am Rande der Alpen einschließen. Dort ist man unter sich. Ungestört vom Massentourismus kann kann man hier Kurven und herrliche Landschaft genießen.

Streckenführung der Motorradtour in die Chartreuse

Lyon – Saint-Ègrève – Saint-Pierre-d’Entremont – Les Echelles Entre-deux-Guiers – Le Pont de Beauvoisin – La Tour-du-Pin – Lyon. 266 km

Der Reiz des Vorgebirges

Zerfallenen Bauernhaus mit den Alpen im Hintergrund bei einer Motorradtour in die Chartreuse in Frankreich

In der Chartreuse

Christine überrascht mich mit ihrer freundlichen Zustimmung zu meinem Vorschlag, an diesem Sommersonntag der Hitze der Stadt in die Kühle der Berge zu entfliehen. Ein Tag Sommerfrische in der Chartreuse. Dieses Vorgebirge erstreckt sich von Grenoble im Süden bis Chambéry im Norden. Durch ihre ansehnlichen Höhezüge schlängeln sich reizvolle Kurvenstrecken.

Das südlichere der beiden Vorgebirge, das Vercors, ist von Schluchten durchzogen und von steil aufragenden Felswände abgegrenzt. Dadurch wirkt er auf viele sich dem Touristen abweisend. Dagegen ist die Chartreuse, ebenso wie der Naturpark des Mont Pilat oder das Bugey, ein kompaktes Mittelgebirge. Mit lauschigen Wäldern und lieblichen Wiesen lädt sie auf unzähligen Sträßchen zum beschwingten Fahren und zum Verweilen ein. Beherrscht wird die Chartreuse von der Chamechaude, die auf 2.082 m Höhe aufragt.

Beschwingtes Fahren im Vorgebirge

Wanderer mit einem bepackten Esel in einem französischen Gebirgsdorf bei einer Motorradtour in die Chartreuse

Entschleunigung mit Esel

Das Stündchen Autobahnfahrt zum Vorgebirge verfliegt rasch. Sanft wie ein Kätzchen schnurrt die Maschine mit frisch gewechseltem Öl. Statt des werkseitig empfohlenen mineralischen 20W-50 fülle ich schon immer vollsynthetisches 10W-40 ein. Damit läuft nach meinem Empfinden der Motor irgendwie runder und vibrationsärmer. Nach fast 100.000 km kennen wir uns gut genug. Ich weiß, wann die Maschine was braucht und wieviel davon.

Bevor es in die Berge geht, lassen wir uns an der AGIP-Raststätte vor Grenoble unter schattigen Bäumen nieder und gönnen uns einen erfrischenden Trunk.

Dann verlassen wir bei Saint-Égrève  die Autobahn, kurven durch die Dörfer, um uns schließlich durch eine enge Klause in das Gebirge zu zwängen. Von da aus mäandert sich ein schmales Sträßchen an den faltigen Berghängen in die Höhe. Ab jetzt haben wir die Strecke ganz allein für uns. Für unsere nun beginnende Motorradtour in die Chartreuse schalte auf Genuß-Modus.

Der innere Fahrmodus

Was heißt das? Auch wenn BMW mit Blick auf seine in die Jahre gekommene, zahlungskräftige Kundschaft alle möglichen elektronischen Helferlein für jeden nur denkbaren Fahrmodus entwickelt hat – und sich diese auch noch gut versilbern lassen: Ich möchte nur die allernötigste Ausstattung. Mein Öhlins-Fahrwerk ist akkurat eingestellt. Die Fahrphysik in der Hypophyse programmiert. Damit reicht es mir im Grunde vollauf, je nach Erfordernis einen der drei mentalen Fahrmodi einzustellen:

Fahrmodus Nr. 1: Routine

Vorzugsweise in der Stadt oder auf der Autobahn: Weit vorausdenken, lauernde Aufmerksamkeit, absolute Defensive. Warum? Weil ich davon ausgehe, daß die Anderen sowieso nur Murks machen und wollen mir schaden können, wo es nur geht. Darum hat sich der Merksatz meines Fahrlehrers leider als zutreffend erwiesen:

Im Straßenverkehr ist jeder immer und überall Dein Feind.

