Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Eine Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier in den französischen Westalpen beschert einen herrlichen Doppelpass mit Sonderprogramm.

Was gibt es am Croix de Fer und Galibier ?

Mal ehrlich: Was hat man davon, wie ein Bekloppter durch die Alpen zu brettern, um eine rekordverdächtige Zahl an Paßstraßen zu sammeln? So wie überseeische Touristen, die sämtliche europäischen Hauptstädte in 4 Tagen abklappern?

Ich meine, Alpenstrecken mit dem Motorrad zu fahren ist wie ein gut sortieres Buffet: Auf ihm verliert auf auch die erlesenste Delikatesse ihren Reiz, wenn sie nicht in Maßen und mit Bedacht ausgekostet wird. So verhält es sich bei mir mit den Alpenpässen. Je nach Tourenkonzeption reichen mir zwei, maximal vielleicht auch drei tolle Kurvenstrecken pro Tag.

La fatica in montagna per me è poesia.
Die Anstrengung in den Bergen ist für mich Poesie.
—  Marco Pantani, italienischer Radrennfahrer

Dazu muß man in der Lage sein, Fahrdynamik und Geographie der Paßstraßen mit all ihren Eigenheiten in ihrer Landschaft fahrerisch zu erleben. Das kann ein Paß sein, der zu den berüchtigten oder selten befahrenen der Tour de France zählt, einer mit (oft trauriger) Geschichte oder bautechnischen Errungenschaften. Oder ein Doppelpaß, der mir den Kontrastreichtum der Alpenlandschaft vor Augen führt.

Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Darum habe ich mir diesmal den Col de la Croix de Fer und (wieder mal) den Galibier ausgesucht, beide nur durch einen Gebirgsstock getrennt. Der eine gilt vielen eher als ein Nebenpaß und ist deshalb (auch von der Tour) eher wenig besucht. Dafür wartet er aber mit dem größten Wasserkraftwerk Europas auf. Sein Nachbar Galibier dagegen gehört zu den großen Bergspezialitäten und ist unverzichtbarer Bestandteil der Route des Grandes Alpes.

Zwischen beiden Paßstrecken niste ich mich im Gebirgsdörfchen Bramans ein, um einen Abstecher in die Geschichte zu unternehmen: an die Absturzstelle einer deutschen Ju 88 aus dem Jahr 1940. Bei einem geselligen Abendessen mit dem dortigen Bürgermeister wird mit klar, welch hohen Stellenwert Freundschaft und Nachbarschaft in Europa für uns haben.

Tourenplan zum Croix de Fer und Galibier

Straße nach
Gesamtstrecke308 km
StartGrenoble
N 85 / D 1091Allemont
D 526Col de la Croix de Fer
D 926St-Jean-de-Maurienne
D 1006Bramans
D 100Absturzstelle
D 1006St-Michel-de-Maurienne
D 902Col du Galibier
Col du Lautaret
D 1091 / N 85Grenoble

Anfahrt von Lyon in die Alpen

Mein Tourengebiet erreiche ich von Lyon aus in flottem Ritt auf der Autobahn. Mit jeden Voralpenhügel, den sie nimmt, rückt die Gebirgskette in immer verlockendere Nähe. Routinemäßig setze ich kurz vor Grenoble den Blinker rechts und ziehe vom Isère-Ufer aus die Serpentinen hoch zum Fort du St-Eynard. Hier erwartet mich nicht nur ein phänomenales Gebirgspanorama, sondern auch ein stärkender Kaffee auf der Restaurantterrasse.

Panorama von Grenoble vom Fort St-Eynard aus

Panorama von Grenoble vom Fort St-Eynard aus

Vom Stadtzentrum aus beschreite ich die N 85 / D 1091, die Pilgerroute aller Motorradenthusiasten in die französischen Westalpen. Schon nach ein paar Kilometern biege ich in Allemond links ab, um vor dem Aufstieg in die Berge mein Roß am dortigen Relais bis Oberkante Unterlippe zu tränken. Während ich noch an der Zapfsäule warte, gleitet mein Blick voraus über die Staumauer des Lac de Vernay in die lockenden Berge.

