Auf zwei Rädern um die Welt

Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt

Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt ist eine große Herausforderung, die permanent trainiert werden muß. Was gehört dazu?

Die Großstadt ist das schlimmste Motorradrevier

Benzingeplauder dreht sich meist um erlebnisreiche Strecken, tolle Kurven, Gebirge, Panorama. Aber kaum jemand redet über die häßlichen Strecken, die man mit dem Motorrad fahren kann – kilometerlange Straßendörfer, endlose Autobahnbaustellen oder seelenlose Bundesstraßen mit durchgezogenem Mittelstreifen.

Noch viel weniger plaudert man über ein noch weit schlimmeres Motorradrevier: die Großstadt – ein Irrgarten mit Staus und Ampeln, Heimat des Verkehrsinfarkts, Parnass der Bekloppten. Allein diese Horrorkombination macht den der Kreis der hardcore-Großstadtfahrer sehr überschaubar. Zumeist tummeln sich hier nur diejenigen, die sich mit dem Motorrad zur Arbeit durchschlängeln. Oder Großstadtkreaturen wie ich, die darauf brennen, so schnell wie möglich aus dem Zentrum in ihr Tourenrevier abzudüsen. Leichter gesagt als getan, wenn man der flächengrößten Stadt des Kontinents mit ihren 1,4 Mio. Kraftfahrzeugen entfliehen will.

Überleben im Asphaltdschungel

Motorradfahren in der Großstadt ist wirklich nicht jedermanns Sache, denn der städtische Moloch bietet das volle Menü von Unannehmlichkeiten und Gefahren, die dem Motorradfahrer das Leben schwer machen: idiotisch geschaltete Ampeln, glitschige Straßenbahnschienen, unvermutete Schlaglöcher, erratisch herumkurvende Taxis/Mietwagen/Carsharing-Autos, Radler mit Ohrenstöpseln oder Menschen, von denen man allenfalls vermuten kann, daß sie möglicherweise irgendwann einmal eine Fahrschule besucht haben könnten.

Und da mittendrin steckst du als Motorradfahrer, klopfst dir an den Helm und fragst dich: Wie komme ich hier wohl heil wieder raus?

Ohne ein gewisses Maß an Fahrerfahrung, ohne Vorsicht, Umsicht, Rücksicht und Intuition gelingt das kaum. Aber zur Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt gehört noch einiges mehr.

Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt: Leninski-Prospekt in Moskau mit dichtem Strassenverkehr

Power-Play auf dem Leninski-Prospekt in Moskau

Lange Motorradjahre im Verkehrsmoloch von Manila, Rom und Moskau haben mich einige Goldene Regeln der Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt gelehrt, die ich eisern einhalte:

1. Du bist für andere unsichtbar

Stelle dir vor, kein anderer Verkehrsteilnehmer sieht dich auf deinem Motorrad. Für ihn bist du einfach nicht da. Er sieht nicht, wie du fährst, wann du bremst oder wann du abbiegst. Und fährt deshalb, wie er will. Daraus folgt: Wie auch immer du dich durch das Verkehrsgewusel durcharbeitest, dafür bist ganz alleine und ausschließlich du selbst verantwortlich.

2. Jeder andere ist dein Feind

Diese Folgerung klingt nicht gerade sehr christlich oder moralisch. Aber es geht um Dein Überleben. Erinnere dich an deine persönlichen Motorraderfahrungen, die dich gelehrt haben, daß dir jeder andere mit seiner bekloppten Fahrweise maximalen Schaden zuzufügen in der Lage ist. Deshalb ist jeder andere potentiell gefährlich für dich. Für deine Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt mußt du dich auf dieses Feindbild einstellen, ob es dir gefällt oder nicht.

