Auf zwei Rädern um die Welt

Herbsttour zum Saisonende

Eine Herbsttour zum Saisonende ist Balsam für die Seele, wenn endlich der Regen einmal aufhört. Fahrer und Maschine entfrusten sich.

Die Hoffnung (auf Tourenwetter) stirbt zuletzt

Wochenlang zeigen sämtliche Wetter-Apps das gleiche desillusionierende Bild: graue Wolken, durchmischt mit mehr oder weniger vielen blauen Tropfen und der vernichtenden Aussage: Regenwahrscheinlichkeit 80 %.  Sollte sich da tatsächlich so etwas wie ein Sonnentag einschleichen?

Als wir am Vorabend mit hochgeschlagenen Mantelkrägen nach Hause kommen und unsere Regenschirme zum Trocknen aufspannen, bin ich zwar immer noch bösgläubig, aber auch ein wenig frohgemut wegen der fetten Sonne, die mich auf unserer Wetterstation begrüßt.

Mein Aberglaube hält mich zwar davon ab, schon mal meine Tourenausrüstung herzurichten. Aber vorsichtshalber den Wecker zu stellen, das kann ja nicht schaden. Während die Regentropfen an den vergangenen Frust-Tagen an mein Fenster klopften, habe ich mir die folgende Strecke für meine Herbsttour zum Saisonende zusammengestellt:

Sonne und Kälte

Als ich am Sonntagmorgen bei den ersten Piepstönen meines Weckers einen verstohlenen Blick auf den Lichtspalt der Jalousie werfe, glaube ich tatsächlich an eine Fata Morgana: Sonne. Zweiter Blick auf das Außenthermometer: 5° C. Macht bei 60 km/h auf der Landstraße eine gefühlte Temperatur von -1,8° C. Also warm anziehen. An Väterchen Frost soll meine Tour zum Saisonende wirklich nicht scheitern. Zunächst aber huldige ich meiner eisernen Regel: Ein gutes Frühstück hält Leib und Seele zusammen.

So schnell wie an diesem Morgen habe ich selten die Stadtgrenze erreicht. Ein paar Taxis auf dem Weg zum Flughafen, vereinzelte Sonntagsfahrer*innen, das war’s schon. So erträglich die Temperatur in der Stadt war, so frisch wird es auf der Landstraße. Die Sonne versucht tapfer, meinen Rücken zu wärmen. Dutzende Windräder recken ihre Flügel gelähmt in den Himmel. Die Strecke durch das herbstbunte Havelland gehört mir. Mir allein.

Herbsttour zum Saisonende: Motorrad in einer Birkenallee im Havelland

Zwischenstopp in einer Birkenallee im Havelland

Das schüttere Blattwerk der Bäume öffnet Durchblicke auf Fluß und Seen, an denen meine Herbsttour zum Saisonende entlangführt. Unwillkürlich schalte ich einen Gang herunter, um den Anblick genießen zu können mit Wasser, Schilf und wildem Geflügel. Tapfere Enten. Jetzt, bei dieser Temperatur auf dem Wasser landen zu müssen, das wäre nicht meine Sache.

Herbsttour zum Saisonende: See im Wald mit Ruderbooten

Letzte Sonnenstrahlen am See im Wald

Hoch steigt die Sonne nicht mehr um diese Jahreszeit. Dafür beleuchtet sie die bunt belaubten Waldränder und die Alleen, die preußische Straßenbauer einst mitten durch die Nadelwälder gezogen haben. Das ruft die Vorsichtsmaßnahme in Erinnerung, auf nasses Laub in den Kurven zu achten, um die Heimfahrt nicht in einem umgebauten Mercedes Sprinter mit der Aufschrift 112 antreten zu müssen.

Wasseridyll mit Kranichen

In einem proper hergerichteten Städtchen namens Pritzerbe im Havelland verlasse ich meine Route, um an der Havel einen passenden Picknickplatz zu suchen. Fähranleger sind immer ein totsicherer Tipp. So auch hier.

Herbsttour zum Saisonende: Anleger der Havelfähre bei Pritzerbe

Anleger der Havelfähre bei Pritzerbe

Neben dem Fährhaus stelle ich meine Maschine auf den Seitenständer und lasse mich mit Thermosflasche & Co. auf einem wackeligen Bänkchen nieder. Seit dem Jahr 1341 bringt die Fähre nun schon Menschen, Vieh und Wagen über die Havel zwischen Pritzerbe und Kützkow. Während ich in die Sonne blinzele, färbt sich einige Kilometer weiter nordwärts der Himmel schwarz von Kranichen, die sich zu unübersehbaren Geschwadern formieren. Unüberhörbar dringen ihre kehligen Laute bis zu mir herüber.

Havellandschaft bei Pritzerbe

Havellandschaft bei Pritzerbe

Für die Fortsetzung meiner Herbsttour zum Saisonende brauche ich keine Karte mehr. Die Strecken haben sich  mir über die Zeit gut eingeprägt. Als die Elbe schon fast in Sicht ist, mache ich Halt in dem kaum bekannten Örtchen Wust. Wen es interessiert, neben der Dorfkirche ruht in der Familiengruft Hans Hermann von Katte, der Jugendfreund Friedrichs d. Gr., hingerichtet vor dessen Augen im Jahre 1730. Auf dem leeren Spielplatz neben der Kirche lasse ich mich nieder und gönne mir einen wärmenden Schluck aus der Thermosflasche.

Dorfkirche in Wust, Lkr. Stendal

Pause an der Dorfkirche in Wust, Lkr. Stendal

Heimkehr nach Berlin

Die weitere Strecke habe ich mir aus früheren, sommerlichen Touren zusammengebastelt: Tangermünde mit seiner reizenden Altstadt, die Einsamkeit der Altmark, Bad Belzig mit seinen verwinkelten Gassen und dann einen Nordost-Schlenker durch den Naturpark Nuthe-Nieplitz zurück nach Berlin.

Als ich nach gut 340 km bei untergehender Sonne wieder nach Berlin hineinrolle, habe ich das sichere Gefühl, daß man es jetzt gut sein lassen kann. So langsam kriecht die Kälte unter meine Kombi – bis mich meine gut geheizte Wohnung mit einem herrlichen Duft aus dem heimatlichen Backofen wieder hat. Meine liebe Sozia Christine weiß, womit sie mich nach einem Tourentag wieder fit macht.

 

Ähnliche Beiträge:

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .

Rezept für Punschextrakt nach der Motorradtour

Mein Rezept für Punschextrakt erweckt auch einen durchgefrorenen Motorradfahrer nach einer winterlichen Tour wieder zum Leben.

Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt

Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt ist eine große Herausforderung, die permanent trainiert werden muß. Was gehört dazu?