Auf zwei Rädern um die Welt

Havel Motorradtour

Unsere Havel Motorradtour beschreibt eine weite Runde durch das Herz des Havellandes mit seinen landschaftlichen Schönheiten: Flüsse, Seen, Kanäle, weite Wiesen und Auen, aber auch dichte Wälder und buschbestandene Wiesen. Mit den Ländchen Glien, Bellin und Friesack, dem Havelländischen Luch, der Barnewitzer und Ribbecker Heide werden die typischen Landschaften dieses Landstrichs durchfahren.

Ohne auf die Umwelt störend zu wirken, führt die Tour abseits der großen Straßen durch die Brut- und Sammlungsgebiete von Störchen, Kranichen und einer Vielzahl von Wasservögeln, die vom Wegesrand aus im Frühjahr und Herbst besonders gut beobachtet werden können.

Dabei gibt es viel zu entdecken: Natur und Denkmäler, Störche und Dampflok-Rekorde, Baumriesen, Nymphen und Hexen. Wer hätte all das im Havelland erwartet?

Streckenführung

Berlin – Konradshöhe – Havelfähre – Hennigsdorf – Schwante – Linum – Fehrbellin – Betzin – Vietznitz – Friesack – Bartschendorf – Gollenberg – Rhinow – Hohennauen –– Semlin – Ferchesar – Kotzen – Nennhausen – Mützlitz – Marzahne – Radewege – Gortz – Päwesin – Roskow – Ketzin – Uetz – Neu Fahrland – Spandau – Berlin Pichelswerder an der Havel. 224 km

Zeitbedarf

Gute 4 ½ Stunden plus Zeit für Pausen

Auf zur Havel Motorradtour

Bild der Autfofaehre von Berlin Heiligensee nach Spandau bei einer Havel Motorradtour mit Yamaha FJR 1300 in Pole Position

Autofähre über die Havel von Berlin Heiligensee nach Spandau

Vom Zentrum Berlins aus fädeln wir uns in den endlosen Strom der Taxis Richtung Tegel ein und fahren über den Saatwinkler Damm und die A 111 bis zur Ausfahrt Waidmannsluster Damm. Dieser führt an der Akademie Auswärtiger Dienst am Tegeler See vorbei nach Konradshöhe, wo wir mit der einzigen privaten Fähre Berlins über die Havel nach Hennigsdorf übersetzen.

Dann geht es immer nordwärts über den Berliner Autobahnring weg. Am Ortsausgang von Vehlefanz lohnt sich ein kurzer Halt, um einen näheren Blick auf die liebevoll restaurierte Bockwindmühle zu werfen. Gleich nebenan offeriert die „Milchtankstelle“ frisches Getränk direkt von der Kuh und ein Pavillon mit Garten herrliches Eis.

Bild der Milchtankstelle Schwante Direktverkauf, wo man Milch direkt von der Kuh bekommen kann

Milch direkt von der Kuh

Ein Tip für alle, die sich für die Weiterfahrt verproviantieren wollen: Im nächsten Ort Schwante ist die Bäckerei Plentz (an der Kreuzung L 17 / L 170) Treffpunkt aller kaffeesüchtigen Durchreisenden und weithin bekannt durch ihre leckeren Backwaren.

Das Reich der Störche

Bild mit Storch in seinem Nest auf dem Giebel des Rathauses des Storchendorfes Linum Havelland

Storch auf dem Giebel des Rathauses von Linum

In Linum richten sich die Blicke nach oben: Störche allenthalben auf Dächern und Stangen. Zahlreiche Häuser führen Buch über den jährlichen Nachwuchs. Stolze Zahlen kommen da zusammen. Nicht ohne Grund unterhält der NABU hier eine Storchenschmiede, die dazu eine Vielzahl von Informationen vermittelt. Wenige Kilometer weiter ragt bei Hakenberg die Siegessäule zum Gedenken an die Schlacht bei Fehrbellin 1675 aus dem Wald. Sie eröffnet einen weiten Blick über das Land.