Das klingt zwar nicht gerade christlich. Aber es entspricht leider meiner Erfahrung und ist nachweislich lebenserhaltend.

Fahrmodus Nr. 2: Flotte Fortbewegung

Beim Beschleunigen müssen die Tränen der Ergriffenheit waagrecht nach hinten zu den Ohren abfließen.
—  Walter Röhrl, einziger deutscher Rallye-Weltmeister

Das gilt vorzugsweise für Fahrten im Gebirge: dezidierte Schräglage, flotte Herausbeschleunigung aus der Kurve. Unabdingbare Voraussetzung dafür sind zwei Dinge:

  • Klare Rückmeldung vom Hinterrad. Beschleunigung, Bodenhaftung und Fliehkraft brauchen absolute Kontrolle. Die Fahrphysik ist Grundlage des Denkens, Fühlens und Handelns.
  • Eine unbestechliche Intuition für jegliche Tücken der Fahrbahn und Hindernisse jenseits der Kurve. Grundsatz: „Think the unthinkable“.

Fahrmodus Nr. 3: Genuß

Aktive Integration der Umgebung in das Fahrerlebnis, vorzugsweise in reizvoller Landschaft, bei gleichzeitigem Aufgehen in der Fahrdynamik. Das klingt zwar gemütlich, steckt aber voller Gefahren. Nicht allein wegen der notwendigen Bewältigung zusätzlicher Aufmerksamkeitsfaktoren.

Die größte Gefahr birgt nämlich der flow, die vom Bewußtsein losgelöste Konzentration auf das Fahren. Er kann sich einstellen, wenn das Anspruchsniveau an die eigene Fahrkunst und das tatsächlich erreichte Fahrenkönnen sich die Waage zu halten beginnen. Bei diesem labilen Gleichgewicht kann dann schon eine kleine Störung, eine kleine Unaufmerksamkeit, ausreichen, um die Balance von Anforderung und Bewältigung aus dem Takt zu bringen. Dann zerbricht die „neuronale Vernetzung“ mit der Maschine. Mit fatalen Folgen.

Genußfahren erfordert deshalb nicht weniger Konzentration als die anderen Fahrmodi.

Landschaftsgenuss in der Chartreuse

Christine kann sich als Sozia heute weitgehend aufs Schauen beschränken. Meine Schuld: Ich habe ihr Batterieladegerät verschlampt und die Ladestandsanzeige ihrer Kamera signalisiert das baldige Ende ihrer Fotoaktion.

Nur beschreiben kann ich deshalb all die hübsch restaurierten Steinhäuser, die sich an die Hänge schmiegen, die vor Blütenpracht überquellenden Bauerngärten in den Dörfern und die majestätische Bergwelt. Sobald wir eine Kuppe überqueren, öffnet sich der Blick auf das silbergraue Band der Straße, die sich durch die nächste Senke zieht, um sich irgendwo im nächsten Wald zu verlieren.

Sanfte Kurven wechseln sich ab mit steilen Serpentinen, die der Wald unvermutet freigibt. Wir können sie zügig durchfahren, denn das Öhlins-Fahrwerk steckt Schlaglöcher in der Kurve klaglos weg und die Maschine zieht wie auf einer Schiene ihre Bahn nach oben.

Picknick in der Chartreuse

Rothaarige Motorradfahrerin auf einem Stein sitzend bei der Rast an einer Bergquelle bei einer Motorradtour in die Chartreuse

Die Sozia bei einer verdienten Rast

Instinktiv erspähe ich in einer Haarnadelkurve einen Parkplatz für unsere Marschpause. Dort steigen wir ab und folgen einem rauschenden Gebirgsbach hundert Meter bergauf. Schließlich finden wir einen romantischen Platz für ein Picknick im kühlen Bergwald.

Wie in einer Szene aus einem Kurosawa-Samuraifilm stürzt der Wildbach über zyklopenartige Steine talwärts und erstickt mit seinem Tosen jeden künstlichen Laut. Der Rest der Welt ist weit weg. Wir genießen die erfrischende Kühle des Waldes, erfreuen uns am Spiel des Lichts durch die hellen Buchenblätter und verzehren mit gutem Appetit das Mitgebrachte. Mit leeren Flaschen fangen wir das frische Wasser des Naturquells auf.

