Auf zwei Rädern um die Welt

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch überschätzen ihr Können und die Grenzen der Fahrphysik. Ein gefährlicher Mix aus Motivation und Psychologie. Wie kommt das?

Fahren ohne Hirn und Verstand

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch treiben die Unfallstatistiken in die Höhe. Überschätzung der eigenen Fahrkünste und Unterschätzung der Fahrphysik spielen hier dir Hauptrolle. Was ist ihre Motivation zum Rasen?

Auf kerzengeraden Straßen, endlosen Alleen, in tiefen Wäldern und in weiter Landschaft explodiert förmlich bei vielen Motorradfahrern der Geschwindigkeitsrausch ohne Hirn und Verstand. Jenseits der Grenzen von Recht und Vernunft. Denn Geschwindigkeit ist für sie Trumpf.

Wie kommt das? Internationale Studien filtern in umfangreichen Untersuchungen zahlreiche Gründe heraus, warum viele Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch Glück und Erfüllung finden:

Persönliche Gründe

  • Spaßfaktor: Warum soll ich nicht machen, was mir gefällt und was geht?  Da fahre ich halt so schnell, wie Situation und Fahrbedingungen es hergeben.
  • Nervenkitzel: Viele können dem Reiz nicht widerstehen, ihre Maschine einmal auszufahren, wenn es geht. Was aber nicht unbedingt bedeuten muß, daß sie bei jeder Fahrt knallhart ans Limit gehen.
  • Gewöhnungsfaktor: Da man an sich leicht an dauerhaft hohe Geschwindigkeiten gewöhnt, möchte man sie auch auskosten. Geht man dann vom Gas, ist eine niedrigere (aber immer noch sehr hohe) Geschwindigkeit für die Anderen immer noch verdammt schnell.
  • Performance: Wenn die meisten Motorräder bei linearer Beschleunigung die 100 km/h-Grenze in weniger als 4 Sekunden knacken:  Warum dann mit einem Supersportler einfach mit 80 km/h vor sich hincruisen? Schließlich will man doch seinen Spaß haben!
  • Geschwindigkeitsrausch: Gerade weil Motorräder schneller beschleunigen als die meisten Autos, vermitteln ein rauschhaftes Gefühl.
  • Abreaktion: Wenn mich der Alltag mit so viel Einerlei langweilt: Da muß ich mich auch mal austoben dürfen.
  • Versuchung: Rasen, wenn die Umstände dazu verführen.
  • Ablenkung: Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Musik hören unter dem Helm führt zu totaler Fehleinschätzung der Geschwindigkeit.

Psychologische Gründe

  • Unschuldsgefühl: „Ich werde schon nicht erwischt“
  • Überlegenheitsgefühl: „Ich bin stärker und schneller“.
  • Ungeduld von Natur aus
  • Neigung zur Selbstdarstellung
  • Selbstwerterhöhung dadurch, daß man Bewunderung einheimsen will.
  • Ausbrechen aus Zwängen
  • Natürliche Veranlagung: Sie können gar nicht anders
  • Straßenkampf und Rangkämpfe mit anderen Fahrern
  • Überschätzung des eigenen Könnens
  • Nachahmung: Das Bedürfnis, es anderen nachtun zu müssen.
  • Fehlende Perzeption: Sie kriegen einfach nicht mit, daß sie rasen.
  • Pole Position: Sie können es nicht ab, daß einer vor ihnen fährt.
  • Emotionen: Zorn, Ärger oder das Gefühl des Gehetzseins sind gefährliche Wegbegleiter. Leider auch die Euphorie.