3. Vertraue nicht auf deine Rückspiegel

Wenn du dich beim Spurwechsel im großstädtischen Straßenverkehr nur auf das verläßt, was du in deinen Rückspiegeln wahrnimmst, wird dich das Kraftfahrt-Bundesamt bald aus seiner Kartei löschen müssen. Mache deshalb den Schulterblick zur festen Gewohnheit, drehe Kopf und Hüfte weit genug, um festzustellen, daß nicht doch ein Auto oder ein Fahrrad im toten Winkel lauert. Wenn du dabei Probleme mit der Beweglichkeit hast, mache Gymnastik. Ist auch sonst gut für den Körper.

4. Rundumblick entwickeln

Das tolle am Fahrerlebnis mit dem Motorrad ist der Rundumblick, der dich die Landschaft genießen läßt, durch die du fährst. Schule an diesem Erlebnis deine Gewohnheit, alles was sich rund um dich herum tut, unter mentaler Kontrolle zu behalten. Lerne intuitiv wahrzunehmen, auch ohne hinzuschauen. Verfolge geistig den Verkehrsfluß, dessen Teil du bist. Höre genau hin, was sich um dich herum tut.

5. Raus aus dem toten Winkel

Autos und besonders LKWs/Busse haben erstaunlich große tote Winkel, insbesondere, wenn du schräg hinter ihnen stehst. Weißt du, wie eng es wird, wenn das Fahrzeug plötzlich vor dir einbiegt? Um deiner Sicherheit willen mußt du immer voraussetzen, daß der Fahrer dich nicht sehen kann. Also raus aus dem toten Winkel! Am besten probiere es mal bewußt selbst im Auto/LKW und schaue beim Rangieren in die Rückspiegel.

6. Du bist immer der Schwächere. Weiche aus

Jeder andere motorisierte Verkehrsteilnehmer, ob Auto, LKW, Bus oder Straßenbahn, ist stärker als du. Auf deine Kosten. Wenn es bei einer Begegnungssituation ratsam und möglich ist, weiche vorsichtshalber aus.

7. Halte dich im Stand sprungbereit

Wenn du im Großstadtverkehr beispielsweise an einer roten Ampel oder in einem Stau stehst, halte Dich bereit, notfalls einer gefährlichen Verkehrssituation rasch entkommen zu können: 1. Gang eingelegt, Kupplung gezogen. Du weißt nie, welche Situation entstehen kann, die dich unerwartet in Gefahr bringt. Wenn du erst umständlich den Gang einlegen mußt, um zu entkommen, kann das schon zu spät sein. Das ist alles zwar nervig, kann aber dein Leben retten. Checke zwischendurch in den Rückspiegeln, wie sich die Verkehrssituation hinter dir weiterentwickelt. Dann siehst du rechtzeitig, worauf du dich bei Losfahren einstellen mußt.

8. Intuition ist unverzichtbar

In einer globalisierten Welt erleben wir in zunehmendem Maße Leute auf der Straße, die eine total andere Fahr“kultur“ mitbringen als wir und deshalb total andere Fahr(re)aktionen zeigen. Das muß man als Faktum leider hinnehmen und sein eigenes Fahrverhalten darauf einstellen, wenn man überleben will

Die Evolutionsgeschichte zeigt, daß langfristig ein Überleben nur möglich ist, wenn man aktiv aus den eigenen Erfahrungen lernt. Der Steinzeitmensch hat sein Verhalten auf den Säbelzahntiger eingestellt, der reisende Kaufmann des Mittelalters auf den Straßenräuber und der Bahnreisende auf den Taschendieb. Motorradfahrer sind statistisch eine besonders gefährdete Spezies, die langfristig nur dank ihrer Lernfähigkeit und ihrer Intuition überleben kann. Ich habe mir deshalb eine ganz persönliche Negativliste von Typen zusammengestellt, auf die ich im Großstadtverkehr besonders aufpasse. Wie diese Liste im Einzelnen aussieht, hängt von der jeweiligen individuellen Erfahrung ab.