Motorradfahrer mit blauem Hemd hinter einem Felsen im Gebirgsbach stehend bei Rast auf einer Motorradtour in die Chartreuse

Erfrischung an der Bergquelle

Eine zeitlang studieren wir schweigend das variantenreiche Spiel des Wassers: Wie es talwärts rauscht, zwischen den Steinen gurgelt, an glatten Felsen vorbeiströmt oder sich ruhig in einem flachen Nebenbecken sammelt. Wer einen besonderen Drehort für eine Bierreklame sucht, fände hier die richtige Szenerie. Weiter oben schießt, wie von einer verborgenen Pumpe hervorgestoßen, ein Springquell aus bemoostem Fels.

Bergquelle, aus einem grün bemoosten Felsen hervorspringend

Bergquell in der Grande Chartreuse

La Grande Chartreuse

La Grande Chartreuse im abgelegenen Bergtal mit Bergwiesen im Vordergrund und nebelverhangenen Bergen im Hintergrund

Die Grande Chartreuse im abgelegenen Bergtal

Dann besteigen wir erfrischt wieder die Maschine und setzen unsere Fahrt in Nordrichtung fort. Bei St-Pierre-de-Chartreuse biegen wir links in ein steiles Seitental ab. Weiter oben führt uns das Sträßchen in ein noch steileres Seitental. Dort, in der hintersten Ecke gelangen wir dann zur Grande Chartreuse, dem Mutterkloster aller Karthäuserklöster. Seit 1084 besteht diese Einsiedelei. Weltflucht bestimmte die Ortswahl. Sie entsprach dem Wunsch nach einem Leben in der Abgeschiedenheit, das ausschließlich Gott gegeben ist. Da sich die Karthäusermönche bewußt von der Außenwelt fernhalten, kann man auch dieses Kloster nicht besichtigen.

Bekanntestes Erzeugnis der Grande Chartreuse ist der gleichnamige grüne Kräuterlikör, von dessen Erträgen sich das Ordenshaus finanziert.

Ainsi buvons à leurs santés, Et vuidons tous nos verres.
Trinken wir also auf ihr Wohl und leeren alle unsere Gläser.
—  Freimaurerlied

Flasche Liqueur Chartreuse mit zwei gefüllten Gläsern auf einem Silbertablett

Grüße aus der Grande Chartreuse

Les Gorges du Guiers Vif

In die Felsen gehauene Strasse in den Les Gorges du Guiers Vif bei einer Motorradtour in die Chartreuse in Frankreich

Les Gorges du Guiers Vif

Dann wandern wir auf satten Bergwiesen zum Parkplatz zurück. Ein paar Kilometer weiter biegen wir bei St-Pierre-d’Entremont in die Gorges du Guiers Vif ein. Eine romantische Schlucht. Die Straße ist streckenweise hoch in den Fels gehauen. Grandios. Da Christine auf solchen Strecken von Absturzvisionen heimgesucht wird, halte ich brav die Maschine straßenmittig. Unvermittelt verschlingt uns ein roh in den Fels gehauener Tunnel und spuckt uns auf der anderen Bergseite wieder aus. Mit dem Blick über die weite Ebene erahnen wir schon das Ende unserer Motorradtour in die Chartreuse.

Zurück in den Alltag

Später in der Ebene wird die Fahrt trocken-heiß. Mangels einladender Örtlichkeiten am Wegesrand landen wir in Les Arbrets unvermeidlich doch wieder bei McDonalds, wohl wissend um Klimaanlage, trinkbaren Kaffee und halbwegs saubere Toiletten. Die letzten 80 Kilometer ziehen sich in der Nachmittagshitze hin. Gut durchgeföhnt und durstig erreichen wir am Nachmittag Haus und Hof. Am Ende war unsere erlebnisreiche Motorradtour in die Chartreuse gerade lang genug, um uns einen geruhsamen Tourentag zu bescheren, ohne beschwerlich zu werden.

 

Erstmals veröffentlicht am 21.10.2017
Aktualisiert am 03.06.2019

 

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