Auf zwei Rädern um die Welt

Motorrad-Maitour in Russland

Eine Motorrad-Maitour in Russland bietet die erste Chance, die junge Motorradsaison zu genießen. Schlammperioden und frühe Winterstürme machen sie ohnehin extrem kurz. Also bei den ersten Strahlen der Frühlingssonne dorthin fahren, wo etwas los ist: in die Klosterstadt Sergijew Posad, dem früheren Sagorsk.

Alles neu
macht der Mai

oder besser der April, zumindest im Rußland. Heerschaaren von Gärtnern schwärmen aus, um in den Städten alles zu bepflanzen, was sich bepflanzen läßt. Parkanlagen, Zierbeete, Denkmalanlagen, Verkehrsinseln, Mittelstreifen und auch sonst alles, was sich nicht gegen Begrünung wehrt. Nach einem langen, trüben Winter erstrahlt Moskau in frischem Bunt.

Bild von einer mit Tausenden Blumen bepflanzten Verkehrsinsel als Beispiel für die Blumenpracht in Moskau

Blumenpracht in Moskau

Zur gleichen Zeit machen sich auch die Aktivisten mit Farbkübeln und Pinseln auf den Weg. Immer getreu dem alten Marinemotto: „Was sich bewegt, wird gegrüßt – was sich nicht bewegt, wird angestrichen.“

Bild von zwei Frauen in Russland mit sehr langen Beinen bei einem Frühlingsspaziergang, von denen eine einen Kinderwagen schiebt.

Frühlingserwachen in Rußland

Zäune und Geländer, Stangen und Masten, alles wird Opfer eines kollektiven, landesweiten Anstreichwahns, der sich hauptsächlich in einem Rußland-typischen Pfefferminzgrün austobt. Verständlich, nach langen, grauen Wintermonaten.

Allenthalben Russisch-Grün

Bild von einem Gitterzaun mit Weizenbündel und Hammer und Sichel in Russland

Ein Gitterzaun wartet auf den Frühjahrsanstrich

Heitere Frühlingsstimmung macht sich allenthalben breit. Autos werden hergerichtet für die Fahrt ins Grüne. Das Gesetz verlangt, daß sie bis dahin total verdreckten Nummernschilder wieder lesbar sein müssen.

Bild von zwei Männern bei der Autoreparatur in Moskau auf dem Gehsteig mit einem Auto und offener Motorhaube

Fit für den Autofrühling: Reparaturservice auf dem Gehsteig in Moskau

Dazu verlocken die ersten Feiertage im Mai: Die „Tage des Frühlings und der Arbeit“ dauern in Rußland vom 30. April bis zum 2. Mai. Und natürlich der 9. Mai, der „Tag des Sieges“ (1945 über Deutschland), der inzwischen mehr und mehr zu einem Familientag geworden ist. Vielfach werden die historischen Ereignisse nachgespielt oder zumindest nachempfunden.

Junge Rotarmistin im Bild mit Uniform, langen Zöpfen und schwarz-orangen Georgsbändern im Haar

Junge Rotarmistin bei der Siegesfeier am 9. Mai

Motorrad-Maitour in Russland

Wohl wissend, daß wir uns einen schwierigen Weg durch endlose Autokolonnen bahnen müssen, machen wir uns nordwärts auf den Weg nach Sergijew Posad. Wir nehmen die 70 Kilometer auf uns, um das Dreifaltigkeitskloster aus dem Jahre 1340 zu besuchen.

Bild vom Dreifaltigkeitskloster Sergijew Posad in Russland

Dreifaltigkeitskloster Sergijew Posad

Der Weg aus Moskau hinaus wird so anstrengend, wie wir das schon auf früheren Touren erlebt haben. In einer endlosen Blechlawine schieben wir uns hinaus in die Provinz. Sobald es geht, weichen wir auf einen parallelen Feldweg aus, um die unzähligen Autos ungestört zu passieren. Auf der Autobahn wird es dann besser, denn viele unserer Mitausflügler sind unterwegs schon in ihre Datschen abgebogen.

Wunder des
Motorradfahrens
in Russland

Natürlich sind wir nicht die einzigen, die zum Kloster wollen. Das wird uns spätestens an der Einfahrt in unseren Zielort schmerzlich bewußt. Stau, Stau, Stau. Absperrungen. Polizei mit diensteifrigen Minen.

Doch wir erleben das Verkehrswunder von Sergijew Posad: Bei unserem Anblick hellen sich die Gesichter der Polizisten auf. Wir sind für sie BMW-Kollegen. Auf Nebenwegen werden wir exklusiv zielwärts geleitet. Autos machen uns bereitwillig Platz und lassen uns zwischen den Kolonnen durchfahren. Kinder und Omas winken uns aus den voll bepackten Fahrzeugen zu.