Bild der Siegessäule bei Hakenberg (Brandenburg) zur Erinnerung an die Schlacht bei Fehrbellin (1675)

Siegessäule der Schlacht bei Fehrbellin (1675)

Gegenüber der Autobahnausfahrt Fehrbellin führt eine kleine Teerstraße südwestwärts durch das Friesacker Ländchen über Betzin zur L 17, auf der wir rechts Richtung Warsow abbiegen. Dieser Streckenabschnitt führt, von einseitigen Baumreihen begleitet, an einem für das Havelländische Luch typischen Drainagekanal entlang, der einen vielfältigen, geschützten Lebensraum für eine große Zahl von Tierarten bietet.

Im Herbst dient die umliegende, Wiesenaue genannte Region Tausenden von Kranichen als Sammel- und Startplatz für ihre Reise in den Süden. Durch ihr dichtes „Straßenbegleitgrün“ bietet unsere Strecke dazu ausgezeichnete Beobachtungsmöglichkeiten.

Bild eines Entwässerungsgrabens im Rhinluch bei einer Havel Motorradtour

Landschaft im Rhinluch

Dampflok-Rekordfahrt im Havelland

Bild der roten stromlinienverkleideten Rekord Dampflok Baureihe 05 der Deutschen Reichsbahn

Rekord-Dampflok der Baureihe 05 der Deutschen Reichsbahn

Zwischenstop in Vietznitz: Die rustikale Dorfkirche aus dem 17. Jhd. lädt zum Entdecken ein. Ein Stück ab davon liegt das ehemals Bredow‘sche Schloß. Sein Treppengiebel zitiert architektonisch das Schloß Babelsberg (1834/35) und das englische Vorbild der „gothic castles“ – eine Spielart des mittelalterlichen Burgenstils.

Der unscheinbare Bahnhof von Vietznitz ist inzwischen aufgegeben. Aber hier, an der Rennstrecke der (alten) Deutschen Reichsbahn, schrieb man Eisenbahngeschichte: Am 11. Mai 1936 knackte im Abschnitt Vietznitz – Paulinenaue die stromlinienförmig verkleidete Dampflokomotive 05 002 mit drei D-Zug-Wagen und einem Messwagen die 200-Stundenkilometer-Grenze. Mit genau 200,4 km/h war sie seinerzeit die schnellste Dampflok der Welt. Ihre Schwesterlok 05 001 ist als letztes erhaltenes Exemplar dieser Baureihe im Deutschen Verkehrsmuseum in Nürnberg zu besichtigen.

Bild aufgegebener Bahnhof Vietznitz an der Bahnstrecke Berlin-Hamburg

Aufgegebener Bahnhof von Vietznitz

Ein grünes Paradies

Bild von einem Motorrad auf Plattenweg im Rhinluch mit Alleebaeumen bei einer Havel Motorradtour

Auf einem Plattenweg durch das Rhinluch

Jetzt möchte ich das Havelland ganz für mich alleine haben. Hinter Friesack biege ich links auf einen Betonplattenweg ab, der mich in das Herz des Rhinluchs führt. Früher habe ich diesen LPG-Wirtschaftswegen nie so recht getraut. Mittlerweile haben sie sich aber als zuverlässige Trassen in Gegenden bewährt, in die sich kaum ein Fremder verliert.

Ich fahre Streife, wie bei der Polizei. Und bin dankbar für die lange Getriebeabstufung meiner FJR, die mir eine gleitende Pirschfahrt ermöglicht, bei der ich meine Umgebung bewußt wahrnehmen kann: Vögel in den Hecken am Wegesrand, Sträucher gesprenkelt mit knallroter Hagebutten, braune Kastanien, die sich aus ihren stacheligen Kugelbehältern herausschälen, Fohlen und Kälber mit ihren Muttertieren auf der Weide, vereinzelte Störche vor ihrer Abreise in den Süden. Ich spüre, wie die innere Freiheit meinen Kopf zurückerobert.

