Auf zwei Rädern um die Welt

Konzentration beim Motorradfahren

Konzentration beim Motorradfahren ist ein Mega-Thema. Sie bestimmt die Antizipation von Gefahrenmomenten und damit die gesamte Fahrstrategie. Wer sich vorgenommen hat, besser Motorrad zu fahren, sollte mit der Verbesserung seiner Konzentrationsfähigkeit beginnen. Wie stellen wir das an?

Konzentrationsmangel
ist die Hauptunfallursache

Bild von Umberto Boccioni mit dem Titel Dynamik eines Motorradfahrers als Beispiel für die gestörte Konzentration beim Motorradfahren

Umberto Boccioni: Dinamismo di un motociclista (1913)

Konzentration beim Motorradfahren ist das A und O der Sicherheit.
Die Auswertung von Unfalldaten durch den ADAC und das Statistische Bundesamt belegt, daß ein Drittel aller Motorradunfälle „Alleinunfälle“ sind – ohne Beteiligung Dritter. 40% der Zweiradunfälle ereignen sich an Einmündungen/Kreuzungen, 36 % in Kurven, der überwiegende Rest auf „knotenfreier Strecke“. Häufigste Unfallursachen sind dabei Abkommen von der Fahrbahn, unangepaßte Geschwindigkeit in der Kurve und Unaufmerksamkeit. All diese Unfallursachen gehen typischerweise auf Konzentrationsmängel des Fahrers zurück.

Konzentration
bestimmt die Fahrtechnik

Konzentration nimmt beim Motorradfahren eine Schlüsselrolle ein. Sie läßt sich definieren als willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit auf eine ganz bestimmte Tätigkeit – das Motorradfahren -, wobei jede andere Aktivität außen vor bleibt, die nichts damit zu tun hat. Sie erfordert geistige Anstrengung und lässt mit der Zeit nach. Daher versteht man unter Konzentration auch das relativ lange andauernde Aufrechterhalten eines Aufmerksamkeitsniveaus.

Damit stellt sich die Grundfrage: Was macht die Kunst des Motorradfahrens eigentlich aus? Worauf muß ich meine Aufmerksamkeit dabei richten? In erster Linie sind folgende Fähigkeiten unabdingbar:

  • Technische Beherrschung des Motorrades
  • Beherrschung der Fahrphysik
  • Automatisierte Beherrschung kritischer Fahrsituationen
  • Fahrerfahrung im inner-und außerstädtischen Verkehr
  • Mentale und physische Fitness als Voraussetzung für die vorstehend genannten Anforderungen an den Fahrer.

Das Gehirn ist das Steuerungszentrum

Motorradfahren ist  nicht nur eine körperliche Herausforderung. Es ist vor allem auch Kopfsache. Diese erfordert ein waches und durchtrainiertes Gehirn. Das ist die Erkenntnis von Neurowissenschaftlern, die Spitzensportler mit neuen Trainingsmethoden betreuen.

Neurowissenschaftler haben die Gehirne von Profisportlern durchleuchtet und dabei herausgefunden, daß intensives körperliches Training Veränderungen im Gehirn bewirkt, die zu extrem schnellen und präzisen Bewegungen befähigen. Das regelmäßige Training steigert auch die kognitiven Fähigkeiten. Damit agieren Sportler konzentrierter und können ihre Aufmerksamkeit gezielter steuern. Bei diesen Trainingstechniken spielen Konzentration,  Beobachtung des Umfeldes, Stressbewältigung und Emotionskontrolle eine Schlüsselrolle.

Konzentration stellt
komplexe Anforderungen

Bild von Fortunato Depero mit dem Bild eines Motorradfahrers als Beispiel für die Bedeutung der Konzentration beim Motorradfahren

Fortunato Depero: Motociclista, solido in velocità (1923)

Wenn ich eine Fahrt antrete, sollte mein Kopf idealerweise frei sein von allem, was mich bedrücken oder beschweren könnte – bei der Arbeit, im Privatleben, schwierige Situationen, die mein Denken mit Beschlag belegen. Oft ist es so, daß alle diese Beschwernisse nach einer halben Stunde im Sattel wie aus dem Kopf geblasen sind. Umso besser. Aber da muß jeder selbst am besten wissen, wie das emotional bei ihm verläuft.