9. Halte Abstand von Großfahrzeugen

Die Unfallentwicklung, gerade mit Fahrrädern, zeigt: Je größer der Gegner, desto höher die Wahrscheinlichkeit, daß der Fahrer dich nicht sieht. Das betrifft in erster Linie LKWs und Busse. Sie können dir den Weg schneller abschneiden als du ahnst. Halte deshalb respektvollen Abstand von Großfahrzeugen, denn – siehe oben – du bist für diese Fahrzeuge oft nicht sichtbar.

10. Keine Spielchen mit Autos

Laß dich nicht von Autos provozieren, die dir in die Quere kommen und besch*** fahren. Wenn es hart auf hart geht, siehst du selbst gegen einen kleinen Smart alt aus. Also Ruhe bewahren und vorsichtig sein. Lerne, klug mit solchen Leuten umzugehen und denke immer daran: Wenn jemand so fährt, hat er ein Problem mit sich selbst, aber nicht du mit ihm.

11. Checke jede Kreuzung

Die meisten Unfälle passieren an Kreuzungen. Selbst wenn du Vorfahrt hast, checke immer jede Kreuzung genau. Der andere könnte dich übersehen und in deine bevorrechtigte Straße einfahren, weil er dich – aus welchem Grunde auch immer – nicht wahrnimmt. Kommt vielleicht einer über die rote Ampel gebrettert?

12. Besetze deine Fahrspur für dich alleine

Fahre auf deiner Fahrspur mittig, so daß sich kein anderer links oder rechts neben dich klemmen und dich dadurch gefährden kann. Dein Platz auf deiner Fahrspur gehört DIR.

Fahrsicherheit mir dem Motorrad in der Großstadt: Beispiel Frankreich

Besetze deinen Platz auf deiner Fahrspur

13. Die Hupe ist zum Hupen da

Benutze die Hupe, wenn du die Aufmerksamkeit des andern erzwingen willst oder mußt. Deine Hupe ist kein Zierrat, sondern ein Lebensretter in gefährlichen Situationen. Wenn sie zu asthmatisch klingt, baue dir eine kräftigere ein.

14. Achte auf das Vorderrad des anderen

Mißtrauen gegen über den Absichten der anderen ist immer angebracht. Achte besonders bei unsicheren Kandidaten darauf, ob das Vorderrad ihres Fahrzeugs einschlägt. Das ist für dich ein Warnzeichen, ob sie gleich die Fahrspur wechseln werden.

15. Den Hintermann beim Bremsen vorwarnen

Wenn du im fließenden Kolonnenverkehr unerwartet bremsen mußt und vor dir noch ausreichend Platz ist: Tritt ein paar mal vorsichtig auf die Hinterradbremse, damit der Hintermann vorgewarnt ist, daß du gleich in die Eisen steigen mußt. Fahre nicht zu dicht auf deinem Vordermann auf. Du vermeidest dadurch, von einem unachtsamen Hintermann auf das Fahrzeug vor dir aufgeschoben zu werden. Nutze ggf. den Freiraum zwischen zwei Kolonnen als Sicherheitszone.

16. Rutschfestigkeit der Straße testen

Verschaffe dir einen sicheren Eindruck davon, wie rutschfest die Straße beim Bremsen ist. Teste das in sicherer Umgebung vorsichtig aus. Problemzonen sind stets Straßenbahnschienen, Straßenmarkierungen, Kopfsteinpflaster und überhaupt Straßen nach einsetzendem Regen, wenn der Reifenabrieb noch nicht fortgespült ist und eine rutschige Schicht auf der Fahrbahn bilden kann.

 

 

Etliche dieser Goldenen Regeln zur Fahrsicherheit mit dem Motorrad in der Großstadt verdanke ich meinem Ausbilder vom Honda Safety Driving Center in Manila, der mich bei Monsunregen durch den Großstadtdschungel gescheucht hat.

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