„Sicherheitsgründe“

  • Überholvorgang: „Schnelles Überholen ist sicherer als langsames. Bei kurzen Spurts riskiert man oft weniger, wegen Geschwindigkeitsübertretung geschnappt zu werden“.
  • Sicherheitsabstand: „Niemand will ein Auto, das er als potentielle Gefährdung empfindet, nahe vor oder hinter sich haben.“ Damit ich auf der sicheren Seite bin, beschleunige ich aus der Gefahrenzone heraus. Insbesondere bei Spurwechsel oder aus dichten Verkehrssituationen.“
  • Sicherheitspuffer: „Ich fahre lieber ca. 10 – 15 km/h schneller als erlaubt oder die anderen, um die Pole Position zu halten. Hier kann ich auftauchende Gefahren früher erkennen und besser auf sie reagieren. Außerdem schaffen sie mir einen Sicherheitspuffer, den man nicht hat, wenn man im Verkehr nur so mitfließt. Ein wenig schneller fahren minimiert das Risiko. Bevor der Idiot hinten auf mich auffährt, kann ich ihm schnell entkommen“.
  • Bremsen: „Ich kann sehr viel knackiger bremsen kann als ein Auto. Da würde es ein Todesurteil für mich bedeuten, wenn der Idiot von hinten auf mich auffährt“.
  • Leistungsgewicht: „Ich kann sehr viel höher beschleunigen als die meisten Autos. Denn Motorräder sind ja klein und extrem agil.  Auch ist ihr Leistungsgewicht erheblich höher als das von Autos.“

Fazit

Hohe Geschwindigkeit hat für viele einen Reiz. Wer aber unbedingt heizen will, sollte lieber für ein Rennstreckenwochenende auf den Ring gehen. Dort wird ihn wahrscheinlich rasch eine gewisse Demut erfassen angesichts der Überschätzung der eigenen Fahrkünste.

Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Doch darf man dabei eines nicht übersehen: Oft gehören Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch bestimmten sozialen und psychologischen Mileus an. Zahlreiche Untersuchungen belegen dies. Diese sprechen zum Beispiel von „Lebensstilclustern“ oder von bestimmten Risikoprofilen, die insgesamt eine stärkere Risikoneigung bewirkten.  Aber wer schaut schon so genau in einen Menschen hinein? Wer hat nicht schon selbst erlebt, wie Menschen Reaktionen und Verhaltensweisen an den Tag legen, die man ihnen nie und nimmer zugetraut hätte?

Psychologie, Soziologie und Statistik sind das eine. Aber Empirie das andere. Und hier beginnen die Überraschungen. Zumal wenn der Geschwindigkeitsrausch Menschen befällt, die vollkommen aus den herkömmlichen Erklärungsmustern herausfallen. Hierzu zwei prominente Beispiele:

Prominente Raser – tödliche Unfälle

T. E. Lawrence

Motorrad Brough Superior SS 100, mit der T. E. Lawrence als Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch tödlich verunglückte als Beispiel für einen Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch

Die Brough Superior SS 100  brachte T. E. Lawrence den Tod

Der englische Schriftsteller und Abenteurer T. E. Lawrence („von Arabien“) war ein hard core-Motorradfahrer. Ein richtiger Meilenfresser, der es im Vergleichsrennen schon einmal mit einem startenden Flugzeug aufnahm. Deshalb fuhr er auch an Maschinen – sieben Stück davon verschliß er im Laufe seines Lebens – das Beste und schnellste, was man zwischen den beiden Weltkriegen bekommen konnte: Brough Superior SS 100. Sie war so etwas wie die Hayabusa jener Zeit.

Liebe zur Geschwindigkeit

Lawrence nannte seine Maschine „Boa“ oder „Boanerges“ – auf Aramäisch „Söhne des Donners“ (Matth. 3, 17). In seinem Buch „The Mint“ verewigte er seine Liebe zur Geschwindigkeit:

„He ambles at forty-five and when roaring his utmost, surpasses the hundred. A skittish motor-bike with a touch of blood in it is better than all the riding animals on earth, because of its logical extension of our faculties, and the hint, the provocation, to excess conferred by its honeyed untiring smoothness. Because Boa loves me, he gives me five more miles of speed than a stranger would get from him“.