In diesem Zusammenhang sollte man nicht die Grenzen der eigenen Fähigkeit unterschätzen, ein hohes Konzentrationsniveau zu erreichen. Denn die Kapazität dessen, was zwischen dem linken und dem rechten Ohr sitzt, ist beschränkt. Es kommt also ganz wesentlich darauf an, wann, wo und für welchen Zweck ich meine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes richte.

Wenn ich 90 % meiner Aufmerksamkeit brauche, nur um meine Maschine zu beherrschen, bleiben mir für den großen Rest der Anforderungen (siehe oben) nur noch 10 % übrig. Dann muß ich um meiner Sicherheit willen hart an meiner fahrerischen Qualifikation arbeiten. Sonst werde ich wohl nicht mehr lange Motorrad fahren.

Idealerweise sollten die oben aufgelisteten Anforderungen etwa 5 % meiner Aufmerksamkeit nicht überschreiten. Dann stehen mir 95 % meiner geistigen Kapazität für die Anforderungen meiner Fahrsicherheit zur Verfügung.

Das setzt natürlich voraus, daß ich mich von allem frei halte, was meiner Konzentration schadet: Flüssigkeitsmangel, fehlender Schlaf, üppige Nahrungsaufnahme, elektronische Kommunikation und dergleichen.

Wir müssen also festhalten: Alle fahrerischen Qualifikationen sind ohne Abstriche gleichermaßen wichtig für meine Sicherheit. Denn ohne Übung und ein geordnet funktionierendes Hirn läuft überhaupt nichts. Deshalb haben Konzentration und alle Maßnahmen zur Förderung der Aufmerksamkeit absolute Priorität.

Konzentration beim Motorradfahren
fördern

Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Techniken und Möglichkeiten, die jeweils sehr stark individuell bestimmt sind. Insofern ist die folgende Aufzählung für weitere Maßnahmen offen:

Ablenkung vermeiden

Das erforderliche Konzentrationsniveau beim Motorradfahren zu erreichen, zu erhalten und ggf. wieder herzustellen ist eine komplexe Aufgabe. Dagegen ist jede Tätigkeit, die nicht unmittelbar dem Fahren dient, reine Ablenkung, welche die Konzentration mindert. Primäre Aufgabe ist es vielmehr, das eigene Denken und Handeln ganz auf das Fahren zu fokussieren.

Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Es läßt sich mit einigen recht einfachen Maßnahmen und Techniken überraschend effektiv bewerkstelligen. Wie geht das?

Vorbereitung ritualisieren

Klingt etwas kompliziert, ist aber einfach und meint: Beim Fertigmachen für die Fahrt nichts überstürzen. Die Vorbereitung auf das Fahrerlebnis beherrscht unser ganzes Denken, während wir in aller Ruhe das Halstuch umbinden, den Gehörschutz einsetzen, den Helm aufsetzen, seinen Sitz kontrollieren und die Handschuhe anziehen.

Dann nehmen wir uns mit einem Stichwort eine Aktion vor, auf die wir beim Fahren besonders achten wollen. Unterwegs wiederholen wir es immer wieder, um den Übungszweck nicht aus dem Blick zu verlieren. Manche kleben sich dafür zur Erinnerung einen Zettel auf den Tankdeckel.

Verbindung mit der Maschine herstellen

Wo Körper und Rad zusammentreffen, sollte eine möglichst harmonische Mensch-Maschinen-Symbiose entstehen. Die japanische Zenkultur hat dafür einen eigenen Begriff: 人馬一体  Jinba iitai, was soviel heißt wie “Roß und Reiter sind eins”.

