Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradreisen erleben – wie geht das?

Wer besondere Motorradreisen erleben will, sollte schon vorher eine klare Vorstellung davon haben, was ihm die Tour bringen soll. Dazu einige Erfahrungen.

Was soll mir meine Motorradreise bringen?

Wer seine Motorradreise auskosten will, merkt bald: Planen und Packen, Tanken und Touren, Fahren und Fotografieren sind allenfalls die halbe Miete. Ein erfüllendes Erlebnis auf zwei Rädern verlangt einiges mehr: die beständige Suche nach Abenteuer und neuen Horizonten. Ein feines Gespür für das Schöne, Reizvolle und Besondere entlang des Weges. Aber auch den Blick für unerwartete Möglichkeiten und mögliche Alternativen des Tourverlaufs. Und nicht zuletzt die Bereitschaft, einen festgefügten Plan leichten Herzens über den Haufen zu werfen, um dadurch eine besondere Motorradreise zu erleben, wie ich sie in dieser Form vielleicht nie wieder machen werde.

Damit stehen wir vor der Grundsatzfrage: Was will ich von meiner Motorradreise haben? Was soll und kann sie mir bringen?

Man muß versuchen, den nächsten Tag immer besser zu machen, als den vorangegangenen, solange wir auf dem Wege sind; sind wir aber an die Grenze gekommen, dann in gleichmäßiger Freude zu sein.
—  Epikur von Samos (341 – 271 v. Chr.)

Um mit Freude auf diesem Weg voranzukommen, fragen wir unsere Gedanken auf einer Checkliste ab. Nachdem heutzutage Blogs das sind, was Salons im 19. Jahrhundert waren, möchte ich in abgewandelter Form die Tradition des legendären Fragebogens des französischen Schriftstellers Marcel Proust (1871 – 1922) wieder aufleben lassen. 

Motorradtour oder Motorradreise?

Das Abenteuer des Motorradfahrens beginnt mit dem Druck auf den Anlasserknopf. Wie lange man unterwegs ist, spielt dabei keine Rolle – einen Tag, eine Woche oder einen Monat. Auf einen zeitlichen Rahmen möchte ich nicht festlegen. Eine Reise im engeren Sinne beginnt für mich mit ausgiebigen Vorbereitungen und schließt Übernachtungen ein. Aber für den Spaßfaktor des Motorradfahrens ist diese Unterscheidung letztlich egal.

Events, actions arise, that must be sung, that will sing themselves.
—  Ralph Waldo Emerson, The American Scholar (1837)

Was willst Du auf Deinen Motorradreisen erleben?

Ich möchte über einen längeren Zeitraum hinweg Fahrspaß haben, Interessantes aufspüren, Länder und Landschaften entdecken, Menschen kennenlernen. Und nicht zuletzt: mich dem Unerwarteten stellen. Das ist für mich der höchste Spannungsfaktor beim Motorradreisen.

Schild neben einem ländlichen Café mit der Aufschrift "Make Every Obstacle An Opportunity", gesehen in Lakeview, OR (USA)

Erwarte das Unerwartete! Gesehen in Lakeview, OR (USA)

Was ist das Schönste am Motorradreisen?

Das Reisefieber setzt bereits mit der Tourenplanung ein, mit dem Studium von Landkarten und Reiseführern oder dem neugierigen Betrachten von Bildern im Netz. Habe ich damit mein Programm verinnerlicht, bleibt mir genug Muße und Konzentration, um die Dynamik des Fahrens zu genießen. Die Auswertung meiner Bilderausbeute und das Schreiben hinterher ist– wie beim Grünen Tee – gleichsam der gehaltvolle zweite Aufguß, der mich die Tour intensiv nacherleben läßt.

Landkarte mit Kompass, Stifzen und einem Band von Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Was macht Motorradreisen zum besonderen Erlebnis?

Als Motorradfahrer erlebe ich Landschaft und Himmel unmittelbar aus dem Zentrum des Firmaments heraus: die Reize der Natur mit dem Duft ihrer Blüten, die kühnen Flugmanöver der Vögel, die klare Winterluft. Das Schwingen auf gewundenen Straßen, von denen ich oft nicht weiß, wohin sie mich führen. Das Spannungsgefühl, das sich aufbaut, sobald ich auf die Begegnung mit dem Unvorhersehbaren einlasse.

Könnten Fahrrad oder dem Auto eine Alternative sein?

Als Jugendlicher war für mich das Fahrrad Transportmittel der Wahl für den täglichen Schulweg und ausgedehnte Ferientouren. Deshalb kann ich gut nachvollziehen, daß sich immer mehr Menschen dem Fahrradtourismus verschreiben. Noch ist mir aber, abgesehen von der fehlenden Fahrdynamik, der Aktionsradius mit dem Drahtesel zu gering. Das Auto bleibt mir später – hoffentlich – immer noch. Und ein Wohnmobil kommt mir immer vor wie eine mitgenommene Miniaturausgabe von Wohn- und Schlafzimmer samt Einbauküche auf vier Rädern.

Haus mit vielen aufgehängten Fahrrädern an der Wand

Fahrradfahren ist groß in Mode

Wieviele Motorradreisen machst Du?

Manchmal beneide ich die Kollegen, die sich aus dem Alltagsleben ausklinken und mit ihrem Motorrad ein Jahr auf Fernreise gehen. Das kann nicht jeder, sei es aus beruflichen, familiären oder finanziellen Gründen. Andererseits lebt das Glücksmoment des Reisens auch aus dem Spannungsverhältnis von Alltag und Abenteuer. Das eine geht nicht ohne das andere. Deshalb suche ich dem Alltag zu entfliehen, wann immer das machbar und reizvoll ist. Wenn es geht, auch für etwas länger. Zum Glück kann ich mit meiner Zeit jetzt etwas großzügiger umgehen als früher.