BMW Polizeimotorräder in Russland mit der Aufschrift Milizija

Unerwartete Begegnung mit BMW-Kollegen

Am Kloster angekommen, sichert uns ein beleibter Ordnungshüter einen Super-Parkplatz nicht weit vom Eingang. So einen Service habe ich in der westlichen Welt schon öfter vermißt.

Dreifaltigkeits-
kloster
Sergijew Posad

Auch wenn das Kloster als Touristenmagnet entsprechend bevölkert ist, lohnt es unbedingt einen Besuch. Zum Besichtigen wie auch zum Studium der Landessitten.

Zunächst einmal muß sich Christine kleidungsmäßig aufrüsten. Frauen ist es in orthodoxen Klöstern nicht erlaubt, Hosen zu tragen. Die Landessitte verlangt deshalb, daß Christine sich am Eingang einen Rock leiht und ihn über ihre Motorradkombi zieht. Statt des Helms trägt sie nunmehr vor dem Betreten der Kirche ein buntes Kopftuch. Daß wir irgendwie wunderlich aussehen, davon nimmt niemand Notiz.

Bild der verkleideten Motorradfahrerin Christine im Dreifaltigkeitskloster Sergijew Posad in Russland

Christine beim Kirchenbesuch im altrussischen outfit, wie es die Orthodoxe Kirche verlangt

Um den heiligen Ort nicht ganz ohne Segen zu verlassen, laben wir uns an dem geweihten Wasser, das aus einem Brunnen sprudelt. Im Klosterladen erstehen wir für unseren Sohn Georg eine kleine Ikone seines Namenspatrons und ein orange-braun gestreiftes Ordensband, das man zum Siegestag allenthalben trägt und anbindet. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wie es als Deutsche tragen sollen/dürfen, und stecken das Band erst einmal in die Tasche.

Der Siegestag

Bild der Maiparade in Sergijew Posad in Russland mit einer vorbeimarschierenden Truppe

Maiparade in Sergijew Posad

Was dann passiert, hatten wir so nicht vorausgesehen: Wir werden von den Siegesfeiern mitgerissen. Soldaten der örtlichen Garnison paradieren an uns vorbei. Großmütter und Eltern winken ihren Jungs zu. Zum ersten Mal erlebe ich, daß Soldaten bei einem Vorbeimarsch mit einem Lachen auf dem Gesicht paradieren.

Bild von Kadetten der Suworow Militärakademie in Russland bei der Siegesfeier am 9. Mai

Kadetten der Suworow-Militärschule bei der Siegesfeier

Kadetten der Suworow-Militärschule umringen uns. Als sie mitbekommen, daß wir Deutsche sind, lassen sich gerne fotografieren. Guter Stimmung unterhalten sie sich mit uns.

Bild von Veteraninnen in Sergijew Posad in Russland mit vollem Ordensschmuck am Tag des Sieges

Veteraninnen in Sergijew Posad

An einem Sanitätsfahrzeug treffen wir zwei Veteraninnen mit vollem Ordensschmuck. Sie erzählen uns, daß sie den ganzen Krieg mitgemacht haben. „Das war unsere Jungmädchenzeit“, sagen sie achselzuckend.

Bild von einem russischen Militärlastwagen in Sergijew Posad, der bei den Siegesfeiern zum 9. Mai zum Food Truck umgewidmet wurde

Food Truck – Russian style

Etwas weiter ab parkt ein aufgemöbelter sowjetischer Militärlaster, der zweckmäßigerweise zum Food Truck umgerüstet wurde. Wir stehen in der Schlange an und werden, nachdem man uns als Deutsche erkannt hat, sofort freundschaftlich eingemeindet. Wir sollen das Kriegsende doch mit ihnen mitfeiern! „Unser Diktator ist tot. Eurer auch. Feiern wir also für den Frieden.“ Worauf wir uns in einer eß- und trinkfreudigen Runde wiederfinden.

In einer Nebenstraße treffe ich einen ordensgeschmückten Veteranen, der von seinem Enkel am Arm geführt wird. Er schaut mich an, nickt, und als ich nach Landessitte mit dem Wunsch “с праздником“ („Frohes Fest“) grüße, kommen wir ins Gespräch. Er erzählt uns von seiner schweren Verwundung vor Berlin 1945 und jahrelangem Leiden im Lazarett. Dann stößt er einen unsagbar groben Fluch auf den Krieg aus, den ich hier besser nicht wiedergebe.

Bild von einem alten russischen Veteranen im Sonntagsanzug mit vollem Ordensschmuck

Begegnung mit einem Veteranen

Mit einem Lächeln nimmt er mich am Arm und fordert seinen Enkel auf: „Sascha, mach ein Bild von uns“. Warmherzige Versöhnung am Friedenstag. Als wir dann wieder nach Moskau zurückbrausen, flattert das orange-braune Georgsband an unserem Rückspiegel.

Bild von einem russischen Veteranen, der bei der Siegesfeier am 9. Mai Akkordeon spielt

Plakat mit dem Bild eines Rotarmisten, der Akkordeon spielt

 

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