Und der Appetit meinen Magen. Mein Picknickplatz wartet am Rande des Plattenweges auf mich. Der hohle Baumstumpf einer Linde dient mir als Cocktailtisch mit weitem Ausblick auf Landschaft. Auf den endlosen wolkenbestückten Himmel, auf Bauernhäuser und Tiere auf den Weiden. Hier ist gut sein. Der genußvolle Verzehr meines Mittagsmahls kann beginnen.

Bild von einem Picknick im Rhinluch auf einer Havel Motorradtour

Picknick auf einer Motorradtour im Rhinluch

Die letzte Hexe von Brandenburg

Bild des Denkmals für die Butterhexe in Semlin, der letzten in Brandenburg verbrannten Hexe

Denkmal für die Butterhexe in Semlin

Am Japanischen Garten in Bartschendorf vorbei führen mich die restlichen Kilometer des Plattenweges auf die L 17 und dann weiter auf der B 102 an den Hohennauener See.

Auf dem gegrünten Dorfplatz von Semlin erinnert ein Denkmal an Anna Rahns, die 1672 als letzte „Hexe“ Brandenburgs in Rathenow verbrannt wurde. Aufgrund des ihr vorgeworfenen Schadenzaubers ging sie als ”Butterhexe“ in die Dorfgeschichte ein.
Semlin ist ein hübsches Dorf, in dem der Schriftsteller Erich Kästner und die Tochter des emigrierten Architekten Ludwig Mies van der Rohe Schutz und Aufenthalt fanden. Die Dorfstraße führt auf die örtliche Badestelle am Hohennauener See zu, der – passendes Wetter vorausgesetzt – zu einer Erfrischung auf der Tour einlädt.

Bild von der Rast auf einer Rast in Semlin am Hohennauener See auf einer Havel Motorradtour

Rast in Semlin am Hohennauener See

Leider fordert die Weiterfahrt von Semlin nach Ferchesar (mit seiner hübsch restaurierten Dorfkirche) ihren Tribut in Form einer kilometerlangen Holperstrecke. Die Eiszeit mit ihren Rundkopf-Pflastersteinen läßt grüßen.

Die Nymphe von Nennhausen

Bild von einer Tonplastik der Undine im Schlosspark von Nennhausen in Brandenburg

Tonplastik der Undine im Schlosspark von Nennhausen

Nächstes Ziel ist Schloß Nennhausen, das sich im Biedermeier unter seinem Besitzer, dem Dichter Friedrich de la Motte-Fouqué, zu einem märkischen Musenhof entwickelte. E. T. A. Hoffmann, Joseph Eichendorff, und August Wilhelm Schlegel waren hier regelmäßig zu Gast.

Am ausladenden Ast eines alten Baumes hängt das in Ton geformte Portrait des Wassergeistes Undine, über den der Schloßherr einst das bekannte Kunstmärchen gedichtet hat. E. T. A. Hoffmann nahm es als Vorlage zu seiner romantischen Zauberoper gleichen Namens. Mich animiert Undine jedoch zu einer Teepause unter monumentalen alten Bäumen, für die ich mich in der Dorfbäckerei mit etwas Wohlschmeckendem eingedeckt habe.

An der Havel zurück nach Berlin

So langsam werden die Pferde unruhig und wollen nach Hause. An den beiden Beetzseen vorbei fahre ich bis Ketzin. Leider bleibt mir heute nicht die Zeit für eine Überfahrt über die Havel und auch nicht für einen Besuch in dem sehr empfehlenswerten Restaurant an der Fähre. Stattdessen steuere am Schloß Paretz am vorbei Richtung Uetz, quere den Berliner Autobahnring und erreiche so Neu Fahrland an der Bundesstraße 2. Diese bringt mich unter herrlichen Alleen hindurch nach Spandau. Stadteinwärts quere ich unseren Fluß zum letzten Mal. In Pichelswerder wartet dann auf mich ein Tisch im Gartenrestaurant – direkt an der Havel.

 

 

 

 

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