‚Er bummelt mit 45 Meilen vor sich hin, aber wenn sie voll aufröhrt, läuft sie über Hundert. Ein feinnerviges Motorrad mit einem Hauch von Blut in sich ist besser als alle Reittiere auf Erden wegen der logischen Erweiterung unserer Fähigkeiten und wegen des Fingerzeigs, der Provokation und des Überschwangs, den sie einem mit ihrer unermüdlichen honigsüßen Sanftheit zu Teil werden läßt. Weil Boa mich liebt, läuft sie bei mir fünf Meilen schneller als bei einem Anderen.‘

T. E. Lawrence auf seiner Brough Superior, auf der er als Motorradfahrer im Geschwindigkeitsrausch tödlich verunglückte

Motorrad- und Geschwindigkeitsfan T. E. Lawrence

In der Grafschaft Devon begann seine Fahrt in die Unsterblichkeit mit Vollgas, ohne Helm, bloß mit Schutzbrille. Dann tauchten plötzlich hinter einer Hügelkuppe zwei Buben auf Fahrrädern auf. Er versuchte zwar auszuweichen, geriet aber dabei ins Schleudern und machte einen Highsider. Nach einer Woche starb er im Krankenhaus. Winston Churchill rauchte für ihn auf dem Friedhof eine Abschiedszigarre.

Françoise Sagan

Françoise Sagan in einem Jaguar Cabriolet, mit dem sie über die französischen Landstrassen rast

Bonjour vitesse – Françoise Sagan in ihrem Jaguar

Daß dieses Verlangen nach Geschwindigkeit manische Ausprägungen annehmen kann, zeigt der Fall der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan. Nachdem ihr der überraschende Erfolg ihrer ersten Romane in jungen Jahren beträchtliche Tantiemen beschert hatte, investierte sie diese, ihrem ungestümen Naturell entsprechend, umgehend in heiße Cabrios: Mit ihrem Jaguar XK120, Gordini, Ferrari 250 GT (« d’un certain côté, c’était vrai que j’aimais les Ferrari et l’alcool»), Maserati, Buick und AC Cobra jagte sie auf den einsamen Landstraßen der französischen Provinz der Faszination der Geschwindigkeit nach. Sie schildert das mit unvergleichlicher Einfühlsamkeit:

« La vitesse n’est ni un signe, ni une preuve, ni une provocation, ni un défi, mais un élan de bonheur. Ainsi l’automobile aura-t-elle allumé pour moi, un a un, tous les feux du monde moderne, le désir d’évasion et d’affirmation personnelle, le goût de l’efficacité technique, l’émancipation de la femme, la liberté des corps… »
—  
Françoise Sagan, Bonjour vitesse

« Die Geschwindigkeit ist weder ein Zeichen noch eine Probe, eine Provokation oder eine Herausforderung, sondern ein Überschwang des Glücks. Damit hat das Auto für mich nacheinander alle Feuer der modernen Welt entzündet, das Verlangen nach der Flucht aus dem Alltag, die Selbstbestätigung, den Geschmack an der Wirkkraft der Technik, die Emanzipation der Frau, die Freiheit der Körper … »

Fataler Unfall

Schließlich baute sie mit ihrem Aston Martin DB2/4 Mk III auf einsamer Landstraße einen folgenschweren Unfall. Dabei erlitt sie multiple Schädel- und Knochenbrüche, von dem sie sich ihr Leben lang nicht mehr erholte. Aber in späteren Jahren gesteht sie:

 « Jusqu’à mon accident de voiture, je m’étais crue invulnérable. Je ne pensais pas que cela pût m’arriver, ni même d’être malade. Et puis soudain: la catastrophe ». 

« Bis zu meinem Autounfall habe ich mich für unverwundbar gehalten. Ich habe nie gedacht, daß mir das passieren könnte, nicht einmal, daß ich krank sein könnte. Und dann plötzlich: die Katastrophe. »

Wrack des Aston Martin, mit dem Francoise Sagan schwer verunglückte

Adieu vitesse – Der Aston Martin von Françoise Sagan nach ihrem schweren Unfall

 

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