Um diesen Zustand zu erreichen, stellen wir eine innige Verbindung mit der Maschine her: Bewußt umfassen wir die Griffe, schieben die Maschine vom Ständer und nehmen dann regelrecht den Sattel ein. Dabei suchen wir nach dem Gefühl, total ruhig, entspannt, bequem und im Gleichgewicht zu sitzen. Wir sinken gleichsam in die Maschine ein und stellen eine untrennbare Verbindung mit ihr her. Mit geschlossenen Augen sitzen wir nicht auf, sondern in der Maschine. Die Augen öffnen sich, der Blick gleitet über Hände und Armaturen, richtet sich nach vorn.

Ganz bewußt berührt der Daumen den Anlasserknopf und setzt mit wohligem Druck den Motor in Bewegung. Die Augen erfassen das Umfeld meiner Startposition, schätzen die Verkehrslage ein. Die linke Hand zieht entschlossen, aber gefühlvoll am Kupplungshebel. Der linke Fuß erfühlt das Schaltpedal, spürt förmlich das Rotieren der Zahnräder, läßt sie einrasten. Die linke Hand entspannt sich wieder, spürt den Druckpunkt kommen. Dann rollt die Gashand den Griff ab und die Einheit aus Fahrer und Maschine nimmt Fahrt auf.

 

Umgebung scannen

Nun beginnt die gefahrenorientierte Wahrnehmung der Umgebung, wie sie nur die erhöhte Sitzposition auf dem Motorrad erlaubt: weit nach vorn, im Spiegelblick rückwärts, im Schulterblick seitwärts und nach oben. Dieser Rundum-Scan schafft uns mehr Sicherheit als der Tunnelblick durch eine Auto-Windschutzscheibe. Er läßt Gefahrenmomente (z. B. eine Ölspur oder Schotter in der nächsten Kurve) rechtzeitig erkennen hilft so Unfälle vermeiden.

Gefahrenbewußtsein schärfen

Durch konzentrierte Beobachtung entwickeln wir eine eigene Fahrstrategie. Was dabei den Könner vom Adepten unterscheidet, sind im wesentlichen drei Erkenntnisfähigkeiten:

  1. Was kann ich sehen?
  2. Was kann ich nicht sehen?
  3. Womit muß ich rechnen?

Was ich sehen kann, ist am einfachsten: Die Haltestellen, an denen der Bus vor mir stoppen wird. Dann folgt das, was man (noch) nicht sehen kann: die Fahrgäste, die dann aussteigen und möglicherweise aus der Deckung heraus die Fahrbahn überqueren werden. Letztlich die Antizipation der versteckten Gefahr: Herrliches Herbstwetter. Weinernte, überall Lese in den Weinbergen. Steht hinter der nächsten Kurve vielleicht ein Traktor mit Anhänger, der beladen wird und dem ich ausweichen muß?

Am besten buchstabiert man im Selbstgespräch die Gefahr aus: Bus hält – Leute steigen aus – Leute überqueren vor dem Bus die Fahrbahn. Danach richtet man seine Fahrstrategie ein.

Spielerisch fahren

Wenn etwas Spaß macht, soll man es auch genießen. Konzentriert suchen wir die Ideallinie und folgen ihr bewußt. Wir schmeicheln die Gänge hinauf und herunter und spüren dabei gleichsam die Zahnräder des Getriebes. Wir teilen uns selbst mit, was sich Sekunden später im Verkehrsgeschehen wahrscheinlich abspielen wird. Wir erspüren den Grip der Reifen beim Beschleunigen, beim Bremsen und in der Kurve.

Konzentrationsverlust bekämpfen

Ermüdung
Je länger man fährt, desto leichter stellt sich Ermüdung ein. Desto mehr leidet die Konzentration. Pausen einlegen ist deshalb wichtig. Am besten stellt man sich ganz offen die Frage: „Läuft es noch unbeschwert oder mache ich doch besser bei der nächsten Gelegenheit Halt?“

In der zweiten Hälfte der Tagesetappe, wenn die Regenerierung erfahrungsgemäß schwerer fällt, sollten deshalb in kürzeren Abständen Stops eingelegt werden.