Alleine oder mit Anderen?

Im Grunde bin ich ein maverick und fahre am liebsten solo. Besser gesagt: Doppel-Solo mit Christine, meiner liebsten Sozia. Eine Ausnahme gibt es aber: Wenn unser jüngster Sohn Zeit hat, fahre ich sehr gern mit ihm. Vor langen Jahren habe ich ihm das Motorradfahren beigebracht. Mittlerweile hat er mich locker abgehängt und ich fahre als Kaczmarek hinterher. Wir treffen uns viermal am Tag zum Tanken oder Kaffeetrinken und beschließen im angeregten Gespräch den Abend miteinander. Gruppe fahren ist aber nichts für mich.

Zwei Motorräder auf einer Donaufähre bei einer sommerlichen Überfahrt über den Strom und Blick auf die bewaldeten Donauhänge

Motorräder von Vater und Sohn auf einer Donaufähre

Wieviel gibst Du für Deine Motorradreisen aus?

Als bescheidener Mensch finde ich mein Glück im Einfachen. Deshalb versuche ich, meine Ausgaben im Rahmen dessen zu halten, was ein Firmenvertreter an Tagesspesen bekommt.

Wo übernachtest Du?

Camping und Biwak habe ich in jüngeren Jahren zur Genüge genossen. Deshalb leiste ich mir jetzt die Annehmlichkeit einer anständigen Unterkunft mit der Infrastruktur, die ich für meine Tour brauche. Wenn Christine mich begleitet, gibt es zum Übernachtungsbudget einen wohlverdienten Verwöhnungszuschlag. In Frankreich haben wir gute Erfahrungen mit den Logis de France gemacht, in Spanien mit den Paradores – historischen Burgen und Klöstern. Beide Ketten warten übrigens mit einer ausgezeichneten regionalen Küche auf. Gute Herbergen gibt es aber auch unterhalb dieser Kategorie,  vor allem die von mir bevorzugten Brauereigasthöfe in Bayern und Österreich.

Bepacktens blaues Motorrad BMW R 1150 RT vor Parador in Spanien mit Durchblick durch das Tor in den Innenhof

Start zu einer neuen Tagesetappe nach einer sehr angenehmen Übernachtung in einem spanischen Parador

Wie hältst Du es mit dem Essen unterwegs?

Sosehr ich in langen Jahren in Italien und Frankreich die Eßkultur schätzen gelernt habe – aber wenn ich fahre, dann fahre ich. Für unterwegs verproviantiere ich mich in den örtlichen Läden und genieße ein schönes Picknick am Wegesrand. Ich sehe zu, daß ich mein Tagesziel nicht zu spät erreiche. Dort lasse mir dort gerne empfehlen, was die regionale Küche an Besonderem zu bieten hat. Bei richtig miesem Wetter ist allerdings ein gutes Restaurant für die Mittagspause sehr willkommen.

Restaurant Les Forges de Paimpont zwischen Renne und Lorient in der Bretagne, wo man wunderschön Motorradreisen erleben kann.

Nach 250 km Starkregenfahrt durch die Bretagne ist ein exquisites Restaurant ein willkommener Ort zum Trocknen und Aufwärmen – wie hier im magischen Wald von Paimpont zwischen Rennes und Lorient.

Was darf auf Deinen Motorradreisen keinesfalls zuhause bleiben?

Es soll Leute geben, die nehmen ihr Kuscheltier mit auf Tour. Ich trage einen Murmeltierknochen am linken Fuß, den mir Christine aus der Mongolei mitgebracht hat. Von einem buddhistischen Mönch zum Talisman gegen Unfälle geweiht.

Mongolischer Murmeltierknochen, aufgezogen auf einen roten Seidenfaden und eine Silberkette, als Glücksbringer

Mongolischer Murmeltierknochen als Glücksbringer

Wie lange willst Du noch fahren?

Wenn ich unterwegs in eine Polizeikontrolle gerate, zeigen die Beamten im Rahmen ihres pflichtgemäßen Ermessens eine begrüßenswerte Neigung zur Nachsichtigkeit. Vielleicht honorieren sie damit, daß mein Motorradführerschein nämlich genau aus der Zeit stammt , als mit dem Wembley-Tor eines der umstrittensten und gleichzeitig berühmtesten Tore der Fußballgeschichte fiel. So lange wie meine Motorradvergangenheit wird meine Motorradzukunft wohl nicht mehr sein.

Wer so lange auf zwei Rädern überleben will, verdankt dies nicht zuletzt rigoroser Selbstkontrolle und ungeschorener Selbstkritik in Bezug auf eigene Fahrfehler. Sollten da auch nur die leisesten Zweifel aufkommen, steht meine Maschine am nächsten Tag zum Verkauf im Internet.

Wenn es dann vernünftigerweise mit dem Motorradfahren vorbei ist, tauschen wir die Maschine gegen ein knackiges Cabrio. Dann kann der Fahrspaß (hoffentlich) noch ein paar Jährchen weitergehen.

 

Ähnliche Beiträge:

 

 

 

 

 

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Welche Sonnenblende für den Motorradhelm?

Welche Faktoren sind beim Kauf einer Sonnenblende für den Motorradhelm zu beachten und wie beeinflussen sie die Sicht? Hier die Antworten im Einzelnen.

Was muss in die Motorrad-Bordapotheke?

Eine Motorrad-Bordapotheke ist auf Tour nützlich und beruhigend. Was muß unbedingt drin sein? Hier sind die Tips und Tricks dazu.