Auf zwei Rädern um die Welt

Motorrad-Tourenerfahrungen einer langen Saison

Motorrad-Tourenerfahrungen einer langen Saison festzuhalten bewahrt nützliche Erinnerungen und ist die beste Vorbereitung auf das kommende Jahr.

Motorrad-Tourenerfahrungen eines Jahrhundertsommers

Der Tachostand unserer Maschine hat im Jahrhundertsommer 2018 das jährliche Serviceintervall weit hinter sich gelassen. Doch nun droht der Wettergott mit regnerischen Herbststürmen das Ende der Tourensaison an. Schöne Erinnerungen an viele erlebnisreiche Kilometer glimmen in der Erinnerung nach. Beim Sichten der zahllosen Bilder von unterwegs kommen auch viele praktische Erfahrungen wieder hoch, die man entlang der Strecke gewonnen oder aufgefrischt hat.

Bei einem wärmenden Getränk haben wir unsere Motorrad-Tourenerfahrungen eines Ausnahmesommers zusammengetragen:

Gepäck

Bild von einem Graffito in Berlin mit dem Text No more Rollkoffer und zwei weiteren Graffiti

  • Minimalgepäck erwies sich selbst für eine dreiwöchige Tour als voll ausreichend: Wir waren ausschließlich in zivilisierten Gegenden unterwegs und konnten zwischendurch immer wieder unsere Sachen im Hotel waschen.
  • Ein gewisser Reservestauraum für Picknick in einem der Koffer bzw. im Tankrucksack war dennoch unverzichtbar, da wir uns tagsüber weitgehend selbst verpflegt haben.
  • Kleinkram für unterwegs haben wir das Jahr über in einer gesonderten Plastikschachtel verpackt. Vor Abreise mußte der Inhalt dann nur noch auf Zustand und Vollzähligkeit geprüft werden.
  • Die Mehrfachverwendung bestimmter Dinge spart Platz, z. B.: Ladekabel/Stecker für die Elektronik, Shampoo auch zum Wäschewaschen etc.
  • Hat man dennoch Überflüssiges/Entbehrliches mitgenommen, das Stauraum frißt oder Andenken gekauft, die man nicht wochenlang mit rumschleppen will: Ab zum nächsten Postamt und das Zeug nach Hause schicken. In den Zeiten des Online-Handels kostet das nicht mehr die Welt und man ist von Verzichtbarem befreit.

Technik

Grünes Ural-Gespann in der Burjätischen Republik in Sibirien mit weiss-blauen Fischerei- und Fährschiffen im Hintergrund

  • Aufgrund des technischen Fortschritts können wir unser Netbook/Tablet getrost zu Hause lassen. Wichtige Karten, Dokumente und andere Unterlagen gespeichert sind jetzt auf dem Smartphone gespeichert. Dieses steckt in der Kombi und nimmt keinen Platz weg. Vor allem erleichtert Internetfähigkeit unterwegs die Vorausbuchung von Hotels, sie erschließt ergänzende Informationen zu dem, was man tagsüber gesehen hat und ermöglicht Informationen über Museen, Öffnungszeiten usw.
  • Der Kauf einer Pre Paid-SIM-Karte nach Grenzübertritt lohnt sich besonders deshalb, weil die Internet-Versorgung fast in jedem Land besser und billiger ist als in Deutschland.
  • Datenvolumen läßt sich sparen, wenn man in Cafés, Restaurants oder Hotels auf kostenloses WiFi achtet. Dieser Service ist im Ausland oft besser als in Deutschland.
  • Eine Power-Bank erweist sich als nützlich, wenn man durch eifrige Smartphone-Nutzung an die Grenzen der Akku-Kapazität kommt. Keine große Investition, denn diese Dinger werden tendenziell immer billiger.
  • Ein Euro-Mehrfachstecker zeigt seine Qualitäten immer dann, wenn im Hotel nur eine einzige Steckdose vorhanden ist, an der abends die gesamte Elektronik wieder aufgeladen werden soll.

Navigation

Bild von einer Landkarte mit Schmetterling bei einer Marschpause auf einer Motorradtour

  • Um Detailkarten (z. B. im Maßstab 1:150.000) kommt man nicht herum, wenn man das Zielland intensiver kennenlernen oder sich auf Nebenwegen tummeln möchte. Kleinmaßstäbliche Karten reichen in aller Regeln nur für großräumige Routenplanung. Das Navi hingegen entfaltet seine Qualitäten beim „Franzen“ durch abgelegene Gegenden.
  • Die Fahrzeiten auf Landstraßen werden vielfach unterschätzt, besonders in Frankreich, wo seit 2018 eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 80 km/h außerorts gilt. Die Ortsdurchfahrten sind oft sehr lang. Viele landwirtschaftliche Fahrzeuge hemmen das Vorankommen und können nur mit viel Glück überholt werden. Langsamfahrstrecken gibt es überall dort, wo man sie nicht vermuten würde. Wir planen deshalb nach der Faustregel: Für jeden Kilometer der Fahrstrecke eine Minute. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h und bietet unserer Erfahrung nach einen guten Richtwert für die Zeitplanung.