Gute Erfahrungen habe ich mit folgender Strategie gemacht: Ich suche mir ein schönes Plätzchen, lege mich bequem auf eine Wiese und mache Autogenes Training. Eine Viertelstunde Tiefenentspannung reicht bei mir in der Regel, danach bin ich wieder frisch und munter. Wer diese Technik erlernen und einsetzen will, sollte dies aber nicht ohne fachkundige Anleitung tun. Sonst wird das nichts.

Kälte und Nässe
Auch das Wetter beeinträchtigt die Konzentration. Wer beim Fahren friert oder die Nässe bis auf die Haut durchkriechen fühlt, kann sich unmöglich noch gut konzentrieren. Wenn es also richtig schmuddelig zu werden droht, lieber warme und regendichte Schutzkleidung anziehen. Auch hier kann eine Kaffeepause in warmer Umgebung kleine Wunder wirken. Danach ist man danach wieder bei der Sache. Das Fieseste vom Fiesen ist wohl eine Nachfahrt bei Nieselregen oder Nebel. Wenn man sie schon nicht vermeiden kann, dann helfen nur Pausen in kürzeren Abständen.

Bewußt atmen

Viele werden mit der Technik des bewußten Atmens und der Zwerchfellatmung aus anderen Aktivitäten vertraut sein; sei es bei meditativen Übungen, beim Schießen oder anderen Sportarten. Diese Erfahrungen lassen sich mit Gewinn auch auf das Motorradfahren adaptieren.

Vor oder während der Fahrt einatmen – bis vier zählen – Atem 4 Takte halten –langsam Ausatmen und bis 4 zählen. Es sollte darauf geachtet werden, bewusst ruhig zu atmen, um Ruhe in den Bewegungsablauf zu bringen. Das Ausatmen erfolgt bis zur völligen Entspannung der Atemmuskeln. Die kontrollierte Atemtechnik und die damit verbundene kontrollierten, automatisierten und homogenen Handlungen während des Fahrens erleichtern es dem Fahrer, sich vollkommen auf die Fahrdynamik und das Umfeld seiner Fahrt zu konzentrieren.

Nicht durch Monotonie einlullen lassen

Manchmal kommt man, gerade bei einer längeren Tour, nicht um eine Autobahnetappe herum. Autobahnen sind die langweiligsten Strecken, die ich kenne. Ehe man es richtig bemerkt, läuft man Gefahr, sich von der Monotonie einer des grauen Bandes einlullen zu lassen. Früher oder später schwimmt man im Verkehr mit, ohne ihn aktiv mitzugestalten. Gerade dann sollte man nicht vergessen, sich durch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer in regelmäßigen Abständen aktive Rückmeldung für die eigene Fahrstrategie zu holen. Das läßt das Hirn dann nicht eindämmern und hält letztlich die Konzentration beim Motorradfahren wach.

Innere Befindlichkeit stabilisieren

Viele unterschätzen den negativen Einfluß einer angeschlagenen inneren Befindlichkeit auf das Konzentrationsvermögen: Sorgen, Streit und Ärger im Vorfeld einer Tour; ein verstimmter Magen, Kopfschmerz oder eine nicht voll auskurierte Grippe. Je stärker mit der Länge der Tour die innere Widerstandsfähigkeit in Anspruch genommen wird, desto mehr leidet die Konzentration. Desto gefährlicher kann es auch werden. Wer schon meint, mit solchen Belastungen unbedingt eine Fahrt antreten zu müssen, sollte sich bei der Tourenplanung knallhart darauf einstellen. Besser noch: Man stellt sich vorher die Frage: „Würde ich jetzt wirklich Motorrad fahren wollen? Hätte ich jetzt dabei den vollen Genuß“? Im Zweifel bleibt die Maschine in der Garage.

 

Wer hat noch weitere Tips, um die Konzentration beim Motorradfahren zu fördern?

 

Veröffentlicht am 25.01.2018
Aktualisiert am 12.10.2018

 

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