Auffahrt zum Croix de Fer bei Allemont (Dept. Savoie, Frankreich)

Auffahrt zum Croix de Fer bei Allemond

Passfahrt zum Col de la Croix de Fer

Wenn ich vor meiner Motorradtour auf den Col de la Croix de Fer leise belächelt worden bin („Il y a de meilleurs cols!“), bestätigt mich dies darin, daß er wohl zu den am meisten unterschätzten im Alpenpässen gehört: Sicher, er ist 600 m niedriger als der benachbarte Galibier. Aber er ist landschaftlich nicht minder beeindruckend auch fahrerisch nicht ganz ohne. Nicht umsonst zählt er im Radsport zu den Pässen hors catégorie, die aufgrund ihres langen Anstiegs als äußerst schwierig gelten. Diesen zu bewältigen ist aber nicht Sache meiner Beinmuskeln, sondern meines bulligen Boxermotors, der mich zügig bergwärts befördert.

Blick nach Italien vom Col de la Croix de Fer bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Blick nach Italien vom Col de la Croix de Fer

Eigentlich müßte eine Motorradtour auf den Col de la Croix de Fer von der Nordrampe aus gefahren werden. Daß ich in umgekehrter Richtung ansteige, liegt daran, daß ich auf 1.700 m Höhe zu einer eindrucksvollen Besichtigung erwartet werde.

Wasserkraftwerk Grand’Maison

Nach ein paar Spitzkehren stellt sich mir die Staumauer der Centrale Hydroélectrique de Grand‘Maison in den Weg, des größten Wasserkraftwerks in Europa. In der Schaltzentrale erläutern mir die sehr freundlichen Ingenieure der Électricité de France (EdF) Funktion und Leistung des Kraftwerks: 1.800 MW können binnen 3 Minuten ans Netz gebracht werden, was der Leistung von zwei Kernkraftwerken entspricht. Die Jahresproduktion beläuft sich auf 300 GWh, was ausreicht, um eine Stadt mit 740.000 Einwohnern zu versorgen. Daß dabei jährlich 1,5 Mio t CO2 eingespart werden, beweist, wie wichtig der technische und finanzielle Aufwand für den Bau dieses Kraftwerks war.

Barrage du Grand'Maison auf dem Col de la Croix de Fer (Dept. Savoie, Frankreich)

Stausee des Pumpspeicherwerks Grand’Maison auf dem Col de la Croix de Fer

Höhepunkt meines Besuchs ist der Abstieg in die Katakomben des Kraftwerks, wo sich die Wassermassen auf die Schaufeln der gigantischen Pelton-Turbinen stürzen – 700 Mio m3 jährlich. Zum Schluß begleiten mich die Ingenieure über den 550 m langen Felsschüttdamm zu meiner Maschine.

Auf der Passhöhe des Croix de Fer

Es lohnt sich fast kaum, sich wieder in die Klamotten zu puhlen, denn schon nach wenigen Kilometern stehe ich auf der Paßhöhe und vollziehe das übliche Ritual: Maschine auf den Seitenständer, Handschuhe aus, Helm ab, strecken, faszinierter Rundblick über die majestätische Bergwelt. Ich gönne mir ein halbes Stündchen zum Umherschlendern und Schauen.

Gipfelkreuz am Col de la Croix de Fer, besucht bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Gipfelkreuz am Col de la Croix de Fer

Talfahrt nach Bramans

Die Strecke, die man bei einer Motorradtour auf den Croix de Fer eigentlich lieber bergauf fahren sollte, bringt mich mit engen Schwüngen in das Tal der Maurienne.

Dort herrscht nur wenig Verkehr, so daß ich getrost Dampf aufmachen kann. Doch führt mich diese Strecke nicht bis zu den nahen grün-weiß-roten Grenzfahnen, sondern nur bis Bramans. Im Gasthof dieses hübschen Dörfchens quartiere ich mich ein und genieße ein ländlich-sittliches Abendessen in netter Gesellschaft des Bürgermeisters.