Landeskundliche Erfahrungen

(Christines Erkenntnisse)

Bild einer Bushaltestelle in Talzy, Irkutskaja Oblast' in Russland mit einer Frau auf einem Betonsockel sitzend

  • Unnötig, dies extra noch einmal zu betonen, aber: Frankreich ist ein kulturell und landschaftlich ungeheuer reiches und vielfältiges Land. Es lohnt sich, hier auch abseits ausgetretener Touristenpfade zu reisen, so wie es insbesondere eine gewisse Spezies von Engländern tut. Trotz langjähriger touristischer Erfahrungen erlebten wir dieses Land immer noch als ausgesprochene Bereicherung unseres touristischen Horizonts.
  • Trotz Nachbarschaft und geographischer Nähe sind hier sehr viele Dinge sehr viel anders, an die man sich gewöhnen und die man auch akzeptieren muß, z. B. der ganz andere Tagesablauf. Wir haben immer darauf geachtet, früh zu starten und unsere Mittagspause – oder zumindest die Einkäufe dafür – schon vor zwölf Uhr zu machen. Dann beginnt nämlich die sakrosankte Mittagspause, während der viele Geschäfte geschlossen und viele Restaurants gut gefüllt (= zeitraubend!) sind. Das ist dann die beste Zeit, um auf leergefegten Landstraßen gut Strecke zu machen.
  • Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Gartenzwerge liebt man auch in Frankreich. Und offensichtlich handgesägte Holzpilze enormen Ausmaßes.
  • Haribo-Produkte sind ein Exportschlager aus Deutschland. Es gibt sogar ein eigenes Haribo-Museum in Uzès (Gard)
    nordwestlich von Avignon. Da wir einige Jahre in der Gummibären-Welthauptstadt Bonn gelebt haben, haben wir es aber ausgespart.
  • Fotografieren unterwegs: Es ist nicht so einfach, auf dem Motorrad bei voller Fahrt und mit dicken Handschuhen gute Fotos zu machen. Ich habe eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, Strommasten, Laternen- und Telefonpfosten, ja sogar Müllcontainer und einzelne krüppelige Büsche gestochen scharf und mittig abzulichten, wohingegen das eigentlich anvisierte Gebirge, Schloß oder Kirchengebäude im Hintergrund verschwimmt. Zum Glück kann man heutzutage diese Fehlschüsse löschen. Ich werde deshalb künftig die Belichtungszeit der Kamera auf „Sport“ einstellen.
  • Ein Tip für Landschaftsfotografen: Man könnte meinen, daß die vielen verschiedenen landwirtschaftlichen Bodensorten auch einen artenreichen Anbau zulassen sollten. Tatsächlich ist jedoch das Land flächendeckend mit Maisfeldern überzogen, unterbrochen von einzelnen Sonnenblumenfeldern und natürlich von Weinbergen. Getreide in nennenswertem Umfang haben wir nur eher selten gesehen. Fasziniert haben mich die unterschiedlichen Farben des Erdreiches. Von tiefrot über ockergelb bis schiefergrau; jede Region hat ihre eigene charakteristische Schattierung.
  • Mein ganzes Herz hängt an den Aberhunderten von wunderbaren Bauerngärten entlang der kleinen Straßen. Gepflegt, vor Kraft strotzend, und mit wunderbaren Obst- und Gemüsesorten bestückt. Ich hätte an jedem anhalten mögen.
  • In den Wäldern finden sich vielerorts mit riesige Eßkastanienbäume, deren Früchte aber auf keiner Speisekarte auftauchen. Ebensowenig wie Wild, das es in dieser mastreichen Umgebung doch in Mengen geben müßte. Auch die vielgerühmten Trüffeln sah ich nur selten auf einer Speisekarte, und das nicht einmal im Perigord.
  • Unsere Art zu Reisen ist eine Härteprüfung für jede Beziehung: 24/7 ist man auf engsten Raum beisammen. Sogar die Bewegungen auf dem Motorrad müssen aufeinander abgestimmt sein. Es gibt kein Entkommen voneinander. Sofern man noch keine langjährige gleichförmige Übung darin hat: Nach spätestens 10 Tagen wissen beide, ob die Partnerschaft gut geht oder nicht. In unklaren Fällen rate ich allen Ernstes, in die Reiseroute in Abständen größere Städte mit Flughafen oder Bahnanschluß einzuplanen, damit eine Fluchtmöglichkeit gegeben ist. Aber mit Christian würde ich jederzeit nur Landstraße fahren!

Christian und ich haben nachgerechnet: zusammen sind wir in all den Jahren mehr als 80.000 km mit diesem Motorrad gefahren, also zweimal um die Erde.

Nach der Tourensaison ist vor der Tourensaison. Wir freuen uns schon auf den nächsten Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

 

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