Dorfbrunnen von Bramans (Dept. Savoie, Frankreich), gesehen bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Dorfbrunnen von Bramans mit Wirtsgarten nebenan

Alter Briefkasten in Bramans (Dept. Savoie, Frankreich)

Die Zeit scheint stehengeblieben in Bramans: Alter Briefkasten am Rathaus

Absturzstelle einer deutschen Ju 88

In Bramans Station zu machen hat seinen guten Grund: Oberhalb des Ortes, erreichbar auf der D 100, liegt die Absturzstelle einer deutschen Ju 88. Nach einem Angriff auf den Hafen von Marseille hatte sie im Juni 1940 schwer beschädigt versucht, (verbündetes) italienisches Territorium zu erreichen. Es gelang ihr aber nicht, über die Berge zu ziehen. Die Maschine zerschellte bei Bramans. Alle vier Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

Bei der Fahrt das enge Gebirgstal hoch halte ich an einen großen Felsbrocken, an dem die Hinterbliebenen der Besatzung im Zusammenwirken mit dem Bürgermeister eine Gedenkplakette angebracht haben.

Gedenktafel für abgestürzte deutsche Flieger oberhalb von Bramans, Dept. Savoie (Frankreich) mit Bergsträßchen, besucht bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Gedenktafel für abgestürzte deutsche Flieger oberhalb von Bramans

Gedenktafel für abgestürzte deutsche Flieger oberhalb von Bramans (Dept. Savoie, Frankreich), besucht bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Gedenktafel für abgestürzte deutsche Flieger oberhalb von Bramans

Die Gedenkstätte rührt mich aus mancherlei Gründen an – auch, weil mein Vater den gleichen Flugzeugtyp geflogen hat. Das Todesschicksal ist ihm aber erspart geblieben.

Es lohnt sich, dieses einsame Gebirgstal weiter hinaufzufahren. Durch freundliche Vermittlung der EdF-Ingenieure kann ich eine Versorgungsstraße benutzen, die ansonsten der Elektrizitätsgesellschaft vorbehalten ist. Eine unerwartet schöne Entdeckung.

Col du Galibier

Als ich wieder talwärts rolle, bin ich ganz still und es ist still um mich. Die an der Maurienne verlaufende D 1096 deckt sich ziemlich genau mit der Route, die einst Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen nach Italien geführt hat. Kriegerisch war es an dieser strategisch wichtigen Nord-Süd-Verbindung immer. Das zeigt auch am Ortsausgang von Bramans das große Steindenkmal für die Kämpfer der Résistence.

Resistence-Denkmal bei Bramans (Dept. Savoie, Frankreich), besucht bei einer Motorradtour zum Croix de Fer und Galibier

Résistence-Denkmal bei Bramans

Dann holt mich auf der Landstraße der Alltagstrubel wieder ein. Doch nicht lange, denn in St-Michel-de-Maurienne ziehe ich links hoch auf die Paßstraße zum Col du Galibier.

Auffahrt zum Col du Galibier

Auffahrt zum Col du Galibier

Auch wenn ich ursprünglich den Croix de Fer über die attraktivere Nordrampe habe zurückfahren wollen – den noch attraktiveren Galibier einfach links liegen zu lassen kommt nicht in Frage. Also wieder mal die Kurven hoch, vorbei an keuchenden Radsportlern, Stop an der Paßhöhe. Die Talfahrt nach Süden zum Lautaret genieße ich wegen ihres grandiosen Panoramas fast noch mehr als die Kurvenstrecke den Berg hinauf.

Rückfahrt nach Grenoble

Im Grunde bedauere ich, daß mich unten die D 1091 wieder aufnimmt – auch wenn diese für sich genommen eine tolle Gebirgsstrecke ist. Mitten unter der Woche ist hier kaum Verkehr. Deshalb kann ich mir auf dem Ufermäuerchen des Lac du Chambon ungestört eine kleine Pause gönnen. Die Landschaft hier könnte einen an einen norwegischen Fjord erinnern.

Lac du Chambon

Kleine Pause zum Schauen und Genießen am Lac du Chambon

Langsam nimmt der Verkehr zu. Ich spüre, Grenoble rückt näher, obwohl ich mit meiner Maschine immer noch in diese wunderbare Berglandschaft eingebettet bin. Ein letzter Kaffee noch, bevor es auf die Autobahn geht. Dann zeigt die Drehzahlmessernadel wieder steil nach oben bis zur Ausfahrt in Lyon.

 

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